Ölpreis Logistik : Ölpreis aktuell: Warum Brent wieder über 100 Dollar kostet

LPG gas and oil tanker ships anchored in the ocean, with a fast patrol boat in the foreground. Global energy transport, war energy crisis, and Strait of Hormuz blockade concept.

Rund ein Fünftel des weltweiten Öl- und Flüssiggastransports passiert die Straße von Hormus – eines der wichtigsten maritimen Nadelöhre der Weltwirtschaft.

- © Yellow Boat - stock.adobe.com

Ölpreis aktuell: Wo Brent derzeit steht

Stand 17.9., laufend aktualisiert

  • Brent: rund 104,70 US-Dollar je Barrel (Brent ist die wichtigste Rohölsorte für Europa und gilt als maßgebliche Referenz für die Entwicklung von Diesel-, Heizöl- und Kraftstoffpreisen sowie vieler Transport- und Energiekosten.)
  • Veränderung Vortag: etwa -1 % (nachdem Brent bereits am Mittwoch um 2,7 % gefallen war. Zusätzliche saudische Öllieferungen über Oman haben die Sorgen über Lieferausfälle zuletzt etwas gedämpft.)
  • Veränderung Vorwoche: etwa -3 % (am 10. September war Brent nach neuen Angriffen auf die Schifffahrt im Nahen Osten um mehr als sechs Prozent auf 107,63 US-Dollar je Barrel gestiegen. Trotz des jüngsten Rückgangs bleibt der Ölpreis angesichts der anhaltenden Versorgungsrisiken auf hohem Niveau.)
  • Kurzfristiger Trend: sehr volatil; nach dem jüngsten Preissprung derzeit wieder rückläufig, das Niveau bleibt aber über 100 Dollar.

Warum steigt oder fällt der Ölpreis?

Dieser Artikel wird laufend aktualisiert. Den aktuellen Brent-Preis sowie die jüngsten Entwicklungen finden Sie im Infokasten oben.

Der Ölpreis wird derzeit vor allem von den tatsächlichen und befürchteten Lieferausfällen im Nahen Osten bestimmt. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur (IEA) sank die weltweite Ölproduktion im August gegenüber Juli um 1,6 Millionen Barrel pro Tag auf 100,1 Millionen Barrel. Mehr als zehn Millionen Barrel täglicher Förderkapazität am Golf waren wegen der angespannten Sicherheitslage außer Betrieb. Gleichzeitig gingen die weltweit beobachteten Ölvorräte allein im August um 95 Millionen Barrel zurück. Seit Februar summiert sich der Rückgang laut IEA auf 507 Millionen Barrel.

Zusätzlichen Aufwärtsdruck brachten zuletzt Angriffe auf die saudische East-West-Pipeline. Sie ist eine wichtige Ausweichroute, um Öl unter Umgehung der Straße von Hormus zum Roten Meer zu transportieren. Nach dem Ausfall wurden Verladungen im saudischen Exporthafen Yanbu ausgesetzt. Die Sorge vor länger anhaltenden Lieferproblemen ließ Brent zeitweise auf mehr als 110 US-Dollar je Barrel steigen.

Zuletzt gab der Ölpreis allerdings wieder nach. Saudi-Arabien bietet zusätzliche Rohöllieferungen über Oman an und versucht damit, einen Teil der gestörten Exportwege auszugleichen. Am 17. September notierte Brent bei rund 105 US-Dollar je Barrel. Die Entspannung bleibt fragil: Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus ist weiterhin stark eingeschränkt und die Lage im Nahen Osten bestimmt die kurzfristigen Preisausschläge.

Dass der Ölpreis auf geopolitische Eskalationen nicht nur in eine Richtung reagiert, hatte Energieexperte Johannes Benigni bereits im Juni im Gespräch mit dispo betont. Entscheidend sei nicht allein die politische Lage, sondern wie stark der Markt tatsächlich mit Ausfällen rechne. „Es ist nichts ausgestanden“, sagte Benigni damals mit Blick auf den Konflikt im Nahen Osten. Gleichzeitig verwies er darauf, dass der Markt auch auf verfügbare Reserven, zusätzliche Fördermengen und Veränderungen der Nachfrage reagiert.

