Umbau

Siemens verlegt zwei von drei Spartenzentralen nach Texas und in die Schweiz

Joe Kaeser teilt den traditionsreichen Industrieriesen in drei Sparten auf - und verlegt die Zentralen von zwei Sparten ins Ausland. Auch eine Aufspaltung ist weiter nicht ausgeschlossen. Vom Aufsichtsrat kommt grünes Licht für die Neuordnung namens "Vision2020+".

Siemens baut abermals seine komplette Konzernstruktur grundlegend um. Der Aufsichtsrat des deutschen Industriekonzerns segnete eine Neuorganisation ab: Aus fünf Unternehmensbereichen sollen bei den Münchnern unter dem Motto "Vision 2020+" drei werden, die weitgehend autonom agieren sollen. Siemens solle damit profitabler werden und schneller wachsen, teilte die Führung mit.

Ein neuerliches Personal-Abbauprogramm ist mit der neuen Strategie "Vision 2020+" offenbar nicht verbunden. Kaeser deutete an, dass die Beschäftigung zusätzlicher Mitarbeiter möglich sei. Er lobte auch die weltweit 377.000 Kollegen.

"Siemens ist gegenwärtig in einer sehr starken Position", meinte Vorstandschef Joe Kaeser vor Analysten und Journalisten in München. Man sei "great again" - und das seien keine "fake news". Gleichzeitig findet er, dass Siemens viel zu unterbewertet sei.

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Aus fünf Sparten werden drei

Die fünf Sparten digitale Fabrik, Kraftwerke, Energiemanagement, Gebäudetechnologie und Antriebe werden demnach in drei "operativen Gesellschaften" aufgehen: (1) Gas und Energie, (2) Infrastruktur sowie (3) digitale Industrie

Die ursprüngliche Möglichkeit, jede dieser Sparten rechtlich weitestgehend eigenständig zu machen, hat die Konzernführung offenbar doch fallen gelassen.

Die Umorganisation soll zum neuen Geschäftsjahr am 1. Oktober beginnen und 2019 abgeschlossen werden. Die Pläne zu den einzelnen Bereichen im Überblick: Siemens als "Flottenverbund": Die letzte Phase zeichnet sich ab >>

Kaeser verlegt zwei der drei Spartenzentralen ins Ausland

Dazu verkündete Kaeser auch die Verlegung von zwei der künftigen Zentralen ins Ausland. Bei der nächsten Runde des Konzernumbaus soll die Führung von zwei der drei neuen Sparten in die USA und in die Schweiz verlegt werden.

Zum ersten Mal werden damit weite Teile des Unternehmens, das vor über 170 Jahren in Berlin gegründet wurde, mehrfach Industriegeschichte geschrieben hat und auch in Österreich auf eine jahrhundertelange Tradition zurückblicken kann, aus dem Ausland gesteuert.

Zentrale der Energiesparte wandert nach Texas

Die Energiesparte mit weltweit 71.000 Mitarbeitern und 21 Mrd. Euro Umsatz soll ihren Sitz im Zentrum der US-Ölindustrie in Houston im amerikanischen Bundesstaat Texas haben. Der Kraftwerkbau und Service werden in die neue texanische Energiesparte integriert.

Gleichzeitig will Siemens im Bereich Kraftwerke allein in Deutschland 3.000 Stellen abbauen. Die Sparte kämpft mit einer weltweit sinkenden Nachfrage nach konventionellen Kraftwerken. Zuletzt gewann sie zwar wieder mehr Aufträge, der Umsatz ging jedoch um ein Fünftel auf 3 Milliarden Euro zurück. Derzeit findet in dieser Sparte die Arbeit am größten Einzelauftrag statt, den Siemens jemals bekommen hat - der Errichtung von vier riesigen Gaskraftwerken in Ägypten >>

Zur Strategie in dieser Sparte:
Siemens: Turbinenproduktion soll bis 2020 schwarze Null erreichen >>

Die Verlegung dieser Spartenzentrale dürfte auch mit der aggressiven Handelspolitik von Präsident Donald Trump zu tun haben. "Mit diesem ganzen Handelszeug sind Unternehmen gezwungen, lokal zu werden", kommentierte Kaeser die Weltlage.

Zentrale der Infrastruktursparte geht in die Schweiz

Der neuen Infrastruktur-Einheit in Zug in der Schweiz werden ebenfalls 71.000 Mitarbeiter und 14 Mrd. Euro Umsatz zugeordnet.

