Hintergrund

Rücktritt bei ABB: Wenn der Kapitän auf hoher See von Bord muss

Ulrich Spiesshofer muss gehen - mitten im größten Umbau von ABB und gar nicht so einvernehmlich, wie es die offizielle Mitteilung glauben lassen will.

Mitten im größten Umbau der langen Firmengeschichte von ABB wechselt der Elektrotechnikkonzern überraschend den Chef aus. Ulrich Spiesshofer gibt seinen Posten mit sofortiger Wirkung ab und wird von Verwaltungsratspräsident Peter Voser beerbt. Voser, der früher schon Finanzvorstand bei ABB sowie Vorstand von Shell war, will nur vorübergehend bleiben, bis ein dauerhafter Nachfolger gefunden ist.

Offiziell geht Spiesshofer "einvernehmlich"

ABB stellte den abrupten Abgang des deutsch-schweizerischen Doppelstaatsbürgers als einvernehmliche Entscheidung dar. Dabei hat sich der Topmanager nun offenbar noch gar keine nachfolgende Beschäftigung gesucht: "Ich werde jetzt eine Auszeit nehmen, bevor ich über das nächste Kapitel meines Berufslebens entscheide", meint der 55-Jährige. Um seine materielle Situation muss man sich freilich keine Sorgen machen. Spiesshofers Jahresgehalt für 2018 belief sich auf 8,5 Mio. Franken oder umgerechnet 7,5 Mio. Euro.

"Bei ABB kommt es zum Eklat"

Trotzdem berichten Insider, dass der Abgang alles andere als friedlich - und freiwillig - erfolgt ist. "Bei ABB kommt es zum Eklat", berichten sowohl der Rundfunksender SRF als auch die "Luzerner Zeitung" den völlig unvorbereiteten und sofortigen Rücktritt beim Industrietanker. Der neue Konzernchef Peter Voser habe in der Telefonkonferenz durchblicken lassen, dass ABB vor fundamentalen Veränderungen stehe - und Spiesshofer nicht mehr zu dieser Strategie passe.

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Trotzdem kommt die Entscheidung mitten im größten Konzernumbau von ABB völlig unerwartet. "Ist der neue Chef einmal da, ist er ein Neuling inmitten eines fundamentalen Wandels. Da kann man sich schon fragen, was Voser geritten hat", so der Kommentar der "Luzerner Zeitung".

Ein Industriemanager alter Schule passt nicht mehr

"Ulrich Spiesshofer ist ein Industriemanager von altem Schrot und Korn", kommentiert die Schweizer "Blick". Der Deutsche, der sich schon vor Jahren um die Schweizer Staatsbürgerschaft bemüht hat, habe die Zügel bei ABB straff geführt, habe alles wissen wollen und über vieles Bescheid gewusst. Auch habe sich Spiesshofer innerhalb des Konzerns hochgedient. "Seine Begeisterung für Technik ist ansteckend." Doch nicht mehr exzellente Technologien und Maschinen sollen künftig das Fundament des traditionsreichen Industrieriesen sein, sondern digitale Systeme und Dienstleistungen, so die Zeitung weiter. Gesucht sei daher "ein ganz neuer Typus Chef, einer, der nicht einmal zwingend aus der Industrie kommen muss."

Gutes Verhältnis zum Finanzmarkt offenbar wichtiger als Wissen um industrielle Abläufe

Und auch das Wissen um industrielle Abläufe wird offenbar weniger wichtig als das Wissen um die Regeln der Finanzmärkte. Denn Eingeweihten zufolge ist Spiesshofer vor allem am schwindenden Rückhalt bei den Großanlegern gescheitert, denen die Rendite in den vergangenen Jahren nicht gereicht hat - und am Ende der Geduldsfaden riss.

"Wenn wir unsere Performance über die vergangenen Jahre mit den Wettbewerbern vergleichen, sind wir nicht, wo wir gerne wären," erklärte Voser in einer Telefonkonferenz. Dies lässt sich auch an der Kursentwicklung ablesen. Während die ABB-Aktie seit Spiesshofers Amtsantritt 2013 an Boden verlor, legten die europäischen Industrietitel insgesamt deutlich zu.

Geldgeber an den Börsen wollen keine breit aufgestellten Konzerne

Dabei ist der Schweizer Konzern auch ein Beispiel dafür, welche Skepsis breit aufgestellten Industriekonglomeraten an der Börse entgegenschlägt. Auf den Führungswechsel reagierte die ABB-Aktie mit einer Erholungsrally und gewann über fünf Prozent an Wert.

Die häufigen Chefwechsel bei ABB in den vergangenen 20 Jahren habe ABB gebremst, erklärten die JP Morgan-Analysten. Die Darstellung, dass ABB bestens aufgestellt sei, um von Megatrends wie Automatisierung und Digitalisierung zu profitieren, halte angesichts von rückläufigen operativen Ergebnissen einem Vergleich mit der Realität nicht stand.

Die Beispiele GE und Siemens

Wie gefährlich ein zu zögerliches Vorgehen beim Umbau von Industrieunternehmen sein kann, zeigt auch das Beispiel General Electric, wo Konzernchef John Flannery Anfang Oktober nach nur 14 Monaten vor die Tür gesetzt wurde. Besser geschlagen hat sich Siemens-Chef Joe Kaeser. Mit einer neuen Konzernstruktur will er auf die Abneigung der Kapitalmärkte gegen Konglomerate reagieren und gleichzeitig Umsatzwachstum und Rendite verbessern.

