Künstliche Intelligenz in der Logistik : KNAPP: Wie ein kleines Team in Boston die Robotik des Milliardenbetriebs neu ordnen soll

KNAPP zählt zu den führenden Spezialisten für Lagerautomatisierung und Intralogistik. Der steirische Anlagenbauer setzt auf intelligente Robotik und Künstliche Intelligenz, um Lagerprozesse effizienter zu gestalten und die Automatisierung weltweit voranzutreiben.

KNAPP baut seine KI- und Robotikentwicklung in den USA aus. Die neue Gesellschaft in Boston soll eine zentrale Rolle im internationalen Robotikgeschäft übernehmen. Graz bleibt ein wichtiger Entwicklungsstandort.

- © KNAPP

KNAPP erweitert seine Robotikorganisation um einen Standort im US-Bundesstaat Massachusetts. In Somerville bei Boston baut der Logistikautomatisierer die Gesellschaft KNAPPRobotics.ai Inc. auf. Bis Anfang 2027 sollen dort 30 bis 35 Beschäftigte arbeiten, darunter rund 20 Softwareentwickler. Das Unternehmen will sich auf künstliche Intelligenz, Computer Vision und die Entwicklung autonomer Robotiklösungen für Lagerprozesse konzentrieren.

Die wirtschaftlich interessante Entscheidung liegt allerdings weniger in der Größe des neuen Standorts als in seiner organisatorischen Funktion. KNAPP bezeichnet die Gesellschaft als gruppenweiten Business Owner für Robotik. Produktmanagement, Entwicklung und Umsetzung sollen innerhalb einer gemeinsamen Verantwortung zusammengeführt werden. Graz bleibt nach Unternehmensangaben ein Zentrum für Robotikentwicklung und Logistikkompetenz, Boston übernimmt eine zusätzliche Rolle bei Technologieentwicklung und industrieller Anwendung.

Damit verändert KNAPP die Organisation eines Geschäftsfeldes, in dem die Bedeutung von Software und KI wächst. Welche operativen und finanziellen Entscheidungsrechte die neue Gesellschaft tatsächlich erhält, lässt das Unternehmen bislang offen. 

KNAPP mit 2,135 Milliarden Euro Umsatz: Der strategische Umbau der Robotik

Der Schritt erfolgt nicht aus einer erkennbaren wirtschaftlichen Schwäche heraus. KNAPP erwirtschaftete im Geschäftsjahr 2025/26 nach eigenen Angaben 2,135 Milliarden Euro Umsatz, ein Plus von 7,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Auftragseingang erreichte 2,51 Milliarden Euro. Für Forschung, Entwicklung und Digitalisierung meldete das Unternehmen Ausgaben von 106 Millionen Euro. Von den weltweit rund 9.000 Beschäftigten arbeiten etwa 4.600 in Österreich.

Europa und Nordamerika zählen zu den wichtigsten Absatzregionen des Unternehmens. Im deutschen Industriemarkt ist KNAPP unter anderem mit automatisierten Logistiklösungen für Siemens und Würth Industrie Service präsent.

Mit der wirtschaftlichen Größenordnung verfügt KNAPP über eine beträchtliche eigene Entwicklungsbasis. Der neue Standort in den USA ist gemessen an der gesamten Beschäftigtenzahl zunächst klein. Für die Beurteilung seiner Bedeutung ist deshalb entscheidend, welche Funktionen und Kompetenzen dort angesiedelt werden – nicht allein, wie viele zusätzliche Stellen entstehen. Ein ähnlicher organisatorischer Wandel beschäftigt auch andere große Intralogistikspezialisten. Wie TGW seine Verantwortlichkeiten neu ordnet und sich auf internationales Wachstum vorbereitet, erklärt CEO Henry Puhl im Interview.

Wie viel KNAPP in die amerikanische Gesellschaft investiert, welche Kosten künftig in Graz oder Boston anfallen und ob sich dadurch die gesamte Forschungs- und Entwicklungsquote verändert, ist öffentlich nicht beziffert. 

Die KNAPP-Zentrale in Hart bei Graz: Der steirische Spezialist für Lagerautomatisierung und Intralogistik baut seine KI- und Robotikkompetenzen mit einem neuen Standort in Boston aus. Graz bleibt ein wichtiges Zentrum für Robotikentwicklung und Logistiktechnologie.

