Digitalisierung

Digitalisierung: Industriemanager sehen Hype mit Skepsis

Wie groß ist im Alltag der Industrie der tatsächliche Nutzen kollaborierender Roboter, künstlicher Intelligenz, Big Data und Blockchain? In einer Umfrage im Auftrag von Festo Österreich gibt sich eine Mehrheit heimischer Manager skeptisch. Ein Alarmzeichen, meint der Automatisierungsspezialist.

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In Österreichs Industrie herrscht eine hervorragende Auftragslage und eine hohe Zufriedenheit mit dem Standort. Trotzdem gibt es noch große Optimierungspotenziale bei der Digitalisierung. Das ist die Schlussfolgerung, die der Automatisierungsspezialist Festo aus einer Umfrage unter heimischen Managern zieht.

Große Zuversicht und volle Auftragsbücher

Dazu befragte heuer die Firma Makam Research im Auftrag von Festo Österreich Führungskräfte von knapp 200 heimischen Industriebetrieben. Die Themen: Aktuelle Auftragslage und Einschätzungen zum Wirtschaftsstandort Österreich sowie zur Einführung neuer Technologien auf dem Weg der digitalen Transformation. Die Ergebnisse daraus veröffentlicht Festo jährlich im sogenannten „Trendbarometer“.

Dieses Jahr fallen die Antworten ambivalent aus. Einerseits sagt die große Mehrheit der Befragten, die aktuelle Auftragslage sei in etwa gleich wie im Vorjahr oder besser. Nur acht Prozent meinen, sie habe sich verschlechtert. Auch geben 73 Prozent der Befragten an, in ihrem Unternehmen sei in Zukunft Wachstum geplant. Den Standort Österreich bewerten neun von zehn befragten Managern als positiv.

Andererseits rückt der „Trendbarometer“ auch die Einführung von vier als besonders disruptiv geltenden Technologien in den Mittelpunkt: Kollaborierende Roboter, Big Data, künstliche Intelligenz und Blockchain. Diese Technologien würden gerade Strukturen und Abläufe in der Produktion grundlegend verändern, so Studienleiter Christian Dominko von Makam Research: „Die herstellende Industrie ist wie kaum eine andere Branche von diesem Wandel betroffen.“

Große Mehrheit der Befragten sieht den Hype mit Skepsis

Und hier zeigt sich, dass zwar 47 Prozent der Befragten in den kommenden Jahren beim Einsatz neuer Technologien mit Einsparungen rechnen – aber ein hoher Anteil von ihnen dem Hype um die genannten Technologien nicht so recht folgen will.

So glauben ganze 63 Prozent der befragten Führungskräfte nicht an die Vorteile, die Unternehmensberater üblicherweise beim Thema Big Data versprechen. Auch rechnen 56 Prozent nicht damit, dass kollaborierende Roboter in Zukunft relevanter werden als heute – etwa, weil die Schnittstellen zwischen Mensch und Maschine möglicherweise weiterhin für Fehler und Verzögerungen anfällig bleiben. Künstliche Intelligenz halten 63 Prozent der Befragten für wenig oder gar nicht relevant für ihren Produktionsalltag. Und Blockchain schließlich halten beachtliche 83 Prozent für wenig oder gar nicht relevant.

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Industrie ist keineswegs untätig

Nun lässt sich aus den Antworten keineswegs herauslesen, dass heimische Industriebetriebe bei der Digitalisierung untätig sind. So planen knapp 40 Prozent der Befragten eine Umgestaltung der gesamten Produktion nach neuen Prozessen. Etwa gleich viele wollen ihre Produktionskosten über die Qualifizierung von Mitarbeitern senken. Sichtbar wird der Wandel auch im hohen Bedarf nach Fortbildungen. 97 Prozent der Befragten geben an, dass die Budgets ihres Unternehmens für Aus- und Fortbildungen in Zukunft gleich bleiben oder steigen werden.

Festo: Alarmierende Ergebnisse

Trotzdem interpretiert Festo die Befunde als einen deutlichen Grund zur Sorge. „Die Ergebnisse sind aus unserer Sicht alarmierend: Den Unternehmen geht es gut, die Auftragslage ist stabil, man will wachsen. Aber neue Technologien und die damit verbundenen Veränderungen im Unternehmensalltag sind oft noch Fremdworte“, sagt Rainer Ostermann, Geschäftsführer von Festo Österreich. Die Industrie müsse ihre „4.0 Startposition“ verlassen, lautet daher sein Appell an heimische Hersteller: „Nur ,ready' sein reicht nicht. Bei der Digitalisierung befinden sich Märkte wie die USA und China schon lange in der Umsetzungsphase und verschaffen sich einen Vorteil, den wir möglicherweise nur mehr schwer einholen können.“

Festo, Festo, Österreich, Rainer, Ostermann © Martina Draper

Rainer Ostermann, Festo Österreich: „Nur ,ready' sein reicht nicht."

Fachkräftemangel: Für jeden zweiten Befragten ein Problem

Eine andere Schwierigkeit auf dem Weg der digitalen Transformation ist das Fehlen geeigneter Fachkräfte. Ein Viertel der Befragten bestätigt, der Technikermangel sei ein großes Problem, für 31 Prozent ist es „ein gewisses Problem“, während das Thema für 44 Prozent keine Schwierigkeit darstellt.

Eine exakte Definition, ab wann von einem Fachkräftemangel die Rede sein kann, liefert die Analyse nicht, wie Studienautor Christian Dominko zugibt. Tatsächlich stimmt das Bild in der Öffentlichkeit nicht immer mit der Wirklichkeit überein. Während die Wirtschaft überall einen großen Fachkräftemangel beklagt, kommen in Wien auf eine offene Stelle 15 Bewerber, wie aktuelle Zahlen der Wirtschaftskammer belegen. In Oberösterreich dagegen ist der Fachkräftemangel Realität – hier sind es der Statistik nach 1,6 Bewerber pro offene Stelle.

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Beim Mangel an Lehrlingen schließlich scheint die Industrie selbst nicht ganz unschuldig zu sein: 53 Prozent der Befragten geben an, im eigenen Betrieb keine Lehrlingen auszubilden.

Drei Forderungen an die Industrie

Daraus formuliert Rainer Ostermann von Festo Österreich drei Forderungen an die heimische Industrie und teilweise auch an die Politik: Erstens, „die Theorie von Industrie 4.0 praktisch auf den Boden“ zu bringen. Zweitens, im eigenen Betrieb die Einführung neuer, auf die Digitalisierung ausgerichteter Berufe zu forcieren. Und drittens, noch stärker als bisher auf die Weiterbildung der Mitarbeiter zu setzen.

Der letzte Punkt ist nicht ganz ohne Eigennutz: Festo, ein Konzern mit Zentrale in Süddeutschland, 148 Mitarbeitern in Österreich und rund 20.100 weltweit, ist nicht nur ein international tätiger Spezialist für Automatisierungstechnik – sondern auch Weltmarktführer in der technischen Aus- und Fortbildung.

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