Innovation

Build Back Better

Hand im blauen medizinischen Handschuh und Spritze
© Industriemagazin Grafik

Robert Machtlinger plagt das Fernweh, und nicht zu knapp. Er ist ein Weltumarmer, fliegt in regelmäßigen Abständen nach Asien, Kanada und die USA. Doch größere Kundenbesuche sind seit Monaten ausgesetzt, und so ist der Chef des Flugzeugzulieferers FACC, der auch den Abbau von 650 Mitarbeitern in den Produktionswerken Ried, St. Martin und Reichersberg verdauen muss (O-Ton Machtlinger: „Ein schmerzhafter Schritt“), auf heimische Gefilde zurückgeworfen. Einer Schaffenspause kommt das freilich nicht gleich. Ein Dreivierteljahr nach Beginn der Viruspandemie hat Machtlinger dank einer Millioneninvestition in das Verpressen von Leichtbauteilen eine Technologie in der Hand, die sogar in der Raumfahrt Staunen hervorruft.

Und ein kurzerhand aus dem Boden gestampftes neues Geschäftsfeld - das der CNC-Metallbearbeitung - trägt viel kurzfristiger zur Stabilisierung des Geschäfts bei. Im April wurden die ersten Hochgeschwindigkeitsfräsanlagen - digital an einen Leitstand angebunden - beschafft. Seit Sommer fertigt man darauf dreischichtig aus Alublöcken Komponenten für die Schubumkehr von Boeing 787 sowie Airbus A350. „Um bis zu 50 Prozent effizienter, als es andere tun", sagt Machtlinger. Das Neugeschäft, in das man "von Null auf hundert“ gestartet ist, sei laut dem FACC-Chef für schnellen Umsatz gut. Sobald die Anlaufphase überbrückt ist, „soll es 30 bis 40 Millionen Euro" zum Geschäft der Rieder beitragen.

Restauration? Transformation!

Eine zusätzliche Wachstumsdimension, wie sie auch andere gut gebrauchen können. Bedrohlich rollte das Boot auf der stürmischen See der Weltkonjunktur für Unternehmen in den letzten Wochen nach links und rechts. Und viele fragen sich: Was lässt sich aus einem verwünschenswerten Jahr - von virulentem Jobabbau und starken Belastungen auf der Kostenseite geprägt - noch machen? Doch es gibt sie, die Manager wie Machtlinger, die Zuversicht als Konstituens definieren. Die mit mutigen Investitionen Geld in die Blutbahn der Wirtschaft pumpen und selbst bei größeren Projekten noch "die Ruhe selbst sind“, wie FASResearch-Netzwerkanalytiker Harald Katzmair es formuliert.

Mit entkrampfter Lockerheit etwa stellt sich Hirsch-Servo-Vorstand Harald Kogler einer größeren Verantwortung. Mit der Übernahme des tschechischen EPS- und Fasergussverarbeiters Novopol schließt er - vor Einsetzen des erhofften großen Aufschwungs - die klaffende Lücke „inmitten unseres Produktionsnetzwerks“ (O-Ton Kogler). Oder Polytec-Chef Markus Huemer. Er trat die Kunststoffsparte an seinen Mitgesellschafter ab, um jetzt Übernahmen im Kerngeschäft zu stemmen. Selbst die Rückkehr auf die große Weltbühne ist für viele wieder eine Unwiederstehlichkeit. Der Bremsenhersteller Knorr-Bremse fasst in Shanghai bis 2021 drei Bestandswerke an einem - hochdigitalisierten - Standort zusammen. Und ist mit seiner Überzeugung, dass es jetzt neben einer restaurativen Phase auch Mut für transformatorische Prozesse braucht, nicht allein.

