Windkraft

Die Riesen von morgen

Windräder der neuesten Generation erreichen monströse Dimensionen: Mit einer Höhe von 300 Metern und mehr sollen sie auch an Schwachwind-Standorten rentabel sein. Das erfordert massive Anpassungen im Maschinenbau.

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In sehr großen Höhen lässt sich Strom auch an Schwachwindstandorten rentabel produzieren. Hier eine Windturbine des Typs V112-3.0 MW des dänischen Windradkonzerns Vestas in Lemnhult in Schweden.

Gute zwei Jahre nach Eröffnung herrscht geschäftige Routine in der Betonturmfabrik in Zurndorf. Männer in Schutzanzügen stapfen zwischen halbrunden Stahlsegmenten hin und her, die so groß sind wie die Wand eines Bungalows. Hämmern und Schleifen von Metall liegt in der Luft. Schweißgeräte sprühen Funken. Nebenan warten wuchtige Schalungen auf ihren Einsatz.

Der norddeutsche Hersteller Enercon baut hier Turmsegmente für Windräder. Der Konzern zählt zu den größten weltweit, Produktionsstätten von Enercon stehen in Schweden, Portugal, Brasilien, Uruguay oder Kanada. Das burgenländische Zurndorf ist einer der größten Auslandsstandorte des Unternehmens. Nicht nur wegen der Nähe zu Süddeutschland und Osteuropa – sondern auch, weil im Burgenland "küstenähnliche Windverhältnisse" herrschen, wie Energie Burgenland, der größte Windkraftanlagenbetreiber Österreichs, stolz vermerkt.

Sichbar wird das wenige Kilometer entfernt im burgenländischen Potzneusiedl. Dort stehen zwei Enercon E-126 – selbst unter den großen Windrädern echte Riesen. Die Nabenhöhe der Anlagen, also die Ebene der Gondel, ist mit 135 Metern nur zwei Meter niedriger als die Turmspitze des Wiener Stephansdoms. Ihre Rotorblätter rasen auf eine Höhe von 200 Metern hinauf und erreichen bei starkem Wind über 400 Kilometer pro Stunde. Mit diesen Dimensionen ist die E-126 die leistungsstärkste Windkraftanlage der Welt und bis heute so etwas wie die Königin der Windräder – oder, je nach Sichtweise, ein Monster.

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Boom geht weiter

So oder so: Lange wird Potzneusiedl diesen Rekord nicht mehr halten können. Eine ganze Reihe von Anlagenbauern ist gerade dabei, die bisherige magische Obergrenze von 200 Metern weit hinter sich zu lassen. Schon jetzt erreichen neue Anlagen in Süddeutschland im Schnitt Höhen von 190 Metern. Und heuer haben mehrere Produzenten Turbinen mit Nabenhöhen deutlich über 140 Metern präsentiert. Nordex ist einer von ihnen. Vor wenigen Tagen stellte der Hamburger Hersteller die Turbine N131/3300 mit einer Nabenhöhe von 164 Metern vor. Damit kommt die Anlage auf eine Gesamthöhe von 230 Metern – also zehn Meter höher als das Dach des DC Towers, des höchsten Bauwerks Österreichs.

"Ich bin überzeugt, das ist nicht das Ende der Fahnenstange. Es ist durchaus realistisch, dass die Nabenhöhen in den nächsten Jahren 200 Meter erreichen werden", sagt Felix Losada von Nordex. Treiber dieser Entwicklung ist der weiter anhaltende Boom der Windkraft. "Die Windkraft hat bei der installierten Kapazität in Europa die Atomkraft bereits überholt", sagt Stefan Moidl von der heimischen IG Windkraft. Ende 2014 waren Windturbinen mit knapp 129.000 MW am Netz, bei der Atomkraft "nur" 122.000 MW.

Zwar schwächelt heuer die Branche in weiten Teilen Europas, wenn man von wenigen Ländern wie etwa Deutschland oder Österreich absieht. Doch in Übersee läuft der Ausbau ganz unabhängig von Förderungen rasant weiter – allen voran in China, aber auch in den USA, Indien oder Brasilien. An Europas Küsten dagegen sind die guten Standorte bereits weitgehend verbaut – das Meer, so seltsam es klingt, ist jetzt schon fast voll. Deshalb wird in Deutschland nun der Ausbau im Landesinneren intensiviert. Auch, weil das gegenüber Offshore weitaus kostengünstiger und näher an den großen Industriezonen möglich ist.

Genau darauf zielen die neuen Riesenanlagen ab. Je weiter über dem Boden, desto stärker und beständiger die Luftströme. Deshalb können Windturbinen, die so hoch sind wie ein Wolkenkratzer, auch an Schwachwind-Standorten im Binnenland rentabel sein und Leistungen von über drei MW liefern. Tatsächlich laufen bereits konkrete Forschungen zu Nabenhöhen bis zu 250 Metern, während Ingenieure schon über Gondeln in 300 Metern Höhe diskutieren. Wenn derartige Maschinen Realität werden, kratzen ihre Rotoren dann an der Marke von 400 Metern über der Erdoberfläche – fast doppelt so hoch wie der DC Tower.

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