OMV

Rainer Seele: Der Unterlegene

Wasserstofftankstelle der OMV
© OMV Solutions GmbH

Dieser Artikel erschien als Coverstory des INDUSTRIEMAGAZINS am 4. Mai.

Kein Journalist liebt es, wenn zwischen Interview und Erscheinungstermin lange vier Wochen liegen. Aber der Gesprächstermin war früher zustande gekommen als erwartet – ein Alternativtermin erst nach dem Redaktionsschluss möglich gewesen. Der Anlass für die Interviewanfrage waren Themen wie Borealis, Russland, Umstrukturierung. Eigentlich gibt es für Wirtschaftsjournalisten immer einen Grund, mit dem Chef von Österreichs größtem Konzern zu reden.

Die Gesprächsatmosphäre mit dem OMV-­Chef kann man als locker beschreiben. Rainer Seele zeigte sich ambitioniert und hatte den einen oder anderen entspannten Spruch auf Lager. Lästige Fragen zu Russland, Strategiewechsel oder Klimawandel wurden routiniert wegverteidigt. Der Umgang mit Sekretariat und anwesenden Mitarbeitern – für Beobachter stets ein Indikator für die sozialen Fähigkeiten eines Chefs – blieb völlig unauffällig. Von jener Cholerik, die ihm jetzt manche nachsagen wollen, keine Spur. Vor allem: Rainer Seele schien nichtsahnend. Sonst hätte er das Interview – am 1. April – nicht gegeben.

Doch dann ging es Schlag auf Schlag. Drei Wochen nach Beginn eines schier endlosen Stakkatos an neuen bekannt gewordenen Vorwürfen, einigte sich Rainer Seele mit seinem Aufsichtsratspräsidenten, dass er die im Sommer fällige Option auf eine einjährige Vertragsverlängerung nicht wahrnehmen werde. Die Entscheidung war alternativlos: Zwar wäre es für den 60­-jährigen Chemiker aufgrund der Formulierung seines Vertrages rechtlich durchaus nicht aussichtslos gewesen, die Vertragsverlängerung durchzuziehen – doch Seele hat den Rückhalt bei wichtigen Spielern im Aufsichtsrat verloren. Und dies nicht erst in den vergangenen Wochen.

Der Borealis-Coup

Keine Geschichte zu Staatsbeteiligungen ohne den Namen von Tom Schmid. Der oftmalige Pressesprecher, Büroleiter, Kabinettschef und Generalsekretär – dies sind die Karrierestationen im offiziellen Curriculum Vitae auf der OMV-­Homepage – hatte sich 2019 zum stellvertretenden Vorsitzenden des OMV­-Aufsichtsrates gemacht (Mandatsende: HV 2024). In seiner Eigenschaft als Alleinvorstand der Österreichischen Beteiligungs AG drückte er Ende September 2019 den gebürtigen Australier Mark Garrett als Aufsichtsratsvorsitzenden durch.

Damit erwählte er einen in Österreich unbekannten, aber interessanten Mann: In den 80ern über Ciba­-Geigy nach Europa gekommen, war Garrett elf Jahre lang – von 2007 bis 2018 – „Mr. Borealis“: Er führte den Polyolefin-­Konzern auf einen weltweiten Wachstumskurs, wodurch sich sowohl die Produktionsmengen als auch der Nettogewinn verdreifachten. Schmid präsentierte Garrett als „Kenner der Chemiebranche“ und „idealen Kandidaten“.

Seele und Garrett kannten einander gut. Ihr Wege hatten sich bereits unter umgekehrten Vorzeichen gekreuzt. Die letzten drei Jahre seiner Vertragszeit bei Borealis hatte es Garrett mit Rainer Seele als Anteilseigner zu tun. Die OMV hielt damals 37 Prozent der Borealis-Aktien. 2018 – die OMV-­Übernahmepläne standen bereits am Horizont – verließ Garrett überraschend und „zum Bedauern des Aufsichtsrates“, wie es in einer Aussendung hieß, das Unternehmen. Er dockte in der Chefetage des Hamburger Energie-­ und Chemie-­Logistikers Marquard & Bahls an, den er bis heute führt.

Per Mail vom INDUSTRIEMAGAZIN nochmals zu seinem Verhältnis zu Garrett befragt, charakterisiert Seele seine Beziehung zum nunmehrigen Aufsichts­ratsvorsitzenden mit den dürren Worten: „respektvoll und professionell“. Mehr will Seele dazu nicht sagen. Dabei sind in den vergangenen Monaten die Spannungen zwischen Aufsichtsrat und Vorstand deutlich gestiegen. Der Aufsichtsratsvorsitzende ist mit der Art und Weise der Borealis-­Integration nicht einverstanden. Kenner des Kontrollgremiums erzählen, dass auch der Verkauf von Unternehmensbereichen wie der Gas Connect, des süddeutschen Tankstellennetzes oder des Stickstoffbereichs der Borealis auf wenig Applaus stoße. Seele machte in diesem Punkt Druck, da die Erlöse aus den Unternehmensverkäufen Voraussetzung für die Finanzierung des vier Milliarden schweren Borealis­-Deals sind. Diese Punkte führten nach Ohrenzeugenberichten zu jenen lautstarken Wortwechseln, die Seele in der Öffentlichkeit das Image des wutschnaubenden Berserkers einbrachten.

