Greiner : Investitionen in Österreich – Werkschließungen in Deutschland
Die Firmenzentrale Kremsmünster wurde um das größte Sterilisationswerk Europas erweitert.
- © GreinerBei Greiner lagen im Jahr 2024 Licht und Schatten eng beieinander: Während die Sparten Packaging und Bio-One deutlich zulegten, geriet die Schaumstoffsparte Neveon ins Straucheln – mit massiven Umsatzeinbußen und der Schließung mehrerer deutscher Standorte. Insgesamt beschäftigt das Unternehmen weltweit mehr als 10.300 Mitarbeiter, wovon rund 1.900 in Österreich tätig sind. Der Konzern erzielte einen Umsatz von 1,99 Milliarden Euro, was einem leichten Rückgang von 0,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht.
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Schwache Nachfrage belastet Greiners Schaumstoffsparte Neveon
Die Sparte Neveon deckt mit ihren Schaumstofflösungen ein breites Branchenspektrum ab: Sie produziert Matratzen- und Polstermöbelschaumstoffe für den Wohnbereich, Leichtschaumabsorber, Sitzauflagen und Dachhimmel für die Automobilindustrie, Dämmungen für Warmwasserspeicher, Heizkessel und Wärmepumpen im Heizungsmarkt sowie Trittschalldämmungen, Schwingungsisolierungen und Bauschutzmatten für den Bausektor. Was diese Märkte derzeit eint, ist eine spürbar rückläufige Nachfrage. Ob Konsumzurückhaltung im Wohnbereich, Investitionsstopp im Bau oder sinkende Absätze in der Automobilbranche – in allen Segmenten trifft Neveon auf einen abgekühlten Markt. Dass die Umsätze in der Sparte deutlich eingebrochen sind, überrascht vor diesem Hintergrund kaum.
Neveon setzte 2024 rund 455 Millionen Euro um – ein Rückgang von 17,4 Prozent gegenüber den 641 Millionen Euro im Vorjahr. Während der Covid-Pandemie erlebten mehrere der von Neveon bedienten Märkte einen regelrechten Nachfrageboom. Besonders bei Matratzen und Polstermöbeln schnellte der Absatz in die Höhe – viele Menschen verbrachten deutlich mehr Zeit zu Hause und investierten verstärkt in ihre Wohnung. Im Heizungssektor sorgten großzügige Förderprogramme der deutschen und österreichischen Regierungen für einen rasanten Anstieg bei der Nachfrage nach energieeffizienten Lösungen wie Wärmepumpen oder Dämmungen. Gleichzeitig profitierte der Bausektor über Jahre hinweg von extrem niedrigen Zinsen, die zahlreiche Bau- und Renovierungsprojekte begünstigten. In dieser Hochphase wurde in vielen Bereichen vorgezogen, was nun fehlt: Die Nachfrage gilt inzwischen als weitgehend gesättigt, Verbraucher und Investoren zeigen sich angesichts gestiegener Kosten und wirtschaftlicher Unsicherheit zunehmend zurückhaltend – eine Entwicklung, die sich unmittelbar auf den Umsatz von Neveon durchschlägt.
Neveon schließt drei Werke in Deutschland
Die teils stark rückläufige Nachfrage in nahezu allen Kernmärkten von Neveon hat nun strukturelle Konsequenzen: Der Schaumstoffspezialist konsolidiert sein Produktionsnetzwerk und schließt die defizitären deutschen Standorte Ebersbach und Burkhardtsdorf sowie den Verwaltungsstandort Wiesbaden. Die Ankündigung erfolgte im Oktober 2024, die Schließungen sollen schrittweise bis spätestens Mitte 2026 umgesetzt werden. Die Entscheidung ist eine direkte Reaktion auf das schwächelnde Marktumfeld in der Möbel-, Automobil-, Bau- und Heizungsindustrie – besonders in Deutschland, aber auch europaweit. Trotz umfassender Restrukturierungsbemühungen erwiesen sich diese Standorte als nicht mehr wettbewerbsfähig – insbesondere im Vergleich zu den osteuropäischen Werken. Rund 240 Beschäftigte sind von den geplanten Schließungen betroffen, für die ein Sozialplan mit den Arbeitnehmervertretungen verhandelt wird. Die Standorte Dörfles-Esbach und Nürtingen bleiben hingegen erhalten.