Investitionen. Als Get-fresh fürs Aufschwungjahr

Einer, der Investitionen jetzt als Diktat der Zweckmäßigkeit begreift und nicht die Schultern sinken lässt, ist Wolfgang Plasser. Fixe Abnahmekontingente bei Triebwerkswellen durch Pratt & Whittney und Rolls-Royce, ungebremst hoher Ersatzteilbedarf, dazu der optimistisch stimmende Ausblick auf die nächste, noch effizientere Triebwerksgeneration für Langstreckenflugzeuge ab 2023: Dem CEO des Technologiezulieferers Pankl ist um das Luftfahrtgeschäft nicht bang. Wöchentliche Kurztrips nach Deutschland wickelt Plasser, der auch Vorstandschef der Schwäbischen Hüttenwerke in Aalen ist, wie selbstverständlich per Flugzeug ab. Und er weiß, dass die Marktgesetze einem uralten Mirakel unterliegen. „Märkte brechen ein. Und Märkte erholen sich. Weil wir das wissen, bauen wir in Kapfenberg“, sagt Plasser.

Im Oktober erfolgte der Start für den 30-Millionen-Bau eines neuen Luftfahrtwerks nur wenige hundert Meter vom Stammwerk entfernt. Dabei nutzte man durchaus gewisse situative Verhandlungsvorteile bei Bauauschreibungen, „in denen aktuell eher Preisnachlässe gewährt werden“, so Plasser. Und auch in den Genuss der siebenprozentigen Investitionsprämie (O-Ton Plasser: „Die nimmt man in solchen Zeiten gerne“) ist man gekommen. Zwar hätte man theoretisch auch in der Slowakei „die Kapazitäten ausweiten können“, sagt Plasser. Lieber aber schafft man im Inland Flexibilität. So werden mit der Übersiedlung der Luftfahrtfertigung an den neuen Standort „für den Rennsport im Kapfenberger Stammwerk Kapazitäten für den Aufschwung geschaffen“, sagt Plasser. Und auch in der Luftfahrt werde die Vollauslastung zurückkehren. „Wenn nicht 2022, dann eben 2024“, sagt er.

Auch Angelika Huemer hat für die Zeit nach Corona ein Drehbuch zur Hand. Ein Erweiterungsprojekt in Ostdeutschland wurde nicht schubladisiert. „Obwohl unzählige Gründe dafür sprachen, den Ausbau im Kunststoffrecyclingbereich auf Eis zu legen, blieb die Miteigentümerin des Maschinenbauunternehmens Starlinger ihrem Plan treu. Höhere Recyclingquoten bei Kunststoffverpackungen bis 2025 geben dem zuletzt kräftig gewachsenen Recyclingprogramm der Wiener - man liegt hier bei rund 150 Millionen Euro Jahresumsatz - Aufwind.

Damit das so bleibt, investierte man am Standort in Schwerin - man produziert dort innerhalb der Firmengruppe weiterhin Schnecken und Walzen für die Kunststoffmaschinenbranche - einen Millionenbetrag. Noch heuer erfolgt aus dem Werk die Auslieferung von zwei Großmaschinen für die Herstellung von bis zu vier Tonnen recycelten PET pro Stunde. Ein Prestigeprojekt, das weiteres Wachstum heraufbeschwören soll. „Und eine Moralinjektion für das gesamte Unternehmen ist“, sagt Huemer. 20 Mitarbeiter wurden eingestellt, acht Großanlagen pro Jahr könnten künftig in Schwerin gefertigt werden. In einem defensiveren Szenario „hätten wir die Aufträge am Standort Weissenbach eingetaktet und dort die Lieferzeiten in die Länge gezogen“, so die Managerin.

Duchaus als unternehmerische Pflichtübung ist auch das Vorgehen des Eisenwerks Sulzau-Werfen (ESW) zu begreifen. Um den in Schieflage geratenen slowenischen Mitbewerber aus Valji zu übernehmen und 200 Jobs zu sichern, geht der Salzburger Hersteller von Walzwerkswalzen sogar die Extrameile. Als der Laibacher Finanzinvestor Elements Capital 2018 bei Valji einsteigt, ist das Unternehmen - trotz seiner jährlichen Produktionsleistung von rund 800 Walzen - ein Sanierungsfall. Mit einer neuen Gießereiproduktionshalle hat sich der slowenische Familienbetrieb, der fremdfinanziert auf Wachstum in Asien und Russland gesetzt hat, vor Jahren verspekuliert. Das Unternehmen aus eigener Kraft wieder aufzupäppeln, misslingt, es folgt der Zwangsausgleich. Schon damals nimmt Elements Capital „Gespräche über ein langfristiges Engagement des Eisenwerks bei Valji mit uns auf“, erzählt ESW-Vorstandschef Georg Hemetsberger.

