Personalmangel in der Industrie : Spitzt sich der Fachkräftemangel in Österreich weiter zu?

2. Nationalratspräsident Karlh, 2014, FineArt Portrait, Photo Simonis Wien, Portrait

WKÖ-Generalsekretär Kopf warnt vor Zuspitzung des Fachkräftemangels

- © Copyright by Photo Simonis Wien - Austria

WKÖ-Generalsekretär Karlheinz Kopf erwartet eine weitere Verschärfung des Fachkräftemangels in Österreich und fordert von der Politik weitere Maßnahmen dagegen. Derzeit seien 200.000 Stellen de facto nicht besetzt. Diese Situation werde sich in den kommenden Jahren aufgrund der demografischen Entwicklung weiter verschärfen, warnte Kopf vor Journalisten. Handlungsbedarf bestehe etwa bei der Rente oder der Zuwanderung.

>>> So geht die Voestalpine gegen Fachkräftemangel vor

Kopf rechnet damit, dass die Zahl der unbesetzten Stellen demografiebedingt bis 2040 auf über 500.000 ansteigen wird. Erschwerend komme der Trend zu kürzeren Arbeitszeiten hinzu. So sei die Zahl der Erwerbstätigen zuletzt zwar gestiegen, die geleisteten Arbeitsstunden pro Kopf lägen aber noch unter dem Niveau von 2019. Negative Folgen des Fachkräftemangels: Für Unternehmen bleiben Geschäftspotenziale ungenutzt, für Beschäftigte steigt die Arbeitsbelastung, so Kopf.

Nie mehr die wichtigsten News aus Österreichs Industrie verpassen? Abonnieren Sie unser Daily Briefing: Was in der Industrie wichtig wird. Täglich um 7 Uhr in Ihrer Inbox. Hier geht’s zur Anmeldung!

Folgen Sie uns doch für mehr News aus Österreichs Industrie auf unserem neuen WhatsApp-Kanal: einfach Code scannen und auf "abonnieren" klicken!

- © Industriemagazin

Strategisches Konzept notwendig

Kopf begrüßte die jüngsten Bemühungen der Regierung, die Potenziale älterer Menschen zu fördern. Mit der Erhöhung des Pensionsbonus - also dem von den Beitragsjahren abhängigen Zuschlag zur Pension - seien beispielsweise Anreize geschaffen worden, den Pensionsantritt hinauszuschieben. Um eine noch größere Wirkung zu erzielen, brauche es aber einen "zweiten größeren Wurf". Ihm schwebt vor, die Sozialversicherungsbeiträge mit Ausnahme der Unfallversicherung gänzlich entfallen zu lassen, wenn jemand neben der Pension weiterarbeitet.

>>> EY: Fachkräftemangel kostet Unternehmen viel Geld

Im Bereich der qualifizierten Zuwanderung aus Drittstaaten sieht Kopf weiteren Handlungsbedarf. Die Anwerbung von Arbeitskräften werde zwar punktuell gut betrieben. Um den enormen Bedarf an Fachkräften zu decken, brauche es aber ein "strategisches Konzept" zur gezielten Anwerbung und den Abbau bürokratischer Hürden bei der Rot-Weiß-Rot-Karte. Als Beispiel nannte er die Philippinen, wo diese gezielte Anwerbung kürzlich durch ein entsprechendes Abkommen besiegelt worden sei. Ein ähnliches Abkommen mit Brasilien sei derzeit in Vorbereitung. Geht es nach Kopf, sollen auch die Aufenthaltsmöglichkeiten für Ukrainerinnen und Ukrainer verlängert werden, um sie besser in den Arbeitsmarkt integrieren zu können.

>>> Personalmangel in Schlüsseltechnologien: So viele fehlen in 5 Jahren

Chancen ortet der Wirtschaftskammer-Generalsekretär auch bei der Beschäftigung von Frauen, die im Vergleich zu Männern eine sehr hohe Teilzeitquote aufweisen. Hier gelte es, die Kinderbetreuungsmöglichkeiten auszubauen, wofür die Regierung im Rahmen des letzten Finanzausgleichs bereits Mittel zur Verfügung gestellt habe. Ansatzpunkte zur Bekämpfung des Fachkräftemangels sieht Kopf auch in der überregionalen Vermittlung sowie in der möglichst arbeitsplatznahen Qualifizierung von Arbeitslosen.

Auszubildende bei der Voestalpine

- © Voestalpine

Fachkräftemangels in Österreich: Gründe und Lösungsansätze

Für Unternehmen aller Branchen wird die Suche nach qualifizierten Fachkräften zunehmend zum Problem. Laut Arbeitskräfteradar der WKÖ spüren bereits 82 Prozent der österreichischen Unternehmen den Fach- und Arbeitskräftemangel in ihrem Betrieb. Dies führt nicht nur zu Mehrbelastungen der gesamten Belegschaft, sondern auch zu Umsatzeinbußen und Innovationsverlusten. Trotz Wirtschaftsflaute gibt es in Österreich über 200.000 offene Stellen, das ist eine Verdreifachung in den letzten zehn Jahren.

Einer der Hauptgründe für den Fachkräftemangel in Österreich ist der demografische Wandel. Die alternde Bevölkerung führt zu einem Rückgang der Arbeitskräfte im erwerbsfähigen Alter. Dies wird durch die Tatsache verschärft, dass viele erfahrene Fachkräfte in den Ruhestand gehen, während nicht genügend junge Fachkräfte nachrücken, um diese Lücke zu schließen.

