Hintergrund

Standort Kärnten: „Brutaler Sparkurs keine Option“

Der Kärntner Halbleiterstandort zeigt sich in der Krise robust. Andere Kernbranchen müssen Federn lassen.

Die Weichenstellung hatte Signalwirkung. Die Österreich-Tochter von Infineon been­dete die bis Ende September geplante Kurzarbeit für rund 1.000 Mitarbeiter in der Produktion im Werk in Villach vorzeitig per 31. Juli. „Wir haben uns entschlossen, die Zeit der verringerten Nachfrage verstärkt für die Integration und Weiterentwicklung der Produktionssysteme zu nutzen“, sagt Infineon­-Produktionsmanager Thomas Reisinger. Dies betreffe „die zukünftige Fertigung in der neuen Chipfabrik sowie die bestehende Produktion“. Auf dem Höhepunkt der Pandemie im Frühjahr seien 3.000 Infineon-Angestellte von Kurzarbeitsmaßnahmen betrof­fen gewesen. Zuletzt hatte der Halbleiterhersteller die Prognose für das Geschäftsjahr leicht angehoben.

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Einschnitte bei Mahle

Nicht überall kommt man glimpflich durch das Jahr. Der deutsche Autozulieferer Mahle baut in seinem Werk in St. Michael ob Bleiburg 130 Stellen ab. Das erklärte Unternehmenssprecher Ruben Danisch auf APA-Anfrage zu einem Bericht des ORF. Bereits zuvor war bekannt geworden, dass Mahle bis 2023 zwei Werke in Deutschland schließen will. Was den Personalabbau in Kärnten angehe, so würden die Gespräche mit den Arbeitnehmervertretern „unmittelbar“ starten, versicherte Danisch.

Der Kärntner Landeshauptmann Peter Kaiser bezeichnete den Abbau von 130 der insgesamt 1.700 Stellen in St. Michael als „schmerzhaft für die Region Südkärnten, für Kärnten insgesamt, aber vor allem für die betroffenen Mitarbeiter“. Er habe bereits an die Werks­ Geschäftsführung appelliert, „nach möglichst sozial verträglichen Lösungen für die Betroffenen zu suchen“. Auch das Land sei bereit, daran mitzuwirken. Es sei bereits spekuliert worden, dass in Kärnten noch mehr Mah­le-­Mitarbeiter betroffen sind – dass dem nicht so ist, sei ein Beleg „für die Qualität der Arbeit der Geschäftsführung und für die hervorragenden Mitarbeiter“ am Standort.

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Beschluss für zusätzliches Defizit

Der Kärntner Landtag hat mit den Stimmen der Koalitionsparteien SPÖ und ÖVP einen Nachtragsvoranschlag beschlossen, mit dem das Nettofinanzierungsdefizit 2020 von ursprünglich 97 um 194 auf nun geplante 291 Millionen Euro steigt. Die Opposition kritisierte das Nachtragsbudget. Finanzreferentin Gaby Schaunig rechtfertigte sich: Angesichts der Coronakrise seien die Optionen „brutaler Sparkurs“ oder „entsprechende Neuverschuldung“ gewesen. „Dieser Nachtragsvoranschlag wirkt massiv auf das Landesbudget“, so SPÖ-­Abgeordneter Günter Leikam. Die COVID­19-Pandemie habe alles zunichte gemacht, was in den vergangenen drei Jahren durch hohe Ertragsanteile und hohe Wirtschaftsleistung in Sachen Schuldenabbau gelungen sei. Nun seien Ertragsanteile weggebrochen, Gesundheitsbereich und Arbeitsmarkt bräuchten dafür mehr Geld. Laut Schaunig werde es noch ein zweites Nachtragsbudget brauchen, das die verringerten Ertragsanteile in den Monaten September bis Dezember enthalte.

Kritik an Neuverschuldung

Oppositionspolitiker Hartmut Prasch meinte, der Nachtragsvoranschlag mute an, als wäre das Geld in Kärnten abgeschafft. Schon das ursprüngliche Budget habe eine massive Neuverschuldung beinhaltet. Nun komme es zu einer „neuen und dramatischen Schuldenlawine“. Die Koalitionsparteien würden sich als „edle Spender“ generieren. Auch ohne Corona hätte man nicht ausgeglichen budgetiert, „jetzt wird der Wahnsinn einfach dem Virus umgehängt“. SPÖ und ÖVP wiesen zurück, dass Abgänge aus dem Gesundheitsbereich nicht enthalten seien, diese würden erst 2021 schlagend. ÖVP­-Klubobmann Markus Malle sagte zum Nachtragsvoranschlag: „Die Zahlen sind unterm Strich alles andere als erfreulich.“ Der größte Teil sei auf den Einbruch bei den Ertragsanteilen zurückzuführen, der Rest auf proaktive Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie-­Krise. „Das ist das einzig richtige Maßnahmenbündel in der derzeitigen Situation.“ Man müsse jetzt investieren und die Abgänge im Landesbudget abbilden, Konsolidierung sei erst wieder sinnvoll, wenn es mit der Wirtschaft wieder bergauf gehe.

