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IM-Expertenpool: Veränderung

In drei Schritten ins Abseits – Wieso Veränderungsfähigkeit lästig, aber nötig ist

Europa befindet sich in einer schwierigen Situation. Auf der einen Seite stehen die Digital-Konzerne in den USA, auf der anderen die Tech-Konzerne in China und Indien: IT-Infrastruktur, KI, Regenerative Energie und Mobilität sind nur ein paar der besonders spannenden Tätigkeitsfelder.

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Besonders China und Indien bilden riesige Märkte, welche uns in vielen Bereichen voraus sind, von denen wir in Europa aber noch nicht viel mitbekommen. Wie Traditionalisten und Engstirnigkeit unseren Wohlstand gefährden und was wir dagegen tun können:

Wie kann man Veränderungen begegnen? Am einfachsten ist es, wenn man Ausflüchte findet, sich nicht mit sich selbst und den eigenen Problemen zu beschäftigen. Dazu dienen Ignoranz, Abwertungen, teilweise auch Feindbilder, und Ausreden. In den letzten Jahren können wir diese Elemente in einer bestimmten Abfolge in Teilen der Wirtschaft sehr gut beobachten. Hier sticht besonders die Autoindustrie hervor, aber auch in anderen Branchen wie zum Beispiel der Energiewirtschaft, lässt sich ein solches Verhalten gut erkennen. Ein Ablaufplan in drei Phasen und wie man es besser machen kann:

Phase 1: Nicht ernst nehmen

Größere Veränderungen, Innovationen und erst recht Disruptionen fangen immer klein an und wirken zum Beginn träumerisch und scheinbar abwegig. Dies ist eine gute Gelegenheit, sich über die Macher dieser Ideen lustig zu machen. Ein Relikt dieser Phase erleben wir, wenn auch längst widerlegt, noch heute in Bezug auf asiatische Unternehmen. Aus China stammenden Unternehmen wirft man noch immer vor, nur abzukupfern und die guten europäischen, und dabei besonders die deutschen, Innovationen schlecht zu kopieren. Selbst hinsichtlich Japans ist das bis heute gelegentlich zu hören. Auch wenn es anfänglich so gewesen ist, so ist diese Phase längst vorbei. Im Bereich der IT, der erneuerbaren Energien und auch der Mobilität, und dabei der Elektromobilität, haben Länder wie China längst die Nase vorn. In Indien gibt es eine große Branche, die sich mit Mobilitätsdienstleistungen beschäftigt. Dort hat man den Ansatz, Menschen und nicht Autos zu bewegen, längst durchdrungen und in smarte IT-Lösungen umgesetzt.

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Phase 2: Den Erfolg kleinreden

In dieser Phase ist der Erfolg der anfänglich als schlechte Plagiateure und Spinner bezeichneten Neulinge größer und diese lassen sich nicht einfach wegdiskutieren oder lächerlich machen. Marktanteile nehmen zu und Erfolge bei Kunden werden immer evidenter. Aber Menschen sind sehr gute Meister darin Offensichtliches zu verdrängen. So wie jeder Raucher einen kettenrauchenden Opa, der fast 100 Jahre alt wurde, in der Familie hat, werden die offensichtlichen Erfolge kleingeredet.

In der Automobilbranche kann man das am Beispiel Tesla sehr gut erleben. Nachdem dieses Unternehmen in Phase 1 lächerlich gemacht wurde, indem man zum Beispiel immer wieder hervorhob, Tesla würde kein Geld verdienen und nur eine aussichtslose Wette auf eine unpraktische Technologie sei, wird nun krampfhaft der Erfolg kleingeredet. Man hält sich an Stückzahlen fest und ignoriert, dass es im Rahmen der Dematerialisierung längst um weit mehr als nur Stückzahlen geht. Es werden sogar Ökobilanzen durch fehlerhafte Annahmen falsch gerechnet, um die veraltete Verbrennertechnik im Vergleich zum Elektroantrieb besser dastehen zu lassen, obwohl das Gegenteil längst erwiesen ist. Auch wenn solche Berechnungen von Faktencheckern längst widerlegt sind, tauchen sie auch Monate und Jahre danach immer wieder auf. Jede Technologie hat Schwächen und ist demnach nicht perfekt. Während man bei der alten Technik hier sehr gnädig ist, bringt man bei der neuen jeden noch so kleinen Aspekt ins Spiel, auch wenn dieser sogar sachlich falsch ist. Dieses Phänomen erleben wir auch bei den erneuerbaren Energien. Gegner der Windenergie berufen sich häufig auf Naturschutz, obwohl ihnen der ziemlich egal ist. Die Behauptung in Bezug auf den Tod von Vögeln durch Windräder ist besonders vor dem Hintergrund, dass die meisten Vögel an Gebäudefassaden und durch Hauskatzen umkommen, sinnentleert. Gegen Gebäude und Haustiere haben sich diese scheinheilig positionierten Gegner der Windenergie nie in Stellung gebracht.

Phase 3: Selbstrechtfertigung

In dieser Phase ist die Dominanz der neuen Spieler im Markt so groß, dass auch das Schlechtreden deren Erfolgs eine Illusion ist. Eine signifikante Menge an Kunden nimmt die neuen Ideen an und die alten Platzhirsche verlieren immer mehr Anteile. Hier setzt nun die Methodik an, sich selbst zu erklären, dass man trotz aller Bemühungen den neuen Weg nie hätte gehen können oder zumindest nicht in der richtigen Zeit. So wird ein Weg gesucht, die eigene Ignoranz und Arroganz zu rechtfertigen. Im Kontext der Wirtschaft in China und deren konsequentem Vorgehen beim Ausbau alternativer Energien und Umbau der Mobilität durch smarte Mobilitätsdienste wird gerne hervorgehoben, dass ein totalitäres System wie das chinesische solche Veränderungen erst möglich mache. Auch in Bezug auf neue Unternehmen findet sich bei den Alteingesessenen eine brauchbare Ausrede: Es dauere länger, ein Unternehmen mit bestehender Historie zu verändern, als gleich anders zu beginnen. Das ist grundsätzlich richtig, aber nicht mehr als eine Ausrede für die eigene Trägheit. Denn im Gegenzug haben neue Unternehmen viele Erfahrungen noch nicht, die nützlich sind und deren finanzielle Rahmenbedingungen sind ebenfalls schwieriger.

Fazit

Die drei Phasen sind eine große Gefahr und es wird immer gefährlicher je weiter man in der Reihenfolge diesen Phasen voranschreitet. Um mit Veränderungen mithalten zu können, braucht man nur wenige Fähigkeiten:

  • Den eigenen Erfolg vergessen. Erfolg macht blind für neue Ideen.
  • Sich mit den eigenen Schwächen beschäftigen. Sie sind immer da, sie werden nur oft überdeckt.
  • Neue Spieler, egal wie klein sie sind, ernst nehmen. Sie sehen die Welt aus einem anderen, weniger voreingenommenen, Blickwinkel.

Es sagt sich leicht, dass man offen für Neues sein müsse. Es wird dabei oft von „Technologieoffenheit“ gesprochen. Häufig ist aber das Gegenteil davon gemeint. Offen für Neues zu sein bedeutet im Wesentlichen, sich auf etwas einzulassen, auch ohne die Gewissheit, dass es wirklich funktionieren wird.