Autoindustrie in der Krise : Nach Gewinneinbruch: Mercedes-Benz plant Milliarden-Einsparungen
Mercedes hatte Ende Oktober einen Gewinneinbruch für das dritte Quartal vermeldet: Das Konzernergebnis fiel im Vorjahresvergleich um mehr als die Hälfte auf 1,72 Mrd. Euro.
- © Mercedes BenzRenditeziele im PKW-Geschäft gesenkt
Mercedes-Benz plant, seine mittelfristigen Renditeziele im Pkw-Geschäft zu senken. Diese Entscheidung, die Insiderangaben zufolge aufgrund der anhaltenden Schwäche des Automarktes und der Umstellung auf Elektrofahrzeuge getroffen wurde, unterstreicht die Herausforderungen, mit denen der Stuttgarter Autobauer konfrontiert ist. Das ursprüngliche Ziel einer Rendite von 14 Prozent im Best-Case-Szenario soll künftig nicht mehr angestrebt werden. Dennoch bleibt ein zweistelliges Margenziel das erklärte Ziel des Unternehmens, wie eine mit der Materie vertraute Person der Nachrichtenagentur Reuters am Dienstag mitteilte.
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Der Vorstand unter der Leitung von Ola Källenius überarbeitet die bisherigen strategischen Vorgaben, die 2022 definiert wurden. Diese Anpassungen sollen bis zum Kapitalmarkttag am 20. Februar abgeschlossen sein, wie Insider berichteten. An diesem Tag plant Mercedes-Benz nicht nur die Veröffentlichung der Jahresbilanz, sondern auch die Vorstellung der aktualisierten mittelfristigen Ziele. Ein Unternehmenssprecher bestätigte: „Neben der Präsentation der Jahresbilanz wird es einen Kapitalmarkttag mit Analysten geben, bei dem die neuen Ziele konkretisiert werden.“
Die erste Berichterstattung über diese Pläne stammte vom „Handelsblatt“.
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Herausforderungen durch die Elektrifizierung
Im Jahr 2022 erreichte Mercedes-Benz mit einer bereinigten Marge von 14,6 Prozent ein außergewöhnlich hohes Niveau. Dieser Erfolg war jedoch teilweise auf eine Sonderkonjunktur während der Pandemie zurückzuführen, die die Nachfrage nach Luxusgütern und hochpreisigen Fahrzeugen beflügelte.
In den Folgejahren zeigte sich eine deutliche Abwärtsbewegung. Nach einer Gewinnspanne von 12,6 Prozent im Jahr 2023 wird für 2024 eine Marge von nur noch 7,5 bis 8,5 Prozent prognostiziert. Branchenexperten und Konzernkreise gehen davon aus, dass auch 2025 ein herausforderndes Jahr für die gesamte Automobilbranche sein wird. Besonders betroffen sind Hersteller, die den Übergang zur Elektromobilität bewältigen müssen, während die Nachfrage in traditionellen Märkten nachlässt.
Die Umstellung auf Elektrofahrzeuge bringt erhebliche strukturelle Veränderungen mit sich. Elektroautos erfordern weniger Bauteile als Fahrzeuge mit Verbrennungsmotoren, was wiederum die Produktionskosten und den Personalbedarf beeinflusst. Obwohl Elektrofahrzeuge mittelfristig einen entscheidenden Beitrag zur Nachhaltigkeit und zum Erreichen von Klimazielen leisten, gehen sie zunächst mit hohen Entwicklungs- und Produktionskosten einher.
Im Jahr 2023 kündigte Mercedes-Benz an, bis 2030 eine komplett elektrische Modellpalette anzubieten, sofern die Marktbedingungen dies zulassen. Dieses ambitionierte Ziel stellt eine bedeutende Herausforderung dar, insbesondere in einem wirtschaftlich angespannten Umfeld. Zum Vergleich: Volkswagen hat angekündigt, bis 2033 in Europa nur noch Elektrofahrzeuge zu verkaufen. Die Kernmarke VW plant, bis 2026 zehn neue E-Modelle auf den Markt zu bringen. BMW verfolgt einen etwas differenzierten Ansatz. Anstatt ein Enddatum für Verbrennungsmotoren festzulegen, setzt das Unternehmen auf Technologieoffenheit und bietet weiterhin Hybride, reine Elektrofahrzeuge und Verbrenner parallel an. Dennoch plant BMW, bis 2030 etwa 50 % seines Absatzes mit Elektroautos zu erzielen.
Kostensenkungen und Stellenabbau
Mercedes-Benz musste Ende Oktober einen erheblichen Gewinneinbruch für das dritte Quartal vermelden. Das Konzernergebnis sank im Vergleich zum Vorjahr um mehr als die Hälfte auf 1,72 Milliarden Euro, während der Umsatz um 6,7 Prozent auf 34,5 Milliarden Euro zurückging.
