Die jungen Wilden

Sie sind die Zukunft der Industrie, aber sie sind selten: Nur 39 der 500 einflussreichsten Industriemanager sind unter 45. Wie führt, wie entscheidet und motiviert die Generation U45 in den heimischen Vorständen? Vier der jüngsten Topplatzierten des INDUSTRIEMAGAZIN-Managerrankings im Porträt.

Anette Klinger sieht sich als Schlichterin. Denn die 41jährige Absolventin der Handelswissenschaften an der WU Wien ist im Familienunternehmen IFN Internorm für Familienagenden zuständig. Während Cousin Christian Klinger die Bereiche Fenster und Türen und Vetter Stefan Kubinger den Bereich Fassaden verantwortet , vermittelt Anette Klinger – neben operativen Aufgaben im Unternehmen – als Aufsichtsratsvorsitzende der Holding zwischen den Stämmen. „Familienunternehmen bestehen aus Menschen, die sehr starke und kräftige Persönlichkeiten haben. Da braucht es jemanden der manchmal ausgleichend wirkt“ sagt Klinger. Eine Rolle, die man Klinger auf den ersten Blick abnimmt. Wenn Anette Klinger spricht, strahlt sie Ruhe – und eine unaufdringliche Bestimmtheit aus. „Dass ich in die Rolle der Vermittlerin geschlüpft bin, hat möglicherweise etwas mit meinem Charakter zu tun“ sagt Klinger.

Für die Assistentin gehalten. Als Vorstand, zumal weiblich und zum Zeitpunkt der Unternehmensübergabe gerade einmal 28 Jahre alt, im Familienunternehmen ernst genommen zu werden, ist der jungen Frau mit der festen Stimme nach eigenem Bekunden nicht schwer gefallen. „Meine Tante war im Unternehmen als Führungskraft tätig, Frauen sind also im Hause gelebte Kultur“sagt Klinger. Dass Sie, etwa bei Terminen mit ihrem Finanzvorstand, schon einmal für die Assistentin gehalten wird, sieht sie als Bestätigung ihres Führungsstils. „Wir haben keine sehr hierarchieorientierte Unternehmenskultur, ich bin da auch grundsätzlich nicht sehr sensibel“ sagt Klinger. „Wobei mir natürlich klar ist, dass es als Eigentümer und Familienmitglied leichter ist, hier grosszügig zu sein, als etwa als angestellte Vorstandsfrau.“
Dass auch Frauen erfolgreiche Unternehmer sein können, hat ihr auch die Mutter vorgelebt. Obwohl ihr Ehemann als Metallbauer erfolgreich war, hat die Mutter ihr Bandagistengeschäft nicht aufgegeben. „Ich erinnere mich an die Eifersucht, die mich packte, wenn sich meine Mutter mehr mit dem Unternehmen als mit mir beschäftigt hat. Heute bin ich voll der Bewunderung, wie die berufstätige Frau in ihrer Freizeit mehr mit mir unternommen hat, als andere Vollzeit-Mütter“ sagt Klinger.

Zur Unternehmerin erzogen. Dass sie zur Unternehmerin erzogen – oder gar geboren wurde, glaubt die zweifache Mutter nicht. „Niemand in der Familie hat jemals von mir verlangt, aktiv im Unternehmen zu werden“ sagt Klinger. Das nötige Rüstzeug habe sie fürs Leben erhalten. Sparsamkeit („mir ist das öfters passiert, dass ich eine der wenigen in der Klasse war, die keinen Lacoste Pulli hatte“), den Wille Verantwortung zu übernehmen („ich kenne viele Kinder von erfolgreicher Eltern, die das nie gelernt haben“) und vor allem das Nichtvorhandensein von Druck, das Familienunternehmen zu übernehmen („Ich habe mich für das Unternehmertum entschieden, weil ich die freie Wahl hatte“), haben aus der Schlichterin Anette Klinger eine Unternehmerin gemacht.

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