Seine damalige Erwartung eines Brent-Preises zwischen 70 und 80 Dollar war ausdrücklich an ein Ausbleiben einer weiteren Eskalation geknüpft. Dieses Szenario ist inzwischen überholt: Die erneute Verschärfung des Konflikts und die tatsächlichen Einschränkungen bei Produktion und Transport haben die Ausgangslage am Ölmarkt grundlegend verändert.

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Warum Versorgungssicherheit wichtiger wird als der Ölpreis

Die jüngsten Produktions- und Transportausfälle im Nahen Osten zeigen, dass für Österreich nicht allein die Höhe des Ölpreises entscheidend ist. Mindestens ebenso wichtig ist die Frage, ob Rohöl physisch verfügbar ist und über welche Routen es ins Land gelangt.

„Wir sprechen nicht mehr nur über Energiewende, sondern über Energy Security", sagt der Energieexperte Johannes Benigni dazu im dispo-Gespräch. Energie werde zunehmend zu einem strategischen Wettbewerbsfaktor. Unternehmen müssten ihre Beschaffung, Lieferketten und Produktionsstandorte stärker unter dem Aspekt der Versorgungssicherheit bewerten. Die vergangenen Krisen hätten gezeigt, wie schnell geopolitische Konflikte Transportwege unterbrechen, Lieferketten belasten und Produktionsprozesse beeinträchtigen können.

Damit verändert sich auch der Blick auf den Ölpreis. Er ist nicht mehr nur ein Gradmesser für Energiekosten, sondern auch ein Indikator für Risiken in der physischen Versorgung. Für Industrie- und Logistikunternehmen gewinnen deshalb belastbare Lieferantenbeziehungen, alternative Beschaffungsquellen und widerstandsfähige Supply Chains an Bedeutung.

Welche Auswirkungen steigende Ölpreise auf Logistik und Industrie haben

Für Unternehmen ist nicht der tägliche Brent-Kurs entscheidend, sondern seine Folgen für Energie-, Material- und Transportkosten.

In der Logistik zählt Diesel zu den größten Kostenblöcken. Steigt der Ölpreis über einen längeren Zeitraum, verteuern sich mit zeitlicher Verzögerung Kraftstoffe und Dieselzuschläge im Straßengüterverkehr. Auch See- und Luftfracht reagieren auf höhere Energiepreise über steigende Bunker- und Kerosinkosten. 

Für viele Speditionen werden steigende Kraftstoffkosten über Dieselzuschläge zumindest teilweise an Kunden weitergegeben. Wie stark sich höhere Ölpreise auf die Transportkosten auswirken, hängt jedoch von Laufzeit und Ausgestaltung der jeweiligen Transportverträge ab.

Für die Industrie reichen die Auswirkungen deutlich weiter. Höhere Ölpreise verteuern nicht nur Energie, sondern auch zahlreiche Vorprodukte – etwa in der Chemie- und Kunststoffindustrie. Steigen gleichzeitig Transportkosten, erhöhen sich häufig auch Beschaffungs-, Produktions- und Logistikkosten entlang der gesamten Lieferkette.

Über höhere Energie- und Transportkosten können steigende Ölpreise zudem die Inflation anheizen. Unternehmen sehen sich dadurch häufig mit höheren Einkaufs- und Finanzierungskosten konfrontiert, während Verbraucher steigende Preise unter anderem an der Tankstelle oder bei transportintensiven Gütern spüren.