Ein weiteres Problem ist die mangelnde Übereinstimmung zwischen den Fähigkeiten der Arbeitskräfte und den Bedürfnissen der Industrie. Viele junge Menschen wählen Ausbildungswege, die nicht den Anforderungen der modernen Industrie entsprechen. Es gibt einen zunehmenden Bedarf an Fachkräften mit spezialisierten technischen Fähigkeiten und Kenntnissen in Bereichen wie Digitalisierung und Automatisierung, die oft nicht durch das aktuelle Bildungssystem abgedeckt werden.

Fachkräftemangel nach Branchen

Einer Untersuchung des Instituts für Industrieforschung zufolge könnten bis zum Jahr 2030 bis zu 63.400 qualifizierte technische und IT-Fachkräfte fehlen. Der potenzielle Verlust an Wertschöpfung würde in diesem Fall bis zu 10 Milliarden Euro betragen. Derzeit fehlen bis zu 40.000 Fachkräfte.

5 Branchen mit größtem Fachkräftebedarf

  • Elektro- und Elektronikindustrie
  • IT-Branche
  • Metalltechnische Industrie
  • Bauindustrie
  • Zuliefererindustrie

Strategien zur Bewältigung des Fachkräftemangels

Der Trend zu kürzeren Arbeitszeiten hat ebenfalls Auswirkungen. Während einerseits die Beschäftigtenzahl steigt, sinkt die Anzahl der pro Person geleisteten Arbeitsstunden, was zu einer geringeren Gesamtarbeitsleistung führt. Dies verstärkt den Druck auf Unternehmen, die bereits mit Personalengpässen zu kämpfen haben.

Um diesen Herausforderungen zu begegnen, ergreifen Unternehmen und die Regierung Maßnahmen. Die Regierung setzt beispielsweise auf die Erhöhung des Pensionsbonus, um ältere Arbeitnehmer zu ermutigen, länger im Berufsleben zu bleiben. Gleichzeitig wird die qualifizierte Zuwanderung aus Drittstaaten gefördert, um die Lücke in der Belegschaft zu schließen. Darüber hinaus gibt es Bemühungen, das Bildungssystem besser auf die Bedürfnisse der Industrie abzustimmen und die Teilnahme von Frauen am Arbeitsmarkt zu fördern, insbesondere durch den Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten.

Fachkräfteabkommen mit den Philippinen

„Der demografische Wandel wirkt sich aktuell immer stärker auf den Arbeitsmarkt aus. Deshalb arbeitet die Bundesregierung an vielen Maßnahmen gegen den Arbeits- und Fachkräftemangel. Neben dem Ausschöpfen des inländischen Fachkräftepotentials braucht es auch gezielte Fachkräftezuwanderung. Wir bewerben deshalb den Arbeitsstandort Österreich auf internationaler Ebene und gehen auch neue Wege, um heimische Arbeitgeberinnen und Arbeitgeber bei der Fachkräfterekrutierung zu unterstützen. Das erste Fachkräfteabkommen mit den Philippinen ist dabei ein weiterer wichtiger Schritt zur Umsetzung unserer umfassenden internationalen Fachkräftestrategie“, so Arbeits- und Wirtschaftsminister Martin Kocher.

>>> Arbeitskräftemangel? Wie junge Menschen 2022 arbeiten wollen

Staatsekretärin Susanne Kraus-Winkler sagte im Rahmen ihrer Rede zur MoU Unterzeichnung: „Die österreichische Bundesregierung will für die heimischen Unternehmen die bestmögliche Grundlage schaffen, um auch in Zukunft international die besten Talente anzuwerben. Hochqualifizierte Fachkräfte aus der ganzen Welt sind ein essenzieller Baustein für Wachstum und Wohlstand und ein wichtiger Standortfaktor für die österreichische Wirtschaft in der Zukunft.“

Dazu wurde am 25.10.2023 in Manila/Philippinen von Kraus-Winkler in Vertretung von Bundesminister Martin Kocher gemeinsam mit Generalsekretär Karlheinz Kopf (WKÖ) ein Abkommen unterzeichnet. Ziel ist die Bewältigung des Fachkräftemangels, der österreichische Unternehmen massiv unter Druck setzt, und gleichzeitig die weitere Bewältigung des demografischen Wandels in Österreich. Die Philippinen sind damit das erste Land, mit dem Österreich ein Fachkräfte-MoU „On the Recruitment of Qualified Professionals“ abgeschlossen hat, das alle Bereiche der zukünftigen Zusammenarbeit im Bereich der Anwerbung von Fachkräften und der Kooperation in der Berufsbildung umfasst, inklusive Regelungen zur Verhinderung von irregulärer Migration.

Als nächsten Schritt plant das philippinische Department of Migrant Workers (DMW) die Einrichtung eines eigenen Migrant Workers Office (MWO) in Wien und die Entsendung eines Labor Attaché, der künftig philippinische Arbeits- und Fachkräfte in Österreich betreuen soll.

>>> Österreichs Wirtschaft: Die Zukunft gehört den Fleißigen

Für österreichische Unternehmen bietet das Land mit seinen 115 Mio. Einwohnern ein attraktives Potenzial an qualifizierten Arbeitskräften: Im internationalen Vergleich ist die (universitäre) Ausbildung, insbesondere in den Bereichen Gesundheit, IT und Ingenieurwesen, auf hohem Niveau. Der Großteil der philippinischen Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter: Die stetig wachsende philippinische Bevölkerung ist mit durchschnittlich knapp 25 Jahren eine der jüngsten Asiens. Die Bereitschaft von Filipinas und Filipinos, im Ausland zu arbeiten, ist seit vielen Jahrzehnten stark ausgeprägt. Die philippinischen Behörden legen großen Wert auf gute und faire Entlohnungs- und Arbeitsbedingungen ihrer Bürger - unter diesen Bedingungen wird auch die Auswanderung stark gefördert.

Universität in Manila: hohes Bildungsniveau

- © Ko Be/Wirestock Creators - stock.adobe.com