Logistikkosten Insolvenzen : Österreichs Logistik unter Druck: Insolvenzen, Diesel-Schock und Hormus-Krise verschärfen die Lage

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Der europäische Straßengüterverkehr startete dynamischer ins Jahr als prognostiziert. Laut Timocom wurden im ersten Quartal 2026 europaweit 41 Prozent mehr Frachtangebote eingestellt als im Vorjahr. Gleichzeitig gingen die verfügbaren Lkw-Kapazitäten um sieben Prozent zurück – eine Entwicklung, die sich durch Insolvenzen und strukturellen Rückbau weiter verschärft. Branchenverbände gehen in Deutschland sogar von einem möglichen Rückgang der Flotten um zehn bis 20 Prozent aus.

„Geopolitische Spannungen und steigende Energiepreise verstärken den Druck auf Transportunternehmen, ihre Kapazitäten möglichst effizient und gewinnbringend einzusetzen. Da das nicht immer gelingt, ist die Folge, dass ein Teil der Flotte stillgelegt wird“, sagt Gunnar Gburek, Company Spokesman & Head of Business Affairs bei Timocom.

Gleichzeitig entwickelte sich die Nachfrage deutlich stärker als es die schwache konjunkturelle Lage erwarten ließ. Im März lag der Frachtanteil europaweit bei 79 Prozent – ein Plus von elf Prozentpunkten gegenüber dem Vorjahr. Treiber waren unter anderem Impulse aus der Industrie, etwa durch steigende Nachfrage in der Automobilbranche sowie im Konsumgüterbereich. Auch saisonale Effekte wie das Ostergeschäft stabilisierten den Markt zusätzlich.

Der daraus entstehende Engpass zeigt sich besonders auf stark frequentierten Routen. Auftraggeber müssen zunehmend auf den Spotmarkt ausweichen, um kurzfristig Laderaum zu sichern.

„Die herausfordernde Situation, in der sich die Wirtschaft befindet, wird durch die Vergabe der Transportaufträge über den Spotmarkt deutlich. Hier finden Auftraggeber kurzfristig Laderaum, während die festen Subunternehmer ihre Kapazitäten abbauen oder keine längerfristigen Bindungen zu unsicheren Konditionen eingehen möchten“, so Gburek.

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Österreich: Noch Balance, aber steigende Kosten und Insolvenzen

Innerhalb Österreichs ist die Lage derzeit weniger angespannt – aber deutlich in Bewegung. Die Zahl der Frachtangebote stieg im ersten Quartal um 40 Prozent, während sich das Verhältnis von Fracht zu verfügbarem Laderaum im März bei 47 Prozent einpendelte.

Parallel dazu zeigt sich eine deutliche Kostenentwicklung. Der Transportkostenindex der Wirtschaftskammer Österreich weist für den 1. April 2026 einen Anstieg der Kosten inklusive Diesel um 4,52 Prozent gegenüber dem Vormonat aus. Im März hatte der Anstieg noch 0,53 Prozent betragen.

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Die Entwicklung steht im direkten Zusammenhang mit den Treibstoffpreisen. Denn ohne die Dieselpreise miteinzubeziehen, lag die monatliche Veränderung im April bei 0,36 Prozent. Laut Fachverband der Energierohstoff- und Kraftstoffindustrie lag der durchschnittliche Dieselpreis am 6. April 2026 bei rund 2,228 Euro pro Liter und damit auf dem höchsten jemals gemessenen Niveau in Österreich.

Der ÖAMTC dokumentiert einen Anstieg von rund 70 Cent je Liter seit Anfang März, im Monatsdurchschnitt lag Diesel um 46,3 Cent über dem Februar-Niveau. Damit liegt der Preis nominell über dem Niveau zu Beginn des Ukraine-Krieges 2022.

Am 13. April lag der Durchschnittspreis bei rund 2,075 Euro pro Liter, was im Vergleich zum Jänner 2026 einem Anstieg von 40,5 % entspricht.

Zusätzlich prägen mehrere Insolvenzen den Markt. Besonders im Fokus steht die Nothegger Transport Logistik GmbH aus Tirol. Über das Unternehmen wurde im März 2026 am Landesgericht Innsbruck ein Konkursverfahren eröffnet. Rund 300 Beschäftigte sind betroffen. Das Unternehmen betreibt mehr als 700 Fahrzeuge an 15 Standorten in Europa.

Als Ursachen wurden unter anderem offene Verbindlichkeiten gegenüber der Sozialversicherung in Höhe von rund 3,18 Millionen Euro sowie die Rückzahlung gestundeter Corona-Abgaben genannt. Senior-Chef Karl Nothegger erklärte: „Die Margen sind sehr gering. Das ganze Politische, die Blockabfertigungen, Fahrverbote verstärken natürlich den Kostendruck.“

Weitere Fälle betreffen unter anderem die MBS Transport GmbH aus Salzburg sowie die 123 Shared Mobility GmbH („123 Transporter“), bei der ein Sanierungsverfahren eröffnet wurde.

