Lieferkettenprobleme

Ukraine/Russland: Die Lage der Autozulieferer und Autobauer

Mitarbeiterin im BMW Werk in Steyr arbeitet an Benzinmotor

Das BMW-Werk in Steyr muss vorübergehend seine Produktion stoppen.

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Der Krieg in der Ukraine hat erhebliche Auswirkungen auf die Autozulieferer dort - und damit auch auf die Werke in anderen Teilen Europas. Große Teile der Produktion könnten zum Stillstand kommen, wie Sprecher mehrere Unternehmen sagten.

Die EU-Staaten haben am Montag angesichts des Ukraine-Kriegs weitere Sanktionen gegen Russland – das vierte Sanktionspaket – beschlossen. Details wurden zunächst nicht genannt, Diplomaten zufolge gehören zu den Sanktionen auch ein Exportverbot für Luxusgüter, darunter Automotive im Wert von mehr als 50.000 Euro.

Schon vor Beginn des Russland-Ukraine-Kriegs sind die Preiserwartungen der Autohersteller teilweise stark gestiegen. Laut Ifo-Institut kletterte der Saldo auf 76,7 Punkte, nach 21,3 im Jänner. Alle Autobauer melden einen Mangel an Vorprodukten. "Dieser Mangel hat sich durch die aktuelle Lage in der Ukraine sprunghaft verschärft", hieß es. "Die Auftragsbücher der Hersteller sind also nach wie vor voll und können nicht abgearbeitet werden."

Steyr Automotive

Steyr Automotive stellte am Donnerstag, den 03. März, vorübergehend seine gesamte Produktion ein. Hintergrund seien Lieferschwierigkeiten bei Kabelbäumen aus der Ukraine, bestätigte eine Unternehmenssprecherin. Am Mittwoch, den 09. März, soll die Produktion in Steyr in Oberösterreich wieder aufgenommen worden sein. Die Lage sei jedoch weiterhin "sehr volatil" und sie könne sich jeden Tag ändern.

Von den Problemen mit den Kabelbäumen sei der gesamte MAN-Verbund, für den Steyr Automotive Auftragsfertigung mache, betroffen, hieß es aus dem Unternehmen. Eine mittelfristige Perspektive sei schwierig. Das weitere Vorgehen richte sich nach den werksübergreifenden Planungen von MAN. "Die Beschaffung für die MAN-Produktion liegt ausschließlich bei MAN", betonte die Unternehmenssprecherin.

Außerdem stellte sie neuerlich klar, dass Sanktionen gegen Russland das laufende Geschäft von Steyr Automotive nicht betreffen würden. Die Vorarbeiten für die Serienfertigung von 27.000 Elektro-Lkw bis 2025 für dass schwedische Start-up Volta laufen.

Das ehemalige MAN-Werk in Steyr war im Vorjahr von Siegfried Wolf gekauft worden, der es als Steyr Automotive weiterführt und beste Verbindungen nach Russland pflegt. Ab 2023 sollen in Steyr Kleintransporter auf Basis von Modellen des russischen Automobilkonzern GAZ entwickelt werden, wozu ein Austausch von Komponenten in beide Richtungen vorgesehen ist. Die Zusammenarbeit mit GAZ, an dem Wolf beteiligt ist, müsse man "genau analysieren", meinte kürzlich Arbeiterbetriebsrat Helmut Emler. Sollten Lieferungen von Komponenten aus Russland nicht möglich sein, würden Alternativen gesucht, teilt er die Auffassung des Unternehmens.

Erst vor kurzem hatte Steyr Automotive die Verlängerung der mit Ende Februar auslaufenden Kurzarbeit um vier Monate bis Ende Juni beantragt. Diese stehe aber in Zusammenhang mit der Halbleiter-Krise, wurde betont.

MAN


Im Stammwerk des Lastwagenbauers MAN in München läuft die Produktion noch eine Woche lang stark eingeschränkt weiter, ab 14. März wird sie jedoch komplett eingestellt - auch hier wegen fehlender Kabelbäume aus der Ukraine. Betroffen sind rund 3.500 Beschäftigte. Auch im Motorenwerk Nürnberg kommt es zu Einschränkungen.