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Einsatz von Spiesshofer war enorm

© ABB

Dabei hatte Spiesshofer, ein früherer Unternehmensberater mit einem Jahresgehald von zuletzt 7,5 Millionen Euro, nichts unversucht gelassen, um ABB auf Kurs zu bringen: Er drückte ein milliardenschweres Sparprogramm durch und stemmte zwei größere Übernahmen.

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Die zweite eine Sparte von GE:
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Auch richtete Spiesshofer die Firma stärker auf die Digitalisierung aus. Inzwischen produziert ABB etwa Ladestationen für Elektrofahrzeuge, Automationssoftware, Roboter und Antriebe. Doch das Wachstum kam erst gegen Ende seiner Amtszeit in Gang - zu wenig und zu spät, wie sich jetzt zeigte. Einen guten Teil steuerte übrigens der Innnviertler Automatisierer B&R bei: Umsatzplus bei ABB: "Wesentlicher Beitrag" kommt von B&R >>

Im Geschäftsjahr 2018 schaffte ABB ein bereinigtes Umsatzwachstum von 4 Prozent auf 27,7 Mrd. Dollar (24,5 Mrd. Euro. Damit erreichte der Konzern erstmals seit 2013 das eigene Ziel eines Anstiegs von drei bis sechs Prozent. Im ersten Quartal 2019 hielt das Wachstumstempo an, allerdings sank der Gewinn um sechs Prozent auf 535 Mio. Dollar.

Agressiv auftretende Finanzfirma Cevian: Immer für Zerschlagung

Vor allem aber gab Spiesshofer nach langem Widerstand dem Drängen des aktivistischen Investors Cevian nach und verkaufte im Dezember für 9,1 Mrd. Dollar die Stromnetzsparte an die japanische Hitachi.

Details dazu:
ABB wird seine größte Sparte tatsächlich verkaufen >>  
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Gleichzeitig stieß Spiesshofer einen neuen Umbau an, mit der die komplizierte Organisationsstruktur vereinfacht werden soll. Doch es half alles nichts, der Aktienkurs hob nicht ab. "Das war ein Weckruf, den letzten verfügbaren Stellhebel umzulegen", erklärte eine mit der Situation vertraute Person. "Das war dann eben der CEO."

Der Wechsel wurde auch vom größten ABB-Eigner, der schwedischen Wallenberg-Familie, getragen. "Jetzt ist die richtige Zeit für eine neue Person am Ruder, um die neue Strategie umzusetzen und die Finanzziele zu erreichen", hieß es in einer Stellungnahme ihrer Holdinggesellschaft Investor.

Neuer ABB-Chef Voser will nur vorübergehend übernehmen

Der 61-jährige Voser, der schon einmal ABB-Finanzchef und von 2009 bis 2013 Vorstandschef des Erdölkonzerns Shell war, will einen Kulturwandel herbeiführen, der Jahre dauern dürfte. "Wir suchen nach einer Führung, die fünf Jahre da ist", erklärte Voser. ABB habe die Suche erst eingeleitet und halte im Unternehmen und auch außerhalb Ausschau. Er selbst schloss aus, die Aufgabe dauerhaft zu übernehmen. 

Einzelne Sparten bekommen mehr Spielraum - neuer Konzernchef weniger

Im Zuge der Reorganisation sollen die einzelnen Divisionen mehr Spielraum erhalten. Im Verwaltungsrat reifte offenbar die Erkenntnis, dass Spiesshofer nicht den richtigen Führungsstil hatte, um diesen Wandel zu vollziehen. So hatte er einem Insider zufolge die Neigung, zu stark ins Tagesgeschäft einzugreifen.

"Wozu braucht es ABB noch?"

Eine andere Sicht auf die Dinge vertritt die "Luzerner Zeitung". Denn möglicherweise hat sich Spiesshofer auch einfach dagegen gewehrt, dass die Aufstellung von ABB als großer Konzern immer stärker bekämpft wird. Wenn die Spartenchefs jetzt deutlich immer mehr Macht bekämen und die Sparten immer eigenständiger würden, so die Zeitung: "Wozu braucht es ABB noch? Was hält die Divisionen zusammen? Eine Antwort darauf gab ein neuer Grossaktionär: Nichts mehr. Er forderte weitere Verkäufe von Divisionen."

Genau diese Forderung habe Interimschef Voser diese Woche beiseite gewischt, so die Zeitung. Doch die Diskussion erinnert sehr stark an die Diskussion um die Stromnetzsparte - sie gehört inzwischen dem japanischen Konkurrenten Hitachi. Gerade arbeitet ABB gemeinsam mit den Japanern an der Abspaltung seiner einst größten Division. Nächstes Jahr soll die Trennung endgültig vollzogen sein. (red mit reuters/apa)

INDUSTRIEMAGAZIN Nachlese:
"Die industrielle Logik muss da sein": ABB-Chef Spiesshofer im Interview >>  
Nach der Übernahme: So läuft der Standortausbau bei B&R >>

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