Energieversorgung : Wie Gas für die Industrie zum größten Problem wurde

Georg Kapsch spricht von wirkungslosen Sanktionen: „Ich glaube, die Politik der EU gegenüber Russland läuft schon seit langem falsch." Derzeit führen die westlichen Strafmaßnahmen tatsächlich zu hohen Energiepreisen – was Russland mehr Geld beschert.
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Georg Kapsch spricht von wirkungslosen Sanktionen: „Ich glaube, die Politik der EU gegenüber Russland läuft schon seit langem falsch." Derzeit führen die westlichen Strafmaßnahmen tatsächlich zu hohen Energiepreisen – was Russland mehr Geld beschert.
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Energie, ein Wort in aller Munde. Der Zusatz ist immer wieder ein anderer und doch hängen sie alle zusammen: Energieumrüstung, Energiekosten, Energieversorgung.
Es sind Worte, die die gesamte Industrie in Österreich und in Europa beschäftigen. Was, wenn die Gasversorgung aus Russland komplett wegbricht? Wie lange werden die Teuerungen noch anhalten, wie weit werden sie noch steigen? Gibt es Alternativen zu Gas und wenn ja, dann zu welchem Preis?
Schon eine Verdoppelung oder Verdreifachung der Energiepreise würden die meisten Betriebe zu spüren bekommen. Doch davon sind wir weit entfernt und Monika Köppl-Turyna spricht von sieben- bis achtmal so hohen Energiekosten 2022 im Vergleich zu letztem Jahr. „So hoch wie noch nie“, sagt die Direktorin des ECO Austria Instituts für Wirtschaftsforschung.
Ende Juni zeigte der Österreichische Gaspreisindex (ÖGPI) eine leichte Entspannung und sank zum ersten Mal seit Februar 2022. Im Vergleich zum Vormonat war der Index um 8,7 % niedriger. Zoomt man heraus, zeigt sich aber gleich wieder: Gegenüber dem Vergleichszeitraum 2021 weist der Index ein Plus von 311,3 % auf.
Wovor haben Unternehmen 2022 Angst? – Vor allem vor Energiepreisen
Ein Silberstreif am Horizont würde helfen, doch er zeigt sich nicht. Die Preissteigerungen sind wohl nicht nur temporär, sondern über die nächsten Jahre prognostiziert. Außerdem betreffen die Teuerungen hauptsächlich Europa. Dass sich in den USA Energie nicht so dramatisch verteuert hat – Stichwort billiges Gas dank Fracking –, hat natürlich Auswirkungen auf den Wettbewerb. Als Resultat prognostiziert das Institut für Wirtschaftsforschung zwei Prozent weniger Wirtschaftswachstum als ohne Krieg.
Diese Prognose wirkt noch harmlos gegenüber dem, was sein könnte. Denn sollten die Gaslieferungen aus Russland tatsächlich ausfallen, würde die Wirtschaft hierzulande deutlich stärker einbrechen. Die Unsicherheit diesbezüglich spiegelte sich zwar auch in den letzten Wochen und Monaten teilweise schon in den Preisen wider. Doch natürlich würde Gas sich weiter verteuern, kommt der Lieferstopp.
„Autark sind wir nicht, aber wir könnten das fehlende Gas ersetzen."Robert Machtlinger, CEO FACC
Bedrohung Gas-Lieferstopp
Kommt er? Es ist zumindest eine reale Gefahr. Zuletzt war die Gasversorgung über die Pipeline Nord-Stream 1 um rund 60 Prozent zurückgegangen. Russland machte fehlende Turbinen für die geringen Durchlaufmengen verantwortlich.
Die EU verfügt mittlerweile über Notfallpläne, um auf die Unterbrechung der Gaslieferungen zu reagieren. Einige europäische Länder planen derzeit, die Gasversorgung zu regeln und Strom zu rationieren, sollten die russischen Gasflüsse eingestellt werden oder auf dem niedrigen Niveau der letzten Tage verharren.
