Trumpf Maschinenbau-Krise : Trumpf: Wie eine Literaturwissenschaftlerin den deutschen Maschinenbauriesen aus der Krise führt
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Nicola Leibinger-Kammüller führt den deutschen Maschinenbauriesen Trumpf durch eine schwere Krise. Mit einem harten Sparkurs, Stellenabbau und Investitionen in KI und Lasertechnologie kämpft die Trumpf-Chefin gegen die schwache Nachfrage und wachsende Konkurrenz aus China.
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Ditzingen bei Stuttgart. Die Gemeinde mit rund 25.000 Einwohnern kommt selten in die Schlagzeilen. Doch als der Haushalt für 2026 beschlossen wurde, war es so weit. Der Finanzchef der Stadt, Patrick Maier sprach von einem regelrechten Nothaushalt. Sogar die Financial Times berichtete. Sie nahm Ditzingen als Beispiel für das dramatische Ausmaß der deutschen Industriekrise.
2023 nahm Ditzingen noch rund 80 Millionen Euro Gewerbesteuer ein. Ein Löwenanteil davon kam von Trumpf. Der Maschinenbauer und Laserspezialist ist mit Abstand der größte Steuerzahler der Stadt. 2025 waren es insgesamt nur noch 15 Millionen Euro. Auch die Rücklagen sind inzwischen fast aufgebraucht. Die Finanzlage ist verheerend. Ditzingen muss sparen, wo es nur kann: Neue Kindergärten werden nicht gebaut, die Sanierung der Feuerwehrinfrastruktur und neue Straßenprojekte sind abgesagt.
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Trumpf schafft die Gewinnwende: Warum der Umsatz trotzdem stagniert
Trumpf ist nicht alleine für die Finanzmisere von Ditzingen verantwortlich. Doch der Geschäftseinbruch, den der Konzern in den vergangenen zwei Jahren erlitten hat, trifft Ditzingen hart. Steuereinnahmen, auf die sich die Stadt lange verlassen konnte, fehlen. Im Geschäftsjahr 2024/25 blieb Trumpf ein operativer Gewinn von gerade einmal 59 Millionen Euro. Unter dem Strich stand sogar ein Verlust. Zum Vergleich: 2022/23 hatte der Konzern operativ noch mehr als 600 Millionen Euro verdient.
Nun scheint sich das Blatt zu wenden. Der operative Gewinn steigt wieder auf 480 Millionen Euro. Die operative Umsatzrendite erreicht 11,1 Prozent, nach mageren 1,4 Prozent im Vorjahr. Mehr verkauft hat Trumpf im jüngsten Geschäftsjahr allerdings kaum. Der Umsatz liegt mit 4,34 Milliarden Euro praktisch auf Vorjahresniveau. Das Comeback zeigt sich damit vor allem beim Gewinn, nicht beim Umsatz.
Nicola Leibinger-Kammüller: Wie eine Literaturwissenschaftlerin Trumpf durch die Krise führt
Die Frau, die diese Wende verantwortet, heißt Nicola Leibinger-Kammüller. Seit 2005 führt sie den Familienkonzern. In der jüngsten Krise setzte sie einen harten Sparkurs durch. Die Ausgaben für Forschung und Entwicklung kürzte sie dabei allerdings bewusst nicht. Nach wie vor arbeitet jeder sechste Beschäftigte bei Trumpf in diesem Bereich.
Sie selbst kommt aus einer ganz anderen Welt. Nicola Leibinger-Kammüller studierte Germanistik, Anglistik und Japanologie. 1997 promovierte sie über Erich Kästner, einen Schriftsteller mit ausgeprägtem Gespür für soziale Ungerechtigkeit.
Als ihr Vater Berthold Leibinger 2005 von der Konzernspitze zurücktrat, war seine Entscheidung für Nicola eine Überraschung. Der Mann, der Trumpf groß gemacht hatte, übertrug sein Lebenswerk ausgerechnet der feinsinnigen Philologin. Dabei gab es zwei Ingenieure in der Familie, die schon lange im Unternehmen arbeiteten: Nicolas Bruder Peter und ihren Ehemann Mathias Kammüller.
Peter Leibinger ist heute Aufsichtsratschef, Mathias Kammüller Digitalvorstand. Die operative Gesamtführung liegt jedoch bei Nicola. Ihre größte Stärke liegt nach übereinstimmender Einschätzung von Beobachtern in einer klaren Haltung und einem ungewöhnlich guten Gespür für Menschen.