Bio-One wächst – und Greiner-Standort in Kremsmünster profitiert
Während Greiner in Deutschland Produktionsstandorte schließen muss, ist in Österreich keine Rede davon – im Gegenteil: Am Stammsitz in Kremsmünster werden sogar 65 neue Mitarbeiter gesucht. Im vergangenen Jahr wurde in den Standort auch kräftigt investiert. Um insgesamt 22 Millionen Euro hat Mediscan, ein Tochterunternehmen von Greiner Bio-One, in Oberösterreich den größten Sterilisationsstandort Europas aufgebaut.
Die Sparte erzielte im Jahr 2024 einen Umsatz von 666 Millionen Euro, was einen Anstieg von 4,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr bedeutet. Bio-One stellt weltweit unter anderem Systeme zur Blut- und Urinentnahme für Human- und Veterinärmedizin her, produziert Laborartikel für Zellkulturforschung und bietet Spezialgefäße für automatisierte medizinische Testverfahren – etwa in der Diagnostik oder Pharmaforschung. Ein weiteres Geschäftsfeld ist die Sterilisation medizinischer Produkte und Lebensmittelverpackungen durch ionisierende Strahlung.
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Greiner: Verpackungsgeschäft legt zu
Auch die Sparte Packaging konnte im Jahr 2024 ein solides Wachstum verzeichnen und erzielte einen Umsatz von 875 Millionen Euro – ein Plus von 3,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der Bereich produziert Verpackungslösungen für verschiedenste Anwendungen: etwa für Lebensmittel wie Milchprodukte, Salate, Fertiggerichte oder Tiernahrung, aber auch für Non-Food-Produkte wie Waschmittel, Kosmetik oder medizinische Artikel. Zudem wächst die Bedeutung von Re-Use- und Multi-Use-Produkten, darunter Babyflaschen, Trinkflaschen oder Mehrwegdeckel. Ergänzt wird das Segment durch die Einheit Assistec, die technische Kunststoffteile und Baugruppen für Branchen wie Haushaltsgeräte, Life Sciences, Elektronik und Automobil fertigt.
Es ist tatsächlich schwierig, am Land genügend Arbeitskräfte zu bekommen – das zieht sich durch alle Bereiche durch: vom Trainee über Lehrlinge, Facharbeiter, aber auch Hilfskräfte in der Produktion.Hannes Moser, Finanzvorstand der Greiner AG
Investitionen und Personalbedarf – Standort Österreich im Fokus
Trotz globaler Unsicherheiten, der unberechenbaren Zollsituation und ungewöhnlich volatiler Nachfrage in den Kernmärkten, investierte Greiner im Jahr 2024 rund 129 Millionen Euro weltweit, davon 45 Millionen in Österreich. Besonders im ländlichen Raum macht sich der Fachkräftemangel zunehmend bemerkbar. „Wir wollen in die Zukunft investieren. Das kann man nur, wenn man im Inneren sehr, sehr stabil aufgestellt ist“, betonte Vorstandsvorsitzende Saori Dubourg bei der Bilanzpräsentation. Seit März 2024 steht die ehemalige BASF-Vorständin an der Spitze von Greiner, ist damit Chefin von mehr als 10.300 Mitarbeitern, davon rund 1.900 in Oberösterreich, dem Stammsitz des Unternehmens. Trotz punktueller Produktionsverlagerungen nach Osteuropa laufen die Werke in Österreich weiter auf Hochtouren – teils nur mit hohem Einsatz der Belegschaft. „Mit Überstunden, Überstunden, Überstunden“, beschreibt Finanzvorstand Hannes Moser die Lage. Perspektivisch denkt Greiner auch über eine Ausweitung der Produktion in den USA nach – eine Reaktion auf geopolitische Rahmenbedingungen wie die amerikanische Zollpolitik. Konkrete Schritte wurden jedoch noch nicht kommuniziert.
Neuer COO ab Mai
Zum 15. Mai wird Marcus Morawietz als neuer Chief Operating Officer (COO) in den Vorstand der Greiner AG eintreten. Der 57-Jährige war zuvor Managing Director und Senior Partner in der globalen Industriegüterpraxis der Boston Consulting Group.