Rohstoffe : Lenzing schwächelt und strebt Milliarden-EBITDA an

Auch für Lenzing verschlechterte sich das Marktumfeld zuletzt drastisch. Bis 2027 will die Gruppe aber ihr EBITDA auf über eine Milliarde Euro steigern.
- © FRANZ NEUMAYRDie Lenzing Gruppe, Hersteller von Spezialfasern für die Textil- und Vliesstoffindustrien, war in den ersten drei Quartalen 2022 wie die gesamte verarbeitende Industrie zunehmend von den extremen Entwicklungen an den globalen Energie- und Rohstoffmärkten betroffen. Insbesondere im Verlauf des dritten Quartals verschlechterte sich das Marktumfeld drastisch.
„Wir erleben Verwerfungen an den Energie- und Rohstoffmärkten, die das Konsumklima belasten und unsere Sicht auf die kurz- bis mittelfristige Geschäftsentwicklung deutlich einschränken. Wir sind daher gefordert, unsere Anstrengungen zu verstärken, um diese Situation zu meistern und die internationale Wettbewerbsfähigkeit der Lenzing weiter auszubauen, sagt Stephan Sielaff, Vorstandsvorsitzender der Lenzing Gruppe.
Der Vorstand des Unternehmens hat daher nun ein globales Programm zur
Reorganisation und Kostensenkung aufgesetzt. Es ist bereits in
Umsetzung und soll nach vollständiger Implementierung annualisiert
mindestens 70 Millionen Euro an Kosten einsparen.
Der Brutto-Cashflow verringerte sich in den ersten drei Quartalen 2022 um
17,6 Prozent auf 248,2 Millionen Euro. Dieser Rückgang ist vor allem auf die
Kostenentwicklung zurückzuführen. Der Free Cashflow lag
insbesondere aufgrund der Investitionstätigkeit im Rahmen des
Zellstoffprojekts in Brasilien bei minus 495,8 Millionen Euro. Das weiterhin hohe Niveau des Investitionsvolumens ist primär auf die Fertigstellung des
Zellstoffprojekts in Brasilien zurückzuführen.
Die erfolgreiche Inbetriebnahme der beiden Schlüsselprojekte in Thailand
und Brasilien sowie die Umsetzung der Projekte an den bestehenden
Standorten in China und Indonesien stellten in den ersten drei Quartalen
2022 die Schwerpunkte der Investitionsaktivitäten der Lenzing dar. Mit der
Eröffnung des Lyocellwerks in Thailand im ersten Quartal 2022 erhöht Lenzing laut eigenen Angaben den Spezialitätenanteil deutlich und kann damit die strukturell wachsende Nachfrage nach Lyocellfasern der Marke besser bedienen. Die Produktionsanlage ist mit einer Nennkapazität von 100.000 Tonnen pro Jahr die größte ihrer Art weltweit.

Standort-Investitionen: Mehr Kapazitäten, mehr Erneuerbare
In China und Indonesien investiert Lenzing derzeit mehr als 200 Millionen Euro, um bestehende Kapazitäten für Standardviscose in Kapazitäten für
umweltverträgliche Spezialfasern umzuwandeln. In Nanjing arbeitet Lenzing
an der Konvertierung einer Linie auf die Herstellung von Modalfasern. Das
Produktportfolio des chinesischen Standortes wird damit per Ende 2022
gänzlich aus Spezialfasern bestehen. In Purwakarta schafft Lenzing
zusätzliche Kapazitäten. Der indonesische Standort wird im Jahr 2023 zum reinen Spezialviscose-Anbieter.
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Lenzing will seinen Wachstumskurs nach der Umsetzung der Projekte in Thailand und Brasilien fortsetzen, den Fokus auf nachhaltige Premium-Fasern für Textilien und Vliesstoffe schärfen und den Übergang zur Kreislaufwirtschaft weiter forcieren. Ein gesundes wirtschaftliches Umfeld vorausgesetzt, will das Unternehmen sein EBITDA bis 2027 auf über eine Milliarde Euro deutlich steigern.
Im Zuge dieser Investitionen werden beide Standorte schrittweise auf
erneuerbare Energie umgestellt. Im dritten Quartal 2022 erfolgte in China
und in Indonesien die Umstellung auf Grünstrom. Das neue
Lyocellwerk in Thailand wird CO2-neutral betrieben. Lenzing will seine
CO2-Emissionen bis 2030 um 50 Prozent reduzieren und bis 2050 eine
Netto-Null erreichen. 2019 war das Unternehmen der weltweit erste Hersteller holzbasierter Cellulosefasern, dessen Klimaziele wissenschaftlich
bestätigt wurden.
Mit dem neuen Zellstoffwerk in Brasilien speist Lenzing mehr als 50 Prozent des erzeugten Stroms als erneuerbare Energie ins öffentliche Netz ein. Die Phase des Hochfahrens der Anlage wird voraussichtlich bis Ende 2022 abgeschlossen sein. Die ersten produzierten Mengen konnten bereits am Markt platziert werden.
Um sich unabhängiger von globalen Energiemärkten zu machen, setzt Lenzing auch in Österreich noch stärker auf Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien. Mehrere Photovoltaikanlagen wurden am
Standort in Oberösterreich errichtet. Die Freiflächenanlage ist mit
einer Leistung von 5,6 MWp die größte ihrer Art im gesamten Bundesland, sagt das Unternehmen.