Deutz

Der deutsche Motorenhersteller Deutz will einen Ausblick auf das laufende Jahr nur unter Vorbehalt abgeben. Zwar seien keine direkten Lieferanten in den Kriegsregionen ansässig und das Umsatzvolumen von geringem Umfang. Indirekt seien die Folgen für das Geschäft aber nicht vorhersehbar. Ohne die Auswirkungen des Kriegs rechnet Deutz mit einer Umsatzerhöhung auf 1,7 bis 1,85 Mrd. Euro.

BMW

Schon ab Montag stehen die Bänder im BMW-Stammwerk München und im größten europäischen BMW-Werk Dingolfing still. Für kommende Woche habe das Unternehmen dort Kurzarbeit beantragt, teilte eine Konzernsprecherin mit. Wie viele tausend Mitarbeiter betroffen sind, konnte sie nicht sagen. Teile der Belegschaft arbeiteten zum Beispiel an Elektroantrieben weiter oder seien für Qualifizierungs- und Optimierungsmaßnahmen vor Ort. Wie es ab 14. März weitergeht, sei offen. "Wir fahren hier auf Sicht und sind in intensiven Gesprächen mit unseren Lieferanten."

Schon zuvor war bekanntgeworden, dass auch das BMW-Werk in Steyr vorübergehend seine Produktion stoppt. Die Ausfälle in der ukrainischen Zulieferindustrie führen nicht "nur" zu Kurzarbeit, von welcher hier bereits 3.200 Mitarbeiter betroffen sind.

Stellantis

Der italo-französische Autobauer Stellantis hat alle Importe und Exporte aus Russland ausgesetzt. Dies teilte der Opel-Mutterkonzern in einer Erklärung am Donnerstagabend mit. Das Unternehmen habe seine Mitarbeiter in der Ukraine von Anfang an unterstützt hat und einer polnischen NGO eine Million Euro zur Unterstützung ukrainischer Flüchtlinge gespendet. "Unsere oberste Priorität ist die Sicherheit und Gesundheit unserer Mitarbeiter", erklärte Stellantis.

"Wir haben eine Task Force eingerichtet, die sicherstellt, dass wir alle Sanktionen und Exportkontrollen einhalten, die von Tag zu Tag beschlossen werden", betonte das Unternehmen.

Ferrari, Lamborghini

Ferrari erklärte am Dienstag, die Produktion von Supersportwagen für den russischen Markt werde bis auf weiteres gestoppt. Lamborghini schrieb über Instagram, das Geschäft werde auf Eis gelegt.

Audi

Bei Audi in Ingolstadt werden ab Montag zwei der drei Produktionslinien gestoppt - vorerst zwei Wochen lang bis 18. März. Auch in Neckarsulm ruht ab Montag der Großteil der Produktion. Insgesamt seien mehr als 10.000 Mitarbeiter davon betroffen, teilte das Unternehmen mit.

Mercedes

Vor dem Hintergrund des russischen Angriffs auf die Ukraine zieht ein weiterer deutscher Autobauer die Reißleine. Mercedes-Benz stellt seine Exporte nach Russland sowie die Fertigung dort zunächst ein. Das teilte das Unternehmen am Mittwochabend in Stuttgart mit. "Mercedes-Benz wird bis auf Weiteres den Export von Pkw und Vans nach Russland sowie die lokale Fertigung in Russland einstellen", heißt es einer kurzen Mitteilung. Weitere Details wurden nicht genannt.

Mercedes hatte vor knapp drei Jahren sein erstes Pkw-Werk unweit von Moskau eingeweiht - damals noch in Anwesenheit des russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die für mehr als 250 Millionen Euro gebaute Produktionsstätte bietet mehr als 1.000 Arbeitsplätze.

Man arbeite unter anderem mit Zulieferern in der Ukraine zusammen, die verschiedene Komponenten für die Fahrzeugproduktion lieferten, teilte der Autobauer am Mittwoch weiter mit. "Wir beobachten die Situation genau und sind in engem Kontakt mit unseren Lieferanten, um gemeinsam intensiv an Lösungen zur Absicherung unserer Lieferketten zu arbeiten." Dazu gehöre unter anderem auch die Verlagerung von Produktionsumfängen an andere Standorte der Zulieferer. Außerdem werde von der kommenden Woche an vorübergehend die Schichtplanung in einzelnen Werken angepasst. Ausfälle sollten "bestmöglich" vermieden werden, teilte das Unternehmen mit und betonte: "Derzeit laufen unsere Werke weltweit."

