Interview

„Wir konsumieren mehr, als wir handhaben können“

Ein auf Kunststoff spezialisiertes Verpackungsunternehmen geht das Thema Nachhaltigkeit an. Philipp Lehner, CEO von Alpla, über Papierflaschen, Kompromisse in der Konsumgüterindustrie und darüber, wie man in den USA ernstgenommen wird.

Von &
Alpla Personalia Philipp Lehner Verpackungsindustrie

Wenn Unternehmen wie Coca-Cola und Danone in ihren Abfüllwerken auf Kunststoffverpackungen setzten, ist Alpla meist nicht weit. Der Verpackungsspezialist mit Hauptsitz in Vorarlberg und einem Jahresumsatz von 3,7 Milliarden stattet unterschiedlichste Branchen mit Flaschen, Verschlüssen und anderem aus, und betreibt eigene Recyclinganlagen.

Seit 2021 ist Philipp Lehner CEO des über 20.000 Mitarbeiter starken Familienunternehmens mit Standorten in zig Ländern. In dritter Generation führt er Alpla, das 1955 sein Anfang fand, als Lehners Großvater in der Waschküche Kunststoffbecher für Marmelade herstellte und Ideen für Spritzgießmaschinen spann.

© Alpla

Vater und Sohn: Günther und Philipp Lehner

White Paper zum Thema

Heute geht es vermehrt um Kreislaufwirtschaft und Recycling. Bis 2025 will Alpla zu 25 Prozent recyceltes Material verwenden. Mit ein Grund, warum die Arbeit „genau sein Ding“ sei, so Lehner.


INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Lehner, von Ihnen ist die Aussage überliefert, Sie wollten eigentlich immer schon in einem Unternehmen arbeiten, „das dreimal größer ist“ als das Ihres Vaters Günther. Mit mittlerweile über 21.600 Mitarbeitern an weltweit 180 Standorten in 45 Ländern: Hat Alpla jetzt endlich die richtige Kragenweite für Sie?
Philipp Lehner: Da haben Sie sich genau das richtige Zitat rausgesucht. Ja, das hab ich mal gesagt. Wie es so ist als Sohn eines erfolgreichen Vaters, sucht man immer den Vergleich. Und will ein Schäufchen drauflegen.

Alpla, Vorstand © Alpla/Studio Fasching

Das 2018 auf fünf Köpfe aufgestockte Alpla-Board (von links): CTO Klaus Allgäuer, CCO Nicolas Lehner, COO Walter Ritzer, CEO Philipp Lehner und CFO Ricardo Rehm.



Wie wäre es mit der Zahl der jährlich neu errichteten Werke in der Alpla Gruppe?
Lehner: An die sehr hitzige Phase der Internationalisierung Anfang der Zweitausenderjahre heranzukommen wird schwer. Damals errichtete mein Vater mit Alpla teils zehn bis 15 neue Werke im Jahr, was riesiger Anstrengungen bedurfte. Ich habe selber den Bau zweier Werke in den USA abgewickelt. Das war ein riesiger Aufwand. Im Schnitt bauen wir aber immer noch drei bis sechs neue Werke pro Jahr. Auch heuer wieder sind es sechs an der Zahl, darunter zwei in den USA und eines in Mexiko. Und nächstes Jahr wird ́s ähnlich sein. Das zieht sich fort.

„Gibt keinen klimafreundlicheren Verpackungswerkstoff als Kunststoff“

Sie sind seit Jahresbeginn CEO bei Alpla, traten damit in die Fußstapfen Ihres Vaters, der das Unternehmen in zweiter Generation seit 2006 leitete. Studiert haben Sie aber in China, London und Boston – nicht gerade um die Ecke.
Lehner: Ich höre von meinem Vater seit über 30 Jahren, wie toll es ist, so eine Firma zu leiten. Und in meiner Jugend war die Unternehmung ein ständiger Begleiter. Da geht es von Montag bis Freitag am Küchentisch um nichts anderes. Am Wochenende läuft man zusammen mit dem Großvater übers Firmengelände. Das ist nun mal die spezielle Dynamik in Unternehmerfamilien. Umso wichtiger ist es, das eigene Zentrum zu finden. Dafür bin ich nicht als Shaolin nach China gegangen. Aber es war richtig, mal den eigenen Weg zu gehen. Mir wurden Ausbildungswege ermöglicht, die habe ich dankend angenommen.

https://youtu.be/k1Kk9VK745U

Just zum Zeitpunkt Ihrer Rückkehr erfolgte im Unternehmen eine Zäsur. Der Vorstand wurde um zwei familienfremde auf fünf Mitglieder aufgestockt. Weil zu viel Familie ein Korrektiv braucht?
Lehner: Weil mein Vater im Kerngeschäft auf unnachahmliche Weise in der Tiefe unterwegs war. Fällt so ein Lenker aus dem Unternehmen raus, muss die Organisation unweigerlich nachziehen. Mir wurde die Führung des Unternehmens ja nicht übertragen, um die nächsten zwei oder drei Jahre voraus zu planen. Klar, das Kerngeschäft muss laufen. Aber ich muss ein paar Eisen ins Feuer werfen. Wie vor 15 Jahren, als Alpla mit Coca-Cola in Mexiko sein erstes Recyclingwerk aufmachte. Die Erfahrungen flossen dann in die Übernahmen von Recyclingwerken in Europa. Ende 2022 werden wir in diesem Bereich elf Standorte auf drei Kontinenten unterhalten, die über fünf Prozent zum Gesamtumsatz beitragen. Eine Erfolgsstory.

