KTM Insolvenz : Verpfändete Macht – Zöchling will Pierer-Anteile verwerten, während KTM die Zeit davonläuft
Inhalt
- Das Fundament des Imperiums: Die Pierer Industrie AG
- 1,2 Milliarden Euro Verlust – der tiefe Fall von Pierer Mobility
- Kredit statt Investor: KTM verpfändet Aktien
- Investoren machen sich rar – CF Moto springt ab, Zöchling verärgert
- KTM-Produktion in Mattighofen steht still
- Krise bei KTM: Vom Wachstumskurs in die Insolvenz 2024
KTM vor dem Aus? Die Frist zur Gläubigerquote rückt näher – und nun droht zusätzlicher Ärger durch einen eskalierenden Gesellschafterstreit.
- © KTMEin Millionenkredit, ein geplatzter Deal und ein erbitterter Machtkampf: Inmitten der existenzbedrohenden Krise bei KTM droht nun auch das Firmengeflecht rund um Stefan Pierer ins Wanken zu geraten. Ein interner Konflikt zwischen zwei Geschäftspartnern spitzt sich dramatisch zu – und könnte das gesamte Pierer-Imperium erschüttern.
Ende 2024 gewährte Zöchling über seine Dabepo Holding AG der Pierer Konzerngesellschaft mbH ein Darlehen von rund 80 Millionen Euro. Als Sicherheit verpfändete die Pierer Industrie AG Anteile an Dabepo. Die Rückzahlung sollte bis Ende Juni 2025 erfolgen.
Doch Zöchling wirft Pierer vor, die Vereinbarung verletzt zu haben. Konkret geht es um das Nichtinformieren über die Vorkaufsrechte des indischen Herstellers Bajaj, der Miteigentümer von KTM ist.
>>> Warum BMW keine Angst vor Trump’s Zöllen hat
Infolgedessen stellte Zöchling das Darlehen fällig. Da die Rückzahlung ausgeblieben ist, beabsichtigt er nun, die verpfändeten Aktien zu verwerten. Dabei handelt es sich um 100 Prozent der Pierer Industrie AG sowie diverse Industrie- und Immobilienbeteiligungen. Damit gerät nicht nur KTM, sondern das gesamte Pierer-Imperium in den Fokus.
Nie mehr die wichtigsten News aus Österreichs Industrie verpassen? Abonnieren Sie unser Daily Briefing: Was in der Industrie wichtig wird. Täglich um 7 Uhr in ihrer Inbox. Hier geht’s zur Anmeldung!
Das Fundament des Imperiums: Die Pierer Industrie AG
Die Pierer Industrie AG hält eine ganze Reihe von Unternehmensbeteiligungen: So gehören ihr etwa 80 Prozent der steirischen Pankl AG (Motoren, Fahrwerke und Komponenten für Flugzeuge), 100 Prozent des oberösterreichischen Elektronikunternehmen Abatec, knapp 75 Prozent der deutschen SHW AG (Pumpen, Motorkomponenten sowie Bremsscheiben für die Automobilindustrie) und natürlich die Pierer Mobility – die Mutter von Marken wie Husqvarna, Kiska und KTM. Über die Robau hält die Pierer Industrie AG zudem ein Drittel an Rosenbauer International, wo Pierer erst vor kurzem und mitten im KTM-Insolvenzverfahren eingestiegen ist.
Zöchling hat bereits Schritte unternommen, die verpfändeten Aktien der Pierer-Gruppe zu verwerten. Er informierte Banken und Interessenten über den geplanten Verkauf. Die Pierer-Gruppe wehrt sich jedoch juristisch dagegen. In einer Feststellungsklage bestreitet Pierer, dass eine Fälligkeit eingetreten wäre. Pierer ließ über einen Sprecher mitteilen: "Kein Geldgeber der Pierer Konzerngesellschaft mbH hat derzeit eine fällige Forderung und ein Recht, Sicherheiten, die ihm seitens der Pierer Konzerngesellschaft mbH eingeräumt wurden, zu verwerten oder eine derartige Verwertung einzuleiten. Bisher sind der Pierer Konzerngesellschaft mbH keine Verwertungsversuche bekannt. Gegenüber sämtlichen unzulässigen Verwertungsversuchen wird die Pierer Konzerngesellschaft mbH gerichtliche Schritte einleiten."
Während Zöchling und Pierer um Millionen und Firmenanteile ringen, zeigt ein Blick auf die aktuellen Geschäftszahlen der Pierer Mobility, wie ernst die wirtschaftliche Lage tatsächlich ist.
>>> In den USA geht ohne Verbrenner nichts – deutsche Hersteller müssen umdenken
1,2 Milliarden Euro Verlust – der tiefe Fall von Pierer Mobility
Ende April veröffentlichte die KTM-Mutter Pierer Mobility ihre vorläufigen Kennzahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr - und die haben es in sich: Der operative Verlust beläuft sich auf 1,188 Milliarden Euro, der Umsatz ging im Vergleich zum Vorjahr um 29 Prozent auf 1,879 Milliarden Euro zurück. Auch für das laufende Geschäftsjahr rechnet das Unternehmen mit einem negativen Ergebnis. Die Nettoverschuldung beträgt 1,643 Milliarden Euro, das Eigenkapital wird mit minus 199 Millionen Euro ausgewiesen.
