Interview

Stiwa-Automation-CEO Fuchshuber: "China versucht, Fuß zu fassen"

Stiwa Fuchshuber
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INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Fuchshuber, Sie leiten seit fast einem Jahr den Geschäftsbereich Hochleistungsautomation in der Stiwa-Gruppe. Und dieser unterliegt einem Wandel: High-End-Automatisierung bekommt am Markt Konkurrenz durch einfachere, flexiblere Automatisierungslösungen. Wieweit ist Ihr klassisches Geschäftsmodell in Bedrängnis?

Michael Fuchshuber: Wir sind nicht in Bedrängnis. Es bedarf aber sehr wohl einer Ergänzung und Abrundung des Geschäftsmodells. Wir brauchen Lösungen für kleinere Stückzahlen. Die Lebenszyklen der Produkte unserer Kunden werden kürzer, der Hochlauf wird unsicherer, folglich braucht es flexiblere Lösungen - auch für Randprodukte, die dennoch im Portfolio des Kunden mitangeboten werden müssen. Diese sehe ich aber nicht ersetzend, sondern ergänzend zur Hochleistungsautomation.

Sie müssen Ihr Geschäftsmodell hinterfragen. Man hört, Sie befinden sich in einer Art Neuausrichtung der Sparte. Wo steht man?

Fuchshuber: Der Prozess läuft. Unsere Stärke ist die Hochleistungsautomation. Die Automatisierung einer Abfolge sehr vieler Inhalte, die in sehr kurzen Zyklen zu erledigen sind - wie etwa bei der Montage eines Lenkgetriebes. Dort sind rund einhundert Prozessschritte im teilweise Zehntelsekundentakt abzubilden - vom Schrauben bis zur End-of-Line-Prüfung.

Und dann gibt es die Automatisierung für kleine Stückzahlen, etwa für Taktzeiten größer zehn Sekunden. Einen Bereich, in dem Anbieter einen Katalog eines Komponentenherstellers aufschlagen und dem Kunden auf Basis dessen eine Anlage zusammenbauen. Für diese vergleichsweise einfachen, weniger zeitkritischen Anwendungen finden Sie am Markt zig Anbieter. Der Preiskampf ist entsprechend hoch.

Und in diesem Segment wollen Sie mitmischen? Macht Stiwa jetzt auch Low-cost-Automation?

Fuchshuber: Low-cost-Automation ist definitiv nicht unser Ansatz. Wir orientieren uns immer an den Gesamtkosten für das Produkt und somit an den Kosten der gesamten Anlagenlebensdauer. Und wenn diese nur auf ein oder zwei Jahre ausgerichtet ist, weil das Geschäft des Kunden einen schnellen Wandel durchmacht, ist diese Form der Automatisierung eine mögliche Antwort. Dann greifen auch wir teilweise in den Katalog. Allerdings bleiben wir dem High-performance-Bereich auch hier treu. Die Flexibilität kommt über flexibel wiederverwendbare Module eines Baukastens.

Eine Idee ist, sich punktuell von der Lineartechnik zu verabschieden und einfachere Roboter in die Anlagen zu integrieren.

Fuchshuber: Die Lineartechnik ist ganz klar der Favorit, wenn es um Hochleistungsautomation geht. Roboter bieten eine gewisse Flexibilität. Sie sind weniger schnell, es lassen sich aber wesentliche Funktionen wie die Aufnahme eines Werkstücks, die Ablage dessen in einem Werkstückträger sowie die Ausführung einzelner Montageoperationen umsetzen. Startet das in einer ersten Anlaufstückzahl gefertigte Produkt in der Folge durch, lassen sich diese Roboter in einer größeren Montagelinie - oder für neue Produkte - in abgewandelter Form verwerten. Diese Nachnutzung peilen wir ganz massiv an.

Sind solche Lösungen schon ansatzweise abgebildet?

Fuchshuber: Wir schrauben an einem Prototypenkonzept, das wir 2022 in die Realität umsetzen. Und dabei ist die Stiwa Gruppe selbst erster Auftraggeber. Wir werden die modulare Automatisierungstechnik für die ersten Kleinserien eines haptischen Bedienelements liefern, das unsere Innovationsschwester Stiwa Advanced Products entwickelt hat und im Zulieferwerk Gampern produzieren wird.

Welche Eingriffe in der Systemtechnik wird es geben?

Fuchshuber: Vieles von der Komplexität der Hardware wollen wir in Software überführen. Software ist flexibel, Hardware ist kostenintensiv. Etwa der Anlagenschutz. Der ist zwingend erforderlich, um den Mitarbeiterschutz zu garantieren, aber er ist nicht wertschöpfend. Es gibt auch Softwarelösungen, die diesen substitutieren können. Wir sind in einer Phase der Recherche und des Abwägens. Unser Anlagenbau wird, wie auch bisher, sicher bleiben und alle Normenvorgaben erfüllen.