Verlorener Rückhalt

Tamás Pletser stellt die Entwicklung der OMV regelmäßig auf den Prüfstand. Er ist Aktienanalyst in der Erste Bank Investment: „Es gibt einen Konflikt über die zukünftige Kontrolle des Unternehmens. Und es scheint, dass die Gruppe hinter Herrn Seele geschwächt ist.“ Die jüngsten Postenbesetzungen haben auf Vorstandsebene die Machtbalance verändert. Aus Team Seele wurde Team Borealis.

Ausschlaggebend dafür war der Schachzug, den bisherigen Bereich der Refining & Petrochemical Operations in Refining und Chemicals & Materials aufzuteilen. Mark Garrett begründete dies damit, mit den neuen Strukturen und neuen Vorstandsposten „die Integration der Borealis in den OMV-­Konzern und den Ausbau des Chemiegeschäfts deutlich voranzubringen“.

Mit Alfred Stern rückte der Borealis­-CEO in den OMV­-Vorstand auf. Dort ist er für die neue Division „Chemicals & Materials“ verantwortlich. Punkt für Team Borealis.

Gleichzeitig wechselt der bisherige, von Seele ausgewählte Thomas Gangl, im OMV-­Vorstand für den Bereich „Refining & Petrochemical Operations“ verantwortlich, in die hierarchisch nachgeordnete operative Tochter Borealis. Team Seele verliert einen Spieler. 2:0 für Team Borealis.

Spätestens im Sommer wird Martijn van Koten die zweite Hälfte des geteilten Vorstandsbereiches „Refining“ übernehmen. Der gebürtige Holländer ist derzeit Vorstandsmitglied für Base Chemicals und Operations in der Borealis AG. 3:0 für Team Borealis.

Ein schönes Ergebnis für den Teilkonzern Borealis, der sieben Milliarden Euro zum Gesamtumsatz der OMV­-Gruppe (fast 17 Milliarden Euro) beiträgt.

Und was macht die ÖBAG?

Die ÖBAG als Kapitalvertreterin hat sich in der Diskussion um Rainer Seele nicht zu Wort gemeldet. Thomas Schmid, selbst ein Vorstand mit Ablaufdatum, und Finanzminister Gernot Blümel blieben stumm. Glaubt man Gerüchten und Medienberichten, die sich auf ebendiese beziehen, hätten die beiden ein Problem mit Seeles Avancen gegenüber dem Mitaktionär aus den Vereinigten Arabischen Emiraten, Mubadala. Angeblich wolle dieser weitere Unternehmensanteile in Spanien und am arabischen Golf abkaufen. Andere Gerüchte besagen, Seele habe einfach zu wenig Gehör für spezielle Wünsche der Hauptaktionärsvertreter gezeigt.

Die OMV äußert sich dazu nicht. Fest steht: Nur ein verteidigendes Machtwort des Hauptaktionärs hätte den gegenwärtigen OMV­-Chef in seiner Position halten können.

Bleibt die Frage, ob Rainer Seele seinen Job bis zum angekündigten Ende Mitte 2022 erledigen kann. Um es in der Sprache des zuletzt bekannt gewordenen Kurznachrichtenverkehrs rund um ÖBAG­-Vorstand Thomas Schmid auszudrücken: Seele ist definitiv nicht Familie. Dabei kann das Lame-Duck-­Syndrom für die OMV in der aktuellen Wendephase zu einer echten Bedrohung werden. Ungesichert ist auch, ob der CEO bei Borealis noch durchgreifen kann. Ein vorzeitiger Abgang des Deutschen noch in diesem Jahr wird allerdings nicht ohne Auszahlung des Vertrages ablaufen. Ex-­Borealis­-Chef Alfred Stern wird am häufigsten als Nachfolgekandidat gehandelt. Die Schlagzeilen können schon heute formuliert werden.

Herr Seele, in einem gemeinsamen Gespräch zu Beginn Ihrer Amtszeit meinten Sie: „Es war mir neu, dass viele wirtschaftliche Bereiche der OMV sehr stark politisiert werden.“ Haben Sie sich an den Staat als OMV-Miteigentümer gewöhnt?

Rainer Seele Dafür war kein Lernprozess nötig. Unser größter Aktionär ist die Republik Österreich. 90 Prozent der Öl­- und Gasvorkommen sind in den Händen von staatlichen Ölgesellschaften.

Staatliche Eigentümer pflegen Einfluss auszuüben, der nicht direkt mit dem Geschäft zu tun hat...

Seele Ich finde diese Diskussion völlig übertrieben. Der Staat verhält sich wie jeder andere Aktionär. Außerdem wünscht die Regierung, dass wir uns umweltfreundlich ausrichten. Das sind Forderungen, die sind vollkommen deckungsgleich mit jenen der wesentlichen Aktionäre der OMV.