© Nothegger Linkedin

Kommentar von Spedination-Geschäftsführer Thomas Kogler: "Die Branche wird nicht gedrückt. Sie lässt sich drücken."

Es geht ein Schreiben durch die Branche. Ein Satz reicht: Grundfracht minus 2,5 Prozent. Sprit und Maut bleiben unangetastet.

Das klingt nach Korrektur - Es ist eine Ansage.

Denn von all unseren Kosten lässt sich aktuell genau eine sauber weitergeben: der Diesel. Personal, Finanzierung, Werkstatt, Versicherung, IT und steigende Löhne verschwinden still in der Marge. Während wir den Treibstoff durchstellen, wird genau dort gekürzt, wo wir Geld verdienen.

Das ist kein Markt - Das ist ein Zangenangriff.

Der Durchlaufposten bleibt unangetastet. Die Wertschöpfung wird gedrückt.

Die scheinbare Ruhe im Markt täuscht. Sie ist kein Zeichen von Stabilität, sondern die Folge von Pleiten. Wenn Auslastung zurückkommt, dann oft nicht, weil Nachfrage steigt, sondern weil Kapazität weggebrochen ist. Die Insolvenzwelle war keine Bereinigung. Sie war eine Vorabzahlung.
Auch der Fahrermangel löst das Problem nicht. Er kaschiert es. Weniger Volumen auf weniger Kapazität wirkt stabil – bis zur nächsten Schwankung.

Was 2026 entscheidet, ist nicht, wie gut sich Kosten durchstellen lassen. Sondern wer seine Hausaufgaben macht: Prozesse sauber aufsetzt, Fehler rausnimmt und endlich produktiver wird.

Denn die Wahrheit ist: Die Marge wird heute nicht mehr im Verkauf entschieden – sondern im Prozess. Wer seine Abläufe nicht im Griff hat, fährt nicht nur zu billig. Er fährt blind.

Und genau hier trennt sich der Markt.

Die Branche wird nicht nur gedrückt. Sie lässt sich drücken.
- Zu viele fahren ohne saubere Kalkulation.
- Zu viele kennen ihre echten Kosten nicht.
- Zu viele reagieren nur – statt aktiv Preise zu gestalten.

Und zu viele akzeptieren niedrigere Grundfrachten, solange die Tour noch „läuft“.

Das ist kein Zwang - Das ist eine Entscheidung.

Wer heute zu billig fährt, um Volumen zu sichern, baut keinen Vorsprung auf. Er baut ein Risiko auf. Für morgen. Für die nächste Welle.

Und die wird kommen.

Logistik ist kein einfaches Geschäft.
Sie ist leiser geworden.
Und teurer.

2026 wird kein Jahr der Gewinner im klassischen Sinn. Es wird ein Jahr, in dem sich zeigt, wer seine Hausaufgaben gemacht hat – und wer vom Markt gemacht wird.

Thomas Kogler ist Gründer und Geschäftsführer von Spedination.
© Spedination

Hormus-Krise als globaler Stresstest

Der eigentliche Wendepunkt kam Ende Februar mit der Eskalation rund um die Straße von Hormus. Innerhalb weniger Tage veränderte sich das Marktumfeld grundlegend. Laut dem „Sea & Air Freight Outlook“ der Spedition Forto traf der geopolitische Schock auf eine gerade erst anziehende Nachfrage – mit weitreichenden Folgen.

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Der Ölpreis für Brent sprang zunächst von rund 70 auf etwa 120 US-Dollar pro Barrel und liegt aktuell bei etwa 107 US-Dollar pro Barrel. Parallel dazu trübten sich die Konjunkturerwartungen ein: Die Wachstumsprognose für die Eurozone wurde auf 1,2 Prozent gesenkt.

Gleichzeitig wurden zentrale maritime Routen unzuverlässig: Nach militärischen Spannungen setzten die größten Containerlinien ihre Transite durch Hormus zeitweise aus. Damit waren zeitweise zwei der wichtigsten globalen Handelsadern gleichzeitig eingeschränkt: Zum einen die Straße von Hormus, durch die ein erheblicher Teil der weltweiten Öltransporte verläuft, und zum anderen die Route über den Suezkanal, die als zentrale Verbindung zwischen Asien und Europa gilt. Störungen führen zu längeren Transportzeiten, höheren Kosten und Umwegen über alternative Routen.

„Die geopolitischen Spannungen haben aus einer operativen Störung in kürzester Zeit ein strategisches Beschaffungsthema gemacht“, sagt Jessy Brughmans, Director Global Trade Management bei Forto.

