Seminaranbieter

Wie digital bleibt der Seminarmarkt nach der Pandemie?

Ein Viertel aller Fortbildungsteilnehmer will auf Remote-Angebote verzichten, sobald die Pandemie zu Ende geht. Personalentscheider sind dabei weniger skeptisch als die Teilnehmer, wie eine umfassende Marktstudie ergeben hat.

Die Welt zoomt, skypt, webext. Der kometenhafte Aufstieg von Kollaborationstools, die interaktives Lernen aus der Ferne ermöglichen, hat auch den Seminaranbieter-Markt aufgemischt. „Vor Corona waren digitale Angebote ein Zusatz-Asset, mit dem man sich von der Konkurrenz abheben konnte, heute sind sie nicht mehr wegzudenken. Das sehen HR-Verantwortliche ebenso wie potenzielle Kursteilnehmer“, urteilt Herbert Kling, Geschäftsführer von Brandscore.at und Ersteller der großen Begleitstudie zum Seminaranbieter-Ranking des INDUSTRIEMAGAZIN.

Und Rita Niedermayr, Geschäftsführerin beim Controller Institut, heuer in unserem Ranking auf Platz zwei in der Kategorie Finanzen, Recht und Controlling, ergänzt, dass die große Corona-Herausforderung für die Branche nicht in der Erstellung von digitalen Angeboten selbst bestanden habe, sondern vielmehr darin, die Kunden dafür zu gewinnen: „Wer seine Kunden bei den entsprechenden Veränderungen unterstützen konnte, hatte und hat immer noch einen großen Vorteil gegenüber den Mitbewerbern.“ Ein Blick auf die Ergebnisse unserer Studie bestätigt, dass beim digitalen Lernen tatsächlich die Kunden oft der limitierende Faktor sind. Viele nützen zwar coronabedingt digitale Seminarangebote, doch eine grenzenlose Begeisterung dafür lässt sich aus ihren Antworten nicht ableiten.

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Ambivalentes Resümee

So ist zum Beispiel ein Viertel der Befragten dezidiert entschlossen, auf Remote-Angebote zu verzichten, sobald die Pandemie zu Ende geht. Die Begründung: Was Wissensvermittlung betrifft, können Online-Schulungen mit Präsenzveranstaltungen nicht mithalten. Dass mit Online-Seminaren die gleichen Wissenseffekte erzielt werden können wie mit Präsenzkursen, finden lediglich nur fünfzehn Prozent, wobei HR-Verantwortliche mit 22 Prozent diese Ansicht doppelt so häufig vertreten wie die Mitarbeiter selbst. Die große Mehrheit der Befragten bleibt jedenfalls ambivalent: Ob online funktioniere, hänge vor allem vom Thema und auch ein wenig vom Anbieter ab, finden sie.

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Der soziale Faktor spielt bei der Skepsis gegenüber Fernunterricht hingegen eine geringere Rolle, als man vermuten könnte. Vielfach wird die fehlende Möglichkeit zur Vernetzung und zu informellem Austausch mit Kollegen ja als ein besonders gewichtiges Argument gegen Online-Learning ins Treffen geführt. Unsere Studie korrigiert dieses Bild ein wenig. Denn mehr als ein Drittel der Befragten findet den Wegfall dieser Möglichkeiten gar nicht oder nicht besonders relevant. Für jene, die die soziale Kompetente doch vermissen, hat Rita 
Niedermayr eine gute Nachricht. „Uns ist es zum Beispiel gelungen, die Controller-Institut-Community, die nicht zuletzt durch unsere themenbezogenen Jour Fixes entsteht, auch digital zusammenzuhalten.“ Dass digitale Formen das klassische Lernen auf Dauer ablösen werden, glaubt allerdings auch sie nicht. Eher, meint sie, würden sich Hybridformen durchsetzen. Das dann aber auch mit Methoden, die heute noch selten angewandt werden, wie Melanie Scheiber, Head of Marketing and Public Relations bei Quality Austria, dem Zweitplatzierten in der Kategorie Gesamtanbieter, hinzufügt: „Virtual und Augmented Reality sind zum Beispiel hervorragende Möglichkeiten, komplexe Sachverhalte darzustellen oder gefährliche Vorgänge zu simulieren.“