Heute ist die Übertragung der Anteile - die Forderungen von rund 40 Gläubigern mussten nach slowenischem Recht in Geschäftsanteile umgewandelt werden - weitgehend vollzogen. Die Übernahme des Unternehmens mit einem Jahresumsatz von rund 25 Millionen Euro nur drei Autostunden vom Pongauer Firmensitz entfernt hat in vielerlei Hinsicht Charme. Kapazitativ stößt man in Tenneck immer wieder an Grenzen, mit dem neuen Werk vor der Haustür - langfristig sind hier bis zu 1500 Walzen Jahresproduktion möglich - kann das im Eigentum der Rudolf Weinberger Holding stehende Eisenwerk dort punkten, wo das Geschäft gerade besser läuft als im Automobilbau, etwa in der Baumaschinenindustrie. Zudem wollen die Salzburger Valji „als zweite starke Marke für den mittelpreisigen Walzenbereich“ (O-Ton Hemetsberger) speziell in Märkten wie Russland und die Türkei aufbauen. Selbst in Märkten in Übersee und Asien schlagen heimische Unternehmen jetzt taktische Schneisen.

Risiko nehmen. In Überseemärkten

An einer solchen Wachstumsstory - mit in hohem Maße exportablen Produkten - schreibt der Automobilzulieferer Pollmann am Circuito Corral de Piedras 52.

Seit November sind die Waldviertler im Technologiepark in der zentralmexikanischen Metropole für die Fahrzeugzulieferindustrie San Miguel de Allende in einem nagelneuen Werk eingemietet. „Aktuell läuft die Installation der Gebäudeinfrastruktur, um im Sommer 2021 auf 5000 Quadratmetern die Produktion aufnehmen zu können“, erzählt CEO Herbert Auer. Für die so wichtige Auslastung zum Auftakt ist gesorgt: Ein Auftrag des deutschen Schließsystemherstellers Kiekert über die Fertigung von jährlich 1,4 Millionen Türschlossgehäusen für die Premiummarken BMW und Daimler markiert die erste Zündstufe der Expansion von Pollmann im NAFTA-Raum. „Damit ist der Grundstein gelegt“, so Auer.

Die Rechnung der Niederösterreicher: Mexiko als derzeit siebtgrößter Markt für die Fahrzeugproduktion wird auch nach bewältigter Viruspandemie für erhebliches Wachstum gut sein - vergleichbar mit China, „wo wir heute schon fast wieder von Normalität sprechen“, so Auer. Deshalb wird das Projekt, in der Ära Trump schon einmal auf Hold gesetzt, diesmal nicht auf Termin geschoben. Ein gerüttelt Maß an Flexibilität aber will man sich bewahren.

So verliert man beim Aufbau einer lokalen Kernmannschaft zwar keine Zeit. Ende November reiste die Geschäftsführung - mit ihr Stefan Pollmann, Sohn von Eigentümer Markus Pollmann und des Spanischen mächtig - zwecks Einstellungsgesprächen an den Standort. Zu besetzen ist etwa die Position „Director de Planta“. Sollte es pandemiebedingt hart auf hart kommen, könnten die Teile für den Abnehmer notfalls aber auch auf den Anlagen im Waldviertel gefertigt werden. Dass eine derartige Pufferung und schrittweise Lokalisierung nötig wird, will man nicht hoffen, es liegt aber „in der DNA eines Automobilzulieferers, schnell gegenzusteuern“, sagt Auer. Aktuell werden die Produktionsanlagen für Mexiko in den Werken Karlstein/Thaya und Vitis aufgebaut und routinemäßig getestet.

Auch Thomas Bründl hat es nicht so mit beengenden Überlegungen. Sich „nicht im Kasten einzusperren, um darauf zu hoffen, dass die Krise irgendwann vorübergeht, sondern offensiv durch die Mühlen der Pandemie zu steuern“, lautet sein Grundsatz. Der Eigentümer und CEO des auf Silikonspritzguss und Werkzeugbau spezialisierten Technologieunternehmens Starlim Sterner erwarb Ende 2019 in der ostchinesischen Provinz Jiangsu ein Grundstück im Technolgiepark Nantong Sutong. Ein Brückenkopf auf asiatischem Boden, der die Weichen für Wachstum im Pazifikraum stellen soll. Schrittweise bis 2025 soll hier eine jährliche Kapazität von zwei Millarden Stück Silikonprodukten für Abnehmer aus der Automobilindustrie und Life-Science installiert werden.

