Digitalisierung

Blockchains für die Industrie: Die zwei entscheidenden Fragen

Österreichs Industriebetriebe lassen den anarchischen Exoten Bitcoin links liegen und bauen sich maßgeschneiderte Blockchains selbst. Die Vielfalt der laufenden Projekte ist riesig – dabei kommt es nur auf wenige Parameter an, damit eine Blockchain wirklich passt. INDUSTRIEMAGAZIN nennt die wichtigsten.

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Bei den  Blockchains der Industrie stehen wie bei Bitcoin Transaktionen im Mittelpunkt.

Bitcoin ist einst angetreten, um das Finanzsystem zu stürzen. Heute, zehn Jahre später, ist das Projekt von einem Systemsturz Lichtjahre entfernt – dafür beschäftigen sich inzwischen ganze Branchen intensiv mit der Technologie dahinter. Und während sich der Stromverbrauch von Bitcoin langsam jenem des Staates Dänemark nähert, bauen Industriebetriebe neue, schnellere, effizientere und zum Teil völlig anders konstruierte Blockchains. Oder solche, die einen genau festgelegten Teilnehmerkreis haben statt der Anarchie, wie sie weltweit unter den Jüngern des digitalen Bergbaus herrscht.

In Österreich passiert gerade besonders viel. Das ist kein Zufall: Das Startup Grid Singularity, heute einer der international maßgeblichen Treiber für industrielle Blockchain-Anwendungen, startete in Wien. Ebenfalls in Wien startete kürzlich das Austrian Blockchain Center, um bald mit Geld von der FFG und Partnern aus der Industrie an konkreten Anwendungen zu forschen. In diesen Tagen laufen Pilotprojekte in Salzburger und Wiener Wohnanlagen, an Vorarlberger Ladestationen, in Fabriken in Oberösterreich, in Stromnetzen im ganzen Land und im Rohstoffhandel in ganz Europa. Die Bandbreite ist so groß wie die Geschäftsmodelle, die dahinter sichtbar werden – doch bei der Unterscheidung kommt es in Wirklichkeit nur auf wenige Parameter an. INDUSTRIEMAGAZIN nennt die wichtigsten.

Erste Frage: Der Zugang

Bei den neuen Blockchains der Industrie stehen wie bei Bitcoin Transaktionen im Mittelpunkt. Auch hier sind die Systeme dezentral aufgebaut und sollen möglichst sicher vor Manipulationen sein. Allen gemeinsam sind auch die großen Probleme: Anonymität und Datenschutz. Der große Unterschied der industriellen Blockchains ist die Architektur. Genau zwei Fragen sind beim Bau einer Datenkette entscheidend. Die erste lautet: Welchen Zugang bekommen die Teilnehmer? Zum Beispiel: Will ich, dass die halbe Welt mitmacht, oder soll die Kette das Geschehen nur einer Strombörse abbilden, oder geht es nur um die 20 Zulieferer entlang meines Produkts?

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Die Antwort auf diese erste Frage entscheidet über die Netzstruktur: Öffentlich, konsortial oder privat. Bei einer öffentlichen Blockchain wie etwa bei Bitcoin sind Komplexität und Energiehunger extrem und die Geschwindigkeit langsam – dafür sind sehr viele Knoten möglich und der Zugriff ist quasi öffentlich. Bei einer Konsortium-Blockchain ist die Geschwindigkeit schneller, weil eine begrenzte Teilnehmergruppe den Prozess steuert. Bei einer privaten Blockchain kennen alle Nutzer einander und die Geschwindigkeit ist sehr schnell – dafür gleicht diese Blockchain immer einem kleinen, eingeschworenen Kreis.

Batavia: Die Riesenblockchain

Eine interessante Mischform ist Batavia: Ein Projekt rund um IBM und die Schweizer Großbank UBS, bei dem auch die Erste Group mitmacht. Batavia ist eine riesige und trotzdem private Blockchain, bei der nur autorisierte Teilnehmer zugelassen sind, die aber eines Tages als weltweite Plattform für Logistiker, Zulieferer und Finanzhäuser jeder Größe offen stehen soll. "Wir konzentrieren uns zunächst auf wenige Produkte und Regionen, wollen aber das Service mit der Zeit vor allem dem österreichischem Mittelstand anbieten", so Clemens Müller von der Erste Group. Das Besondere an dieser Riesenblockchain: Sie bietet automatische Zahlungen an, wenn die Ware physisch am Zielort eintrifft, oder die Nachverfolgbarkeit von Material, wobei das System Signale aus dem Internet der Dinge einbezieht.

Tests mit Lenzing

Für eine der ersten Pilottransaktionen fragten die Banker bei einem ihrer Kunden nach: Lenzing. Beim Textilriesen mussten sie niemanden lange überreden: "Lenzing beschäftigt sich schon länger eingehend mit Blockchain, etwa zur Nachverfolgung der Fasern vom Rohstoff Holz bis zum fertigen T-Shirt", so Konzernsprecherin Waltraud Kaserer. Also schickte Lenzing über Batavia heuer im Frühjahr Rohmaterial für die Möbelproduktion nach Spanien – der Test klappte. Trotzdem sei es bis zur Markteinführung noch ein weiter Weg, wie Erste-Manager Patrick Götz zugeben muss.

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