Kritische Rohstoffe Österreich : Rohstoff-Alarm: Österreichs Exporte hängen an Lithium, Magnesium und Seltenen Erden
Funkenflug in der Industrie: Österreichs Wirtschaft ist bei wichtigen Rohstoffen stark von wenigen Lieferländern abhängig.
- © FotoliaEuropas Industrie braucht Lithium für Batterien, Seltene Erden für Elektromotoren und Windkraftanlagen, Magnesium für Fahrzeuge, Verpackungen und Bauprodukte. Doch viele dieser Rohstoffe kommen nicht aus Europa, sondern aus wenigen Lieferländern. Häufig spielt China eine zentrale Rolle. Für Österreich ist das längst kein abstraktes Risiko mehr, sondern eine wirtschaftspolitische Frage: Wie sicher sind Lieferketten, wenn zentrale Materialien aus wenigen Staaten importiert werden müssen und kaum kurzfristig ersetzbar sind?
Eine aktuelle Analyse des KONTEXT Instituts und des Supply Chain Intelligence Institute Austria, kurz ASCII, kommt zu einem deutlichen Befund: Bei zwölf von 17 strategischen Rohstoffen ist die Versorgung in der EU „gefährdet bis stark gefährdet“. Österreich ist bei knapp der Hälfte dieser Rohstoffe besonders von China abhängig. Mehr als die Hälfte der österreichischen Jahresexporte – konkret rund 97 Milliarden Euro – benötigt kritische Rohstoffe. Besonders exponiert sind laut Aussendung die Automobil-, Stahl- und Maschinenbauindustrie.
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Studie warnt vor gefährdeten Lieferketten
Damit berührt die Rohstofffrage unmittelbar den industriellen Kern Österreichs. Maschinen, Fahrzeuge, Stahlprodukte, elektronische Komponenten und Technologien für die Energiewende hängen an Materialien, die oft nur in kleinen Mengen verbaut werden, aber für die Funktion ganzer Produkte unverzichtbar sind. Fehlt ein Magnet, ein Batteriematerial oder ein Legierungsmetall, kann das eine komplette Produktionskette treffen.
Als besonders problematisch nennt die Analyse acht Rohstoffe: Borate, Gallium, Germanium, Lithium, Nickel, Magnesium, Platingruppenmetalle und Seltene Erden. Bei ihnen liege ein ausgeprägter Lieferkettenengpass vor, weil sowohl die Importabhängigkeit als auch die Konzentration auf wenige Herkunftsländer hoch seien. Weitere Rohstoffe – darunter Aluminium, Bismut, Silizium-Metall und Wolfram – werden als „gefährdet“ eingestuft. Kobalt, Kupfer, Mangan, Naturgrafit und Titan gelten in der Analyse trotz bestehender Importabhängigkeiten nicht als gefährdet.
Diese Rohstoffe gelten als besonders riskant
Besonders sichtbar wird die Abhängigkeit bei Lithium. Der Rohstoff ist ein Schlüsselmaterial für Batterien und damit für Elektromobilität, stationäre Speicher und die Elektrifizierung der Wirtschaft. Österreich ist bei Lithium laut der vorliegenden Analyse insbesondere von Chile abhängig. Zugleich ist der Weltmarkt stark konzentriert: Wenige Unternehmen in Chile, China, Australien und den USA kontrollieren den Großteil des globalen Lithiumgeschäfts. Gerade bei einem Material, dessen Nachfrage mit der Energiewende stark steigt, kann eine solche Konzentration zum Risiko werden.
Dass es sich nicht um ein rein österreichisches Problem handelt, zeigt der Blick auf die EU. Die Europäische Kommission führt aktuell 34 kritische Rohstoffe, davon 17 als strategische Rohstoffe. Diese gelten als besonders wichtig für Energiewende, Digitalisierung, Raumfahrt und Verteidigung. Die strategische Einstufung hängt auch damit zusammen, dass bei diesen Materialien stark wachsende Nachfrage, komplexe Produktion und erhöhte Versorgungsrisiken zusammentreffen.
Lithium zeigt die neue Abhängigkeit besonders deutlich
Die EU hat deshalb mit dem Critical Raw Materials Act reagiert. Bis 2030 sollen mindestens zehn Prozent des jährlichen EU-Verbrauchs strategischer Rohstoffe in Europa abgebaut werden. 40 Prozent sollen in der EU verarbeitet, 25 Prozent über Recycling gedeckt werden. Außerdem soll bei keinem strategischen Rohstoff mehr als 65 Prozent des EU-Bedarfs aus einem einzigen Drittstaat stammen. Diese Ziele zeigen, wie stark Brüssel die Abhängigkeit inzwischen als industrie- und sicherheitspolitisches Risiko bewertet.
