KTM Insolvenz : Stefan Pierer geht – Bajaj übernimmt die Kontrolle bei KTM
Inhalt
- Pierers Rückzug – Neuanfang bei KTM unter Bajaj
- Bajaj zahlt Zöchling aus – drohender Rechtsstreit abgewendet
- KTM-Produktion startet wieder – Zukunft von Mattighofen bleibt offen
- Von Enduro bis Duke: So teilt KTM die Produktion weltweit auf
- KTM-CF Moto Kooperation steht vor dem Aus
- Bajaj Group: Indiens Milliarden-Familie ist die neue Macht bei KTM
- Der Absturz von KTM: Vom Boom zur Insolvenz in nur einem Jahr
Unter neuer Flagge: KTM-Motorräder stehen künftig unter der Kontrolle des indischen Bajaj-Konzerns – die Zukunft der Produktion in Mattighofen ist unsicher.
- © KTMHinter den Werkstoren in Mattighofen ruht die Produktion – noch. Ab Ende Juli sollen wieder KTM-Motorräder vom Band laufen. Künftig gibt Indien den Takt vor, wie erste Sanierungsdetails zeigen: Bajaj finanziert – wie erwartet – die gesamte Gläubigerquote: 525 Millionen Euro plus Verfahrenskosten. Zwar bleiben neue Investoren aus, doch der Konkurs ist abgewendet – KTM fährt weiter.
Für die Rettung stellt Bajaj KTM ein Darlehen über 450 Millionen Euro bereit und investiert zusätzlich 150 Millionen in Pierer Mobility. Eine Bedingung für die Sanierung war Pierers Rückzug: Der langjährige Chef gibt seine 50,1-Prozent-Mehrheit an der gemeinsamen Holding Pierer Bajaj ab. Diese hält rund 75 Prozent an Pierer Mobility – damit liegt die Kontrolle über den Motorradkonzern nun vollständig bei Bajaj. Um die Übernahme einzuleiten hat die Pierer Mobility AG einen Aktienverpfändungsvertrag mit der niederländischen Bajaj Auto International geschlossen – die regulatorische Genehmigung steht noch aus.
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Pierers Rückzug – Neuanfang bei KTM unter Bajaj
Das Geld muss am Donnerstag beim Sanierungsverwalter Peter Vogl eingehen. Erst dann wird dieser dem Insolvenzgericht am Landesgericht Ried melden, dass der Sanierungsplan erfüllt ist. Nach rechtskräftiger Bestätigung endet das Sanierungsverfahren – und KTM kann als saniertes Unternehmen weitermachen.
KTM-Chef Neumeister zeigte sich optimistisch: „Heute haben wir die Chance bekommen, die Geschichte von KTM fortzuschreiben. Gemeinsam mit unserem langjährigen Partner Bajaj haben wir eine Strategie entwickelt, mit der zusätzlich zu den bereits bereitgestellten 200 Millionen Euro weitere 600 Millionen Euro für unseren Neustart bereitstehen.“ Er sprach von „tiefer Dankbarkeit und Demut“ gegenüber allen, die diese zweite Chance ermöglicht haben, und dankte auch Stefan Pierer.
Damit beginnt für KTM eine neue Ära – ohne Stefan Pierer. Nach seinem Abgang von der Konzernspitze im Jänner verlässt er im Juni auch den Vorstand der Pierer Mobility. Seine Nachfolge übernimmt Verena Schneglberger-Grossmann, bislang Vorstandsmitglied und Chief Legal Officer des Unternehmens.
Während Bajaj mit der Finanzierung den Fortbestand von KTM sichert, galt es parallel, den drohenden Rechtsstreit zwischen Remus-Chef Stephan Zöchling und Stefan Pierer zu lösen.
>>> Verpfändete Macht – Zöchling will Pierer-Anteile verwerten, während KTM die Zeit davonläuft
Bajaj zahlt Zöchling aus – drohender Rechtsstreit abgewendet
Bajaj räumt auf und übernimmt auch den Kredit von Remus-Chef Stephan Zöchling. Ende 2024 hatte Zöchling der Pierer Konzerngesellschaft über seine Dabepo Holding ein Darlehen von rund 65 Millionen Euro gewährt, gesichert durch Anteile der Pierer Industrie AG. Die Rückzahlung war bis Juni 2025 geplant, doch Zöchling warf Pierer Vertragsbruch vor und stellte das Darlehen vorzeitig fällig. Als die Rückzahlung ausblieb, drohte er, die verpfändeten Aktien zu verwerten – darunter 100 Prozent der Pierer Industrie AG.
Mit der Übernahme des Kredits dürfte Pierer der Abschied von KTM leichter gefallen sein. Zwar verliert er die Kontrolle über den Motorradkonzern, doch ein langwieriger Rechtsstreit hätte die gesamte Pierer Industrie AG ins Wanken gebracht.
