Maschinenbau : Thyssen hat seinen einzigen Gewinnbringer nun verkauft - Stahlsparte wieder im Zentrum

Der seit Jahren kriselnde deutsche Thyssenkrupp-Konzern hat sich mit dem Verkauf seiner Aufzugssparte für 17,2 Milliarden Euro eine Verschnaufpause verschafft. Die Tochter gehe an ein Bündnis um Advent, Cinven und die RAG-Stiftung, teilte Thyssenkrupp mit.

Den Vollzug des Verkaufs erwartet Thyssenkrupp bis zum Ende des laufenden Geschäftsjahres am 30. September. Die Transaktion stehe unter dem Vorbehalt fusionskontrollrechtlicher Genehmigungen, man erwarte aber keine Bedenken der zuständigen Behörden, heißt es in der Mitteilung.

Es war die wertvollste Sparte von Thyssenkrupp

Weltweit beschäftigt Thyssenkrupp Elevator rund 53.000 Mitarbeiter, fast ein Drittel aller Beschäftigten des Konzerns.

Wie wertvoll die Aufzugssparte ist, zeigt ein Blick auf den Börsenkurs der deutschen Industrieikone, die inzwischen aus dem Dax abgestiegen ist. Nach einem monatelangen Absturz des Börsenkurses brachte Thyssenkrupp am Donnerstag nur noch eine Marktkapitalisierung von rund 5,7 Mrd. Euro auf die Waage. Die Aufzugssparte ist aus Sicht der Investoren also drei Mal so wertvoll wie der gesamte Konzern.

RAG-Stiftung unter den Käufern - Kone nicht

Thyssenkrupp hatte zunächst einen Börsengang der Aufzugssparte vorbereitet, der mit dem Verkauf an die Finanzinvestoren abgesagt wird. Interesse hatten auch Konkurrenten wie der finnische Kone-Konzern. Die Finnen zogen sich aber aus dem Bieterrennen zurück. Zuletzt hatten auch noch die Investoren Blackstone, Carlyle und Canadian Pension Plan gemeinsam für die Aufzugssparte geboten. Dazu: Bieterschlacht um Thyssens Aufzugsparte: Finanzfirmen vorn >>

Das Geschäft gehe vollständig an das Konsortium, Thyssenkrupp werde aber in einem weiteren Schritt einen Teil des Kaufpreises von rund 1,25 Milliarden Euro in eine Rückbeteiligung am verkauften Aufzugsgeschäft investieren. Vorstandschefin Martina Merz muss nun eine überzeugende Strategie für den Konzern entwickeln, ist Elevator doch derzeit der einzig nennenswerte Gewinnbringer.

Die zu den Käufern gehörende milliardenschwere RAG-Stiftung aus Essen ist für die Finanzierung der dauerhaften Folgekosten des Steinkohlenbergbaus zuständig und dazu auf sichere Erträge ihres Kapitals angewiesen.

Thyssen will die Milliarden in Neustrukturierung investieren

"Die durch die Transaktion zufließenden Mittel werden im Unternehmen verbleiben", teilte der Essener Konzern mit. Sie sollen zur Entschuldung und zur Senkung von Kosten eingesetzt werden. Ziel ist es, die jährlichen Mittelabflüsse für Zins- und Pensionszahlungen deutlich zu senken.

Gelder sollen aber auch zur Weiterentwicklung der verbleibenden Geschäfte eingesetzt werden. "Wir werden Thyssenkrupp so weit wie nötig entschulden und gleichzeitig sinnvoll in die Entwicklung des Unternehmens investieren. Damit kann Thyssenkrupp wieder Fahrt aufnehmen", betonte Merz. Den Ruhrkonzern drücken Nettofinanzschulden von sieben Milliarden Euro und Pensionsverpflichtungen von neun Milliarden Euro.

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"Bedauerlich, dass Sparte nicht im Konzern verbleiben kann"

"Die getroffene Entscheidung ist richtig, auch wenn es bedauerlich ist, dass Thyssenkrupp Elevator nicht im Konzern verbleiben kann", erklärte die Krupp-Stiftung, die mit 21 Prozent größter Einzelaktionär ist. Der Vorstand habe jetzt die Aufgabe, die Erlöse rasch und gezielt so einzusetzen, dass das Unternehmen sich erfolgreich entwickeln könne. "Thyssenkrupp muss wieder wettbewerbs-und dividendenfähig werden. Das ist auch im Sinne aller Beschäftigten."

