Kein russisches Erdgas mehr durch die Ukraine : Österreichs neue Energieversorgung über Deutschland
Das Ende des Ukraine-Transits hat Deutschland als zentrale Importroute etabliert, während die Versorgungssicherheit durch alternative Bezugsquellen gewährleistet bleibt.
- © FGW / Ludwig SchedlKein russisches Gas mehr durch die Ukraine
Nach dem Auslaufen des Transitvertrags zwischen Russland und der Ukraine hat sich die Erdgasversorgung in Österreich grundlegend verändert. Seitdem erfolgt der Gasimport vorwiegend über Deutschland. Diese Neuordnung der Lieferwege wird durch Daten des Verbands Europäischer Fernleitungsnetzbetreiber (ENTSO-G) bestätigt. Seit dem 1. Januar werden täglich etwa 120 Gigawattstunden (GWh) Gas über den Grenzübergang Oberkappel in Oberösterreich importiert. Gleichzeitig ist die Gaslieferung an der slowakisch-niederösterreichischen Grenze in Baumgarten, einem zentralen Knotenpunkt, von zuvor 200 bis 300 GWh täglich auf null zurückgegangen.
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Das Ende des Gastransits durch die Ukraine ist das Ergebnis des andauernden Krieges zwischen Russland und der Ukraine sowie wirtschaftlicher Neuorientierungen. Der Transitvertrag, der es Russland erlaubte, Erdgas durch die Ukraine nach Europa zu transportieren, lief Ende 2024 aus. Der Krieg, der mit dem russischen Angriff auf die Ukraine im Februar 2022 begann, führte zu einer drastischen Verschlechterung der Beziehungen zwischen den beiden Ländern. Sanktionen gegen Russland und die Unsicherheit über die Stabilität der Transitwege durch die Ukraine veranlassten Gazprom, keine neuen Vereinbarungen abzuschließen. Stattdessen verlagerte Russland seine Exporte in andere Märkte, darunter Asien, und reduzierte die Gaslieferungen nach Europa erheblich.
Diese geopolitische und wirtschaftliche Zäsur zwang europäische Länder, darunter Österreich, rasch alternative Bezugsquellen zu erschließen. Deutschland wurde zur zentralen Transitroute für österreichische Gasimporte, wobei Gas aus Norwegen eine Schlüsselrolle spielt. Die OMV sicherte sich entsprechende Pipelinekapazitäten und stellte so die Versorgung trotz des Wegfalls russischer Gaslieferungen sicher.
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Deutschland als neue zentrale Importroute
Diese Umstellung bringt sowohl Vorteile als auch Herausforderungen mit sich. Während die Versorgungssicherheit durch Diversifizierung gestärkt wird, hat Österreich aktuell mit einem Ungleichgewicht zwischen Verbrauch und Import zu kämpfen. Dieses Ungleichgewicht führt zu sinkenden Speicherständen. Laut der Austrian Gas Grid Management (AGGM), die für das Gasnetz verantwortlich ist, liegt der aktuelle Füllstand der österreichischen Gasspeicher bei 76,1 Terawattstunden (TWh) oder 74,9 Prozent der Gesamtkapazität.
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Täglich werden etwa 431 GWh aus den Speichern entnommen, was den Füllstand um knapp 0,5 Prozentpunkte pro Tag verringert. Diese Entwicklung steht im Zusammenhang mit der erhöhten Nachfrage während der kalten Jahreszeit und den wirtschaftlichen Überlegungen der Gasversorger.
Laut dem Energieexperten Leo Lehr von der Regulierungsbehörde E-Control greifen Versorger verstärkt auf gespeichertes Gas zurück, weil die aktuellen Marktpreise dies attraktiv machen. Obwohl die Preise an den Gasbörsen im Vergleich zu den Spitzenwerten aus der Frühphase des Ukraine-Kriegs deutlich gesunken sind, haben sie seit Februar 2024 wieder angezogen. Der Preis für eine Megawattstunde Gas hat sich von unter 25 Euro auf fast das Doppelte erhöht, bleibt jedoch weit unter dem Höchstwert von über 300 Euro im Jahr 2022.
Diese wirtschaftlichen Entscheidungen sind nicht ungewöhnlich. Auch das kalte Wetter zum Jahreswechsel trägt zu einem höheren Verbrauch und einer gesteigerten Ausspeicherung bei.
Versorgungssicherheit: Kein Grund zur Sorge
Trotz der Herausforderungen betonen sowohl die OMV, die Regulierungsbehörde E-Control als auch das Energieministerium, dass die Versorgungssicherheit gewährleistet ist. Der Wegfall des russischen Gases konnte erfolgreich durch alternative Quellen kompensiert werden. Selbst bei zwei aufeinanderfolgenden kalten Wintern sei keine Mangellage zu erwarten. Dies unterstreicht die Widerstandsfähigkeit des österreichischen Gasmarkts und die Bedeutung von Diversifizierung und strategischem Management.