Trumpf streicht 1.000 Stellen: Warum die Chefin diesmal anders handelt als 2009
Nicola führt Trumpf anders als ihr Vater. Er hatte den Konzern jahrzehntelang als Patriarch geprägt. Sie setzt auf Diskussionen im Führungsteam und lässt Widerspruch zu. Auch flexiblen Arbeitszeitmodellen steht sie offener gegenüber als ihr Vater.
Anregungen für ihren Führungsstil holt sie sich nicht nur aus Managementbüchern. Sondern etwa auch aus Thomas Manns „Buddenbrooks“. An der Geschichte dieser untergehenden Unternehmerfamilie könne man sehr gut beobachten, welche Fehler Familienunternehmen vermeiden sollten: Ehen aus geschäftlichem Kalkül zum Beispiel oder riskante Geschäfte, die das Unternehmen gefährden.
Ihre erste große Bewährungsprobe kam bald nach der Übernahme. In der Finanzkrise 2008/09 brach der Umsatz von Trumpf um rund 40 Prozent ein. Trotzdem verzichtete sie auf Entlassungen. Die Familie steuerte 75 Millionen Euro bei, um die Krise zu überbrücken.
In der jüngsten Krise entschied sie anders. Trumpf kündigte den Abbau von rund 1.000 Arbeitsplätzen an. Die beiden Krisen lassen sich nicht einfach gleichsetzen. Doch der Gegensatz ist bemerkenswert: Ausgerechnet die Frau, der Berthold Leibinger das Unternehmen anvertraute, weil ihr Menschen und nicht nur Gewinne wichtig waren, muss nun Arbeitsplätze streichen.
Trumpf-Familie Leibinger: Wie eine geheime Familiencharta die Macht regelt
Diese Verantwortung trägt Nicola Leibinger-Kammüller allerdings nicht allein. Hinter Trumpf steht eine Familie mit ungewöhnlich festen Regeln. Wie sie miteinander umgehen wollen, haben die Leibingers sogar schriftlich festgelegt.
An ihrem 16. Geburtstag erhalten die Kinder deshalb ein ungewöhnliches Geschenk: eine in Leder gebundene Familiencharta. Sie enthält Regeln für das Zusammenleben und fordert Anstand, Bescheidenheit und soziales Engagement. Die Charta wird feierlich unterschrieben. Bei Streitfragen gilt sie als letzte Instanz, auch wenn sie rechtlich nicht bindend ist.
Einmal im Jahr, rund um den 3. Oktober, trifft sich die Familie an einem der Trumpf-Standorte. Bei diesen Familientagen bespricht sie alle wichtigen Entscheidungen über die Zukunft des Konzerns. Eine besonders gewichtige Rolle spielt dabei Nicolas Bruder Peter. Er ist Aufsichtsratsvorsitzender und hat als früherer Technikvorstand eines der wichtigsten Zukunftsprojekte vorangetrieben: Laser für die Herstellung hochmoderner Mikrochips. Schwester Regine schlug einen anderen Weg ein. Sie wurde Architektin, blieb Trumpf aber verbunden und gestaltete unter anderem mehrere Gebäude am Stammsitz in Ditzingen.
Trumpf-Produktion: Der deutsche Maschinenbauer und Laserspezialist kämpft mit schwacher Nachfrage, wachsender Konkurrenz aus China und einem harten Sparkurs. Während Trumpf Arbeitsplätze abbaut und Fertigung ins Ausland verlagert, sollen Automatisierung, KI und moderne Lasertechnologie die Wettbewerbsfähigkeit sichern.
- © TrumpfTrumpf und die Rüstungsindustrie: Warum Laser zur Drohnenabwehr die Familie spalten
Rund 90 Prozent der Trumpf-Anteile gehören der Familie. Die übrigen zehn Prozent liegen bei der Berthold-Leibinger-Stiftung. Neben der beinahe sagenumwobenen Familiencharta gibt es eine zweite wichtige Richtschnur, an der sich die Familie orientiert: die Bibel. Sie frage sich gelegentlich, wie Jesus in einer bestimmten Situation entscheiden würde, erklärte Nicola Leibinger-Kammüller kürzlich in einem Interview. Im Elternhaus gehörten Gebete, Kirchgang und Gespräche über den Glauben zum Alltag. Bis heute prägt der schwäbische Pietismus die Unternehmenskultur.