Die Bagger sollen schon im zweiten Quartal 2021 auffahren, so Bründls Plan. Alleine jetzt dort zu sein, sei „ein Statement“, so der Manager, der von ersten Bodenprobungen berichtet. So entfalle nicht nur der Seeweg bei Lieferungen an Kunden in China, auch heimischen Produktionen bringe die globale Vernetzung einen Boost. „Der Erfolg unserer Niederlassung in Kanada strahlt auch auf Marchtrenk ab“, sagt Bründl. Andere wiederum verorten ihr „secret escape“ in Pandemiezeiten nicht in neuen Märkten, sondern radikal neuen Produktnischen.

Neue Erlösquellen. Fern des Kerngeschäfts

Ein boomendes Automatisierungsgeschäft, dazu volle Auftragsbücher in der Zulieferproduktion von Getriebekomponenten und Stoßdämpfern, wo man mit Kunden wie VW und Thyssenkrupp in der ersten Gesellschaft verkehrt

An den Höhenflug des Automobilgeschäfts 2018 kann sich Josef Brandmayr - seit 21 Jahren beim Hochleistungsautomatisierer Stiwa tätig - gut erinnern. Bis heute ist der Anlagenbau der Oberösterreicher ein stabiler Umsatzbringer, auch von den jüngeren Investitionen großer OEMs in die Elektromobilität profitiert der Standort in Attnang-Puchheim. „Es braucht neue Anlagen und Hochlaufunterstützung, da punkten wir wieder“, sagt Brandmayr.

Getrübt dagegen der Ausblick des Zulieferwerks Gampern: Die Nachfrage bei Lenkungskomponenten ist rückläufig, ein Drittel der Zulieferer, schätzt Brandmayer, wird die nächsten Jahre nicht überleben. Deshalb steht das Pandemiejahr im Zeichen der Transformation. Vom Zulieferer soll der Wandel zum Produkthersteller gelingen, ein Drittel des abschmelzenden Automotive-Umsatzes von rund 100 Millionen Euro soll bis 2025 durch Neugeschäft außerhalb der Fahrzeugwelt abgefedert werden. Etwa in der Unterhaltungselektronik. „Dort ist die Welt in Ordnung“, sagt Brandmayr.

Wie die technologische Zeitenwende gelingen soll, kann Brandmayer, der vom Controlling 2019 in die Innovationstochter Stiwa Advanced Products wechselte, im Detail darlegen. Im mit der Montafoner Technologieschmiede Inventus gegründeten Startup Xeeltech erschließen die Oberösterreicher Lösungen für die Mensch-Maschine-Interaktion, wie man sie sonst eher nur von Technologiegiganten aus dem Valley kennt. Nicht nur auf der Unterhaltungselektronikmesse CES in Las Vegas im Jänner fand das Konzept des haptischen Bedienelements auf Basis magnetorheologischer Flüssigkeit („Hapticore“) Anklang. Schon im Dezember sollen die ersten in Gampern gefertigten Vorserienteile bei Kunden aus der Gamingindustrie - aber auch einem Industriesteuerungshersteller - eintreffen. „Ab Februar werden die Teile in Serie verbaut“, sagt Brandmayr. Das spült in auslastungsschwachen Zeiten der Pandemie nicht nur „sehr unmittelbar Fertigungskapazitäten ins Gamperner Werk“, so der Manager. „Wir rüsten uns mit vielversprechenden Technologien auch für die Zukunft“, sagt Brandmayr.

