Russland/Ukraine : Europäische und österreichische Lieferketten – alle News auf einen Blick

Leitungen einer Öl- und Gasanlage im Winter

Mehrere Reedereien – darunter Hapag-Lloyd und Maersk – steuern derzeit keine ukrainischen Häfen mehr an.

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Der Materialmangel sowie Problemen in den Lieferketten in der österreichischen Industrie könnte sich in Folge des Ukraine-Kriegs noch weiter verschärfen. Auch ganz neue Versorgungsprobleme werden wohl entstehen.

Erste Engpässe direkt durch den Krieg sind in Europa bereits bemerkbar. Zum einen sind Zugverbindungen beeinträchtigt, teils sogar gänzlich unterbrochen. Umfahrungen der Ukraine und Russland würden viel Zeit in Anspruch nehmen, die Transportkosten also weiter steigen.

Ebenfalls Auswirkungen auf Lieferungen haben natürlich die großräumigen Luftraumsperren, mehr dazu später. Weiters steuern mehrere Reedereien – darunter Hapag-Lloyd und Maersk – derzeit keine ukrainischen Häfen mehr an.

Der ohnedies massive Fahrermangel in der Lieferbranche verschlimmert sich, da viele ukrainische Fahrer – vor allem in polnischen Transportunternehmen – derzeit ausfallen. Viele Logistiker stellen ihre Routen nach Russland und in die Ukraine außerdem ein. Die Deutsche Bahn-Logistiktochter DB Schenker stellt ihre Sendungen nach Russland vorerst ein. Dies gelte ab sofort für Land-, Luft- und Seefracht, sagte ein Firmensprecher am Mittwochabend in Essen. Die Konkurrenten DHL sowie Kühne + Nagel hatten diesen Schritt ebenfalls vollzogen.


Arbeitskräftemangel und Materialmangel als Hemmnisse in der Industrieproduktion Österreichs, Anteil der Unternehmen (in %) mit diesem Hemmnis
Materialengpässe und Arbeitskräftemangel hemmen die österreichischen Produktionen. Durch den Russland-Ukraine-Krieg fallen weitere Lieferungen und Lkw-Fahrer aus. - © Europäische Kommission

Auswirkungen auf Industriezweige

In Österreich spürt fast die Hälfte der Industrieunternehmen Materialengpässe in der Produktion. Seit Aufzeichnungsbeginn war die Knappheit noch nie so hoch wie in den letzten beiden Quartalen. Aufgrund hoher Auftragseingänge und gleichzeitigen Lieferengpässen wurden viele Lagerbestände aus Rohstoffen und Vorprodukten zuletzt aus Vorsichtsgründen weiter vergrößert. Lesen Sie hier mehr zu den Auswirkungen auf österreichische Betriebe.

Besonders betroffen sind die Autoindustrie – deutsche Autobauer etwa halten 49 Fertigungsstandorte von Zulieferern und Herstellern in Russland und der Ukraine – und der Maschinenbau. Wie sich der Krieg hier weiter auswirken könnte, sieht man schon allein am Rohstoff Palladium, welcher für Autokatalysatoren benötigt wird. Laut Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK), Peter Adrian, ist Russland hinter Südafrika hier die Nummer 2 auf dem Weltmarkt.

"Wenn das nicht mehr aus Russland geliefert werden kann, drohen in einzelnen Wirtschaftssektoren massive Störungen. Dann entsteht tatsächlich die Gefahr, dass es zu Lieferverzögerungen bei Autos kommen kann", sagte Adrian.

Betroffen von Materialengpässen, die sich nun noch verschlimmern könnten, sind aber praktisch alle Branchen, besonders auch die Hersteller von Datenverarbeitungsgeräten und elektrischen Ausrüstungen. Für die Industrie bleibt es schwierig, die gute Auftragslage in Produktion umzusetzen.