Investition in Energieversorgung

Erfreuliche Nachrichten gibt es auf der Infrastrukturseite. Der Stromkonzern Verbund hat in Feistritz im Rosental seine österreichweit erste großflächige Photovoltaikanlage in Betrieb genommen. Direkt beim Drau-­Kraftwerk Feistritz­Ludmannsdorf wurde sie auf einer 2,5 Hektar großen Fläche um­ gesetzt. In die Anlage mit einer Spitzenleistung von 1,3 Megawatt wurde eine Million Euro investiert. Neben der Hauptaufgabe – der Stromerzeugung – solle am Standort an der Drau aber auch geforscht werden, gaben die Verantwortlichen bei der Inbetriebnahme bekannt: Spezielle Sensoren sollten bei der Früherkennung von Fehlern und „schleichender Degradation“ – also dem alterungsbedingten Rückgang des Wirkungsgrades – helfen. Das solle den Betrieb von Photovoltaikanlagen wirtschaftlicher und vorhersehbarer machen, was in Zukunft auch nötig sein werde, so Theresia Vogel, die Geschäftsführerin des Klima­ und Energiefonds. Schätzungen zufolge wird sich die Stromerzeugung aus Photovoltaik bis zum Jahr 2030 verzehnfachen.

Synergien im Energie-Mix

Das griff auch Michael Strugl, der stellvertretende Vorstandsvorsitzende des Verbunds, bei der Inbetriebnahme auf. Das Ziel, dass die Stromerzeugung in Österreich bis 2030 zu 100 Prozent aus erneuerbaren Quellen stammen soll, bezeichnete er als ehrgeizig, bis dahin sei noch einiges zu tun. In diesem Zusammenhang kündigte er auch die Errichtung weiterer solcher Anlagen an, „denn allein auf den Dächern wird sich das nicht ausgehen“. Dabei wolle man beim Verbund vor allem auf Flächen tätig werden, die nicht anders genutzt werden können, wie zum Beispiel Deponien. Durch die Nähe der neuen Photovoltaikanlage zum Drau­-Kraftwerk ergibt sich noch eine weitere Synergie: Der aus Sonnenenergie erzeugte Strom kann direkt über die Schaltanlage des Drau­Kraftwerks in das Höchstspannungsnetz eingespeist werden, wo­ durch Übertragungsverluste minimiert werden.

Treibacher prescht mit Elektrolyse vor

Die Treibacher Industrie AG im Kärntner Althofen will ihre Wasserstoffproduktion umstellen. Anstelle der Gewinnung aus Erdgas soll der Wasserstoff künftig mittels Elektrolyse aus Wasser gewonnen werden, der Kärntner Energieversorger Kelag will eine Photovoltaikanlage bauen, die einen Teil des benötigten Stroms dafür produzieren soll – vorausgesetzt, dass Förderungen fließen. Vier Millionen Kubikmeter Erdgas braucht Treibacher jährlich zur Wasserstoffherstellung. Dieser wird für die Produktion von Vanadiumoxid und Wolframpulver ein­ gesetzt, die in der Stahlerzeugung gebraucht werden. „In diesen Bereichen möchten wir auf Erdgas verzichten und grünen Wasserstoff herstellen“, sagte Vorstand Rainer Schmidtmayer. Man rede hier nicht von ferner Zukunftsmusik, sondern von einer konkreten industriellen Anwendung. Die Kelag wiederum möchte auf der Reststoffdeponie der TIAG drei Hektar für den Bau einer Solaranlage verwenden. In der ersten Ausbaustufe würden drei Millionen Kilowattstunden erzeugt werden. Kelag­-Vorstand Manfred Freitag: „Das Gelände erfüllt die strengen Anforderungen, die in Kärnten für Photovoltaikflächen gelten.“ Es könnten auch noch weitere Flächen mit PV­-Anlagen versehen werden, laut Freitag wären zehn Hektar möglich.

Neuinvestition statt Nachrüstung

Damit das Projekt umgesetzt werden könne, müsse es allerdings Förderungen geben, betonten Schmidtmayer und Freitag, es solle auch wissenschaftlich begleitet werden. Ohne Förderungen würde der grüne Wasserstoff doppelt so viel kosten wie der aus Erdgas hergestellte, meinte Schmidtmayer, das wäre wirtschaftlich nicht vertretbar. Die neue Anlage würde rund sechs Millionen Euro kosten, wie viel die Kelag investieren müsste, sagte Freitag nicht. Schmidtmayer erklärte, das Projekt müsste in den nächsten eineinhalb Jahren unter Dach und Fach sein, denn die derzeitige Wasserstoffproduktion sei in die Jahre gekommen. „Wird aus dem grünen Projekt nichts, müssen wir rund zwei Millionen investieren, um die alte Anlage nachzurüsten.“ Beide Vorstände zeigten sich zuversichtlich, dass die Politik das Projekt unterstützen werde. Immerhin werde ständig postuliert, dass man fossile Energieträger durch erneuerbare ersetzen müsse.