Jetzt neuen digitalen Produkten und Services zugewandt zu sein, versteht auch KTM-Finanzchef Viktor Sigl als potentiell lohnende Tangente. Gesucht werden beim Motorradbauer New-Venture-Architekten für den Aufbau datengetriebener Geschäftsmodelle und Produktmanager für vernetzte Ökosysteme. Sowie eine Reihe von Produktionsmitarbeitern, denn all die digitalen neuen Features „fallen ja nicht vom Himmel“, sagt Sigl. Weitere 200 Mitarbeiter (O-Ton Sigl: „Wir stellen im großen Stil ein“) wollen die Mattighofener, die im Stammwerk aktuell auf drei von vier Linien zweischichtig produzieren, aktuell an Bord holen. Die Umsetzung vieler Aspekte der Digitalisierung sei jetzt, wo sich das Freizeitverhalten gerade in Richtung Individualisierung dreht und das Motorrad punktet, „viel drängender geworden“, sagt Sigl. Von der Fahrzeug-zu-Fahrzeug-Kommunikation über die Gamification bis hin zur digitalen Aufzeichnung des Fahrverhaltens auf Rennstrecken reichen die Ideen.

Gesucht seien deshalb quer durch das Unternehmen Spezialisten für das digitale Geschäft - „im Vetrieb ebenso wie in der Produktion und Entwicklung“, sagt Sigl. Er hofft auf das baldige Überwinden der Pandemie und kann in Zeiten geringer Motivation zum Jobwechsel immerhin die Früchte einer Kooperation mit einem Postgradualausbilder ernten. 2018 wurde ein auf die Bedürfnisse von KTM zugeschnittenes MBA-Studium fürs digitale Business ins Leben gerufen. Ein Ausbildungsproramm, das für den Motorradbauer jetzt zum Selbstläufer werden könnte. „Ab 2021 graduieren die ersten Absolventen“, so Sigl. Damit hat man es mit einer Alterskohorte zu tun, die - des Klimafrevels ihrer Ahnen überdrüssig – Restart-Pläne von Unternehmen jetzt besonders genau auf ihre Nachhaltigkeit prüfen.

Build back better. Für eine nachhaltige Zukunft

Kostendruck als Konstante, dazu der globale Wettlauf in der Antriebsfrage

Die Herausforderungen der Fahrzeugindustrie sportlich zu nehmen hat Robert Fischer in all den Jahren gelernt. Seit 17 Jahren ist er Geschäftsführer Engineering and Technology Powertrain System beim Grazer Antriebssystementwickler AVL. Schnelle Entschlusskraft lässt AVL auch 2018 in Burnaby, zehn Fahrminuten außerhalb von Vancouver, nicht vermissen. Im Frühjahr ziehen da in der kanadischen Westküstenmetropole die Fahrzeugbauer Daimler und Ford den Schlussstrich unter ihr Joint-Venture AFCC zur Entwicklung von Brennstoffzellen-Stack-Modulen. 200 Entwickler stehen plötzlich ohne Job da. Die Gelegenheit, dieses Know-how – die Brennstoffzelle gilt als die nachhaltigste Form der Zukunftsmobilität – zu integrieren, lassen sich die Steirer nicht entgehen.

„Professor List, der Firmeninhaber von AVL, sagte: „Das machen wir“, erzählt Fischer. Denn längst hat sich um die Welt der Brennstoffzelle ein boomender Forschungszweig formiert. Nicht die Unzulänglichkeit der Technologie, sondern strategische Überlegungen führten zur Trennung der beiden Autobauer. Die Grazer, bisher auf die Entwicklung von Brennstoffzellen-Gesamtsystemen samt Kühltechnologie und Medienzufuhr spezialisiert, übernehmen einen Teil der Truppe der Zell und Stackentwickler, beziehen Büros und mieten – vorerst provisorisch – Flächen für das Testen und Assemblieren von Prototypen an. Ein Glücksgriff, denn die freundliche Übernahme danken die Kanadier den Steirern mit entwicklerischen Durchbrüchen. Seit dem Frühjahr entwickelt man – von Covid-19 nahezu unbeeinflusst – am erweiterten Standort in Barnaby in Serie unter anderem für den norwegischen Marineindustrieausrüster Teco Brennstoffzellen der Vorserie „Null“.

