Interview

Huawei-Österreich-Deputy-CEO Erich Manzer: "Das Potenzial von 5G ist nicht ansatzweise ausgeschöpft"

Warum die Robotik das Zugpferd für 5G in der Produktion ist und welche Vorteile es hat, einer der meistgetesteten Hersteller der Welt zu sein, erklärt Huawei-Österreich-Deputy-CEO und Vice President Erich Manzer. 

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Erich Manzer arbeitet seit mehr als 25 Jahren in der Telekommunikationsbranche. Seit 2009 ist Manzer für HUAWEI Technologies Austria tätig und hat mit seiner Expertise lange das Product and Solutions Department in Österreich geleitet. 2014 übernahm Manzer als Vice President die Verantwortung für den Account der Deutschen Telekom (heute Magenta) in Österreich. Seit 2017 leitet Manzer die gesamte Carrier Business Group in Österreich und ist stellvertretender Geschäftsführer bei Huawei.

INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Manzer, mit der Linz-AG-Tochter Liwest, einem Internetprovider, hat Huawei im Vorjahr das erste 5G-Standalone-Netzwerk in Europa aufgesetzt. Welche Anwender profitieren denn zuallererst von den so erzielten geringen Latenzzeiten und der Interferenzfreiheit im Netz?

Erich Manzer: Als erste Anwendung wurde ein mobiler Gesundheitsroboter realisiert, der in einem Seniorenheim der Stadt Linz seinen Dienst verrichtet. Auch im Krankenhaus Wien-Nord ist ein solcher fahrender Roboter schon im Einsatz. Auch für diesen sind aktuell neue Anwendungen, die speziell die Vorteile von 5G nutzen, in Ausarbeitung. So könnten die Zimmervisiten künftig anstelle eines Mediziners durch den Roboter erfolgen und ersterer nur mehr über Video zugeschaltet sein. Das ist nur ein kleiner Ausblick....

Der Use-Case ist einmalig, weil auf keinerlei 4G-Technologie mehr zurückgegriffen wird. Verkürzt heißt das: Die Etablierung eines von Grund auf neuen Kernnetzes, sozusagen ohne Altlasten aus der 4G-Ära. Andere gehen es langsamer an....

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Manzer: Wir haben 5G bei Liwest in seiner vollen Funktionalität aufgesetzt, das bringt dem Kunden neben der Investitionssicherheit eine Fülle an Möglichkeiten. Netzbetreiber bauen dagegen auf ihren bestehenden Netzen auf - sie befinden sich sozusagen in einem Zwischenstatus.

Sie liefern 5G-Standardtechnologie end-to-end - sprich, alles vom Projektmanagement über die Integration von Soft- und Hardwarekomponenten für Kern- und Transmissionsnetze bis hin zur Installation der Antennentechnologie. Wie fällt Ihre Bilanz zur Umsetzungsgeschwindigkeit in Österreich aus?

Manzer: Es gibt schon Themen, die den Rollout verlangsamen. Die etwas längeren Genehmigungsprozesse,  die hierzulande zu durchlaufen sind, sind sicher so ein Punkt.

Anderseits genießen Sie gerade in Österreich als chinesischer Technologieanbieter großes Vertrauen, Sie sind bei den großen Mobilfunkern im Boot.

Manzer: Wir liefern hierzulande seit mehr als einem Jahrzehnt Kernnetze, unsere Technologie ist bestens eingeführt. Und als Anbieter eines Komplettportfolios geht in der Projektumsetzung natürlich auch alles eine Spur "smoother". Denn es gibt weniger unterschiedliche Schnittstellen, die Interoperabilität, also die nahtlose Zusammenarbeit aller Systeme, ist gewährleistet.

Warum sollte die Industrie in den nächsten Jahren speziell am Shopfloor auf 5G umrüsten, braucht es da nicht die großen Datenlasten und mobile Logistik- und Produktionsszenarien? 

Manzer: Die Robotik - auch mobile Einheiten, die sich flexibel rüsten lassen - wird einer der großen treibenden Faktoren auch des Aufschwungs nach der Pandemie sein, zumal die Vision der vernetzten Fertigung ja nicht neu ist. Und sich dabei stets auf ein exzellent beschaffenes WLAN verlassen zu müssen, ist ein Risiko, das in der auf Prozessstabilität große Stücke haltenden Industrie mittelfristig kaum jemand eingehen wollen wird. Dafür sind die Einflüsse externer Störfaktoren einfach zu groß. 5G bietet definitiv die weitaus bessere Planbarkeit.