Die deutsche Industrie befürchtet Engpässe bei Rohstoffen sowie Preissteigerungen. Industriepräsident Siegfried Russwurm sagte, die Lage sei unübersichtlich. "Aktuell nehmen Lieferengpässe bei Rohstoffen und Zwischengütern nach einigen Wochen der Entspannung an den Märkten deutlich zu. Der Krieg in der Ukraine sorgt in Unternehmen für zusätzliche große Unsicherheit beim Import von Rohmetallen und metallhaltigen Vorstoffen."

Es seien größere Engpässe für kritische Rohstoffe absehbar, etwa im Bereich der Elektromobilität, so Russwurm. "Wir müssen mit weiteren empfindlichen Preissteigerungen rechnen. Die Industrie ist besorgt über den Materialmangel, aber wir wissen natürlich, wer für diese Situation Verantwortung trägt, und müssen damit umgehen."

Auswirkungen auf Schiffstransporte

Der Hamburger Hafen rechnet mit spürbaren Auswirkungen der Sanktionen gegen Russland. Welche genau, genau könne man aber "finalisiert noch nicht sagen", sagte Hamburgs Wirtschaftssenator Michael Westhagemann, am Montag. "Wir müssen ehrlicherweise abwarten, welche Unternehmen betroffen sein werden."

Der Containerverkehr zwischen Deutschlands größtem Seehafen und Russland war nach Angaben der Marketinggesellschaft des Hafens bereits nach 2014 und den Sanktionen wegen der russischen Annexion der Halbinsel Krim um etwa die Hälfte auf rund 300.000 Standardcontainer (TEU) eingebrochen. Deutlich größer als die Containerverkehre sei der Umschlag von Massengut wie Kohle und Holz, sagte der Vorstand der Marketinggesellschaft, Axel Mattern. Zahlen dazu nannte er nicht.

Aktuell gibt es den Angaben zufolge zehn Liniendienste zwischen dem Hamburger Hafen und Russland, sieben davon mit St. Petersburg, die anderen mit Kaliningrad, dem früheren Königsberg. "Wir haben keine Informationen über betriebliche Einschränkungen", hieß es.

Die dänische Containerreederei Maersk den Großteil der Transporte von und nach Russland gestoppt. "Da die Stabilität und Sicherheit unseres Betriebs direkt und indirekt schon durch die Sanktionen beeinflusst wird, werden neue Maersk-Buchungen über See und Land nach und von Russland vorübergehend ausgesetzt", teilte der Konzern mit Sitz in Kopenhagen am Dienstag mit.

Ausgenommen sind Lebensmittel, medizinische und humanitäre Lieferungen. Einen Buchungsstopp für die Ukraine hatte Maersk bereits am Donnerstag bekanntgegeben.

Auch die Hamburger Reederei Hapag-Llloyd hatte in der vergangenen Woche eine vorübergehende Buchungssperre für Russland und die Ukraine beschlossen.

Russischen Schiffen droht indes ein Einlaufverbot in Häfen in der EU, wie EU-Beamte am Sonntag in Brüssel bestätigt hatten. Ein Beschluss hierzu steht jedoch noch aus. "Es gibt aktuell noch keine eindeutige Regelung", man rechne aber "in Kürze" damit, sagte der Chef der Hamburger Hafenbehörde HPA, Jens Meier.

Nach Meiers Angaben gibt es aktuell in Hamburg zwar nur sehr wenige Anläufe von Schiffen, die unter russischer Flagge fahren. Bei einem Embargo gehe es allerdings "um die Waren", sagte Meier. Er wies darauf hin, dass Waren mit Ziel Russland nicht zwangsläufig von Schiffen unter russischer Flagge transportiert würden. (apa/red)

Auswirkungen auf Luftverkehr

Auch die Einschränkungen des Luftverkehrs haben unmittelbare Folgen auf die Lieferketten. In der Luftfracht fallen die aus dem EU-Luftraum verbannten russischen Gesellschaften aus, während die westlichen Airlines den Luftraum über dem größten Staat der Erde nicht mehr nutzen können.