Einspareffekte durch Online

Der größte treibende Faktor für digitale Seminare würden derzeit aber, neben der Pandemie selbst, die damit verbundenen ökonomischen Effekte bleiben, erklärt Studienautor Herbert Kling: „HR-Verantwortliche sehen den größten Vorteil von Online-Schulungen in den damit verbundenen Einsparungen an Zeit, Geld und personellen Ressourcen.“ Anhand von Zahlen ausgeführt: In unserer Studie geben 58 Prozent der Befragten an, dass das Budget für Fortbildungen in ihren Unternehmen 2020 im Vergleich zum Vorjahr gleich geblieben ist, von eine Erhöhung sprechen lediglich 18 Prozent. Bei fast jedem fünften Unternehmen gab es sogar Einsparungen. Diese Angaben legen den Schluss nahe, dass viele Unternehmen angesichts der angespannten wirtschaftlichen Lage digitale Seminare als eine Möglichkeit nutzen, die Fortbildung ihrer Mitarbeiter zu sichern oder gar auszubauen, ohne dafür Mehrkosten in Kauf nehmen zu müssen.

Preisdruck auf Platzhirschen

Die coronabedingte Digitalisierung des Seminarangebots erzeugt außerdem gerade auf die großen, renommierten Anbieter einen beträchtlichen Preisdruck. Denn der selbstständige Consultant, der über das Internet verhältnismäßig kostengünstig Seminare anbietet, wird seit Corona zu einer immer realeren Konkurrenz. „Die Digitalisierung senkt die Eintrittsschranken in den Seminaranbietermarkt, die allerdings immer schon recht niedrig waren, auch weil viele Angebote direkt oder auf Umwegen subventioniert werden“, kommentiert diese Entwicklung Rita Niedermayr vom Controller Institut. Zugleich verweist sie allerdings auch darauf, dass viele renommierte Institute ihr Geschäft durch Online-Angebote auf Regionen ausweiten konnten, in denen sie im Präsenzmodus kaum Kunden gefunden hätten. Barbara Stöttinger, Dekanin der WU Executive Academy, die in der Kategorie Führung und Strategie Platz eins im aktuellen Ranking erreichte, bestätigt das: „Durch die Umstellung von Präsenz- auf Distanzlehre konnten wir auf einmal Zielgruppen ansprechen, die für ein viertägiges Seminar unter normalen Umständen vielleicht nicht nach Wien gekommen wären.“

Kernkriterium Praxisnähe

Außer dem Bereich Führung und Strategie werden vor allem die Bereiche Finanzen, Recht und Controlling, Informationstechnologie sowie Sprachen von den Befragten unserer Studie als besonders für Online-Seminare geeignet betrachtet. Bei Sprachen und Informationstechnologie fällt allerdings auf, dass Mitarbeiter hier wesentlich mehr Vertrauen in die Erfolgschancen von Online-Learning haben als HR-Verantwortliche. Manche Bereiche würden aber ohnehin für immer eine Domäne des Präsenzbetriebs bleiben, wie Tatjana Baborek, Institutsleiterin bei WIFI Österreich, dem Sieger in der Kategorie Gesamtanbieter, betont: „Insbesondere das Hands-on-Training in unseren vielzähligen Werkstätten, Labors und Großküchen kann nicht durch reines Online-Lernen ersetzt werden.“ Die Ergebnisse unserer Studie stützen diese Behauptung. Wo Praxisnähe auch digital möglich ist, werden solche Formate auch nach der Pandemie bleiben. Dort, wo die Praxistauglichkeit unter dem Fernformat leidet, werden die Präsenzseminare wiederkommen. Denn Praxisnähe ist mit 63 Prozent nach wie vor die wichtigste Anforderung, die Kunden an Seminaranbieter stellen.

Das umfassende Seminaranbieter-Ranking 2021 selbst ist hier zu finden, hier haben wir die Studienergebnisse im Detail für Sie aufbereitet.