Für Energieexperte Johannes Benigni ist das ein weiterer Grund, warum Unternehmen Versorgungssicherheit stärker gewichten als in der Vergangenheit. Die vergangenen Krisen hätten gezeigt, dass belastbare Lieferketten, alternative Bezugsquellen und eine höhere Resilienz heute einen eigenen wirtschaftlichen Wert besitzen.

Auch die Internationale Energieagentur (IEA) verweist darauf, dass der Ölmarkt trotz einer mittelfristig erwarteten Entspannung anfällig für geopolitische Störungen und Unterbrechungen wichtiger Transportrouten bleibt. Für Industrie und Logistik bedeutet das: Nicht nur der Ölpreis selbst, sondern auch die Stabilität globaler Lieferketten wird zunehmend zum Wettbewerbsfaktor.

Lesen Sie auch: Österreichs Logistik unter Druck: Insolvenzen, Diesel-Schock und Hormus-Krise verschärfen die Lage

Ölpreis in Österreich: Welche Rolle TAL und die OMV spielen

Österreich verfügt über keine eigene nennenswerte Rohölförderung und ist deshalb auf Importe angewiesen. Für die Versorgung des Landes spielt die Transalpine Ölleitung (TAL) eine zentrale Rolle. Sie transportiert Rohöl vom italienischen Hafen Triest über Österreich nach Deutschland und versorgt über eine Anbindung auch die OMV-Raffinerie Schwechat, in der ein Großteil der in Österreich benötigten Kraftstoffe hergestellt wird.

Steigende oder fallende Brent-Preise wirken sich deshalb auch auf Österreich aus. An den Tankstellen kommen Preisänderungen allerdings meist zeitverzögert an. Neben dem Rohölpreis beeinflussen unter anderem Raffineriekosten, Transport, Lagerhaltung, Wechselkurse sowie Steuern und Abgaben die Entwicklung der Diesel- und Benzinpreise.

Auch wenn geopolitische Krisen wie zuletzt im Nahen Osten die internationalen Ölmärkte belasten, bedeutet das nicht automatisch ein Versorgungsproblem für Österreich. Solange die Lieferketten über den Hafen Triest, die TAL-Pipeline und die Raffinerie Schwechat funktionieren, bleibt die physische Versorgung mit Rohöl grundsätzlich gesichert. Höhere Weltmarktpreise schlagen sich jedoch früher oder später auch bei Unternehmen und Verbrauchern in Österreich nieder.

Die TAL-Pipeline verbindet den Hafen Triest mit der Raffinerie Schwechat und ist das zentrale Rückgrat der österreichischen Ölversorgung.

- © TAL-Gruppe / www.tal-oil.com

Brent und WTI: Was ist der Unterschied?

Wenn vom Ölpreis die Rede ist, geht es meist um die beiden Referenzsorten Brent und WTI (West Texas Intermediate). Beide gelten als internationale Preismaßstäbe, unterscheiden sich jedoch in Herkunft und Marktumfeld.

Brent stammt aus der Nordsee und ist die wichtigste Referenzsorte für Europa sowie große Teile des weltweiten Ölhandels. An ihr orientieren sich auch viele Raffinerien und Mineralölunternehmen in Österreich und Deutschland. Deshalb ist Brent für europäische Unternehmen in der Regel die aussagekräftigere Kennzahl.

WTI (West Texas Intermediate) wird überwiegend in den USA gefördert und dient als wichtigste Referenzsorte für den nordamerikanischen Markt. Sein Preis wird stärker von der US-Ölproduktion, den amerikanischen Lagerbeständen und der Infrastruktur in Nordamerika beeinflusst.

Da Angebot und Nachfrage in Europa und den USA nicht immer gleich verlaufen, notieren Brent und WTI häufig auf unterschiedlichen Preisniveaus. Für Unternehmen in Europa ist Brent deshalb meist der wichtigere Indikator für die Entwicklung von Energie- und Kraftstoffkosten.

Die OMV-Raffinerie Schwechat wird über die Trans-Alpine-Pipeline (TAL) aus Triest versorgt. Rund 94 Prozent des österreichischen Rohöls gelangen über diese Infrastruktur ins Land.

