Wartung Viernull

Produktionsforscher Sihn: "Es braucht die letzte Konsequenz"

Sihn Fraunhofer
©  Lukas Ilgner / Verlagsgruppe News / picturedesk.com

INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Professor Sihn, mit einem neuen Instandhaltungskonzpept, das Fraunhofer Austria erarbeitet hat, soll ein großer Wurf gelingen. Was gibt es denn an der Wartung in der Industrie gemeinhin auszusetzen?

Wilfried Sihn: Wer seit nahezu 40 Jahren in der Instandhaltung aktiv ist, darf zurecht schlussfolgern, dass sich unglaublich vieles zum guten gewendet hat. Es wurde an tausend Schrauben gedreht. Dennoch gab es in ihrer grundsätzlichen Ausprägung keine wirkliche Veränderung. Ausbaden muss das vielfach immer noch der Instandhalter. Der kommt morgens um sieben Uhr bei der Frühbesprechung mit dem Hut bei der Tür herein und kommt ohne Hut wieder heraus.

Jetzt bin ich überrascht. Ich dachte, TPM (Total Productive Maintenance), Digitalisierung und Datenmanagement bringen schon längst schöne Effizienzzugewinne, die auch das Leben der Instandhalter einfacher machen?

Sihn: Bringen sie auch. Aber den großen Sprung hat man damit nicht erzielt.

Ihre Strategie nimmt Anleihen an SMED (Single Minute Exchange of Dies), einem Rüstverfahren, mit dem der Autobauer Toyota beim Pressenwechsel die erforderliche Zeit von mehreren Stunden auf unter zehn Minuten herabsenkte. Das klingt verwegen.

Sihn: Jetzt werden Ingenieure vielleicht den Kopf schütteln. Es braucht jedoch den radikalen Ansatz, um nicht wertschöpfende Bestandteile von Arbeit aus dem Prozess zu lösen. Noch sind wir meilenweit von einer optimalen Lösung entfernt.

Ihre Vision ist jene einer instandhaltungsfreien Fabrik.

Sihn: Die Instandhaltung muss grundlegend neu organisiert sein. Es braucht eine Entkoppelung vom Produktionsprozess. Die Wartungstätigkeiten haben dann zu erfolgen, wenn nicht produziert wird. Mit dieser Flexibilisierung geht - wie bei SMED - ein radikal anderes Verständnis der Arbeitsorganisation einher. Die Instandhalter rücken nicht etwa dann aus, wenn über die Weihnachtsfeiertage die Fabrik schließt. Sondern zwischendurch, etwa bei der halbstündigen Schichtübergabe. Dazu muss die Instandhaltungsplanung zwingend in die Produktionsplanung integriert sein. Denn die Instandhalter haben zumeist nur sehr lückenhaft darüber Kenntnis, was in der Produktion gerade läuft, also etwa, wo es Materialengpässe gibt. Jede Kommunikationsform ist besser als der Status Quo.

Immer dann, wenn sich also Lücken im Schichtbetrieb auftun, rücken künftig die Instandhalter aus?

Sihn: Die Instandhaltung muss grundlegend neu organisiert sein. Es braucht eine Entkoppelung vom Produktionsprozess. Die gesamten Instandhaltungstätigkeiten – die den Wertschöpfungsprozess be- bzw. verhindern - haben dann zu erfolgen, wenn nicht produziert wird. Mit dieser Flexibilisierung geht - wie bei SMED - ein radikal anderes Verständnis der Arbeitsorganisation einher. Die Instandhalter rücken nicht etwa dann aus, wenn über die Weihnachtsfeiertage die Fabrik schließt. Sondern zwischendurch, etwa bei der halbstündigen Schichtübergabe oder dann, wenn nicht produziert wird, wie in der 2. oder 3. Schicht. Dazu muss die Instandhaltungsplanung zwingend in die Produktionsplanung integriert sein. Denn die Instandhalter haben zumeist nur sehr lückenhaft darüber Kenntnis, was in der Produktion gerade läuft, also etwa, wo es z.B. gerade Stillstände z.B. wegen Materialengpässe gibt. Jede Kommunikationsform ist besser als der Status Quo. Insbesonders geht es aber um die ungeplanten Störungen.

Welches Vorgehen braucht es hier?

Sihn: Diese müssen wir unter Einsatz der riesigen Datenmengen in einem Unternehmen und Methoden der künstlichen Intelligenz (KI) möglich oft und genau vorhersagen. Prädiktive (vorhersagende) Instandhaltung betreiben. Da sind wir noch am Anfang, erzielen aber beachtliche Erfolge in der Praxis und müssen noch viel besser werden. Und die Erkenntnis, dass wir etwas tun müssen, um eine Störung zu verhindern, das müssen wir in einer geplanten Instandhaltungsmassnahme ausserhalb des Produktionsprozesses durchführen. Wir verlagern also möglichst viele IH-Massnahmen aus dem Produktionsprozess heraus und nähern uns damit der Vision der zunehmend instandhaltungsfreien Fabrik. Das alles setzt aber völlig neue, flexible Arbeitszeitmodelle in der Instandhaltung voraus.

Wie könnte ein solches Schichtmodell in einem Unternehmen, in dem heute 30 Instandhalter arbeiten, aussehen?

Sihn: Vorstellbar ist ein dreistufiges Modell aus klassischen Instandhaltern, wie wir sie kennen, weiteren Instandhaltern in Rufbereitschaft und wiederum einigen, die tatsächlich gerade Freizeit haben.

Sehen Sie in Österreich schon Vorreiter? Also Untenehmen, die ein solches Szenario etwa mit einer betrieblichen Vereinbarung eínlösen?

Sihn: Fast alle fahren noch in den normalen Gleisen. Punktuell wird vielleicht versucht, manche Prozesse in die Pausen zu legen. Nicht aber in letzter Konsequenz. Vor einer Debatte über die Kosten einer Flexibilisierung, also der Bezahlbarkeit von Überstunden- und Nachtzuschlägen, scheue ich mich nicht. Denn auf der Habenseite findet sich ein höherer erzielbarer Nutzen in der Produktion.

Den sich jeder leicht ausrechnen kann?

Sihn: Klettert der Durchschnitts-OEE von 90 auf 95 Prozent, haben Unternehmen sehr wohl messbares in der Hand.

Je automatisierter eine Produktion, umso störungsanfälliger ist sie auch?

Sihn: Das trifft es. Wobei wichtig zu sagen ist: Es gilt ungeplante Störungen zu reduzieren. Die geplanten haben wir mit Strategien wie Condition Monitoring gut im Griff.

Sie sind salopp gesagt der Antreiber einer neuen Instandhaltung. Findet Ihr Konzept schon Gehör in der heimischen Industrie?

Sihn: Ich ziehe gern die Analogie zur Industrie 4.0. Anfangs ist man durchs Land getingelt und hat darüber referiert, bald danach gab es die ersten Anwender und heute hat auch der Rest der Technologiewelt begriffen, welchen Wert man damit schafft. Auf einer großen Instandhaltungskonferenz mit 180 Teilnehmern eckten wir mit unserem Instandhaltungkonzept vielleicht ein wenig an, setzten aber durchaus einen Nachdenkprozess in Gang. Vor allem jetzt im Aufschwung, einer Phase, in der die Auftragsbücher voll sind und reibungslose Prozesse ein absolutes Topthema sind.

Die nächsten Schritte, die Sie setzen?

Sihn: Es gilt nun, die Gewerkschaft zu integrieren und, wie man so schön sagt, alle Stakeholder an den Tisch zu holen.