© Alpla

Alpla-Prozesswelt: Künftig könnte die Produktion über Echtzeitanalyse gemanagt werden.


Fusionen und Übernahmen werden künftig eine größere Rolle spielen. Mit dem schwedischen Unternehmen BillerudKorsnäs ging man unlängst ein Joint Venture für die Produktion von kompletten biobasierten, recyclingfähigen Papierflaschen ein. Ist das ein solches heißes Eisen?
Lehner: Die Papierflasche fällt in diese Kategorie. Wir haben jeder eine Handvoll Leute in ein Start-up reingesetzt und total eigenständig laufen lassen. Mit dem klaren Auftrag, faserbasierte Verpackungen herzustellen.

„Wichtig, das eigene Zentrum zu finden“

Und was ist hier der Stand der Dinge?
Lehner: Die Generation zwei des Produkts ist bereits erhältlich. Generation drei wird der eigentliche Quantensprung sein: Eine Verpackung, die zu fast 99 Prozent aus Faser besteht. Und bei der nur noch die Innenschicht von einem biobasierten Kunststoff überzogen ist. Damit ist die Dichtigkeit gegeben und Konsumenten müssen keinerlei Abstriche machen. Wir sind mit Vollgas dran und rechnen mit einer Marktvorstellung bis Ende 2023. Das wäre eine richtig starke Produkteinführung.

Alpla ist neuerdings zu 19 Prozent an Blue Circle Trading, einer Vertriebsfirma für zertifiziert heimkompostierbare Kaffeekapseln, beteiligt. Die Basis für eine Reihe neuer Geschäftsmodelle abseits des Kerngeschäfts?
Lehner: Hier schnuppern wir erste Erfahrungen. Da wird einiges kommen.

© Alpla

Alpla-Standort Fußbach



Wie sehr sieht sich ein Kunststoffgebindefabrikant bei der Nachhaltigkeitsdebatte in der Kritik?
Lehner: Wir sind in einer Schere, in der wir mehr konsumieren als wir hintenraus handhaben können. Die infrastrukturellen Kapazitäten im Sammelwesen von Müll wuchsen nicht mit dem Konsum mit. Da ist nun einiges zum Positiven im Wandel und wir engagieren uns, wo es geht. Im Übrigen gibt es keinen klimafreundlicheren Verpackungswerkstoff als Kunststoff. Auch bei den Kosten, der Sicherheit, Unzerbrechlichkeit und Leichtigkeit ist er der Werkstoff der Wahl.

Wie kriegen Sie die Mehrkosten für ressourcenschonendere Produkte beim Konsumgütererzeuger durch?
Lehner: Spannenderweise leben wir in einer Zeit, in der die Konsumgüterindustrie Kompromisse eingeht – im Unterschied noch zu vor zehn Jahren. Damals hätten marginal teurere, mit um die Hälfte geringerem Kunststoffanteil gefertigte Flaschen unmöglich Käufer gefunden. Die Welt war noch von anderen Maximen getrieben. Heute prüft man solche Optionen.

alpla © Deep South

Alpla-Standort Atlanta



Als einer Ihrer ersten Schritte setzten Sie ein konzernweites Projekt zur Kommunikation der Alpla-Wertewelt auf, „Führungsversprechen“ getauft. Wer taugt zur Führung?
Lehner: Führungsverantwortung kann jeder übernehmen. Da braucht es vor allem keine spezifische organisationale hierarchische Linie dafür. Das war zu meines Großvaters Zeiten so und ist auch heute noch so. Wenn wir diesen Aspekt von Firmenkultur einbüßen, dann würden wir vieles vom Zug, mit dem wir auf den Märkten wahrgenommen werden, einbüßen.

„In zehn Jahren die weltbeste Papierflasche

Wie digital muss man sich eigentlich die Zukunft eines Unternehmens wie Alpla vorstellen?
Lehner: Im Backoffice Effizienzen zu schaffen, ist schon lange Standard. Neue Wege beschreiten wir bei der Digitalisierung im Produktionsumfeld. Mit dem Dornbirner Start-up Crate.io arbeiten wir an Lösungen, mit denen wir über Echtzeitanalyse unsere Produktion managen wollen. Es gibt dann kein Warten mehr auf den Schichtbericht. An das Personal werden in Echtzeit Aktivitätsempfehlungen ausgesprochen. Das ist so ein IoT-Projekt, das großes Potenzial hat, aber auch unglaubliche Komplexität birgt.

© Alpla

Alpla-Standort Bangkok



Ihr Vater Günther meinte einmal, mit zehn bis 15 Betrieben sei man in den USA jemand, der „ernst genommen“ werde. Zwei Jahrzehnte nach Beginn der Markterschließung: Wie ernst nimmt man Alpla heute in den USA?
Lehner: Heute sind wir ein etwas größerer Fisch in einem riesigen Teich. Vom Marktvolumen sind wir immer noch eine relativ kleine Nummer. Aber mit unseren filigraneren Maschinen, die mehr Prozessflexibilität bieten als die typische Standardmaschine, haben wir uns dort mittlerweile einen Namen erarbeitet. Meine starke Annahme: Der Markt wird uns noch viel Freude bereiten.

Sie meinten, der CEO-Posten sei ein Vertrauensvorschuss. Wo liegt Alpla in zehn Jahren?
Lehner: In zehn Jahren werden wir die weltbeste Papierflasche am Markt haben; in 55 Ländern tätig sein; und wir werden jenes Industrieunternehmen im deutschsprachigen Raum sein, zu dem talentierte Führungskräfte am liebsten arbeiten kommen.