In den letzten Monaten wurden zudem enge Bande zur Nutzfahrzeugindustrie, die den globalen Wasserstoffhype für die Zeit nach der Pandemie befeuert, geknüpft. Für sie entwickelt man bis Mitte 2021 die nächste Generation „Eins“ der Zell und Stacktechnologie. Sie bringt laut Jürgen Rechberger, Leiter des Bereichs Brennstoffzellen bei AVL, fast eine Verdopplung der Leistungsdichte auf bis zu sechs Kilowatt pro Liter – ein Leistungswert, der Kenner mit der Zunge schnalzen lässt. Coworking mit Graz sei ein Teil des Erfolgs, hört man bei AVL“. „Bei uns läuft das ab der ersten Sekunde Hand in Hand mit Graz“, sagt Fischer.

Auch für Lenzing muss die ökologische Gleichung stimmen. In der Nähe von Sao Paulo zieht der Faserhersteller gerade um mehr als eine Milliarde Euro ein Zellstoffwerk hoch. Und mit einer neuen Technologie ist man auf der Zielgeraden. „Wischtücher aus Cellulose? Wir haben die neueste Technologie“, schildert Lenzing-Entwicklungschef Gert Kroner. Die EU will nicht nur die Verbrauchsraten von Einwegplastikprodukten senken. Die europäische Richtlinie für Kunststoff-Einwegprodukte - hierzulande in Umsetzung - wird auch Wischtücher treffen. Diese Entwicklung sah das Unternehmen kommen. Aus einer mutigen Idee entsteht eine Pilotanlage für die kombinierte Faser- und Vliesherstellung ausschließlich auf Basis von nachwachsenden Rohstoffen.

In einer Phase, in der die von der Pandemie gebeutelte Textilindustrie Federn lassen muss, gibt es einen erhöhten Bedarf an Hygieneprodukten. Lenzing hat gute Karten, den millionenschweren Markt für nicht gewebte Materialien mit dem neuen grünen Produkt zu erschließen. Die Basistechnologie sei soweit fertig entwickelt, sagt Kroner. In den nächsten Monaten werde man „die Kostenkurve im Prozess weiter runterbringen“. Kroner bestätigt, sich in den letzten Wochen inmitten eines hochinteressanten Entscheidungsbaums für ein neues Geschäftsfeld wiederzufinden.

Geprüft werden aktuell verschiedenste Szenarien, um diese neue Technologie zu kommerzialisieren. Diese reichen von Technologiepartnerschaften über Joint-Ventures bis zu Exklusivvereinbarungen. Mit aller Besonnenheit - aber doch im Wissen, „eine besondere Technologie in der Hand zu haben“, so Kroner.

Auf nachhaltigere Warenströme - und damit auch mehr Resilienz in den Lieferketten - damit hat es dagegen das Ersatzteil-Hub-Konzept des Maschinenbauers Palfinger abgesehen. Die bisher von den acht Business Units regional gemanagte Versorgung wird ab 2021 von zentral zusammengefassten Ersatzteilstandorten - in Europa sind das Lengau, ein Standort nahe Toulouse sowie einer im norddeutschen Raum - gesteuert. Die Logistikströme sollen in Zeiten der Handelskonflikte und Pandemien zielgerichteter erfolgen. Bisher hatte jeder Generalimporteur alle Ersatzteile auf Lager - „für das Hakengerät aus Frankreich ebenso wie die Krane aus Österreich“, schildert Gerhard Sturm, verantwortlich für den globalen Vertrieb und Service. Jetzt hebt man Generalimporteure und die weltweit 5.000 Servicewerkstätten über ein echtzeitbasiertes E-Commerce-Tool (O-Ton Sturm: „eine Art zentralisierter Webshop“) auf denselben Informationsstand.

Die Steuerungshoheit, was auf Lager liegen soll, geht damit an Palfinger. Am Ende ist es auch eine Solidaritätsadresse gegenüber Partnern und Kunden, die in der Coronapandemie unter zuviel gebundenem Kapital ächzen. Beim ersten Shutdown im März setzten die Salzburger das Projekt auf Hold, jetzt wolle man dank besseren Planungshorizonts bis zum Frühjahr 2021 so wenig wie möglich Zeit verstreichen lassen. „Europa ist die Blaupause, ab 2022 gehen wir den Rollout am nordamerikanischen Markt an“, sagt Sturm.