Der Absatz von Motorrädern ging im Vorjahr um 21 Prozent auf rund 293.000 Einheiten zurück. Der größte Teil wurde in Europa verkauft (38 Prozent), gefolgt von Nordamerika (24 Prozent) und Asien (Indien und Indonesien mit 21 Prozent). Um den Lagerbestand zu verringern, reduzierte KTM die Produktion auf 230.000 Einheiten. Zum Jahresende verblieben jedoch noch rund 182.000 Motorräder in den Lagern.
Auch beim Personal hat das Unternehmen deutlich reduziert: Im Jahr 2024 sank die Zahl der Beschäftigten um 874 auf insgesamt 5.310, davon etwa 4.100 in Österreich. Allein im ersten Quartal 2025 wurden weitere 750 Stellen abgebaut. Arbeitszeitverkürzungen während der Produktionsstillstände sind in diesen Zahlen nicht berücksichtigt.
Bei den veröffentlichten Kennzahlen handelt es sich um vorläufige Ergebnisse. Sollten die laufenden Sanierungsbemühungen scheitern und kein Investor oder ein neuer Kreditgeber gefunden werden, sind auch die Zahlen von Pierer Mobility Makulatur.
Angesichts der dramatischen Bilanzzahlen und der ungewissen Zukunft greift Pierer Mobility nun zu drastischen Maßnahmen, um kurzfristig an frisches Kapital zu gelangen.
Kredit statt Investor: KTM verpfändet Aktien
KTM hat nur noch bis zum 23. Mai Zeit, um 600 Millionen Euro aufzubringen. Dann wird eine Gläubigerquote von 30 Prozent fällig. Um dies zu ermöglichen, setzt Pierer Mobility auf die Verpfändung von KTM-Aktien als Sicherheit für einen Überbrückungskredit. Die Maßnahme wurde auf der außerordentlichen Hauptversammlung Ende April beschlossen. Bis zu 500 Millionen Euro an Aktien sollen potentiell verpfändet werden – ein Schritt, den Unternehmenssprecher Hans Lang gegenüber dem Industriemagazin als „normales Vorgehen in einer schwierigen Situation“ bezeichnete. Die verpfändeten Anteile betreffen die KTM AG, also jenes Unternehmen, in dem zentrale Produktionsbereiche gebündelt sind.
Der geplante Aktienverkauf, mit dem Pierer Mobility 150 Millionen Euro zur Finanzierung hätte aufbringen wollen, ist gescheitert. Der Jahresabschluss konnte nicht wie geplant Ende April veröffentlicht werden. Der Grund: Es gab noch nicht genug feste Zusagen von Investoren. Infolge konnte der Vorstand um Gottfried Neumeister die geplanten Finanzierungsmaßnahmen umsetzen. Dazu gehörte auch die Kapitalerhöhung in Höhe jener 200 Millionen Euro , die Bajaj zwischen Februar und April zugeschossen hatte.
Damit fehlen Pierer Mobility nach wie vor dringend benötigte Mittel für die Sanierung, und das Unternehmen ist gezwungen, alternative Finanzierungswege zu prüfen. Man befinde sich laut Unternehmensangaben weiterhin in der Finalisierungsphase von Gesprächen mit potenziellen Eigen- oder Fremdkapitalgebern. Woher die fehlenden 150 Millionen konkret kommen sollen, ließ das Unternehmen bislang offen.
Doch die Suche nach Investoren gestaltet sich zunehmend schwierig – namhafte Interessenten ziehen sich zurück, während interne Konflikte zusätzlich Druck aufbauen.
Investoren machen sich rar – CF Moto springt ab, Zöchling verärgert
Die Zahl potenzieller Investoren für Pierer Mobility ist zuletzt deutlich geschrumpft – ein möglicher Grund, warum das Unternehmen nun auf die Verpfändung eigener Aktien setzt. Während lange Zeit über mehrere Interessenten spekuliert wurde, sind aktuell nur noch zwei Kandidaten im Spiel: der kanadische BRP-Konzern, Betreiber des Rotax-Werks in Gunskirchen, sowie Aufsichtsratsvorsitzender Stephan Zöchling, der bereits 2023 einen zweistelligen Millionenbetrag beigesteuert hatte – nun aber mit Pierer selbst im Streit liegt.
Aus dem Rennen ist auch der chinesische Hersteller CF Moto, der seine Vertriebskooperation mit KTM überraschend beendet. Die Zusammenarbeit, die Deutschland, Österreich, die Schweiz, das Vereinigte Königreich und Spanien umfasste, läuft am 31. Mai aus – nur wenige Tage nach dem Fälligkeitstermin der Gläubigerquote. Anfang Mai gab CF Moto bekannt, dass die österreichische Firma Hans Leeb den Generalvertrieb in Deutschland und Österreich übernimmt.