Im Seefrachtmarkt zeigte sich dies unmittelbar in steigenden Raten. Auch die Luftfracht war betroffen: Luftraumbeschränkungen reduzierten die effektiv nutzbaren Kapazitäten im Nahen Osten um rund 30 Prozent, während die Preise auf einzelnen Strecken deutlich anstiegen.

Energiepreise als unmittelbarer Belastungsschock

Parallel zur geopolitischen Eskalation trifft der Dieselpreisanstieg die Branche direkt und ohne Vorlaufzeit. Die Kosten müssen unmittelbar vorfinanziert werden und belasten die Liquidität der Unternehmen erheblich.

„Das ist kein normaler Anstieg mehr. Das ist ein Preisschock“, sagt Benedikt Roßmann, Geschäftsführer von Ansorge Logistik.

Die Auswirkungen reichen entlang der gesamten Wertschöpfungskette – von Speditionen über Frachtführer bis hin zu Verladern. „Bei größeren Flotten sprechen wir schnell über mehrere hunderttausend Euro zusätzlicher Liquidität, die vorfinanziert werden muss“, erklärt Andrea Marongiu, Geschäftsführer des Verbands VSL Baden-Württemberg e.V.

Transformation unter Druck: E-Mobilität, Digitalisierung und KI

Der Kostendruck wirkt zugleich als Beschleuniger für strukturelle Veränderungen. Alternative Antriebe und digitale Lösungen rücken stärker in den Fokus – zunehmend aus wirtschaftlichen Gründen.

„Wir sehen aktuell eine ungewöhnlich starke Überlagerung von kurzfristigem Marktdruck und langfristigen Transformationsentscheidungen“, sagt Gburek. „Viele Unternehmen sind gezwungen, auf Sicht zu fahren und gleichzeitig strategisch zu investieren.“

Im Bereich der Elektromobilität zeigt sich ein wachsendes Interesse. „Die Unternehmen, die bereits elektrifiziert haben, sehen sich bestätigt. Sie haben einen Teil des Problems bereits gelöst“, so Marongiu. Gleichzeitig bleibt die Umsetzung komplex: Neben Investitionen in Fahrzeuge sind Ladeinfrastruktur und Qualifizierung erforderlich.

„Elektromobilität ist eine Lösung, aber die Umsetzung ist aktuell noch begrenzt“, erklärt Hansjörg Haller. Dennoch gilt der Trend als gesetzt: „Die Entwicklung ist nicht mehr aufzuhalten“, betont Hubert Borghoff, Head of Logistics / Vice President von GROUP7 AG.

Parallel gewinnt die Digitalisierung weiter an Bedeutung. Anwendungen wie Dieselpreisindizes ermöglichen eine schnellere Reaktion auf Marktveränderungen. Auch KI wird zunehmend eingesetzt. Dabei zeigt sich jedoch auch ein Spannungsfeld: „Die größte Hürde ist nicht die Technologie, sondern das Umdenken“, so Marongiu.

Preise steigen – aber verzögert

Die Auswirkungen spiegeln sich auch in den Transportpreisen wider. Nach einem Rückgang zu Jahresbeginn stiegen die Spotmarktpreise im Zuge der geopolitischen Zuspitzung wieder an. Im ersten Quartal lagen die Forderungen der Frachtführer europaweit im Schnitt 9,5 Prozent über dem Vorjahr, während Auftraggeber im Schnitt 8,9 Prozent höhere Preise boten.

Die Preisspanne bewegte sich zwischen 1,48 und 1,75 Euro pro Kilometer, mit steigender Tendenz.

Dauerhafte Erosion von Kapazitäten

Die kritischste Entwicklung liegt im strukturellen Rückgang der Transportkapazitäten. Sollte sich der Konflikt im Nahen Osten weiter zuspitzen, droht eine nachhaltige Erosion des Angebots. „Sollte sich der Iran-Konflikt länger hinziehen und weiter zuspitzen, wird dies gravierendere Auswirkung haben, die nicht nur die Branche, sondern die gesamte Wirtschaft nachhaltig in Mitleidenschaft ziehen könnten. Denn Transportkapazitäten werden nachhaltig in Zentraleuropa verschwinden“, warnt Gburek. Diese Kapazitäten lassen sich kurzfristig nicht ersetzen.

Auch für das zweite Quartal erwarten Marktbeobachter anhaltende Unsicherheit. Selbst bei einer Stabilisierung der Lage dürfte sich der Kostendruck nur langsam abschwächen.

„Unternehmen sollten deshalb mindestens bis zur Jahresmitte mit anhaltendem Kostendruck und Störungen im Frachtverkehr rechnen“, sagt Christopher Braun, Director Air Freight bei Forto.

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