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Finanzchef Harald Wilhelm kündigte nach der Veröffentlichung der Quartalszahlen eine Verschärfung des Sparkurses bei Mercedes-Benz an. Ziel ist es, innerhalb der nächsten drei Jahre fixe und variable Kosten sowie Investitionen um insgesamt rund fünf Milliarden Euro zu reduzieren. Bereits bis Ende 2025 soll die Hälfte dieses Einsparziels erreicht werden. Diese Maßnahmen sind Teil einer umfassenden Strategie, die darauf abzielt, das Unternehmen angesichts der Herausforderungen durch die Transformation zur Elektromobilität und die volatilen Marktbedingungen widerstandsfähiger zu machen.
Insiderquellen zufolge wird der Sparkurs durch einen fortgesetzten, sozialverträglichen Stellenabbau unterstützt, der bereits seit einigen Jahren ein wichtiger Bestandteil der Unternehmensstrategie ist. Dabei werden Stellen in weniger zukunftsträchtigen Bereichen abgebaut, während gleichzeitig Personal in Schlüsselbereichen wie Elektromobilität und Digitalisierung umgeschichtet wird.
Nach Angaben des „Manager Magazins“ könnten die Einsparmaßnahmen mehr als 20.000 Arbeitsplätze betreffen. Diese Darstellung wurde von einem Sprecher des Unternehmens jedoch kategorisch zurückgewiesen. Es gebe keine Pläne, Werke in Deutschland zu schließen. Zudem stehe die Beschäftigungssicherung „Zusi 2030“ nicht infrage. Diese Vereinbarung schützt die Mehrheit der deutschen Beschäftigten vor betriebsbedingten Kündigungen bis Ende 2029.
Mercedes-Benz nutzt jedoch andere Mittel, um die Personalkosten zu reduzieren. Freiwerdende Stellen sollen häufig nicht nachbesetzt werden. Mercedes-Chef Ola Källenius erklärte der „Süddeutschen Zeitung“ „Wir haben immer mit Demografie, mit der Fluktuation gearbeitet, und wenn wir Restrukturierungen gemacht haben, dann zum Beispiel mit Abfindungen. Wir kommen nicht mit dem Rasenmäher und sagen, wir machen minus X Prozent. Wir drehen jeden Stein um und verbessern unsere Strukturen.“
Entgegen Spekulationen über Werksschließungen in Deutschland hat Mercedes-Benz mehrfach betont, dass die Standortsicherung ein wichtiger Bestandteil der Unternehmensstrategie bleibt. Besonders Werke wie Sindelfingen und Bremen sollen zu zentralen Standorten für Elektrofahrzeuge umgebaut werden.
Ein weiterer zentraler Baustein der Kostensenkungsstrategie ist die Optimierung der Produktionsstandorte und Lieferketten. Mercedes-Benz strebt an, durch die Einführung standardisierter Plattformen für Elektrofahrzeuge eine größere Modularität zu erreichen, was sowohl Entwicklungs- als auch Produktionskosten senken soll. Darüber hinaus setzt das Unternehmen zunehmend auf den Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Fertigung, um Prozesse zu automatisieren und gleichzeitig die Effizienz zu steigern.
Die geplanten Maßnahmen sollen dazu beitragen, die Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens im globalen Automobilmarkt zu sichern, ohne die Qualität der Produkte zu beeinträchtigen. Gleichzeitig verfolgt Mercedes-Benz das Ziel, die steigenden Produktionskosten durch innovative Technologien und effizientere Prozesse auszugleichen.
Fokussierung auf das Luxussegment
Um die Margenziele trotz der Herausforderungen zu erreichen, setzt Mercedes-Benz auf eine klar definierte Produktstrategie im Luxussegment. Modelle wie die neue S-Klasse, der EQS oder der GLE zeigen, wie der Konzern versucht, durch technisch hochwertige und margenträchtige Fahrzeuge die Umsätze zu stabilisieren. Der Fokus liegt dabei auf einer Kombination aus exklusivem Design, fortschrittlicher Technologie und individualisierbaren Optionen, die eine höhere Zahlungsbereitschaft der Kunden fördern. Laut internen Berichten verzeichnete Mercedes in diesen Segmenten besonders in Europa und den USA stabile Verkaufszahlen, während günstigere Modelle im Volumensegment zunehmend unter Druck geraten.