Zentrale fürs Industriegeschäft in Nürnberg

Von Nürnberg aus soll zudem das digitale Industriegeschäft - von Kaeser als "Diamant" bezeichnet - geleitet werden. Diese Einheit hat 78.000 Mitarbeiter und 14 Mrd. Euro Umsatz. Neuester Zukauf ist für 600 Mio. Euro das US-Software-Unternehmen Mendix.

Siemens-Zentrale soll in München bleiben

Die Siemens-Zentrale bleibt in München, soll aber "schlanker" werden. Daneben gibt es noch die internen Dienstleistungen fürs Geschäft, die Finanzen und Immobilien, die zusammengefasst werden sollen.

Aufspaltung von Siemens weiter nicht ausgeschlossen

Kaeser schloss zwar nicht aus, dass aus den drei operativen Einheiten künftig auch separate Gesellschaften werden könnten. "Das ist aber nicht die erste Priorität." Der Siemens-Chef will sich aber für die Zukunft alle Möglichkeiten offen halten, Vorrang habe die Schaffung von "Optionalität". Einen separaten Börsengang mit dem "Diamanten" des digitalen Industriegeschäfts schloss Kaeser explizit als "nicht geplant" aus. Zuletzt hatte Siemens im Frühjahr die Medizintechnik-Sparte aufs Parkett gebracht.

Gewerkschaften: "Holdingstruktur werden wir nicht akzeptieren"

Der Vorstand des Konzerns hatte die Umorganisation in den vergangenen Monaten mit dem Betriebsrat und der IG Metall abgesprochen. Die Arbeitnehmervertreter erteilten noch weitergehenden Überlegungen, den Konzern in eine Holding-Struktur umzuwandeln, bei der die Münchner Zentrale nur noch als Dach dreier eigenständiger Gesellschaften fungiert hätte, eine Absage.

Auf der Seite der Arbeitnehmer kann von einer Freude über die Pläne keine Rede sein. "Die neue Ausrichtung darf nicht dazu führen, dass Marke und Identität von Siemens als vernetzter Technologiekonzern verloren gehen", mahnte Birgit Steinborn, die Chefin des Siemens-Gesamtbetriebsrats und stellvertretende Aufsichtsratsvorsitzende.

"Den Weg in eine Holdingstruktur werden wir weiterhin nicht akzeptieren", betonte Jürgen Kerner, IG-Metall-Hauptkassierer und Mitglied des Aufsichtsrats. Denn die Arbeitnehmervertreter seien besorgt, dass dies den Weg in eine von den Finanzmärkten getriebene Zerschlagung des Konzerns ebnen könnte.

Beim traditionsreichen Konzern sind auch Abspaltungen eine Tradition

Vielen aktiven und ehemaligen Siemensiaern sind die massiven Restrukturierungen des Konzerns noch in unerfreulicher Erinnerung. Einst gehörten auch Osram und Infineon zu Siemens.

Nach der Jahrtausendwende gliederte der Industrieriese seine Sparte für Festnetztelefone aus. Die Handysparte verkaufte Siemens 2005 an das taiwanesische Unternehmen Benq - es ging später pleite. Die Netzwerksparte - einst im Weltmarkt einer der führenden Hersteller von Schaltanlagen für Telefonnetze - wurde 2007 in eine Gemeinschaftsfirma mit Nokia ausgegliedert und 2013 von den Finnen komplett übernommen.

Zuletzt brachte Siemens die große Sparte für Medizintechnik unter dem Namen Healthineers an die Börse und legte die Sparte für Windkraftanlagen unter dem Namen Siemens Gamesa mit einem spanischen Unternehmen zusammen.

Gute Auftragslage - sinkende Umsätze

Stark sind derzeit vor allem die Auftragseingänge, die im dritten Quartal des Siemens-Geschäftsjahres (30. Juni) um 16 Prozent auf einen Wert von 22 Mrd. Euro zulegten.

Der Umsatz sank jedoch - hauptsächlich wegen des starken Euro und schlechter Geschäfte in der kriselnden Kraftwerksparte - um vier Prozent. Der Nettogewinn ging sogar um 14 Prozent auf 1,2 Mrd. Euro zurück.

(red mit dpa/reuters/apa)

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