Für die Automobilindustrie, die stark von Halbleitern abhängig ist, ist deutlich geworden, wie schnell politische Entscheidungen das Tagesgeschäft beeinflussen können. Ist die Branche heute ausreichend darauf vorbereitet?
Pötsch Wir haben aus früheren Krisen viel gelernt. Unsere Halbleiter- und Beschaffungsstrategie jedenfalls ermöglicht es, proaktiv zu handeln und die Resilienz weiter zu stärken. Vor 2021 beispielsweise waren Halbleiter in vielerlei Hinsicht eine Black Box – mit begrenzter Transparenz, teilweise sogar für Tier 1 Lieferanten. Seitdem haben wir unsere Transparenz entlang der Lieferkette deutlich erhöht, Prozesse gestrafft und eine eigene Halbleiterorganisation sowie ein interdisziplinäres Management etabliert. Durch die enge und direkte Zusammenarbeit mit Partnern aus der Halbleiterindustrie – und nicht ausschließlich über Tier 1 Lieferanten – konnten wir unser Lieferantenportfolio erweitern und gegenseitiges Vertrauen aufbauen. Das trägt dazu bei, Kapazitäten abzusichern und alternative Beschaffungsoptionen zu ermöglichen.
Mit Blick nach vorn: Was wird diejenigen Unternehmen auszeichnen, die die aktuelle Krise nicht nur überstehen, sondern gestärkt aus ihr hervorgehen?
Pötsch Es sind meines Erachtens vor allem drei Dinge. Erstens strategische Klarheit. Sie wissen, wo sie im globalen Spannungsfeld stehen wollen – technologisch, geografisch und politisch. Zweitens operative Flexibilität. Sie haben ihre Lieferketten so gestaltet, dass sie schnell reagieren können – durch Transparenz, Digitalisierung und alternative Optionen. Drittens kulturelle Anpassungsfähigkeit. Die größte Herausforderung ist nicht die Technologie, sondern das Mindset. Unternehmen, die bereit sind, alte Erfolgsmodelle zu hinterfragen und kontinuierlich zu lernen, werden langfristig erfolgreich sein. Besonders in der Automobilindustrie, die sich gleichzeitig mit Elektrifizierung, Digitalisierung und geopolitischem Wandel auseinandersetzen muss, wird diese Kombination zum entscheidenden Differenzierungsmerkmal.