Es gab Anfang des Vorjahres auch hierzulande den Vorstoß namhafter Hersteller von Industrieelektronik, sich für industrieexklusive Eigenfrequenzen abseits des 3,4- bis 3,8-Gigahertz-Bereichs stark zu machen. Dem Vernehmen nach ist dieses Bemühen vorerst abgeebbt. Sind für Sie abseits des Carrier-Bereichs auch Enterprise-Kunden spannend? 

Manzer: Auch den Millimeter-Wave-Bereich (30 bis 300 Gigahertz, Anm.) decken unsere Produkte ab. Doch für die Vergabe des von Ihnen angesprochenen Industriebereichs sind hierzulande noch Konsultationen ausständig. 

Als chinesischer Anbieter kommen Sie nicht aus den Schlagzeilen, die Beziehungen zu den USA waren lange auf Eis. In Europa setzen Sie auf Kooperation - in Brüssel unterhalten Sie etwa ein Testcenter für Cybersicherheit. Wer geht dort ein und aus? 

Manzer: Natürlich legen wir als chinesischer Anbieter größten Wert auf alle sicherheitsrelevanten Themen, das erfordert die geopolitische Situation, das steckt aber auch in unserer Unternemens-DNA. Netzbetreiber, Unternehmen und staatliche Institutionen nutzen also intensiv - und wirklich mehrtägig - unsere Testumgebung für Hard-und Software. Unsere 5G- und LTE-Geräte haben übrigens auch die Tests des globalen Mobilfunkstandards 3GPP bestanden.

Als bis dato einziger 5G-Anbieter hat Huawei damit die NESAS Zertifizierung in der Tasche...

Manzer: Da legen wir wirklich Wert auf Faktenbasiertheit. Wir sind einer der am meisten getesteten Hersteller der Welt. Und hatten nachweislich noch keinen Fall, bei dem uns Cybersicherheit in Misskredit bringen hätte können. Vergehen anderer werden medial weniger hochgekocht, aber übrigens gut recherchierbar.

Abgesehen davon, dass Asien weniger Zeit bei der Umsetzung neuer Technologiestandards verstreichen lässt: Wie arbeitet es sich für einen chinesischen Konzern?

Manzer: Die Kundenfokussiertheit ist enorm. Dazu kommt die hohe Innovationskraft. Den Smartphone-Bereich bereitete man als Auftragsfertiger, lange bevor Huawei mit einer Eigenmarke für Mobiletelefone auf den Markt ging. Neue Geschäftsfelder wie die Photovoltaik entstehen. Und wir sind nicht börsenotiert, sondern setzen auf ein Mitarbeiterbeteiligungsmodell. Das alles mitzuerleben, ist einmalig. 

In Ostfrankreich erfolgt heuer der Spatenstich für das erste Produktionswerk innerhalb Europas, das 2023 mit 300 Beschäftigten seinen Betrieb aufnehmen soll. Sie fertigen dann lokal im Markt für den Markt, so wie es Europäer mittlerweile fast allesamt im Exportmarkt China tun. 

Manzer: Ja, das hier verbaute Equipment stammt dann direkt aus Europa. Ein weiterer Schritt, sich noch stärker zu etablieren. 

Was halten Sie vom nächsten Funkstandard WIFI-6 - eine Bedrohung? 

Manzer: Überhaupt keine Bedrohung, im Enterprise-Bereich setzen wir auch auf diese Technologie. 

Der Roll-Out von 5G in der Industrie läuft gerade erst an, während im Consumerbereich schon erste Lobpreisungen auf den übernächsten Standard 6G zu hören sind. Das schmälert jetzt aber nicht den grundsätzlichen Nutzen von 5G, oder etwa doch?

Manzer: Ganz und gar nicht. Ich erinnere mich lebhaft an die Zeit zurück, als 2013 die F&E an 5G startete. Damals begann sich 4G gerade erst zu etablieren. Heute ist es nicht anders. Wir sehen schon das Neue am Horizont - während die Potenziale der Technologie 5G noch nicht einmal im Ansatz aussgeschöpft sind.

Erich Manzer arbeitet seit mehr als 25 Jahren in der Telekommunikationsbranche in verschiedenen Management-Positionen. Seit 2009 ist Manzer für HUAWEI Technologies Austria tätig und hat mit seiner Expertise lange das Product and Solutions Department in Österreich geleitet. 2014 übernahm Manzer als Vice President die Verantwortung für den Account der Deutschen Telekom (heute Magenta) in Österreich. Seit 2017 leitet Manzer die gesamte Carrier Business Group in Österreich und ist stellvertretender Geschäftsführer bei Huawei.