Die Pierer Industrie AG hält zahlreiche lukrative Beteiligungen, die weit wertvoller sind als KTM: etwa 80 Prozent an der steirischen Pankl AG (Motoren, Fahrwerke, Flugzeugkomponenten), 100 Prozent am oberösterreichischen Elektronikunternehmen Abatec, knapp 75 Prozent an der deutschen SHW AG (Pumpen, Motorkomponenten, Bremsscheiben) sowie ein Drittel am Robau-Konsortium, das an Rosenbauer beteiligt ist.
Nun ist der Rechtsstreit vom Tisch, KTM ist saniert – unter neuer, indischer Flagge. Doch was bedeutet das für die Zukunft und den Standort Mattighofen?
KTM-Produktion startet wieder – Zukunft von Mattighofen bleibt offen
Im Innviertel herrscht Erleichterung, doch Euphorie bleibt aus. Zwar ist KTM gerettet, doch die Zukunft des Werks in Mattighofen ist weiter ungewiss. Nach Unternehmensangaben ist der Produktionsstart am 28. Juli fest geplant. Trotz eines Lagerbestands von knapp 130.000 Motorrädern sollen alle vier Produktionslinien wieder anlaufen.
Diese Woche wurden mehr als 400 Lieferantenverträge vom Sanierungsverwalter Norbert Vogl freigegeben. Dank der Finanzierungszusagen von Bajaj ist nun ausreichend Liquidität vorhanden, um die nötigen Komponenten zu bestellen. Ohne diese Verträge wäre der Produktionsstart Ende Juli kaum möglich gewesen. Bis zuletzt hatte Vogl Aufträge zurückgehalten, um im Insolvenzfall Rücklagen zu sichern.
>>> KTM-Rettung – Sanierung des Motorradherstellers kann beginnen
Von Enduro bis Duke: So teilt KTM die Produktion weltweit auf
KTM produziert wieder – doch welche Modelle künftig noch in Mattighofen vom Band laufen, ist offen. Bisher wurden in Österreich vor allem Motocross- und Hard-Enduro-Modelle gebaut: etwa die 125 SX, 250 SX und 450 SX-F sowie 250 EXC, 300 EXC und 500 EXC-F. Auch Cross-Country-Bikes wie die 125 XC und 450 XC-F entstehen dort, ebenso wie leistungsstarke Naked Bikes (1290 Super Duke R) und Adventure-Modelle (1290 Super Adventure R/S). Alle preissensiblen Straßenmodelle bis 400 Kubik – etwa Duke 125, 200, 250, 390 sowie die RC-Reihe – werden seit Jahren beim indischen Partner Bajaj gefertigt. Die Mittelklasse rund um die 790er-Plattform stammt bislang aus dem Werk des chinesischen Partners CFMoto in Hangzhou.
Mit Bajaj als künftigen Mehrheitseigentümer verlagert sich die Produktionskontrolle zunehmend nach Indien. Was das für Mattighofen bedeutet, ist offen – eine Reduktion der Produktionsmenge ist möglich. Die Zusammenarbeit mit CF Moto dürfte mittelfristig enden, die Produktion in China wird vermutlich reduziert oder ganz eingestellt. KTM wird künftig verstärkt auf die indischen Fertigungsstrukturen setzen.
>>> Nach Rücktritt von Stefan Pierer: Wer ist Gottfried Neumeister?
KTM-CF Moto Kooperation steht vor dem Aus
Vertriebskooperation wird zum 31. Mai beendet – betroffen sind Deutschland, Österreich, Schweiz, Großbritannien und Spanien. Die Trennung erfolgt kurz vor Fälligkeit der Gläubigerquote und der Bajaj-Übernahme.
Noch Anfang 2023 hatte die Pierer Mobility AG den Vertrieb von CF Moto-Motorrädern übernommen und diese über das eigene Händlernetz verkauft. Im ersten Halbjahr 2024 wurden rund 3.600 Fahrzeuge der chinesischen Marke abgesetzt.
Doch die Partnerschaft zwischen KTM und CF Moto geht über den Vertrieb hinaus: Seit 2021 werden ausgewählte Modelle – darunter die 790er-Serie – im chinesischen Werk von CF Moto in Hangzhou produziert. 2024 sollen dort etwa 40.000 KTM-Motorräder vom Band gelaufen sein. Zum Vergleich: Der indische Partner Bajaj fertigte mit 120.000 Maschinen dreimal so viele.
Die enge Zusammenarbeit mit dem chinesischen Konkurrenten stieß bei Bajaj, dem künftigen Mehrheitseigentümer, auf wenig Gegenliebe. Vor diesem Hintergrund erscheint ein mittelfristiges Ende der CF-Moto-Produktion für KTM sehr wahrscheinlich.