Auch der zweitgrößte Einzelaktionär, die schwedische Finanzfirma Cevian, blickte bereits nach vorne. "Jeder einzelne Geschäftsbereich hat das Potenzial, sich schnell und grundlegend zu verbessern", betonte Cevian Mitbegründer Lars Förberg. Daher müsse jetzt die uneingeschränkte Aufmerksamkeit darauf liegen, jedes Geschäft operativ stark und fit für die Zukunft zu machen. Cevian unterstütze Merz und ihr Team voll und ganz beim Restrukturierungsprozess.

Neue Besitzer versprechen Investitionen und Wachstum

Die Finanzfirma Cinven teilte mit, sich darauf zu freuen, mit seinen Investitionen das Wachstum von thyssenkrupp Elevator zu beschleunigen – sowohl organisch als auch durch weitere Zukäufe. "Weitere Investitionen in die Produktentwicklung, Forschung und Entwicklung sowie in die internationale Expansion werden dazu beitragen, das Unternehmen langfristig und nachhaltig wachsen zu lassen", sagte Bruno Schick, Partner und Leiter von DACH und Emerging Europe bei Cinven.

Bernd Tönjes, Vorstandsvorsitzender der RAG-Stiftung, sagte, dass man sich der Tradition und Geschichte von thyssenkrupp Elevator sehr bewusst sei. "Das Konsortium fühlt sich dem Erhalt des Unternehmenssitzes und den starken Wurzeln des Unternehmens in Deutschland verpflichtet. Die Beteiligung an thyssenkrupp Elevator, von der wir uns stabile Erträge erwarten, passt ideal in das Portfolio der RAG-Stiftung" fügte Tönjes hinzu.

Gewerkschaft: Arbeitsplätze für sieben Jahre gesichert

Die IG Metall hatte bereits im Vorfeld den Bietern Zugeständnisse abgerungen. "Kern dieser Vereinbarungen ist eine Standort- und Beschäftigungssicherung für sieben Jahre und einen Monat", erklärte die Gewerkschaft. Sie laufe mindestens bis Ende März 2027. "Während dieser Laufzeit sind betriebsbedingte Kündigungen ausgeschlossen, alle bestehenden Standorte in Deutschland bleiben mit ihren wesentlichen Funktionen erhalten und sollen gestärkt werden."

Thyssenkrupp hatte im vergangenen Jahr einen Börsengang oder Verkauf des Geschäfts angekündigt. Bezogen auf den Kaufpreis würde der Konzern für 1,25 Milliarden Euro bei der geplanten Rückbeteiligung auf einen Anteil von 7,3 Prozent kommen können. Zuletzt war neben dem nun erfolgreichen Konsortium noch eine Gruppe aus Blackstone, Carlyle und dem Canada Pension Plan Investment Board im Rennen. Der finnische Konkurrent Kone war in der vergangenen Woche ausgestiegen.

Thyssen: Stahlsparte soll wieder ins Zentrum rücken

Bei Thyssenkrupp hat sich in den vergangenen Monaten die Lage immer mehr zugespitzt. Die lange vorbereitete Fusion der Stahlsparte mit dem europäischen Zweig des indischen Stahlkonzern Tata war von der EU-Kommission untersagt worden. Eine Aufspaltung des Konzerns in zwei Aktiengesellschaften wurde darauf abgesagt. Vorstandschef Guido Kerkhoff musste nach nur gut einem Jahr im Amt seinen Hut nehmen. Im Oktober wechselte dann die Aufsichtsratsvorsitzende Martina Merz als Interimschef an die Spitze des Vorstands.

Nach dem Verkauf der Aufzugssparte soll der traditionsreiche Stahl wieder zum Kerngeschäft von Thyssenkrupp werden. Dort laufen die Geschäfte aktuell aber schlecht. Die Stahlsparte lieferte im ersten Quartal einen operativen Verlust von 164 Millionen Euro ab. Zunächst sollen bei Stahl 2.000 Arbeitsplätze abgebaut werden. Mittelfristig könnten weitere 800 Jobs wegfallen.

(red mit Material von Reuters, dpa / APA)