Denken Sie bei der Hinwendung zu neuen Automatisierungskonzepten speziell auch an Märkte wie Mitteleuropa?

Fuchshuber: Auch wenn wir mit Niederlassungen in China und USA global tätig sind, unsere Hauptkunden und Systempartner sind in der Tat in Europa tätig. Und dort wollen wir mit neuen Konzepten punkten. Ein Fokus für die kommenden Jahr ist jedoch der nordamerikanische Raum. Mit modulareren Lösungen bieten sich dort spannende Möglichkeiten einer Markteroberung.

Man hört von namhaften Unternehmen, die sich Anlagentechnik mittlerweile global - also auch in China - zusammenkaufen. Wie stark sind die Chinesen im Anlagenbau?

Fuchshuber: Unsere chinesischen Mitbewerber schlagen sich sehr gut. Sie setzen auf einfachere Lösungen, sind gut in der Elektronik, das ist kein Geheimnis. Und, das betrifft uns dann schon eher, sie versuchen, in der Hochleistungsautomation Fuß zu fassen. Unsere Kunden aber signalisieren uns sehr deutlich: Was Anlagenverfügbarkeit, Effizienz und den digitalen Durchdringungsgrad betrifft, spielen wir in einer eigenen Liga. Diese Grundsätze werfen wir nicht über Bord.

Wie darf ich mir das eigentlich vorstellen: Wird vom Nullpunkt aus neu entwickelt? Oder sind es eher kleinere Redesigns bestehender Anlagenkonzepte?

Fuchshuber: Es ist ein Mix aus inkrementeller und disruptiver Innovation. Wir vollziehen keine 180-Grad-Wende. In unsere Entwicklungslandschaft fließt laufend ein mehrstelliger Milllionen-Euro-Betrag, das ist sicher ausschlaggebend. Und wir arbeiten organisationsübergreifend stark zusammen.

Mit Ihrem Geschäftsführerkollegen Josef Brandmayr, der die Stiwa Advanced Products leitet, verbindet Sie einiges: Sie entstammen beide derselben Alterskohorte und sind fast zeitgleich ins Unternehmen eingetreten. Wie gehen Sie beide mit Veränderungsdruck um?

Fuchshuber: Wir ergänzen uns gut. So wie wir das Projekt für Bedienelemente vorantreiben, suchen wir auch bei der additiven Fertigung das Verbindende. Da gibt es natürlich viel zu diskutieren. Er kommt aus der Produktionswelt und ist durch die tägliche Bedürfnissen des Dreischichtbetriebs gestählt. Und wir liefern die Automation dafür. Das ist ganz klar unser Alleinstellungsmerkmal, das Know How und Zusammenspiel der drei Geschäftsfelder Automation, Produktion und Software.

Um die Innovation voranzutreiben, gründete Stiwa mit der Montafoner Technologieschmiede Inventus das Startup Xeeltech. Gibt es da auch einen Brückenschlag zur Hochleistungsautomation?

Fuchshuber: Klare Antwort: Ja. Wir profitieren unweigerlich von den Inputs, die sich aus dem Joint-Venture ergeben.

Mit einer Radikalität, wie es auch die Kollegen in Gampern tun?

Fuchshuber: Teils sicher, ja. Da gibt es durchaus disruptive Ansätze bei einzelnen Komponenten in unserem Baukasten.

Im Gamperner Werk fährt man trotz guter Auftragslage wieder Kurzarbeit, die Materialengpässe bremsen die Zuliefersparte. Wie läuft es in der Automatisierungssparte?

Fuchshuber: Bei Antrieben oder Mikrocomputern schießen auch bei unseren Lieferanten die Lieferzeiten nach oben. Deshalb verzeichnen wir auch im Anlagenbau eine gewisse Unsicherheit. Die Auftragslage ist aber wie in Gampern weiterhin sehr gut: Die Bereiche Healthcare und Modern Living liegen deutlich über dem Schnitt.

Wieweit gelingt es eigentlich heute schon, Formen der Servicedigitalisierung - also

Nutzungsformen wie pay per use - zu Geld zu machen?

Fuchshuber: Wir sind für alle Finanzierungformen offen. Pay per use ist immer wieder ein Schlagwort - vor allem in den USA. Im Moment zirkuliert so viel Geld in der Wirtschaft, dass das klassische Investitionsgütergeschäft bei vielen Kunden Vorrang hat.