>>> Folgen der KTM-Insolvenz - Der bittere Neustart der Motorrad-Kultmarke
Bajaj Group: Indiens Milliarden-Familie ist die neue Macht bei KTM
Die Bajaj-Familie gehört laut Forbes 2024 zu den zehn reichsten Familien Indiens, mit einem geschätzten Vermögen von umgerechnet knapp 21 Milliarden Euro. Zum breit aufgestellten Bajaj-Konzern gehören nicht nur Bajaj Auto – sondern auch Unternehmen aus den Bereichen Finanzdienstleistungen, Versicherungen, Elektronik, Haushaltsgeräte und Tourismus.
Die Bajaj Group wurde 1926 in Mumbai von Jamnalal Bajaj gegründet, einem engen Vertrauten Mahatma Gandhis. Das Unternehmen, das heute als Bajaj Auto bekannt ist, entstand 1945 unter dem Namen Bachhraj Trading Pvt. Ltd. und hat seinen Hauptsitz in Pune, etwa 160 Kilometer von Mumbai entfernt.
Auf der offiziellen Webseite wird Bajaj Auto als das „Flaggschiff“ des Familienimperiums mit mehr als 40 verbundenen Unternehmen beschrieben. Unter der Führung von Rahul Bajaj, dem Enkel des Gründers, entwickelte sich das Unternehmen zum größten Motorradexporteur Indiens. Laut eigenen Angaben wurden über 18 Millionen Motorräder in 79 Länder exportiert. Im März 2025 war Bajaj Auto mit 30.133 verkauften elektrischen Zweirädern und einem Marktanteil von 25,8 Prozent Marktführer bei E-Bikes in Indien. Die Geschäftsführung übernahm 2005 Rajiv Bajaj.
In einem Interview mit dem indischen Wirtschaftsmagazin MoneyControl, unterstrich Rajiv Bajaj die Bedeutung der Partnerschaft mit KTM: „Für uns ist KTM ein wesentlicher Bestandteil unseres Geschäfts und sehr profitabel. Dieses Engagement wollen wir nicht leichtfertig aufgeben.“ Wie sich dieses Bekenntnis künftig auf den Standort Mattighofen auswirkt, bleibt jedoch offen – ob Bajaj künftig in Mattighofen investiert oder die Produktion verlagert, dürfte über die Zukunft der Region entscheiden.
Der Absturz von KTM: Vom Boom zur Insolvenz in nur einem Jahr
Wie kam es, dass die indische Bajaj-Familie jetzt das Steuer bei KTM übernimmt? Die Antwort liegt im dramatischen Absturz des einstigen österreichischen Motorrad-Überfliegers.
Anfang 2024 schien noch alles rund zu laufen: starke Verkaufszahlen, globale Präsenz, ein Ruf als Innovationsführer. Doch hinter der Fassade kriselte es bereits. Teure Expansionen und F&E-Projekte trafen auf einen schrumpfenden Motorradmarkt, vor allem in Europa. Konsumflaute, Inflation, Lieferengpässe und steigende Kosten fraßen an den Margen, während die Schulden explodierten.
Im Herbst platzte die Blase: Über zwei Milliarden Euro Verbindlichkeiten, offene Rechnungen, fehlende Liquidität. Ende November 2024 meldete KTM Insolvenz an und beantragte ein Sanierungsverfahren mit Eigenverwaltung. Rund 1.250 Lieferanten, Banken und 2.600 Mitarbeiter meldeten Forderungen in Höhe von etwa 2,2 Milliarden Euro an. Der Rücktritt von Langzeit-CEO Stefan Pierer besiegelte das Ende einer Ära – und leitete einen radikalen Umbau ein.
Ein im Februar von den Gläubigern mehrheitlich angenommener Sanierungsplan sieht eine Barquote von 30 Prozent vor – knapp 600 Millionen Euro, die bis spätestens 23. Mai bei Sanierungsverwalter Peter Vogl eingegangen sein müssen. Andernfalls droht der Konkurs. Um diese Summe aufzubringen, war ein starker Investor nötig. Bereits im Dezember hatte die KTM-Mutter Pierer Mobility die US-Investmentbank Citigroup mit der Suche beauftragt. Die indische Bajaj galt dabei stets als Hauptkandidat.
Das Familienunternehmen unterstützte KTM nach der Insolvenz mehrfach mit frischem Kapital, um den Neustart und die Fortführung des Werks zu sichern, das zwischen dem 13. Dezember und 17. März stillstand. Anfang Mai musste die Produktion erneut gedrosselt werden, da die Lieferketten durch die Insolvenz massiv gestört waren und Bauteile fehlten.
Die Insolvenz erschütterte nicht nur Belegschaft und Zulieferer, sondern auch das Selbstverständnis einer österreichischen Industrieikone.
KTM steht am Wendepunkt: Unter der neuen Führung von Bajaj könnte sich das traditionsreiche Unternehmen neu erfinden – doch die Frage bleibt, wie viel der Produktion und Identität in Mattighofen erhalten bleibt.