- © Knapp

KNAPP, Covariant und Amazon: Wie Künstliche Intelligenz die Lagerrobotik verändert

Eine wesentliche Vorgeschichte des Boston-Projekts liegt in der Zusammenarbeit mit dem kalifornischen Robotikunternehmen Covariant. KNAPP und Covariant verlängerten im August 2024 ihre mehrjährige Partnerschaft. Im Mittelpunkt stand der Kommissionierroboter Pick-it-Easy Robot. Die Lösung kombinierte KNAPP-Software und mechanische Automatisierung mit dem KI-basierten Bildverarbeitungssystem Covariant Brain.

Damals gab KNAPP an, dass 26 Kunden weltweit den Pick-it-Easy Robot einsetzten. Dazu gehörten Unternehmen wie Würth, McKesson und Brødrene Dahl. KNAPP verfügte also bereits über industrielle Anwendungen, in denen die Kombination aus eigener Automatisierungstechnik und extern entwickelter KI eingesetzt wurde.

Wenige Tage nach der Bekanntgabe der verlängerten Partnerschaft veränderten sich die Verhältnisse bei Covariant. Amazon gab Ende August 2024 bekannt, eine nicht exklusive Lizenz für Robotik-KI-Modelle des Unternehmens erworben zu haben. Gleichzeitig wechselten drei Covariant-Gründer und rund ein Viertel der damaligen Beschäftigten zu Amazons Robotikorganisation. Covariant sollte nach der damaligen Mitteilung weiterhin Kunden bedienen. 

Parallel dazu entwickelt Amazon seine eigenen Robotik- und KI-Systeme weiter. Welche Technologien dabei in Europa entstehen und wie sie in Logistikzentren eingesetzt werden, zeigt ein Blick auf Amazons Robotikentwicklung in Italien.

KNAPP Brain: Warum eigene KI für die Lagerautomatisierung wichtiger wird

Für KNAPP entsteht daraus eine konkrete technologische Frage. Das Unternehmen stellt bei seiner neuen US-Gesellschaft die Weiterentwicklung der eigenen Plattform KNAPP Brain in den Mittelpunkt. Gleichzeitig beschreibt KNAPP auf seiner bestehenden Robotik-Produktseite weiterhin das Covariant Brain als Bestandteil der KI-gestützten Objekterkennung beim Pick-it-Easy Robot.

Ob KNAPP Brain diese Technologie ergänzt, integriert oder langfristig bestimmte Funktionen selbst übernehmen soll, ist bislang nicht bekannt. Ebenso wenig ist bekannt, ob sich die Vertragsbeziehungen zu Covariant seit der Amazon-Vereinbarung verändert haben. Es wäre deshalb nicht gerechtfertigt, die Gründung in Boston als Reaktion auf den Amazon-Deal zu interpretieren. Belegt ist lediglich, dass KNAPP eigene KI-Kompetenzen ausbaut, während bei einem wichtigen bisherigen Technologiepartner eine erhebliche personelle und lizenzrechtliche Neuordnung stattgefunden hat.

Für einen europäischen Anlagenbauer ist diese Konstellation strategisch relevant. Wer Robotiksysteme über Jahre entwickelt, installiert und wartet, muss auch die Weiterentwicklung der eingesetzten Software sicherstellen können. Der Zugang zu KI-Modellen, die Bedingungen ihrer Lizenzierung und ihre Integration in industrielle Produkte können damit für die langfristige Geschäftsbeziehung zum Kunden entscheidend werden.

Wie breit KNAPP seine KI-Kompetenzen bereits aufgestellt hat, zeigt ein Einblick in die bestehende KI-Strategie des steirischen Automatisierers: von selbst trainierten Bildverarbeitungsmodellen über eigene NVIDIA-Infrastruktur bis zur Nutzung externer KI-Systeme.

