Thyssenkrupp Stahlverkauf Jindal : Thyssenkrupp-Stahl: Entscheidende Phase im Milliardenpoker mit Jindal erreicht

Thyssenkrupp-Hochofenwerk Schwelgern ist ein Hüttenbetrieb in Duisburg-Marxloh

Das Thyssenkrupp-Hochofenwerk Schwelgern ist ein Hüttenbetrieb in Duisburg-Marxloh

- © Wikipedia

Die Zukunft der traditionsreichen Stahlsparte von Thyssenkrupp steht offenbar vor einem grundlegenden Wandel. Nach Informationen der Nachrichtenagentur Reuters, die sich auf mehrere mit der Angelegenheit vertraute Personen beruft, könnten große Teile von Thyssenkrupp Steel Europe (TKSE) schrittweise an das indische Unternehmen Jindal Steel International verkauft werden. Die Verhandlungen über das komplexe Geschäft laufen bereits seit Monaten – und gestalten sich dem Vernehmen nach als anspruchsvoll.

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Stufenmodell mit Milliardenlast: So könnte Jindal schrittweise bei Thyssenkrupp einsteigen

Demnach wird derzeit ein Modell diskutiert, bei dem Jindal zunächst 60 Prozent der Anteile an TKSE übernehmen könnte. Abhängig vom Fortgang der geplanten Restrukturierung des Geschäfts könnten später zwei weitere Tranchen von jeweils 20 Prozent folgen. Eine andere Quelle aus dem Verhandlungskreis sprach von einem Modell in zwei Stufen – 60 und 40 Prozent.

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Ein schrittweiser Verkauf böte mehreren Seiten Vorteile: So könnte Thyssenkrupp Zeit gewinnen, um finanzielle Altlasten, insbesondere die Pensionsverpflichtungen, besser zu steuern. Diese Verpflichtungen belaufen sich auf rund 2,5 Milliarden Euro – und waren laut Insidern bereits in der Vergangenheit ein zentrales Hindernis bei Verkaufsverhandlungen.

Pensionslast als Deal-Bremse: Warum frühere Gespräche scheiterten – und Jindal genau hinschaut

„Eine solche Transaktion könnte es der deutschen Thyssenkrupp ermöglichen, die Absicherung von Pensionslasten in Höhe von 2,5 Milliarden Euro zu strecken“, sagte eine mit den Gesprächen vertraute Person gegenüber Reuters. Bei vorherigen Verkaufsversuchen, etwa mit Liberty Steel im Jahr 2021, sei insbesondere diese Verpflichtung als schwer vermittelbar eingestuft worden – und habe letztlich zum Scheitern der Gespräche beigetragen.

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Aktuell befindet sich das Geschäft noch in der Due-Diligence-Phase. Dabei prüfen Vertreter von Jindal Steel die wirtschaftlichen, technischen und rechtlichen Grundlagen der Sparte. Die Prüfung sei noch nicht abgeschlossen, weswegen sich die konkreten Details einer möglichen Transaktion noch ändern könnten, so die Insider.

Stillschweigen beim Stahl-Deal: Thyssenkrupp und Jindal äußern sich nicht

Offiziell bestätigen beide Unternehmen keine konkreten Details. Eine Sprecherin von Thyssenkrupp erklärte gegenüber Reuters: „Alle relevanten Parameter – einschließlich Bewertung, Verpflichtungen und künftiger Investitionen – werden im laufenden Due-Diligence-Prozess sowie in etwaigen Vertragsverhandlungen direkt zwischen den Parteien adressiert.“ Zu einzelnen Aussagen, die lediglich einen Zwischenstand darstellen könnten, wolle man sich nicht äußern. Auch von Seiten Jindal Steel International lag zunächst keine Stellungnahme vor.

Jindals Expansionsstrategie: Europas Stahlmarkt im Visier

Jindal Steel International ist ein Teil der indischen Jindal Group, einem der größten Stahlproduzenten Asiens. Das Unternehmen hat in den vergangenen Jahren seine internationalen Ambitionen deutlich ausgeweitet. Die potenzielle Übernahme von TKSE wäre ein strategischer Schritt, um sich auf dem europäischen Markt zu etablieren.

