Gaslieferstopp : Gabriel Felbermayr: "Horrorszenarien sind unwahrscheinlich"

IHS-Direktor Klaus Neusser und Wifo-Chef Gabriel Felbermayr

IHS-Direktor Klaus Neusser und Wifo-Chef Gabriel Felbermayr

- © APA/ROLAND SCHLAGER

Heimische Industrieunternehmen sind derzeit gefangen zwischen den höchsten Energiepreisen, ungewollter Umrüstung und einem drohenden Lieferstopp von Gas aus Russland.

Jetzt haben IHS und Wifo dazu eine Wachstumsprognose herausgegeben, die allerdings optimistischer scheint, als man erwartet hätte. Ein Gaslieferstopp, oder auch nur eine weitere drastische Senkung der Lieferungen, ist darin allerdings nicht enthalten. Beide Institute haben aber auch solche Szenarien gerechnet und in der schärfsten Form könnte das zu einem starken Konjunktureinbruch führen. Solche dramatischen Entwicklungen seien aber sehr unwahrscheinlich, waren sich Wifo und IHS einig.

30 Prozent weniger Gas - was dann?

Das IHS hat ein Beispiel gerechnet, bei der die Gasversorgung um 30 Prozent reduziert würde. Das könnte zu einem Wirtschaftseinbruch von drei Prozent und einem Rückgang der Beschäftigung um vier Prozent führen.

Was genau passiert, hängt aber vor allem davon ab, wie viel Gas durch andere Energieträger ersetzt werden kann, sagte IHS-Chef Klaus Neusser. Könnten die Unternehmen Gas überhaupt nicht ersetzen, was aktuell unrealistisch ist, dann würde die Wirtschaft um sechs Prozent einbrechen. Auch wenn der Lieferstopp länger dauern würde, bis alle Speicher leer sind, wäre die Auswirkung dramatischer.

Lesen Sie auch: ECO-Austria Direktorin "Warum sollte Russland noch Gas liefern?"

Wifo-Chef Gabriel Felbermayr verwies auf die unterschiedlichen Annahmen, die möglich seien. Das Wifo "rechnet jeden Tag ein neues Szenario". Schon wenn der Winter ungewöhnlich kalt ausfallen sollte, "ist alles anders".

Auch senke jeder Tag, an dem die Speicher weiter befüllt werden können, die Wahrscheinlichkeit einer dramatischen Entwicklung. Abgesehen davon, dass Unternehmen den Energieträger Gas ersetzen könnten, könnten sie auch mit dem Import von Vorprodukten die Eigenproduktion ersetzen. Insofern seien die Unsicherheiten gewaltig, aber "jedenfalls zeigen die Modelle, dass es teuer wird". Mit einer Rezession würde zu rechnen sein, so Felbermayr. Die Industrieproduktion breche vermutlich zweistellig ein - "ob um 15 Prozent oder 20 Prozent, darüber kann man streiten" - aber die Wahrscheinlichkeit dafür sei klein - jedenfalls für 2022.

"Wenn man wirklich Horror haben will", so Felbermayr, dann müsse man die Zahlen für einzelne Regionen rechnen. Ein Gaslieferausfall in Wien würde etwas anderes bedeutet, als für die Industrieregionen, etwa im Zentralraum Oberösterreich oder in der Mur-Mürz-Furche. Die Probleme wären konzentriert in diesen Regionen.

Dazu interessant: FACC-Chef Machtlinger: "Natürlich können wir aus fossiler Energie aussteigen"

Gewitterwolken über dem Konjunkturhimmel

Zuletzt hatte es erschreckende Szenarien für einen allfälligen Ausfall der Gaslieferungen in Deutschland gegeben. Auch dort liege die Wahrscheinlichkeit, dass es im Fall des Falles so schlimm kommt, nur bei 20 Prozent, erinnerte Felbermayr.

Ein vollständiger Lieferstopp von russischem Erdgas könnte nach Einschätzung der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) die Erholung der deutschen Wirtschaft von der Coronakrise schnell zum Erliegen bringen. "Wir sind nur noch einen Wimpernschlag von der Rezession entfernt", sagte LBBW-Chefvolkswirt Moritz Kraemer der Finanznachrichtenagentur dpa-AFX.

Neben dem drohenden Aus der russischen Gaslieferungen sorge auch die hohe Inflation für "schwere Gewitterwolken am Konjunkturhimmel"."Da braut sich der perfekte Sturm zusammen", warnte der Ökonom. Kraemer verwies auf den Anstieg der Erzeugerpreise, der mittlerweile stärker sei als in der Nachkriegszeit und in der Ölpreiskrise in den 70er-Jahren. Die Landesbank geht davon aus, dass die Inflationsrate in Deutschland heuer bei 7,2 Prozent liegen dürfte, für die Eurozone wird eine noch etwas höhere Teuerungsrate von 7,5 Prozent erwartet.

Laut Felbermayr habe Deutschland den Nachteil, weniger Speicherkapazität zu haben, als Österreich. Hierzulande sei die Ausgangslage deutlich besser. Außerdem werde weniger Gas für die Stromerzeugung gebraucht und der Industrieanteil Österreichs sei kleiner.

Wifo und IHS erwarten für heuer 4,3 beziehungsweise 3,8 Prozent BIP-Wachstum in Österreich, im März waren noch 3,9/3,6 Prozent vorhergesagt. Die Erhöhung der Prognose liegt aber vor allem an einer Revision der Daten für 2021, also des Vergleichswertes des Vorjahres, wie das Wifo vermerkt.

Das zweite Quartal schätzen die Institute unterschiedlich ein - das Wifo geht noch von einem deutlichen Wachstum aus, das IHS von einer Stagnation. Für den weiteren Jahresverlauf ist aber jedenfalls - wie auch weltweit - nur noch mit einem geringen Wachstum zu rechnen. Für 2023 nahmen die Institute dafür ihre Vorhersagen auf 1,6/1,4 Prozent und damit doch sehr deutlich zurück. Im März hatten sie noch 2,0/2,3 Prozent Wachstum erwartet.

Sommerprognose - BIP, Privatkonsum, Inflation, Arbeitslose - 2018 bis 2023 - S?ulengrafik; Die Auslieferung der APA-Grafiken als Embed-Code ist ausschlie?lich Kunden mit einer g?ltigen Vereinbarung f?r Grafik-Pauschalierung vorbehalten. Dabei inkludiert sind automatisierte Schrift- und Farbanpassungen an die jeweilige CI. F?r weitere Informationen wenden Sie sich bitte an unser Grafik-Team unter grafik@apa.at. GRAFIK 0942-22, 88 x 108 mm
© APA