Stahlindustrie

Fusion bei Thyssenkrupp: Arbeiter warnen "vor vollständiger Filetierung"

Die Entscheidung für eine Fusion zwischen Thyssenkrupp und der indischen Gruppe Tata könnte in wenigen Tagen fixiert werden. Für die Beschäftigten alles andere als ein Grund zur Freude. Aber auch Aktionäre murren: Die Pläne hinter der Fusion seien völlig unklar.

Angesichts der Pläne für eine mögliche Stahlfusion mit dem indischen Konkurrenten Tata haben Arbeitnehmervertreter bei Thyssenkrupp eine "dramatische Zuspitzung" der Lage beklagt.

"Die Fusion mit Tata soll über unsere Köpfe hinweg entschieden werden, obwohl wir seit über einem Jahr vor den erheblichen Risiken und Konsequenzen für unsere Arbeitsplätze warnen." Das stand in Flugblättern, die in diesen Tagen von der IG Metall und dem Betriebsrat im Unternehmen verteilt werden.

Arbeitnehmer beklagen "dramatische Zuspitzung"

Die deutschen Stahlkocher befürchten, dass bei einem Zusammenschluss mit Tata zahlreiche Arbeitsplätze in Deutschland gestrichen und Standorte geschlossen werden. Thyssenkrupp Steel Europe mit Hauptsitz in Duisburg beschäftigt rund 27.000 Mitarbeiter.

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Thyssenkrupp hatte vor wenigen Tagen erklärt, dass die Verhandlungen mit Tata weit fortgeschritten seien und es noch in diesem Monat zu einer Grundsatzvereinbarung kommen könnte:  Thyssenkrupp: Stahlfusion mit Tata "auf der Zielgeraden" >>

"Es droht eine vollständige Filetierung des Konzerns"

Die Fusion mit Tata Steel solle über die Köpfe der Belegschaft hinweg entschieden werden, obwohl die Arbeitnehmervertreter seit über einem Jahr vor den erheblichen Risiken warnten. "Andererseits droht auch eine vollständige Filetierung des Konzerns mit noch dramatischeren Konsequenzen für die Arbeitsplätze in allen Bereichen", so die Gewerkschafter.

Es drohe eine vollständige Filetierung des Konzerns mit "noch dramatischeren Konsequenzen" für die Arbeitsplätze, hieß es. Betriebsrat und Gewerkschaft haben für diese Woche zu einer Demonstration in Bochum aufgerufen, zu der nach Angaben eines IG-Metall-Sprechers mindestens 5.000 Teilnehmer erwartet werden.

Aufsichtsrat berät - Arbeiter demonstrieren

Am kommenden Wochenende stehen die Fusionspläne auf der Tagesordnung einer Sitzung des Aufsichtsrats. Der Betriebsrat hat bereits eine Ablehnung der Pläne durch die Arbeitnehmervertreter im Kontrollgremium angekündigt.

Die IG Metall hatte auch SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz zu den Protestkundgebungen eingeladen. Dieser musste aber nach Parteiangaben aus terminlichen Gründen seine Teilnahme an der Demonstration zwei Tage vor der deutschen Bundestagswahl absagen.

Zu den Rednern auf der Demo gehören der NRW-Chef der IG Metall, Knut Giesler, Konzernbetriebsratschef Wilhelm Segerath sowie der frühere IG-Metall-Chef und heutige stellvertretende Aufsichtsratschef von Thyssenkrupp Steel Europe, Detlef Wetzel.

Aktuell zum Widerstand auch in der Politik:

Berlin: Thyssenkrupp soll seine Fusionspläne mit Tata überdenken >>

"Deutsche Stahl AG": Neues Feuer für eine alte Idee >>

Wie verhält sich Finanzfirma Cevian?

Offen ist, wie der Vertreter des Finanzinvestors Cevian im Aufsichtsrat stimmen wird. Die Schweden halten 15 Prozent an Thyssenkrupp und sind damit der zweitgrößte Einzelaktionär nach der Krupp-Stiftung mit 23 Prozent.

Medienberichten zufolge reicht Cevian eine Fusion der Stahlsparte nicht aus. Stattdessen forderten sie eine Aufspaltung des Konzerns, der neben Stahl auch Aufzüge, Anlagen, Autoteile und U-Boote baut. Cevian hatte sich zu den Berichten nicht äußern wollen.

Unmut auch bei anderen Aktionären

Auch andere Vertreter der Aktionäre bei Thyssenkrupp haben eine stärkere Beteiligung bei der Entscheidung über die Zukunft der Stahlsparte eingefordert.

"Das Problem aus unserer Sicht ist, dass die Aktionäre nicht gefragt werden", sagte Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Hechtfischer schlug vor, vor einer Entscheidung das Votum der Hauptversammlung einzuholen.

Aktionäre: Die Hintergründe der Fusion völlig unklar

Aus Sicht der Aktionäre des Konzerns seien derzeit die Hintergründe der möglicherweise geplanten Fusion der Thyssenkrupp-Stahlsparte mit dem indischen Konkurrenten Tata noch völlig unklar, beklagte Hechtfischer. "Im Grunde gibt es nichts als den vagen Plan eines Joint Ventures", sagte

er. Dabei seien die wirtschaftlichen Erfolgsaussichten eines solchen Zusammenschlusses vor dem Hintergrund der aktuellen Situation auf dem Stahlmarkt noch durchaus unklar. "Vielleicht tut sich da ein Blinder mit einem Lahmen zusammen", so Hechtfischer.

Mögliche Abstimmung im Aufsichtsrat: Ausgang offen

Auch bei der von dem Unternehmen noch im Laufe diese Monats in Aussicht gestellten Abstimmung im Aufsichtsrat seien die Mehrheitsverhältnisse noch offen.

Nachdem Vertreter der Arbeitnehmerseite bereits die geschlossene Ablehnung des Vorhabens signalisiert hätten, sei derzeit noch unsicher, ob der Plan von allem Vertretern der Kapitalseite gebilligt werde. So sei derzeit die Haltung des Thyssenkrupp-Großaktionärs Cevian ebenso unklar, wie das Votum der Krupp-Stiftung, die der Einheit des Unternehmens verpflichtet sei.

Konzernchef Hiesinger offenbar unter massivem Druck

Nach einem Bericht des Nachrichtenmagazins "Spiegel" soll in der bevorstehenden Sitzung des Thyssenkrupp-Kontrollgremiums zunächst über eine Grundsatzvereinbarung, also ein sogenanntes Memorandum of Understanding, abgestimmt werden. Die Vereinbarung müsse dann noch bis Anfang kommenden Jahres ausverhandelt werden.

Hechtfischer sagte, Konzernchef Heinrich Hiesinger stehe derzeit unter massivem Erfolgsdruck. "Hiesinger braucht einen Durchbruch." Bei einem Misserfolg werde die Position des Anfang 2011 als Sanierer angetretenen ehemaligen Siemens-Managers "schwierig".

Thyssenkrupp-Chef Hiesinger hatte den geplanten Zusammenschluss, über den seit dem vergangenen Jahr verhandelt worden war, unter anderem mit Überkapazitäten auf dem Stahlmarkt begründet: Thyssenkrupp-Chef Hiesiger verteidigt seine Fusionspläne >>

(red/dpa/Reuters/APA)