- © OMV

Könnte der Ölpreis weiter steigen?

Ob Brent in den kommenden Wochen weiter steigt oder wieder fällt, hängt derzeit vor allem von fünf Faktoren ab: der Lage im Nahen Osten, den Entscheidungen der OPEC+, der weltweiten Nachfrage, den US-Lagerbeständen und der Entwicklung des US-Dollars.

Geopolitik: Trotz der vereinbarten Waffenruhe zwischen den USA und dem Iran sehen Reedereien noch keine Rückkehr zum Normalbetrieb in der Straße von Hormus. Maersk und der japanische Tankerbetreiber Mitsui O.S.K. Lines (MOL) rechnen mit einer schrittweisen Normalisierung des Schiffsverkehrs. Hohe Kriegsversicherungsprämien und die weiterhin angespannte Sicherheitslage belasten den internationalen Seeverkehr.

OPEC+: Die Förderpolitik des Ölkartells bleibt einer der wichtigsten Einflussfaktoren auf den Ölmarkt. Produktionsanpassungen können das Verhältnis von Angebot und Nachfrage ebenso verändern wie geopolitische Ereignisse. Die OPEC bewertet diese Faktoren in ihren Monatsberichten regelmäßig neu.

Nachfrage: Entscheidend wird sein, wie sich die Weltwirtschaft entwickelt. Eine schwächere Konjunktur würde die Ölnachfrage dämpfen, während eine stärkere Industrienachfrage – insbesondere aus Asien – den Markt stützen könnte. Nach Einschätzung von Johannes Benigni hat China zuletzt deutlich weniger Rohöl importiert. Sollte diese Nachfrage zurückkehren, könnte das den Ölpreis erneut nach oben treiben.

Lagerbestände: Die US-Lagerbestände und strategischen Ölreserven gelten als wichtiger Gradmesser für die Versorgungslage. Die strategischen Reserven der USA befinden sich weiterhin auf dem niedrigsten Stand seit den 1980er-Jahren. Dadurch reagieren die Märkte sensibler auf mögliche Lieferausfälle.

US-Dollar: Da Rohöl weltweit in US-Dollar gehandelt wird, beeinflusst auch der Wechselkurs die Preisentwicklung. Ein stärkerer Dollar verteuert Öl außerhalb der USA und kann die Nachfrage dämpfen. Ein schwächerer Dollar wirkt dagegen häufig preisstützend.

Eine konkrete Preisprognose lässt sich daraus nicht ableiten. Johannes Benigni hält derzeit jedoch einen Brent-Preis in einer Bandbreite von 70 bis 80 US-Dollar je Barrel für das wahrscheinlichste Szenario, sofern es zu keiner neuerlichen Eskalation im Nahen Osten kommt.

Wie Experten die aktuelle Lage einschätzen

Die Internationale Energieagentur (IEA) geht davon aus, dass sich das globale Ölangebot mittelfristig entspannen kann. Kurzfristig verweist sie jedoch weiterhin auf Unsicherheiten durch geopolitische Konflikte, Lieferketten und den internationalen Handel.

Auch die OPEC bewertet Angebot und Nachfrage als die entscheidenden Einflussfaktoren für die weitere Entwicklung des Ölmarkts und passt ihre Markteinschätzungen regelmäßig an.

Energieexperte Johannes Benigni erwartet derzeit ebenfalls keine Rückkehr zu den Höchstständen früherer Ölkrisen. Gleichzeitig sieht er keinen Anlass für dauerhaft sehr niedrige Preise. Seine kurzfristige Erwartung liegt bei einem Brent-Preis zwischen 70 und 80 US-Dollar je Barrel. Ausschlaggebend seien insbesondere die weitere Entwicklung der Nachfrage – vor allem aus China – sowie die geopolitische Lage im Nahen Osten.