Die Wirtschaft retten könnte das dennoch nicht. Ein vollständiger Lieferstopp von russischem Erdgas würde nach Einschätzung der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) etwa die Erholung der deutschen Wirtschaft von der Coronakrise schnell zum Erliegen bringen.
Eine aktuelle Studie des Forschungsinstituts Prognos, in Auftrag gegeben von der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, unterstreicht das mit ihrer Vorhersage noch: Ein kurzfristiger Stopp russischer Gaslieferungen würde im zweiten Halbjahr 12,7 Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung kosten. Besonders stark betroffen wären Branchen wie die Glasindustrie oder die Stahlverarbeitung, sagt der Hauptgeschäftsführer der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw), Bertram Brossardt.
Nun benötigen natürlich nicht alle Industriezweige Gas gleichermaßen. Doch einige Industrien sind anderen essenziell vorgelagert. So benötigen nach Angaben der Österreichischen Chemieindustrie 96 Prozent der in der EU hergestellten Waren Vorprodukte aus der Chemie. Von der Landwirtschaft über die Lebensmittel- und Getränkeindustrie, das Gesundheitswesen, die Energiewirtschaft, den Maschinenbau, die Bauwirtschaft, die Textilindustrie, der Umwelttechnik bis zum Verkehrswesen.
Tipp der Redaktion: Wo die Industrie das meiste Gas benötigt
In letzterem ist der Konzern von Georg Kapsch beheimatet. Der CEO der Kapsch Group & Kapsch TrafficCom bezeichnet sein Unternehmen als nicht energieintensiv. Doch es hängt natürlich an der Gesamtwirtschaft, der Energiepreis hat also auch hier mittelbare Konsequenzen.
„Ich glaube, die Politik der EU gegenüber Russland läuft schon seit langem falsch“, sagt der Chef des Telekommunikations- und Verkehrstelematikkonzerns. Was die Sanktionen betrifft, verweist er auf die erwünschte, aber nicht eingetroffene Wirksamkeit dieser. Und das nicht nur im gegenwärtigen Fall von Russland, sondern auch in der Vergangenheit – beispielsweise in Kuba und im Iran. „Die Sanktionen haben die Regime zumindest für zehn oder 20 Jahre nicht in die Knie gezwungen. Und gelitten hat immer nur die Bevölkerung“, so Kapsch.

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Sanktionen und Gaspreis – ein direkter Zusammenhang
Momentan haben die westlichen Strafmaßnahmen vor allem eine Auswirkung: Die Gaspreise schnellen in die Höhe, was die russische Situation sogar noch stärkt. Ob Zölle auf russische Energielieferungen die Lösung sind? Diese würden zwar die Margen von Gazprom und damit des Staatshaushaltes mindern, so Köppl-Turyna. Doch sie gibt zu bedenken: „Warum sollte Russland noch Gas liefern, wenn es bei den hohen Preisen eventuell bessere Absatzmärkte findet?“ Und die gibt es mit China und Indien.
Lesen Sie mehr dazu hier: ECO-Direktorin Köppl-Turyna: „Warum sollte Russland noch Gas liefern?"
Dass nicht immer auf den ersten Blick klar wird, wie drastisch ein Gas-Mangel die Industrie treffen würde, zeigt auch die Salzburger Aluminium Group (SAG). Die Produktion würde ein etwaiger russischer Gasstopp schon heute nicht treffen, sagt Geschäftsführerin Karin Exner-Wöhrer. „Prozesse der Fertigung laufen völlig unabhängig von Gas“, doch tiefer in der Wertschöpfungskette seien die Abhängigkeiten hoch.
Je deutlicher die Abhängigkeiten werden, desto lauter werden häufig die Stimmen, die nach Alternativen zu Gas rufen. Tatsächlich ist da und dort die Energiequelle zumindest teilweise ersetzbar, vielerorts aber überhaupt nicht. In der Produktion etwa von Zement, Papier, Stahl, Glas oder auch Kunstdünger ist sie derzeit mehr oder weniger alternativlos.
