Plastik : Kunststoff-Recycling in Österreich: Kreislaufschwäche?

Am Alpla-Standort in Vorarlberg wird kräftig Kunststoff-Recycling betrieben.
- © Alpla/TexplastAktive Mitgliedschaft erforderlich
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Am Alpla-Standort in Vorarlberg wird kräftig Kunststoff-Recycling betrieben.
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Vor weniger als drei Jahren, im August 2020, präsentierte das britische "National Oceanography Centre" die bisher umfassendste Studie zu einem großen Thema. Es ging um das Ausmaß der Verseuchung der Weltmeere mit Mikroplastik.
Demnach schwimmen in den oberen Wasserschichten der Ozeane zwölf bis 21 Millionen Tonnen des Abfalls; bis zu 7.000 Mikroplastik-Partikel befinden sich in einem einzigen Kubikmeter Meerwasser.
Die Problematik wird inzwischen von Politik, Umwelt-NGOs und Industrie zumindest teilweise erkannt. Und so bemühen sich viele um eine Überführung des linearen Systems in eine nachhaltige Kreislaufwirtschaft von Kunststoffen überführt werden. Doch wie das erreichen?
Nachhaltigkeit in der Industrie: Bedeutung, Möglichkeiten, Probleme
Was die Wissenschafter fordern
In dem Bericht "Verpackungskunststoffe in der Kreislaufwirtschaft" der Europäischen Akademien der Wissenschaften (Easac) stellen Forscher aus 28 europäischen Ländern das Ausmaß des Problems dar und skizzieren Lösungsansätze.
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Seit den 1960er-Jahren – so der Bericht – ist die weltweite Produktion von Kunststoffen um das 20-Fache gestiegen. 360 Millionen Tonnen Plastik kamen im Jahr 2018 aus den Fabriken; 62 Millionen Tonnen davon fallen in Europa an. Lediglich 16 Prozent der Kunststoffabfälle werden derzeit für die materielle Wiederverwertung gesammelt. Der Rest wird verbrannt, auf Deponien gelagert, exportiert oder sonst irgendwie irgendwo weggeschmissen.
Neben einem Exportverbot von Kunststoffabfällen aus der EU treten die Easac-Wissenschaftler für "geschlossene Kreisläufe" ein. Die Verwendung von Einmal-Verpackungen sollte minimiert, Kunststoffabfälle nicht mehr auf Deponien entsorgt werden. Recycling sollte steuerlich begünstigt, unbehandelter Plastikrohstoff verteuert werden. Denn ist er billig, sei das ein "grundlegendes Hindernis für eine größere Nachfrage nach recycelten Materialien".
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Was Umweltschützer fordern
„Plastik ist auch ein gigantischer Klimakiller und CO2-Treiber – das wird in der Öffentlichkeit allerdings noch wenig wahrgenommen”, sagt Lisa Panhuber, Konsumexpertin von Greenpeace in Österreich.
Die Produktion und Verbrennung von tausenden Tonnen Plastik verursache allein in Österreich jährlich rund vier Millionen Tonnen CO2 – was circa dem Anderthalbfachen des Flugverkehrs (vor Corona) entspricht.
Die Umweltschutzorganisation fordert, Einweg-Plastikverpackungen gesetzlich zu beschränken und Mehrwegsysteme massiv auszubauen, zum Beispiel bei Getränken. „Wir können den Erdölverbrauch und die Emissionen durch die Plastikproduktion deutlich senken, wenn wir Verpackungen reduzieren und auf Mehrwegsysteme umsteigen”, erklärt Panhuber.
Was die EU unternimmt
Die EU-Richtlinie über Einwegkunststoffe muss seit 2021 von den Staaten umgesetzt werden. Das beinhaltet unter anderem das Verbot von Produkten wie Wattestäbchen, Trinkhalmen oder Luftballonstäben aus Kunststoff sowie Becher, Lebensmittelverpackungen und Getränkebehälter aus expandiertem Polystyrol.
Außerdem ist eine Mindestquote von 90 Prozent für die getrennte Sammlung von Kunststoffflaschen bis 2029 zu erreichen.
Für nicht rezyklierten Kunststoffverpackungsabfall gibt es eine Plastikabfallabgabe in der Höhe von 80 Cent pro Kilogramm (= 800 Euro pro Tonne). Den Mitgliedstaaten ist freigestellt, ob sie die Mittel aus ihren Budgets (d. h. finanziert durch alle Steuerzahler) aufbringen oder auf Hersteller, Handel und Konsumenten umwälzen.
Was die Industrie unternimmt
Mit all diesen Regeln aber auch mit dem steigenden Bewusstsein in der Gesellschaft steigt der Druck auf die Industrie. 2020 schlossen sich mehrere Unternehmen der Kunststoff- und Verpackungsindustrie – darunter Alpla, Greiner, Interseroh, Erema und Engel, außerdem die Österreich-Ableger von Coca Cola und Nestlé – zur "Plattform Verpackung mit Zukunft" zusammen.
Die Plattform versteht sich als Sprachrohr, um das Image der Industrie zu verbessern und die Vorzüge von Kunststoff hervorzustreichen. Und man bringt konkrete Vorschläge mit: ein einheitliches Sammelsystem, Verbesserung der Infrastruktur in den Bereichen Trennung, Sammlung, Sortierung und Recycling, sowie die Förderung von Verpackungslösungen, die zu 100 Prozent wiederverwendbar, wiederverwertbar oder recyclingfähig sind.