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Thyssenkrupp-Chef Miguel López hatte im Dezember öffentlich erklärt, dass man mit Jindal „einen optimalen Partner“ gefunden habe. Besonders der von Thyssenkrupp geplante Sanierungskurs mit Stellen- und Kapazitätsabbau sei für Jindal von Interesse gewesen. Hintergrund ist ein umfassender Umbau der Stahlsparte, die seit Jahren unter Druck steht – sowohl durch internationale Konkurrenz als auch durch strukturelle Herausforderungen wie Überkapazitäten, Energiepreise und den notwendigen Umbau in Richtung CO₂-neutraler Produktion.

Thyssenkrupp-Standort in Duisburg

- © Thyssenkrupp

Duisburg im Fokus: Jindal prüft Herzstück der deutschen Stahlindustrie

Seit Oktober analysiert Jindal die wirtschaftliche Lage und technischen Möglichkeiten von TKSE. Dabei wurde zunächst ein unverbindliches Angebot vorgelegt. Einer der mit den Gesprächen vertrauten Insider berichtete, dass im Januar eine Delegation von Jindal Steel zu einer technischen Bewertung des Standorts Duisburg – dem Herzstück der deutschen Stahlproduktion – erwartet werde. Die Duisburger Werke gehören zu den größten integrierten Hüttenwerken Europas. Eine technische Prüfung vor Ort gilt als zentraler Bestandteil der Due-Diligence. Dabei dürften nicht nur Produktionskapazitäten, sondern auch Investitionsbedarfe, Umrüstungsmöglichkeiten auf "grünen Stahl" sowie Infrastruktur analysiert werden.

Tradition unter Druck: Stahlgeschäft bleibt Thyssenkrupps Sorgenkind

Die Stahlsparte von Thyssenkrupp gilt seit Jahren als Problemfall im Konzern. Immer wieder wurde über eine Ausgliederung, Fusion oder einen Verkauf diskutiert. Frühere Pläne, TKSE mit dem europäischen Stahlgeschäft von Tata Steel zu verschmelzen, scheiterten 2019 am Veto der EU-Kommission. Auch eine spätere Annäherung an Liberty Steel verlief im Sande.

Dabei ist die Stahlherstellung historisch eng mit dem Konzern verbunden. Noch immer arbeiten rund 27.000 Menschen bei TKSE – davon der Großteil in Duisburg. Gewerkschaften und Betriebsräte beobachten die Entwicklungen deshalb mit großer Aufmerksamkeit. Eine Zustimmung zu einem möglichen Verkauf dürfte nur unter der Bedingung erfolgen, dass Standort- und Beschäftigungsgarantien gewährt werden.

Notfallplan für TKSE: Thyssenkrupp prüft Alternativen zur Jindal-Übernahme

Trotz der Fortschritte betonte CEO López, dass man auch auf ein Scheitern der Gespräche vorbereitet sei. "Thyssenkrupp habe einen Plan B für den Fall eines Scheiterns der Gespräche mit Jindal", sagte er im Dezember. Wie dieser konkret aussehen könnte, ließ das Unternehmen offen. Denkbar wäre ein eigenständiger Umbau der Sparte oder eine alternative Partnerschaft mit anderen Investoren – auch aus Europa.

In jedem Fall wird klar: Für Thyssenkrupp ist die Entscheidung über die Zukunft von TKSE eine strategische Weichenstellung. Der Konzern befindet sich seit Jahren im Umbau. Neben der Stahlsparte wurden in der Vergangenheit auch andere Geschäftsbereiche verkauft oder abgespalten – darunter der traditionsreiche Aufzugbau (verkauft 2020) sowie das Anlagenbaugeschäft.

Miguel Lopez, Thyssenkrupp

- © Thyssenkrupp

Signal für die Branche: Warum der TKSE-Deal weit über Thyssenkrupp hinausreicht

Analysten sehen den möglichen Verkauf der Stahlsparte ambivalent. Einerseits könnte der Konzern seine Bilanz entlasten und sich stärker auf margenstärkere Bereiche konzentrieren. Andererseits würde mit dem Stahlgeschäft ein Kernbereich des einstigen Industriegiganten abgegeben. Wie die Gespräche mit Jindal weiter verlaufen, bleibt offen. Klar ist jedoch: Der internationale Druck auf europäische Stahlhersteller wächst. Gleichzeitig erfordert der ökologische Umbau der Branche hohe Investitionen. Eine zukunftsfähige Lösung für TKSE könnte damit nicht nur für Thyssenkrupp, sondern auch für die gesamte Branche Signalwirkung haben.