Volkswagen

VW hat erklärt, wegen des Teilemangels die Produktion im Stammwerk in Wolfsburg drosseln zu müssen. Auch hier geht es vor allem um Kabelbäume, bei denen sich der Westen der Ukraine zu einem wichtigen Produktionsstandort entwickelt hat.

Volkswagen setzt außerdem sein Russland-Geschäft aus. "Vor dem Hintergrund des russischen Angriffs hat der Konzernvorstand entschieden, die Produktion von Fahrzeugen in Russland bis auf weiteres einzustellen", hieß es am Donnerstag aus Wolfsburg. Auch Exporte der größten europäischen Autogruppe nach Russland würden "mit sofortiger Wirkung gestoppt".

ZF Friedrichshafen

Der deutsche Automobilzulieferer ZF Friedrichshafen hat wegen des Kriegs in der Ukraine alle Lieferungen nach Russland gestoppt. Das Unternehmen analysiere in einer Taskforce die Umsetzung der erlassenen internationalen Sanktionsmaßnahmen und habe alle Lieferungen nach Russland eingefroren, teilte ein Sprecher in Friedrichshafen am Montag mit.

Betroffen seien auch alle Lieferungen zum Gemeinschaftsunternehmen ZF Kama. Der süddeutsche Konzern betreibt unter diesen Namen ein Joint Venture mit dem russischen Lkw-Hersteller Kamaz.

Zu den möglichen Auswirkungen des Lieferstopps teilte der Sprecher mit, ZF habe im Jahr 2020 mit dem Joint Venture einen Umsatz im einstelligen Millionen-Bereich gemacht.

Porsche

Auch Porsche muss wegen fehlender Teile von Zulieferern aus der Ukraine die Produktion gedrosselt werden. Zunächst bis Ende kommender Woche stehen die Bänder in Leipzig still. In Zuffenhausen werde die Produktion noch aufrechterhalten. "In den kommenden Tagen und Wochen werden wir auf Sicht fahren und die Lage kontinuierlich bewerten", sagte ein Sprecher.

In der Ukraine hat die Salzburger Porsche Holding, Generalimporteur des VW-Konzerns für Österreich mit Zuständigkeit für mehrere südosteuropäische Länder, die Geschäftstätigkeiten ihrer Tochtergesellschaften auf einen Notbetrieb umgestellt. "Die österreichischen sowie in der Ukraine tätigen Expats der Porsche Holding sind im Laufe der vergangenen Woche vorsorglich auf normalem Wege ausgereist. Für alle weiteren Schritte und Maßnahmen sind wir in enger Abstimmung mit den österreichischen Behörden. Zudem stehen wir in ständigem Austausch mit unseren Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen in der Ukraine, die bis auf Weiteres von zu Hause aus arbeiten", so die Porsche Holding.

Daimler Truck

Zuvor hatte bereits der weltgrößte Lastwagenbauer Daimler Truck am Montag mitgeteilt, wegen des Ukraine-Krieges alle geschäftlichen Aktivitäten in Russland vorerst einzustellen. Daimler Truck kooperiert nach eigenen Angaben seit 2012 mit dem russischen Lkw-Hersteller Kamaz, den es mit Teilen für zivile Fahrzeuge beliefert. Diese Lieferungen seien nun eingestellt worden, hieß es.

Toyota

Der japanische Autoriese Toyota stellt die Produktion in seinem Werk im russischen St. Petersburg bis auf weiteres ein. Als Begründung gab der Konzern Störungen der Lieferkette an. Die Produktion im Werk in St. Petersburg, wo Toyota vorwiegend für den russischen Markt das SUV-Modell RAV4 und den Camry produziert, werde ab Freitag bis auf weiteres gestoppt, gab der Branchenprimus am Donnerstag bekannt.

Man beobachte die Lage in der Ukraine, die von Russland militärisch angegriffen wird, mit großer Sorge um die Sicherheit der Menschen in der Ukraine, erklärte der Autokonzern.

Toyotas Fabrik in St. Petersburg hat eine Fertigungskapazität von 100.000 Fahrzeugen pro Jahr. Die Verkaufsgeschäfte und die Produktion im übrigen Europa seien davon nicht betroffen, wie das Unternehmen weiter mitteilte. Toyota lässt seit 2007 in Russland Autos bauen. Im vergangenen Jahr belief sich der Ausstoß auf rund 80.000 Fahrzeuge. (apa/red)