Engel-CEO Engleder: „Nicht Kunststoffe sind das Problem, sondern der Umgang damit“
"Plastik hat in der Umwelt definitiv nichts verloren", sagt Günther Lehner, ehemaliger CEO von Alpla, auf den Punkt. Schädlich sei allerdings lediglich der achtlose Umgang mit Abfall, nicht das Material selbst. „Verpackungen aus Kunststoff sind sehr leicht, bruchfest und ermöglichen einen sicheren und hygienischen Transport von Produkten“, erinnert Lehner. "Das bequeme Handling und insbesondere die Hygieneaspekte sind wichtige Argumente für Verbraucher."
Alpla betreibt eigene Recyclingwerke für HDPE und PET und trägt damit dazu bei, dass aus gebrauchten Kunststoffflaschen wieder neue Kunststoffflaschen werden. In der Entwicklungsabteilung des Unternehmens entstehen gewichtsreduzierte PET-Mehrwegflaschen und Lösungen für Nachfüllpackungen.
Design for Recycling
Verpackungsprodukte so zu gestalten, dass sie möglichst einfach recycelt wer den können, ist nicht nur Ziel bei Alpla. „Unser Fokus liegt auf ,Design for Recycling‘ und neuen digitalen Technologien“, erklärt Günther Klammer, bis 2022 Vice President Plastifiziersysteme und Recycling bei Engel. Ziel sei es, die Produktion von Verpackungen zu ermöglichen, „die Ressourcen schonen und selbst recycelbar sind“.
Mondi-Manager Ott: "Der Run auf rezykliertes PET treibt die Preise"
Ein Beispiel: Transportboxen und Container, die im Sandwichverfahren produziert werden und die zum Teil aus Rezyklat, zum Teil aus Neuware bestehen. Handelt es sich bei Rezyklat und Neuware um denselben Kunststoff – zum Beispiel Polypropylen –, stellt dies ein leichtes Recycling dieser Produkte sicher.
Eine der Schwierigkeiten beim Recycling von Verpackungsmaterial ist oft die Vielzahl an verwendeten Materialien. Verpackungshersteller wie Schur Flexibles versuchen dieses Problem mit Monomaterialien zu lösen.
Globaler Ansatz
Der Kunststoffverarbeiter und Schaumstoffhersteller Greiner mit Sitz in Kremsmünster plädiert dafür, den gesamten Lebenszyklus eines Materials zu betrachten, um dessen Nachhaltigkeit zu bewerten. Hier schneidet Kunststoff verglichen mit anderen Materialien sehr gut ab.
Gleichzeitig spart Kunststoff bei vielen Anwendungen – beispielsweise als schützende, haltbarkeitsverlängernde Verpackung, als dämmendes Baumaterial oder im Bereich der Mobilität – deutlich mehr Energie und Ressourcen ein, als für seine Herstellung nötig waren. Schädlich ist der Werkstoff, wenn er nicht entsorgt wird und in der Umwelt landet.
„In Asien, aber auch Afrika konnten die Abfallwirtschaftssysteme nicht mit dem Bevölkerungswachstum mithalten und sind unterentwickelt“, sagt Greiner-Vorstandsvorsitzender Axel Kühner. „Ein Ansatz ist daher, weltweit die Abfallentsorgungssysteme auszubauen. Ohne Investitionen in die Verbesserung der Müllentsorgung wird es nicht gehen.“
Greiner hat sich daher auf den Philippinen mit dem Sozialunternehmen „Plastic Bank“ zusammengetan: Menschen in Küstenregionen erhalten für das Sammeln von Kunststoffabfall ökonomische Anreize. Die Kunststoffabfälle kommen als Ressource wieder in den Markt zurück. Am Ende soll ein Ergebnis stehen, das fast zu gut klingt, um wahr zu sein: Kunststoffabfall vermeiden und zugleich die Armut reduzieren.
Rechtliche Rahmenbedingungen
Innovation ist für die angestrebte Kreislaufwirtschaft essenziell. Von alleine und ohne rechtliche Rahmenbedingungen werde sich der Wandel freilich nicht voll ziehen, sind sich die Kunststoffhersteller einig. Da gehe es zum einen um klare Vorgaben, damit Planungssicherheit für Investitionen hergestellt ist. Wichtig sei aber auch – erklärt Klammer – eine „differenziertere Sicht und keine weitere Verunsicherung der Verbraucher“. Klammer: „Eine Abkehr von polymeren Werkstoffen bewirkt gerade bei Verpackungen oft eine schlechtere CO2-Bilanz.“
Ebenso wichtig wie der rechtliche Rahmen sei Kommunikation, die sich gezielt an die Endverbraucher wendet, meint Günther Lehner: "Ohne Konsumenten geht es nicht. Sie entscheiden, was sie kaufen und wie sie gebrauchte Verpackungen oder Gegenstände entsorgen. Das setzt voraus, dass Verbraucher Kunststoffverpackungen nicht nur als wertlosen Müll, sondern als Wertstoff anerkennen."
Dieser Beitrag erschien erstmals Oktober 2020. Aufgrund seines nach wie vor relevanten Inhalts wurde er für Sie aus dem Archiv geholt und mit den nötigen Updates versehen.