Energieanlagen

Smurfit-Kappa-CEO Hochrathner: "Es ist herausfordernd, ein Optimum zu erreichen"

Die Papierfabrik Smurfit Kappa Nettingsdorf hat nun die neue Energieanlage – das bisher größte Projekt des Papierherstellers - in Betrieb genommen. Damit will das Unternehmen 40.000 Tonnen CO2 pro Jahr einsparen, so CEO Günter Hochrathner.

Mit etwa 134 Millionen Euro war es das bisher größte Projekt in der Geschichte von Smurfit Kappa Nettingsdorf: Nach zweijähriger Bauzeit mitten am Betriebsgelände hat der Papierhersteller die neuen Energieanlagen in Betrieb genommen. Sie bestehen aus einem Laugenverbrennungskessel von Andritz und einer neuen Dampfturbine von Siemens und sind Teil des Future Energy Plant Projekts, das auch diverse Erweiterungen und Anpassungen in vor- und nachgelagerten Anlagen vorsah.

Herr Hochrathner, Smurfit Kappa hat im Sommer die neuen Energieanlagen am Standort Nettingsdorf in Betrieb genommen. Was umfassen diese Anlagen und welche konkreten Einsparungen wollen Sie dadurch erreichen?

Günter Hochrathner
Das Projekt umfasst unsere gesamte Energieerzeugung mit einem Laugenverbrennungskessel, einem Dampfspeicher und einer neuen Dampfturbine. Es wurden auch einige Nebenanlagen adaptiert, wie die gesamte Wasseraufbereitung für die Energieanlage, aber grundsätzlich waren es die drei genannten Anlagenteile, die mit dem Projekt erneuert wurden. Nach Umsetzung können wir nahezu 100 Prozent unseres Wärmebedarfs aus in der Zellstofferzeugung anfallender Biomasse erzeugen und in etwa 55 bis 60 Prozent unseres Strombedarfs.

Was war der Hintergrund, das Megaprojekt in Angriff zu nehmen?

Hochrathner
Energieerzeugung spielt in der Papier- und Zellstoffindustrie eine große Rolle. Die bisherigen Anlagen sind schon älteren Semesters und haben nicht mehr unsere Effizienzanforderungen erfüllt. Ein langfristiger Weiterbetrieb der Bestandsanlagen auf hohem Niveau war nicht sichergestellt.

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Die Papierindustrie und Smurfit Kappa Nettingsdorf im Besonderen arbeitet ständig daran, sich im Bereich der Nachhaltigkeit zu verbessern, die Energieeffizienz zu steigern und Emissionen zu reduzieren. Die neuen Anlagen haben natürlich einen höheren Effizienzgrad als die Altanlagen und dadurch können wir fossile Brennstoffe einsparen. Wir sind nun zwar nicht völlig „fossilfrei“, können aber den Einsatz von fossilen Brennstoffen etwa auf ein Drittel reduzieren und sparen damit etwa 40.000 Tonnen CO2 pro Jahr ein.

Welche Herausforderungen haben sich am Standort, an dem weiterhin produziert wurde, während der zweijährigen Bauphase ergeben?

Hochrathner
Da gab es mehrere. Zum einen ist so ein umfangreiches Projekt für einen Produktionsbetrieb wie Smurfit Kappa Nettingsdorf, der ja nicht permanent so große Projekte umsetzt, ressourcentechnisch eine Herausforderung. Vor allem das eigene Personal war in den letzten zwei Jahren stark involviert und gefordert. Die Umsetzung des Projekts war durchaus komplex, da es sich um mehrere Anlagen handelte, die zusammengefügt werden mussten und auch mit der Papiererzeugung zu koppeln waren. Es ist herausfordernd, hier ein Optimum zu erreichen. Dieses Kraftwerk wurde zudem mitten im Betriebsgelände errichtet, wobei der Betrieb der Altanlagen zu 100 Prozent aufrechterhalten werden musste. Eine zusätzliche große Herausforderung – wenn man von Corona absieht – war, dass wir mit nur einem eintägigen Betriebsstopp von den Altanlagen auf die neuen Anlagen umgestellt und danach sofort wieder voll produziert haben.

Wie sieht die aktuelle Auftragslage und der konjunkturelle Ausblick für Smurfit Kappa für das nächste Geschäftsjahr aus?

Hochrathner
Generell muss man festhalten, dass die Papierfabriken, die Verpackungspapiere produzieren, relativ glimpflich durch die Coronakrise gekommen sind. Es gibt natürlich Marktsegmente, die gelitten haben. Bei den Verpackungen für industrielle Güter ist es sicherlich zu Reduktionen gekommen, in anderen Bereichen – im Versandhandel etwa – boomt das Geschäft und gesamt gesehen ist die Auftragslage in der Verpackungsindustrie gut. Wir sind aktuell zufrieden, aber es gibt natürlich eine gewisse Unsicherheit, wie sich die Coronakrise auf die Wirtschaft in den nächsten Monaten auswirken wird. Bis jetzt haben die Verpackungspapiererzeuger die Coronakrise mit allen Herausforderungen gut gemeistert, wesentlich besser als der Magazin- und Schreibpapierbereich. Konkrete Zahlen kann ich dazu aber nicht nennen.

Zum Projekt

Mit dem neuen Laugenverbrennungskessel steigt die Dampfproduktion aus Biomasse auf bis zu 180 Tonnen Dampf pro Stunde. Der Dampfspeicher der Firma Bertsch, zur Speicherung von kurzfristig anfallenden Überschussmengen, verfügt über ein Volumen von 30 t Dampf. Die Dampfturbine mit der maximalen Leistung von 28 Megawatt ist genau an die Bedürfnisse des Standortes angepasst. Mit der erzeugten Energie könnten etwa 40.000 Haushalte mit Strom und Wärme versorgt werden.

Neben der Stärkung der Energieeffizienz bedingt durch eine Kraft-Wärme-Kopplung sorgen die Anlagen auch für eine Reduktion der Emissionswerte. Der neue Kessel gewinnt aus der in Ablauge der Zellstofferzeugung enthaltenen Biomasse höchst effizient Energie. Dadurch kann der (fossile) CO2-Ausstoß massiv eingedämmt werden. Zudem kommt es zu einer Verminderung der Geruchs- und Feinstaubemissionen. Eine Reduktion des (fossilen) CO2- Ausstoßes um 40.000 Tonnen wird angestrebt, was etwa zwei Drittel der derzeitigen Emissionen am Standort und 1,5 Prozent der gesamten Smurfit Kappa Gruppe entspricht.

Smurfit Kappa produziert papierbasierte Verpackungslösungen und beschäftigt rund 46.000 Mitarbeiter an mehr als 350 Produktionsstätten in 35 Ländern. 2019 beliefen sich die Erträge auf neun Milliarden Euro. Smurfit Kappa ist in 23 Ländern in Europa und in 12 Ländern auf dem amerikanischen Kontinent vertreten. Am Standort Nettingsdorf wird seit 1851 Papier erzeugt.