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Parallel dazu wird die Submarke „EQ“ systematisch ausgebaut, um im Wettbewerb mit Tesla, BMW und neuen Anbietern aus China bestehen zu können. Der EQS Maybach und der kürzlich angekündigte EQE SUV sind Beispiele dafür, wie Mercedes-Benz das Segment der elektrischen Luxusfahrzeuge weiter differenzieren möchte. Der EQS Maybach richtet sich speziell an Kunden in Märkten wie China und dem Nahen Osten, wo der Bedarf an hochpreisigen, elektrischen Luxuslimousinen steigt.
Zusätzlich setzt Mercedes-Benz auf technologische Innovationen, um seine Marktposition zu sichern. Im Fokus stehen Feststoffbatterien, die höhere Energiedichten und effizientere Ladevorgänge ermöglichen. Diese Technologie könnte besonders für die zukünftigen EQ-Modelle entscheidend sein, um Reichweitenängste zu verringern und die Ladeinfrastrukturanforderungen zu minimieren. Insider berichten, dass erste Prototypen dieser Batterien bereits in Tests sind, eine Marktreife aber frühestens 2028 erwartet wird.
Neben technologischen Fortschritten prüft Mercedes-Benz auch neue Wege der Produktionsoptimierung. So sollen Werke zunehmend auf Elektrofahrzeuge spezialisiert werden, während ältere Verbrenner-Produktionslinien zurückgebaut werden. Laut Quellen aus dem Unternehmen wird beispielsweise das Werk in Sindelfingen zum zentralen Produktionsstandort für Luxus-Elektrofahrzeuge umgerüstet, was eine deutlich effizientere Fertigung ermöglichen soll.
Luxusstrategie unter Druck
Mercedes-Benz steht aktuell vor erheblichen Herausforderungen - insbesondere auf dem wichtigen chinesischen Markt. Die hochpreisigen Modelle des Konzerns, die traditionell als Zugpferde der Marke galten, verzeichnen in der Volksrepublik deutlich schwächere Absatzzahlen als erwartet. Die wirtschaftliche Flaute in China hat dazu geführt, dass selbst wohlhabende Kunden, die zur Kernzielgruppe von Mercedes-Benz gehören, zunehmend zurückhaltend agieren. Diese Entwicklung trifft den Konzern empfindlich, da der Verkauf teurer Fahrzeuge das Kernelement der Strategie von Konzernchef Ola Källenius ist.
Die Fokussierung auf teure Modelle, wie die S-Klasse, den Maybach oder die vollelektrische EQS-Reihe, hatte Mercedes-Benz in den vergangenen Jahren Rekordumsätze beschert. Diese Fahrzeuge, die mit hohen Margen verkauft werden, haben einen entscheidenden Beitrag zur Profitabilität des Konzerns geleistet. Doch in einem Markt wie China, der über Jahre als Wachstumsgarant für die deutsche Automobilindustrie galt, geraten diese Modelle zunehmend unter Druck. Die veränderten wirtschaftlichen Rahmenbedingungen – darunter ein stagnierendes Wachstum und eine vorsichtige Kaufbereitschaft der chinesischen Elite – stellen die Strategie auf die Probe.
Zusätzlich zur schwachen Kauflaune in China sieht sich Mercedes-Benz einer wachsenden Konkurrenz durch heimische Automobilhersteller wie BYD, Nio und Xpeng ausgesetzt. Diese Unternehmen haben in den letzten Jahren massiv in den Ausbau ihrer Produktionskapazitäten sowie in die Entwicklung moderner Elektrofahrzeuge investiert. Insbesondere BYD hat sich mit seinen preislich attraktiven und technologisch fortschrittlichen Modellen als ernstzunehmender Wettbewerber etabliert.
Die heimischen Hersteller punkten nicht nur mit einem besseren Preis-Leistungs-Verhältnis, sondern auch mit einem tiefen Verständnis der Bedürfnisse chinesischer Kunden. Digitale Innovationen, fortschrittliche Benutzeroberflächen und ein umfassender Fokus auf Elektromobilität treffen den Nerv der Käufer, während Mercedes-Benz mit hohen Preisen und einem traditionellen Markenimage kämpft.
Die Herausforderungen auf dem chinesischen Markt könnten Mercedes-Benz dazu zwingen, seine Strategie anzupassen. Um wettbewerbsfähig zu bleiben, könnte der Konzern eine stärkere Diversifizierung seines Portfolios in China prüfen, beispielsweise durch die Einführung von Fahrzeugen in niedrigeren Preisklassen oder einer stärkeren Lokalisierung der Produktion. Gleichzeitig bleibt die Frage offen, ob die Fokussierung auf das Luxussegment in ihrer aktuellen Form zukunftsfähig ist – besonders in einem Markt, der immer dynamischer und preissensibler wird.