Robotik in der Logistik: Warum der Boom bei Servicerobotern nicht alles erklärt

Die Nachfrage nach Robotiklösungen in der Logistik bildet einen nachvollziehbaren Hintergrund für die Investition. Nach Angaben der International Federation of Robotics (IFR) wurden 2025 weltweit rund 117.500 professionelle Serviceroboter für Transport- und Logistikanwendungen verkauft. Das entsprach 47 Prozent der erfassten Verkäufe professioneller Serviceroboter. Gegenüber dem Vorjahr meldete der Verband für dieses Segment einen Zuwachs von 21 Prozent.

Die Zahl muss allerdings eingeordnet werden. Sie betrifft überwiegend Systeme für Transport, Warenbewegung und Lieferprozesse. Daraus lässt sich keine entsprechende Wachstumsrate für jene KI-gesteuerten Greif- und Kommissionierroboter ableiten, an denen KNAPP in Boston arbeiten will.

Zudem beruhen die IFR-Zahlen zu Servicerobotern auf einer Herstellerstichprobe. Der Bericht 2026 basiert auf Angaben von 238 Anbietern; die Werte werden nicht auf den gesamten Markt hochgerechnet. 

Die technischen Herausforderungen unterscheiden sich ebenfalls. Während mobile Roboter bereits eine etablierte Anwendung in vielen Logistiksystemen darstellen, erfordert das automatisierte Greifen unterschiedlichster Waren eine komplexe Abstimmung von Bilderkennung, Greiftechnik und Bewegungssteuerung.

Eine 2026 veröffentlichte wissenschaftliche Übersichtsarbeit der Universität Pisa identifiziert für die Lagerrobotik weiterhin Schwierigkeiten bei Interoperabilität, Skalierbarkeit, Robustheit und wirtschaftlicher Einführung.

Genau an diesen Schnittstellen will KNAPP arbeiten. Zu den genannten Anwendungen zählen das Greifen einzelner Artikel, das Entnehmen von Gegenständen aus Behältern, das Entpacken beziehungsweise Umfüllen von Waren und die automatisierte Bestandskontrolle.

Entscheidend für Kunden dürfte nicht sein, wie viele dieser Funktionen eine neue KI-Plattform grundsätzlich beherrscht. Wirtschaftlich maßgeblich sind die Zuverlässigkeit im laufenden Betrieb, die Kosten der Integration und der Aufwand, mit dem zusätzliche Anlagen in Betrieb genommen werden können. 

KNAPP in Boston: Was das MIT-Umfeld für die Robotikentwicklung bedeutet

Für den amerikanischen Standort spricht zunächst das dort vorhandene Robotikökosystem. Die Organisation MassRobotics erfasst in Massachusetts mehr als 500 Unternehmen, die Robotikanwendungen entwickeln oder einsetzen. Hinzu kommen nach ihrer Übersicht mehr als 35 Robotik-Forschungsprogramme an 18 Institutionen. Die Bestandsaufnahme wurde zuletzt im Juni 2026 aktualisiert. Sie belegt die Konzentration spezialisierter Unternehmen und Forschungseinrichtungen in der Region, auch wenn daraus noch kein konkreter wirtschaftlicher Vorteil für KNAPP folgt.

Ein wichtiger Bezugspunkt ist das Massachusetts Institute of Technology. KNAPP ist nach eigenen Angaben seit 2026 Mitglied des MIT Industrial Liaison Program (ILP). Die Bedeutung dieser Mitgliedschaft lässt sich präzisieren: Das MIT beschreibt das ILP als kostenpflichtiges Programm zur Anbahnung und Pflege von Beziehungen zwischen Unternehmen, Forschenden und wissenschaftlichen Einrichtungen. Es unterstützt unter anderem fachliche Kontakte und mögliche Kooperationen.

Eine Mitgliedschaft ist somit nicht mit einem bereits vereinbarten Forschungsprojekt gleichzusetzen. Konkrete gemeinsame Forschungsaufträge, Budgets oder exklusive Technologievereinbarungen zwischen KNAPP und MIT sind in den geprüften Veröffentlichungen nicht dokumentiert. 

Für KNAPP könnte die unmittelbare Präsenz in diesem Umfeld die Rekrutierung spezialisierter Fachkräfte und die Zusammenarbeit mit Technologiepartnern erleichtern. Das ist eine nachvollziehbare Standortüberlegung, aber noch kein belegter Produktivitäts- oder Wettbewerbsvorteil.