Wie häufig gab es Jobinterventionen aus Minister- oder Parteibüros?

Seele Das findet bei uns nicht statt. Ich kann nur für den Zeitraum sprechen, für den ich als Generaldirektor der OMV verantwortlich bin: In dieser Zeit gab es keine Anrufe von der Politik, um irgend­ welche Kandidaten hier zu platzieren ...

Bei Ihrem Antritt zeigten Sie sich über die wirtschaftliche Schieflage der OMV beunruhigt. Wie beschreiben Sie die finanzielle Situation der OMV derzeit?

Seele Wir haben einen vollkommen anderen finanziellen Spielraum. Wir generieren einen deutlich stärkeren Cash­-Bestand bei der OMV. Das sieht man daran, dass wir den Erwerb der Mehrheitsanteile von Borealis ohne große Schwierigkeiten stemmen können. Das ist unser Versprechen an die Finanzmärkte: Wir werden bis Ende dieses Jahres diese große Transaktion finanziell schon verdaut haben. Ich kann Ihnen versichern: Die Sorgen von 2015 habe ich nicht mehr.

Sie haben zur Hebung der Liquidität auch etliches Tafelsilber auf den Markt geworfen. Der Verkauf von Gas Connect, des Tankstellennetzes in Deutschland und des Upstream-Geschäfts in Kasachstan brachte rund eine Mrd. Euro. Bis Ende 2021 soll es ein zweites und ein drittes Veräußerungspaket geben. Mit derartigen Sondereffekten ist die Cash-Flow-Position bald saniert, oder?

Seele Die Bezeichnung Tafelsilber ist nicht zutreffend. Man kann nicht nur immer zukaufen, zukaufen und zukaufen. Die Bilanz der Investitionen sieht rückwirkend so aus, dass wir doppelt so viel für Akquisition ausgegeben haben, als wir für Devestition eingenommen haben. Als wir 2015 angefangen haben, das Portfolio der OMV umzubauen, haben wir uns in erster Linie aus Investitionsverpflichtungen herausgenommen.

Was ist an den aktuellen Verkaufsplänen anders als damals?

Seele Wir haben eine neue Definition von Kerngeschäft. Das Transportgeschäft mit Erdgas von der Gas Connect hat schwache Renditen und ist nicht länger im Zentrum unserer Aktivitäten. Jetzt schaffen wir Wachstum im Chemiebereich. Wenn wir auf die Forderung nach einem wesentlich klimafreundlicheren Geschäft nicht reagieren, werden es Politik und Gesellschaft für uns tun.

In Ihren ersten Jahren im Chefsessel der OMV setzten Sie auf das Gasgeschäft aus Russland. Jetzt forcieren Sie das Chemiegeschäft. Verträgt die OMV einen derartigen Zickzackkurs?

Seele Das ist kein Zickzackkurs. Das ist eine evolutive Weiterentwicklung der OMV. Wir haben in einer ersten Phase unser traditionelles Geschäft der Förderung von Öl und Gas weiterentwickelt: Der nächste Schritt war eine Expansion im Bereich der Raffinerien. Da gehen wir davon aus, dass Kraftstoffe zukünftig weniger gefragt sein werden. Die Transformation in Richtung Chemie ist die Antwort auf diese Entwicklung.

Der Einstieg in die Produktion der Polyolefine ist für die OMV nichts Neues. Das Hauptproblem, das die alte OMV hatte, waren die extrem oszillierenden Preise für PCD-Produkte. Holen Sie sich nicht ein hohes Quantum an Unberechenbarkeit ins Unternehmen?

Seele Nein. Im Gegenteil: Wir holen uns ein Quantum Stabilität ins Unternehmen. Alle meine Geschäftsbereiche haben eine gewisse Zyklizität. Sie dürfen nur nicht deckungsgleich sein. Die Borealis von heute ist ein vollkommen anderes Unternehmen. Es wurden über die Jahre mehrere Milliarden Euro in das Geschäft investiert.

Viele junge und einige ältere Menschen setzen sich bei Fridays for Future für eine klimafreundlichere Zukunft ein. Welchen Eindruck macht Greta Thunberg auf den CEO eines fossilen Energie- und Chemiekonzerns?

Seele Einer meiner Beweggründe, die OMV strategisch vom Ölverbrennen weg­ zuführen und hin zur Rohstoffveredelung zu bringen, war ein sehr intensiver Dialog mit Fridays for Future. Ich finde, es ist eine tolle Bewegung. Greta Thunberg stellt die richtigen Fragen: Wir müssen stärker auf sie und ihre Bewegung hören. Ich bin selber Vater von drei Kindern und ich möchte, dass sie eine lebenswerte Perspektive haben. Daher baue ich auf die nächste Generation. Ich glaube, wir haben eine Verpflichtung, uns auch als Bürgerinnen und Bürger in unserem Verhalten zu verändern, damit die junge Generation eine gute Zukunft hat.