Wie ernst die Familie ihre Grundsätze nimmt, zeigt die Entscheidung, künftig auch Laser zur militärischen Drohnenabwehr zu entwickeln. Ist das mit christlichen Werten vereinbar? Darüber wurde in der Familie heftig diskutiert. Die drei Geschwister Nicola, Peter und Regine sprachen auch mehrfach mit ihren insgesamt zehn Kindern darüber. Neun der Kids fanden das Vorhaben gut, eines nicht. Der Vorstand selbst war rasch dafür.
Doch gerade in der Krise stehen die gemeinsamen Grundsätze auf dem Prüfstand. Denn auch bei Trumpf lässt sich nicht jedes Projekt, nicht jeder Arbeitsplatz retten. Der Anspruch auf soziale Verantwortung bleibt zwar. Doch die Familie muss immer wieder entscheiden, wo diese Verantwortung ihre Grenzen hat. In einem globalen Markt erst recht.
Trumpf gegen China: Wie Billigkonkurrenz den deutschen Lasermaschinenbau angreift
Eine Laserschneidmaschine aus China, ihr Hersteller heißt Bodor und gehört zu den Konkurrenten, die Trumpf unter Druck setzen. Trumpf zählt seit Jahrzehnten zu den führenden Herstellern von Laserschneidanlagen. Maschinen wie die TruLaser 5030 schneiden Metallbleche schnell und mit höchster Präzision. Doch das allein reicht nicht mehr, um sich abzuheben. In China brach der Trumpf-Umsatz 2024/25 um 22 Prozent ein. Im folgenden Geschäftsjahr ging er um weitere 7,4 Prozent zurück.
Denn chinesische Hersteller bieten ihre Maschinen oft deutlich günstiger an. Trumpf hat darauf reagiert. Die chinesische Tochtergesellschaft darf heute viel eigenständiger arbeiten. Frühere Beschränkungen wurden aufgehoben. Die Entwickler vor Ort können so schneller auf die Wünsche der Kunden reagieren und Maschinen bauen, die auch beim Preis mithalten.
Die Konkurrenz aus China ist nur ein Teil des Problems. Auch europäische Kunden bestellen weniger. Vor allem die deutsche Autoindustrie und ihre Zulieferer halten sich mit Investitionen zurück. Das trifft Trumpf, dessen Maschinen in zahlreichen Autofabriken eingesetzt werden. In Deutschland schrumpfte das Geschäft zuletzt um mehr als sechs Prozent.
Trumpf experimentiert deshalb auch mit neuen Geschäftsmodellen. Bei einem davon müssen die Kunden die Laserschneidmaschinen nicht mehr kaufen. Sie bezahlen nur für die Blechteile, die tatsächlich produziert werden. Die Maschine steuert und wartet Trumpf aus der Ferne. Noch hat sich dieses Modell allerdings nicht auf breiter Front durchgesetzt.
An der grundsätzlichen Herausforderung ändert das Modell derzeit daher wenig: Trumpf muss auf zwei Entwicklungen gleichzeitig reagieren - auf Kunden, die weniger investieren, und auf Konkurrenten, die immer stärker werden.
Trumpf baut Arbeitsplätze ab: 350-Millionen-Sparprogramm trifft auch Freiburg
Die Maschinen von Trumpf werden immer moderner. Mehr Umsatz brachten sie zuletzt kaum. Dass der Konzern trotzdem wieder hohe Gewinne macht, hat vor allem einen Grund: Er gibt deutlich weniger Geld aus. Hinter der Wende steht der Sparplan von Nicola Leibinger-Kammüller.
Zunächst wollte Trumpf die Krise mit vorübergehenden Einsparungen überbrücken: weniger Dienstreisen, weniger Messen, weniger Geld für Berater. Dazu kam Kurzarbeit. Doch die Nachfrage blieb schwach. Im Mai 2025 griff Nicola Leibinger-Kammüller daher tiefer ein. Trumpf senkte die Kosten um rund 350 Millionen Euro und kündigte den Abbau von etwa 1.000 Stellen an. Bis Juni 2026 sank die Belegschaft um 720 Menschen. In Deutschland ging die Beschäftigtenzahl um gut sieben Prozent zurück.