Flüge aus Mitteleuropa nach Japan, Korea und China verlängern sich teils um mehrere Stunden und können bis zu 20 Prozent weniger Fracht mitnehmen, wie die Lufthansa Cargo berichtet hat. "Die Wege nach Asien werden länger, die Kerosinkosten steigen und die Kapazitäten sinken", sagt der Frankfurter Fracht-Experte Joachim von Winning - zumal die Zulademöglichkeiten in Passagierjets trotz abflauender Coronakrise absehbar nicht so schnell ausgeweitet werden wie es zu Friedenszeiten zu erwarten gewesen wäre. Die direkte Folge ist klar: Die ohnehin schon sehr hohen Frachtraten werden auch angesichts der weiterhin bestehenden Probleme bei der Seefracht noch weiter steigen. Profitieren werden vor allem Gesellschaften, die Vollfrachter anbieten können.

An den wichtigsten deutschen Fracht-Drehkreuzen Frankfurt und Leipzig ist bereits einige Ladung liegen geblieben, die eigentlich von Frachtern der russischen Volga-Dnepr-Group geflogen werden sollte. In Frankfurt war deren Tochter AirBridgeCargo (ABC) bis jetzt hinter Platzhirsch Lufthansa die Nummer zwei und hat dort im vergangenen Jahr 110.000 Tonnen Fracht zwischen Russland, Europa und den USA umgeschlagen. Die Gesellschaft war unter anderem auf den Transport von Pharmazeutika und weiterem Medizinbedarf spezialisiert. Unruhe herrscht seit dem Flugstopp beim unabhängigen Abfertiger Frankfurt Cargo Services, der seinen wichtigen Kunden vorerst verloren hat.

Am Flughafen Leipzig/Halle sind gleich drei Riesenfrachter vom Typ Antonov 124 der russischen Volga-Dnepr-Gruppe gestrandet. Für sie gelte wie für alle anderen russischen Maschinen nun das Flugverbot im Luftraum, sagte ein Sprecher der Mitteldeutschen Flughafen AG am Montag. Zwei weitere Maschinen gleichen Typs dürfen hingegen aus Leipzig abheben, weil sie der ukrainischen Antonov Airlines gehören. Sie seien im Rahmen des Salis-Abkommens für NATO-Mitgliedstaaten im Einsatz, erklärte der Sprecher.

Sicherheitskreise schätzten gegenüber der Deutschen Verkehrszeitung die Chancen der Volga-Dnepr-Group gering ein, die Flugverbote zu umgehen, indem Flugzeuge auf ihre britische oder die deutsche Tochtergesellschaft umgemeldet würden. Auch Luftfahrtexperte Gerald Wissel von der Beratungsgesellschaft Airborne ist überzeugt: "Die unterliegen klar den Sanktionen." Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hatte klargemacht, dass die EU-Luftraumsperre für alle Flugzeuge gilt, die Russen gehören, von ihnen kontrolliert werden oder die in Russland registriert sind.

Wer übernimmt also das Geschäft der Russen-Frachter? Die Lufthansa Cargo fliegt bereits seit Beginn der Corona-Pandemie an der Grenze ihrer Kapazitäten und wird für das Geschäftsjahr 2021 einen Rekordgewinn in Milliardenhöhe beim coronageschädigten Lufthansa-Konzern abliefern. Vor wenigen Jahren noch undenkbar, betreibt sie seit kurzem sogar zwei Mittelstreckenjets vom Typ A 321 als Frachtflugzeuge.

Luftfahrtexperte Wissel sieht große geschäftliche Chancen für die großen arabischen Gesellschaften wie Emirates und Qatar, die bisher wie die Chinesen weiterhin den russischen Luftraum nutzen. Wegen der geografischen Lage ihrer Drehkreuze müssen sie auch die Verbindungen nach Fernost nicht ändern, während die US-Gesellschaften stärker auf die Pazifik-Routen umsteigen dürften. Wissel warnt auch vor steigenden Kerosin-Preisen und weniger Geschäftsreisen angesichts der Invasion Putins. "Die Auswirkungen des Krieges auf den Luftverkehr sind gewaltig. Es wird sehr darauf ankommen, wie lange der Konflikt anhält."