Die Entscheidung von KNAPP berührt eine Entwicklung, die über die Intralogistik hinausgeht. Die Europäische Kommission hat in ihrer im Oktober 2025 veröffentlichten Apply AI Strategy Robotik sowie Maschinenbau und industrielle Fertigung ausdrücklich als strategische Anwendungsfelder definiert. Sie will unter anderem die Entwicklung und Einführung KI-gestützter Robotik durch die Zusammenarbeit zwischen Technologieanbietern und Anwenderindustrien beschleunigen. 

KNAPP baut in Boston ein neues Team für Künstliche Intelligenz und Robotik auf. Bis Anfang 2027 sollen dort 30 bis 35 Beschäftigte an autonomen Robotiklösungen für die Lagerautomatisierung arbeiten. Die neue US-Gesellschaft übernimmt eine gruppenweite Rolle in der Robotikorganisation des steirischen Spezialisten für Intralogistik.

- © KNAPP

KI im europäischen Maschinenbau: Was KNAPPs US-Standort für Graz bedeutet

Damit beschäftigt sich die europäische Industriepolitik mit einer Herausforderung, auf die auch KNAPP organisatorisch reagiert: Forschung und technische Entwicklung müssen in industriell einsetzbare Produkte überführt werden.

Für Unternehmen in Österreich und Deutschland ist dabei nicht allein der Zugang zu neuen KI-Technologien relevant. Ebenso wichtig ist die Frage, wo das Know-how zur Integration dieser Technologien entsteht, wie langfristig die Weiterentwicklung gesichert wird und welche Teile der Wertschöpfung im eigenen Unternehmen verbleiben.

Der Aufbau einer US-Forschungseinheit muss dem nicht widersprechen. Ein Standort in Boston kann technologisches Wissen und Fachkräfte erschließen, während Fertigung, Systemintegration und wesentliche Entwicklungsleistungen in Europa bleiben.

Ob dieses Modell bei KNAPP tatsächlich zu einer solchen Arbeitsteilung führt, ist noch nicht ausreichend belegt. Die Ankündigung, dass Graz weiterhin Kompetenzzentrum bleibt, schafft dafür eine organisatorische Perspektive. Sie sagt aber wenig über die künftige Verteilung einzelner Entwicklungsbudgets, Softwarekompetenzen und Produktentscheidungen aus.

KI in der Lagerautomatisierung: Wo sich KNAPPs Robotikstrategie beweisen muss

KNAPP will mit seiner neuen Gesellschaft Entwicklungszyklen verkürzen, die Markteinführung beschleunigen und das Robotikgeschäft international skalieren.

Ob diese Ziele erreicht werden, lässt sich an der Unternehmensgründung noch nicht ablesen. Dafür wären konkrete Kennzahlen erforderlich: etwa die Entwicklungszeit neuer Robotikfunktionen, der Aufwand für die Integration in Kundenanlagen, die Leistung unter realen Betriebsbedingungen und die tatsächliche Wirtschaftlichkeit zusätzlicher Installationen.

Auch die weitere Rolle externer Technologiepartner ist ein wesentlicher Prüfpunkt. KNAPP muss nicht sämtliche KI-Komponenten selbst entwickeln, um wettbewerbsfähig zu bleiben. Es ist jedoch entscheidend, dass die verwendete Technologie langfristig verfügbar, weiterentwickelbar und in die eigenen Produkte integrierbar bleibt.

Mit Boston baut KNAPP zunächst eine Organisation auf, die diese Aufgaben enger miteinander verknüpfen soll. Dass sich daraus ein schnelleres oder profitableres Robotikgeschäft entwickelt, ist derzeit ein Unternehmensziel, kein nachgewiesenes Ergebnis.

Für den steirischen Automatisierungsspezialisten wird deshalb nicht die Zahl der Beschäftigten in Somerville zum wichtigsten Maßstab. Ausschlaggebend wird sein, welche Technologien KNAPP künftig selbst beherrscht, welche es von Partnern bezieht und wie sich daraus international wettbewerbsfähige Robotikprodukte entwickeln lassen.

Sie wollen mehr zum Thema?