Noch Anfang 2023 hatte Pierer Mobility den Vertrieb der CF-Moto-Modelle übernommen, allein im ersten Halbjahr 2024 wurden rund 3.600 Einheiten verkauft. Parallel ließ KTM seit 2021 auch eigene Modelle wie die 790er-Serie im Werk von CF Moto in Hangzhou fertigen – im Jahr 2024 waren es etwa 40.000 Maschinen. Zum Vergleich: Der indische Partner Bajaj produzierte im selben Zeitraum rund 120.000 Einheiten. Die enge Zusammenarbeit mit dem chinesischen Hersteller hatte bei Bajaj stets für Verstimmung gesorgt – ein Konflikt, der sich nun erledigt haben dürfte.
Auch in der Produktion hinterlässt die Krise mittlerweile tiefe Spuren – in Mattighofen steht das Werk weitgehend still, und die Belegschaft muss harte Einschnitte hinnehmen.
KTM-Produktion in Mattighofen steht still
Die Produktion im oberösterreichischen Werk in Mattighofen steht seit Mai erneut für drei Monate still. Der Grund: ein akuter Mangel an Bauteilen. Gleichzeitig tritt eine neue Betriebsvereinbarung in Kraft, die mit spürbaren Gehaltseinbußen verbunden ist. Einerseits wird die übliche Sommerpause, die traditionell im August stattfindet, auf den Juli vorgezogen. Andererseits sieht die Vereinbarung eine Reduktion der Vollzeitarbeitszeit auf 30 Stunden pro Woche vor. Die Löhne und Gehälter werden entsprechend angepasst.
Aufgrund der Liquiditätsprobleme konnte KTM keine neuen Lieferverträge abschließen. Stattdessen musste man auf bestehende Lagerbestände innerhalb des Unternehmens und bei seinen Zulieferern zurückgreifen. Diese reichten lediglich zur Fertigung von rund 4.200 Motorrädern. Als die Ressourcen aufgebraucht waren, kam die Produktion ins Stocken. CEO Gottfried Neumeister erklärte dazu: „Wir sind zuversichtlich, dass wir im August wieder den Vollbetrieb auf allen vier Fertigungsbändern aufnehmen können.“ – natürlich nur, wenn bis dahin ein Investor oder Kreditgeber gefunden wurde.
>>> Volkswagen, BMW, Mercedes - Wer überlebt den „darwinistischen Ausleseprozess“
Krise bei KTM: Vom Wachstumskurs in die Insolvenz 2024
Zu Jahresbeginn 2024 schien bei KTM die Welt noch in Ordnung. Die Pierer Mobility AG, Konzernmutter des traditionsreichen Motorradherstellers, präsentierte stabile Verkaufszahlen, eine starke Markenpräsenz und eine international gefestigte Marktposition. Branchenkenner sahen in KTM weiterhin einen der innovativsten Player im globalen Zweiradmarkt.
Doch im Hintergrund bahnte sich bereits eine Entwicklung an, die das Unternehmen in eine finanzielle Schieflage bringen sollte. Im Laufe des Sommers geriet KTM zunehmend unter Druck. Kostspielige Investitionen in Forschung, Entwicklung und neue Märkte trafen auf eine spürbare Abkühlung des weltweiten Motorradmarktes. Besonders in Europa, einem der Kernmärkte, belasteten Konsumflaute und wirtschaftliche Unsicherheit das Geschäft zusätzlich.
Parallel sorgten anhaltende Lieferengpässe, steigende Rohstoffpreise und die globale Inflation für zunehmende operative Belastung. Während die Einnahmen rückläufig waren, liefen die Ausgaben ungebremst weiter. Die Schulden wuchsen – und mit ihnen die Sorgen.
Im Herbst 2024 wurde das Ausmaß der Krise sichtbar. Die Verbindlichkeiten hatten die Marke von 1,8 Milliarden Euro überschritten, Zahlungsrückstände bei Zulieferern häuften sich. Die finanzielle Lage war nicht länger tragbar – der Gang in ein gerichtliches Sanierungsverfahren wurde unausweichlich. Das Landesgericht Wels eröffnete das Insolvenzverfahren offiziell – ein Schritt, der selbst Brancheninsider überraschte. Denn KTM und insbesondere CEO Stefan Pierer galten über Jahrzehnte hinweg als Synonyme für unternehmerischen Weitblick und Stabilität.
Der Schock wirkte tief – bei Mitarbeitenden, Zulieferern, Händlernetzwerken und einer treuen Kundschaft. Pierer zog persönliche Konsequenzen und trat als CEO zurück. Mit seinem Rücktritt begann eine Phase des Umbruchs. Intern wurde das Unternehmen auf Effizienz getrimmt, neue Führungspersönlichkeiten rückten nach, und eine umfassende strategische Neuausrichtung wurde eingeleitet. Auch eine Verlagerung von Produktionsteilen ins Ausland stand zur Diskussion. Parallel startete die Suche nach frischem Kapital zur Stabilisierung des Geschäftsbetriebs.
Die Insolvenz markierte eine historische Zäsur für KTM – ein Unternehmen, das über Jahrzehnte hinweg als Aushängeschild der österreichischen Industrie gegolten hatte.