Besonders hart trifft es Freiburg. Dort kündigte Trumpf an, 226 der rund 600 Arbeitsplätze abzubauen und die Serienproduktion nach Polen zu verlagern. Der Betriebsrat wehrte sich gegen die Pläne und stellte ihre wirtschaftliche Notwendigkeit infrage.
Trumpf spart beim Maschinenbau: Warum der Gewinn steigt und die Jobs ins Ausland wandern
Auch bei Gebäuden und Anlagen wurde gespart. Innerhalb von zwei Jahren sanken die Investitionen von rund 300 auf 112 Millionen Euro. Von manchen Zukunftsprojekten verabschiedete sich Trumpf ganz, etwa vom 3-D-Druck.
Der Sparkurs zeigt Wirkung. Der operative Gewinn stieg von 59 auf 480 Millionen Euro. Rechnerisch hat er sich damit verachtfacht. Allerdings hatten im Vorjahr hohe Kosten für die Umstrukturierung des Unternehmens die Bilanz belastet. Ohne diese Kosten hätte der operative Gewinn damals bei 230 Millionen Euro gelegen. Zugleich blieb der Umsatz praktisch unverändert. Immerhin: Erstmals seit drei Jahren gingen wieder mehr Bestellungen ein.
Die Krise zwingt Trumpf auch zum Bruch mit alten Traditionen. Das Unternehmen beschäftigt heute erstmals in seiner Geschichte mehr Menschen im Ausland als in Deutschland. Ob der Konzern nach den Einschnitten für das nächste Wachstum gerüstet ist, bleibt offen. An Forschung und Entwicklung hat Nicola Leibinger-Kammüller aber ganz bewusst nicht gespart.
Trumpf, ASML und KI: Wie Laser für Mikrochips den Maschinenbauer in die Zukunft führen sollen
So kann Trumpf in manchen Bereichen nach wie vor seine Technologieführerschaft behaupten. Vor allem bei Lasern, die helfen, die leistungsfähigsten Mikrochips der Welt herzustellen. Hochleistungslaser beschießen dabei winzige Zinntropfen. So entsteht extrem kurzwelliges ultraviolettes Licht, kurz EUV. Die Maschinen dafür kommen vom niederländischen Konzern ASML. Zeiss liefert hochpräzise Spiegel, Trumpf die Laser. Erst zusammen ermöglichen sie es, winzigste Strukturen auf Chips zu bringen.
Mehr als ein Jahrzehnt arbeitete Trumpf an dieser Technik. Nicolas Bruder Peter trieb das Projekt voran, auch als es viel Geld verschlang. Die Hartnäckigkeit hat sich ausgezahlt. Der Umsatz mit EUV-Technologie stieg zuletzt um gut neun Prozent auf 791 Millionen Euro. Noch ist Trumpf hier kaum zu ersetzen. Doch kein Vorsprung hält ewig.
Im klassischen Maschinenbau setzt der Konzern deshalb auf eine andere Stärke: die Automatisierung ganzer Fabriken. Maschinen sollen nicht nur Bleche schneiden, sondern mit Robotern und Software zusammenarbeiten. Kameras erfassen dann unsortierte Blechteile. Künstliche Intelligenz erkennt ihre Lage und berechnet, wie ein Roboter sie am besten greift. Was früher aufwendig programmiert werden musste, plant die Software heute selbst. So könnte sich Automatisierung auch bei kleinen Stückzahlen lohnen.
Doch Trumpf setzt nicht nur auf neue Technologien. Um wettbewerbsfähiger zu werden, baut der Konzern auch seine Produktion im Ausland aus. Die USA sind inzwischen sein größter Einzelmarkt. Dort wird die Fertigung erweitert. Auch in Polen entstehen neue Arbeitsplätze.
In Österreich beschäftigt Trumpf rund 700 Menschen. Am Standort Pasching werden Maschinen zum Biegen von Blechen entwickelt und gebaut. Auch die Zukunft dieser Arbeitsplätze hängt davon ab, ob sich hochwertige Maschinen aus Europa in Zukunft gegen günstigere Konkurrenz behaupten.
Für Trumpf gilt jedenfalls: Die Gewinne sind zurück, die Kosten gesenkt. Doch für Nicola Leibinger-Kammüller beginnt bereits die nächste große Herausforderung. Sie muss zeigen, dass der Konzern auch mit schlankeren Strukturen technologisch führend bleiben kann. Vielleicht gibt es irgendein Werk der Weltliteratur, das ihr auch bei der Lösung dieser Frage hilft.