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Die Gaspreise haben sich seit dem Ausbruch des Ukraine-Kriegs erheblich verändert. Nachdem die Preise im Februar 2024 einen Tiefststand erreicht hatten, verzeichneten sie bis Dezember desselben Jahres eine deutliche Steigerung. Die Megawattstunde Gas kostet derzeit fast doppelt so viel wie Anfang des Jahres, bleibt jedoch weit entfernt von den Höchstständen während der Energiekrise.
Die Preisdynamik spiegelt die Unsicherheiten und Schwankungen auf den Energiemärkten wider. Einerseits profitieren die Märkte von der zunehmenden Verfügbarkeit alternativer Gasquellen, andererseits bleibt die geopolitische Lage ein Unsicherheitsfaktor, der die Preise beeinflusst.
Die Rolle der österreichischen Speicher im Energiemarkt
Die österreichischen Gasspeicher sind ein zentraler Bestandteil der Energieinfrastruktur und spielen eine Schlüsselrolle für die Versorgungssicherheit und Preisstabilität des Landes. Mit einer Gesamtkapazität von über 100 Terawattstunden (TWh) zählen sie zu den größten Gasspeichern in Europa. Ihre geografische Lage und strategische Bedeutung ermöglichen es Österreich, sowohl nationale als auch europäische Anforderungen an die Gasversorgung zu erfüllen.
Durch die flexible Nutzung der Speicher können Versorger auf Marktveränderungen und saisonale Schwankungen reagieren. In Zeiten hoher Nachfrage, wie beispielsweise im Winter, oder bei kurzfristigen Lieferengpässen werden die Speicher gezielt genutzt, um die Versorgung zu sichern. Ebenso profitieren sie von der Möglichkeit, Gas in Phasen niedriger Marktpreise einzulagern, um es später zu höheren Preisen zu verkaufen. Dies trägt nicht nur zur Stabilität der Gaspreise bei, sondern bietet auch wirtschaftliche Vorteile für die Versorger.
Die strategische Nutzung der Speicher wird auch vor dem Hintergrund des veränderten Gasmarkts immer wichtiger. Mit dem Wegfall des russischen Erdgases und der Verlagerung der Lieferwege über Deutschland spielt die Fähigkeit, Gasreserven flexibel einzusetzen, eine noch größere Rolle. Dies ist insbesondere relevant, da die geopolitischen und wirtschaftlichen Bedingungen weiterhin von Unsicherheiten geprägt sind. Die österreichischen Speicher tragen damit nicht nur zur Versorgungssicherheit bei, sondern sind auch ein wichtiger Stabilitätsanker in einem sich wandelnden europäischen Energiemarkt.
Europäischer Erdgaspreis steigt
Der europäische Erdgaspreis hat seinen seit Jahresbeginn anhaltenden Abwärtstrend vorerst gestoppt. Am Montagvormittag wurde der niederländische TTF-Terminkontrakt für Erdgas zeitweise bei 47,49 Euro pro Megawattstunde gehandelt, was einen deutlichen Anstieg bedeutet. Zuletzt notierte er etwas darunter.
Beobachter führen den Preisanstieg auf Angebotsunsicherheiten und die Aussicht auf eine höhere Nachfrage aufgrund der aktuellen Kälteperiode zurück. Wettervorhersagen für Europa deuten darauf hin, dass die Temperaturen für den Großteil des Januars unter dem saisonalen Durchschnitt liegen werden.
Zusätzliche Unsicherheiten entstehen durch neue US-Sanktionen gegen die russische Energiewirtschaft, die die Gasmärkte weiter belasten könnten. Die USA und Großbritannien haben kürzlich weitreichende Sanktionen gegen den russischen Energiesektor angekündigt, darunter Maßnahmen gegen große Ölkonzerne wie Gazprom Neft und Surgutneftegas sowie gegen 183 Schiffe, die zur sogenannten russischen Schattenflotte zählen. Diese Sanktionen zielen darauf ab, Russlands Einnahmequellen aus dem Energiesektor zu beschneiden, was auch zu einem Anstieg der Ölpreise geführt hat, an die einige Gasverträge gekoppelt sind.
Zudem haben russische Aussagen zur Unsicherheit am Erdgasmarkt beigetragen. Demnach soll die Ukraine versucht haben, eine russische Verdichterstation anzugreifen, die Europa über die TurkStream-Pipeline mit Gas versorgt.
Trotz dieser Schwankungen liegt der europäische Erdgaspreis weiterhin deutlich unter seinem Rekordhoch von über 300 Euro pro Megawattstunde, das 2022 infolge des Ukraine-Krieges erreicht wurde.