Technologie

Siemens profitiert von Lieferkettenproblemen

Der Technologiekonzern konnte nun schon zum bereits dritten Mal seine Prognose erhöhen, da für ihn das anhaltende Lieferkettenproblem eine Chance darstellt. Auch ein millionenschwerer Zukauf beflügelt das Wachstum.

Der deutsche Technologiekonzern profitiert zum Teil sogar von den Nachschubsorgen der Kunden: Bis zu 10 Prozent der Zuwächse seien darauf zurückzuführen, dass sich Kunden über den aktuellen Bedarf hinaus eindeckten, weil sie lange Lieferzeiten befürchteten, sagte Finanzvorstand Ralf Thomas. "Das ist mein Bauchgefühl."

In der Automatisierungssparte Digital Industries stoße Siemens in den Fabriken an Kapazitätsgrenzen, warnte Vorstandschef Roland Busch, seit dessen Amtsantritt im Februar das Unternehmen auf einer Erfolgswelle schwimmt. Er erhöhte heuer zum dritten Mal die Umsatz- und Gewinnprognosen, nachdem das dritte Quartal besser lief als im Jahr vor der Pandemie.

"Im dritten Quartal haben wir erneut geliefert - mit starkem und profitablem Wachstum in allen Geschäftsbereichen", sagte Busch - auch wenn China nicht mehr so stark wächst wie 2020. Der Nettogewinn hat sich im Vergleich zu dem stark von der Coronakrise geprägten dritten Quartal des Geschäftsjahres 2019/20 auf 1,48 Milliarden (535 Millionen) Euro nahezu verdreifacht. Der Umsatz legte auf vergleichbarer Basis um 21 Prozent auf 16,1 Mrd. Euro zu, der Auftragseingang schoss um 44 Prozent auf 20,5 Mrd. nach oben. Die Zahlen übertrafen die Erwartungen der von Siemens befragten Analysten deutlich.

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Siemens manövriert sich gut durch die Krise

Siemens selbst komme mit dem stockenden Nachschub und den steigenden Preisen bei Chips, elektronischen Bauteilen und Rohstoffen bisher gut zurecht - auch dank Preiserhöhungen. "Den Gegenwind steigender Materialkosten konnten wir bisher durch langfristige Verträge und andere Absicherungsmaßnahmen teilweise ausgleichen. Und auch mit rechtzeitigen Preisanpassungen konnten wir die Auswirkungen auf unser Ergebnis minimieren", sagt Busch. Dass das so bleibt, sei auch die Voraussetzung für die neuen, höheren Prognosen. Mit steigenden Rohmaterial-Preisen müsse man aber auch im neuen Geschäftsjahr rechnen, das im Oktober beginnt.

Ein Ende des Wachstumstempos sei auch dann nicht abzusehen, schrieb JPMorgan-Analyst Andreas Willi. Für das laufende Jahr 2020/21 rechnet der Konzern nun mit einem Umsatzzuwachs um 11 bis 12 (bisher: 9 bis 11) Prozent. Nach neun Monaten liegt Siemens bei einem Plus von 12 Prozent. Annähernd 10 Prozent seien auch im vierten Quartal drin, sagte Finanzvorstand Thomas. Der Nettogewinn soll auf 6,1 bis 6,4 (statt 5,7 bis 6,2) Mrd. Euro steigen, nach neun Monaten steht der Konzern bei knapp 5,4 Mrd. Euro. Analysten trauen Siemens bisher im Schnitt knapp 6,1 Mrd. Euro zu. Die wachsende Zuversicht trieb die Siemens-Aktie um bis zu 4,5 Prozent auf 144 Euro, in die Nähe ihres Allzeithochs vom April.

Der Konzern and er Börse

Siemens ist damit an der Börse mehr als 120 Mrd. Euro wert; fast 50 Milliarden davon entfallen allein auf den Anteil des Konzerns an der börsennotierten Medizintechnik-Tochter Siemens Healthineers. Sie hatte im April den US-Krebs-Spezialisten Varian übernommen, finanziert hauptsächlich durch den Mutterkonzern. Das werde Siemens in diesem Jahr mit rund 350 Mio. Euro belasten, sagte Thomas.

Zur echten Belastung aber wird die verbliebene Beteiligung an der abgespaltenen Siemens Energy. Deren Windkraft-Tochter Siemens Gamesa verfehlt wegen Problemen im Geschäft mit Windanlagen an Land einmal mehr ihre Ziele. Das drückt Siemens Energy in die roten Zahlen. "Wir waren nicht erfreut", sagte Busch. Doch Siemens-Energy-Chef Christian Bruch und Gamesa-Chef Andreas Nauen bekämen die Probleme in den Griff. "Das war nicht schön", formulierte Finanzchef Thomas. Es gebe aber keinen Grund, das Aktienpaket von 35,1 Prozent schneller zu verkaufen als versprochen. Die in den DAX aufgerückte Siemens-Energy-Aktie liegt mit 23 Euro knapp über ihrem ersten Kurs von Ende September 2020.

Die Zug-Sparte Mobility stärkte Siemens unterdessen mit einem 550 Mio. Euro teuren Zukauf. Die niederländische Sqills, Entwickler einer Reservierungs- und Buchungs-Software für Bus- und Bahnbetreiber, passt in Buschs Strategie. Er will alle drei Kernsparten mehr auf Software ausrichten und das Geschäft vom Verkauf von Lizenzen auf ein Abo-Modell umstellen. Mit dem cloudbasierten Buchungssystem könnten die Betreiber Züge und Busse besser auslasten, sagte Siemens-Mobility-Chef Michael Peter. (apa/red)