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Katzmaier: "Für einen radikalen Pragmatismus"

Leadership heißt dieser Tage, die Kraft und den Mut zu haben, inmitten von algorithmischer Hochfrequenz, toxischer Erregungskultur und schleichender Panikstimmung einen klaren Blick zu behalten, meint der Netzwerkanalytiker Harald Katzmair, Gründer und Geschäftsführer von FASresearch.

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Unlängst las ich in einem britischen HIFI-Magazin folgenden Witz: Ein Philosoph diskutiert mit einem anderen Philosophen, ob das Glas halb voll oder halb leer sei. Kommt ein Ingenieur hinzu: „Ich verstehe euer Gerede nicht, das Glas ist einfach doppelt so groß, wie es sein müsste.“

Das Wunderbare an dem Joke ist nicht nur, dass darin dem alten Kalauer vom halb leeren und halb vollen Glas mit einem Schlag neues Leben eingehaucht wird. Es geht auch darum, dass hier jemand mit einem sehr präzisen und nüchternen Auge auf die Wirklichkeit blickt. Und es ist genau diese unsentimentale Begegnung mit der Realität, die in einer Welt von akuter Klimakrise, Fake News und Polarisierung vielleicht unsere beste Chance darstellt. Denn die Zeit, sich vor dem Rendezvous mit der Wirklichkeit zu drücken, geht schön langsam zu Ende.

Während die Politik noch vielerorts versucht, die Wahrnehmung der Wirklichkeit durch „Framing“, „Storytelling“ und „Message Control“ zurechtzubiegen, konnten andere schon bislang nur ihren Job machen, indem sie die Fähigkeit perfektionierten, den unangenehmen Tatsachen des Realen mit offenem Blick gegenüberzutreten. Kein Unternehmen kann sich mittel- oder längerfristig die Wirklichkeit zurechtschmücken. Wer das Feedback der Kunden, der Konkurrenz und der eigenen Mitarbeitenden verweigert, ist rasch am Ende. Diese Erfahrung teilen Entrepreneure mit Einsatzkräften der Rettung, Feuerwehr und Polizei, mit Mitarbeitern der Frauenhäuser und des Hospiz, mit Eltern, deren Kind die Nacht durchweint. Und was Entrepreneure auch wissen: 20% der Arbeit ist Planung und Strategie, 80% sind die niederen Ebenen der täglichen Umsetzung.

White Paper zum Thema

Leadership heißt dieser Tage mehr denn je, die Kraft und den Mut zu haben, inmitten von algorithmischer Hochfrequenz, toxischer Erregungskultur und schleichender Panikstimmung einen klaren Blick auf das eigene Unternehmen und die Welt zu behalten. Es geht um einen aufmerksamen Gegenwärtigkeitssinn, der Strategien und Pläne verfolgt, aber mit Überraschungen rechnet. Immer in Rückkopplung und im Kontakt mit sich selbst und der Welt. Es sind diese Tugenden, die die Politik von den Entrepreneuren lernen kann. Es ist Zeit für einen neuen, radikalen Pragmatismus als Leitprinzip für die äußerst ruppigen Jahre, die vor uns liegen.