Der Weg dorthin ist jedoch schwierig. Neue Bergbauprojekte in Europa sind politisch umstritten, dauern lange und stoßen häufig auf Widerstand vor Ort. Auch wenn Vorkommen vorhanden sind, braucht es Genehmigungen, Infrastruktur, Investitionen und Akzeptanz. Hinzu kommt: Rohstoffsicherheit endet nicht beim Abbau. Viele kritische Materialien müssen raffiniert, getrennt, chemisch verarbeitet oder zu Vorprodukten weiterverarbeitet werden. Gerade diese Verarbeitungsschritte sind global oft noch stärker konzentriert als der Abbau selbst.
EU will Abhängigkeit von einzelnen Lieferländern senken
Deshalb setzen KONTEXT und ASCII vor allem auf Kreislaufwirtschaft. Gemeint ist nicht nur Recycling am Ende eines Produktlebens. Kreislaufwirtschaft beginnt früher: Rohstoffe sollen sparsamer eingesetzt, Produkte langlebiger konstruiert, Komponenten repariert, wiederverwendet und Materialien möglichst hochwertig zurückgewonnen werden. Für KONTEXT-Vorständin Katharina Rogenhofer ist das ein zentraler Hebel, um Abhängigkeiten zu senken. ASCII-Direktor Peter Klimek betont, der Umstieg könne Österreich gleichzeitig mehr Nachhaltigkeit und mehr Versorgungssicherheit bringen.
Derzeit ist dieses Potenzial allerdings noch nicht ausgeschöpft. Laut Aussendung werden neun der 17 strategischen Rohstoffe bisher kaum recycelt. Zudem fehlen in der EU ausreichende Werke, um bestimmte Materialien in großem Maßstab zurückzugewinnen oder weiterzuverarbeiten. Das ist besonders relevant bei komplexen Produkten wie Elektronik, Batterien, Motoren oder Windkraftkomponenten. Dort sind wertvolle Rohstoffe oft in sehr kleinen Mengen verbaut, technisch schwer trennbar oder wirtschaftlich nur mit spezialisierten Verfahren rückgewinnbar.
Kreislaufwirtschaft wird zur strategischen Industriefrage
Der Druck dürfte steigen. Die Internationale Energieagentur weist darauf hin, dass die Nachfrage nach zentralen Rohstoffen für Energiewende-Technologien weiter wächst. In ihrem „Global Critical Minerals Outlook 2024“ analysiert sie unter anderem Kupfer, Lithium, Nickel, Kobalt, Graphit und Seltene Erden. In einem Szenario für Klimaneutralität bis 2050 steigt die Nachfrage nach Lithium bis 2040 auf ein Vielfaches des heutigen Niveaus; auch bei Nickel, Kobalt, Graphit und Seltenen Erden wird ein deutlicher Anstieg erwartet.
Diese Entwicklung macht Rohstoffe zu einem geopolitischen Thema. Staaten und Wirtschaftsräume konkurrieren um Zugang, Verarbeitungskapazitäten und langfristige Lieferverträge. Die G7-Staaten diskutierten zuletzt sogar über eine dauerhafte Struktur zur Koordinierung ihrer Politik für kritische Mineralien. Hintergrund ist unter anderem der Versuch westlicher Industriestaaten, Abhängigkeiten von China zu verringern und Versorgungskrisen vorzubeugen.
Für Österreich ergibt sich daraus eine klare strategische Aufgabe. Kurzfristig wird das Land seine Rohstoffabhängigkeit nicht einfach auflösen können. Viele Materialien lassen sich nicht ohne Weiteres ersetzen, und neue Lieferketten entstehen nicht über Nacht. Umso wichtiger sind Maßnahmen, die den Verbrauch senken und Materialien länger im Umlauf halten. Dazu gehören reparaturfreundliches Produktdesign, bessere Sammelsysteme, industrielle Rücknahmeprogramme, Investitionen in Recyclinganlagen und Anreize für Unternehmen, Sekundärrohstoffe einzusetzen.
Rohstoffe werden zum geopolitischen Machtfaktor
Die Analyse von KONTEXT und ASCII zeigt damit auch eine industriepolitische Richtung auf: Kreislaufwirtschaft ist nicht nur ein Umweltprojekt. Sie wird zu einer Voraussetzung für Wettbewerbsfähigkeit. Wer weniger Primärrohstoffe benötigt, ist weniger anfällig für Exportbeschränkungen, Preissprünge und geopolitische Konflikte. Wer Recycling und Wiederverwendung industriell beherrscht, kann neue Wertschöpfung in Europa schaffen.
Österreichs Risiko liegt also nicht allein darin, dass Lithium, Seltene Erden oder Magnesium knapp werden könnten. Das größere Problem ist die Kombination aus wachsender Nachfrage, wenigen Lieferländern, begrenzten Alternativen und noch schwach ausgebauten europäischen Kreisläufen. Gerade für ein exportorientiertes Industrieland kann daraus ein Standortnachteil entstehen. Die zentrale Botschaft der Studie lautet daher: Rohstoffsicherheit entscheidet sich nicht nur in Minen, sondern auch in Fabriken, Recyclinganlagen, Produktdesigns und politischen Rahmenbedingungen.