SAG stellt Tanks für Wasserstoff-Lkw her, ein Zukunftsfeld. Exner-Wöhrers Hypothese: Wolle man die Mobilität weiterhin erhalten, werde es Technologien wie aus grünen Quellen gespeisten Wasserstoff solange brauchen, „bis uns in 20 oder 30 Jahren systemisch etwas ganz neues einfällt“, sagt Exner-Wöhrer. Die Herstellung von Wasserstoff für die Langstrecke, hunderte Kilometer von Hub zu Hub, müsse das Zwischenziel sein.

Ernstfall Gas – wie Betriebe sich rüsten
Welche Vorkehrungen für den Fall eines Einbrechens der Energieversorgung zu treffen seien, sei eine Frage, die sich das Unternehmen Schoeller-Bleckmann Oilfield Equipment schon vor einiger Zeit gestellt hat, sagt SBO-Chef Gerald Grohmann. Beim Vorwärmen der Edelstahlstangen vor dem Schmiedeprozess wurden Möglichkeiten gefunden, dies „elektrisch zu machen“. Als Sofortmaßnahme könnte ein solcher Prozess jederzeit aktiviert werden.
Lesen Sie mehr dazu hier: "Potenziale einer Umrüstung von Kohle- auf Erdgaskraftwerke wären immens"
„Wir haben zum Glück schon sehr früh damit begonnen, ein krisensicheres Energiekonzept umzusetzen. Wir bestücken heuer freie Flächen und Dächer mit Photovoltaik und können auf diese Weise mehr als 1 MW Strom selbst produzieren. Damit decken wir einen guten Teil unseres Bedarfs selbst ab. Durch Prozessänderungen haben wir alternative Energieversorgungswege aufgebaut, auf die wir im Notfall zurückgreifen können“, so Grohmann.
Man lebe in einer dualen Zeit: Jedem sei klar, dass die Notwendigkeit der Energiewende unumstritten ist. Zugleich, neben einer „lebbaren Zukunft“, gehe es um Versorgungssicherheit.
Nicht vergessen dürfe man, sagt Grohmann, dass Gas eine wichtige Brückentechnologie sei. „Wäre man in der Lage, alle Kohlekraftwerke auf Erdgas umzustellen, was technisch machbar sei, wären die Einsparpotenziale immens.“
„Ich glaube, die Politik der EU gegenüber Russland läuft schon seit langem falsch."Georg Kapsch
Unabhängig von russischem Gas – zu welchem Preis?
Bei einem Ausbleiben von Gaslieferungen in Europa könnte der FACC gegensteuern, sagt auch Robert Machtlinger, CEO des Luftfahrtzulieferers. Seit Jahrzehnten betreibe man konsequent eine Nachhaltigkeitspolitik. 2006 wurde begonnen, geologisch begünstigt, Geothermie zu nutzen. „Autark sind wir nicht, aber wir könnten das fehlende Gas ersetzen“, sagt Machtlinger.
Das liege auch daran, dass man nicht übermäßig energieintensiv sei. Um es an den aktuellen Zahlen festzumachen: Bei 500 Millionen Euro Umsatz lag der Gesamtenergieverbrauch bei 77 GW/h. Davon ist ungefähr die Hälfte elektrische Energie, die man etwa für CNC-Anlagen, die Beleuchtung und die IT braucht. „Die andere Hälfte ist Prozesswärme. Rund 16 GW/h dieser Wärme gewinnen wir aus Geothermie, noch einmal die gleiche Menge aus Gas“, sagt Machtlinger.
Und von diesem Gas könnte sich FACC „relativ schnell durch den Umstieg von Gas- auf Ölzusatzheizung lösen. „Wir müssten unserer Anlagen etwas umrüsten und investieren, aber es wäre möglich." Natürlich sei das kein Szenario, das sich der FACC-CEO wünscht, da es nicht der Nachhaltigkeitsstrategie entspricht. „Aber wir wären unabhängig vom Gas.“