Produktion

Industrie Informatik: "Die MES-Pyramide wird gesprengt"

Der Linzer Softwareanbieter Industrie Informatik arbeitet an einem neuartigen Produktionsleitsystem, das die herkömmliche Automatisierungspyramide in der industriellen Fertigung komplett ablösen soll – und in ein vernetztes System verwandeln, das einem Orchester ähnlich ist.

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"Ich finde es gut, dass ein Innovationstag in einer Spinnerei stattfindet. Innovationen in der Industrie brauchen Spinner!" Der Überraschungsgast auf dem Kundentag der Firma Industrie Informatik wählt bei seinem Auftritt einen launigen Einstieg. Es ist Markus Achleitner, seines Zeichens Wirtschaftslandesrat von Oberösterreich, der die Veranstaltung in der "Spinnerei" neben dem Schloss Traun auch gerne nutzt, um vor internationalen Gästen sehr pointiert auf die Vorteile des Standorts Oberösterreich hinzuweisen. Etwa auf den neuen und "weltweit einzigartigen" Studiengang für Künstliche Intelligenz an der Universität Linz.

Auch Industrie Informatik, ein auf Produktionsleitsysteme (MES) spezialisiertes Softwareunternehmen, hat seinen Hauptsitz in Oberösterreich – in Linz. Seit bald drei Jahrzehnten begleitet dieser Anbieter die Industrie bei der Optimierung von Fertigungsabläufen. Derzeit laufen etwa 450 Installationen des Anbieters mit rund 100.000 Nutzern in 20 Ländern. Heute hat das Unternehmen 120 Mitarbeiter in Linz sowie an weiteren Standorten in Wien, Freiburg, Düsseldorf und Shanghai.

"Eine der ersten Adressen für MES"

Spezialität des Hauses sind Lösungen rund um die Digitalisierung der Industrie, Smart Factory, das industrielle Internet der Dinge und vor allem Manufacturing Execution Systems. Besonders als MES-Hersteller für die diskrete Fertigung hat Industrie Informatik viele Hersteller in Deutschland, Österreich und der Schweiz überzeugt. Doch seit 2010 kommen auch Anwender in China dazu. "Wir gehören im deutschsprachigen Raum schon zu den ersten Adressen für MES. Und wenn es um Ausschreibungen für diskrete Fertigung geht, sind wir in der Endauswahl", erklärt Vorstandschef Markus Zalud. Tatsächlich finden sich unter den Referenzen Projekte bei kleineren Mittelständlern ebenso wie große Namen, etwa Doka, Liebherr, Miba, Stiebel Eltron, Stihl, Voith, Meusburger oder Voestalpine.

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100.000 Mannstunden an Programmierung

Und so ist auch das Interesse groß, wenn das Softwareunternehmen seine Kunden und Partner zu einem Kundentag lädt, um den aktuellen Stand zu erörtern und einen Ausblick zu präsentieren, wohin die Reise gehen soll. Der kaufmännische Vorstand Bernd Steinbrenner zieht bei seinem Vortrag eine positive Bilanz des Tages: "Es sind heute über 100 Firmen anwesend. Das, was Sie gesehen haben, ist ein Abriss von über 100.000 Mannstunden an Programmierung. Und es ist ein konkreter Plan, der auch tatsächlich exekutiert wird."

Steinbrenner gibt auch einen kurzen Rückblick auf Weiterentwicklungen in Bereichen wie maßgeschneiderte Portale, Terminal 4.0, Track&Trace oder sogenannte "Pido-Bäume". Sein Themenabschnitt "Einblick" dreht sich um Mobilitätslösungen, mit denen man arbeitsplatzunabhängig Aufträge abarbeiten kann, sowie um mobile PZE-Apps, digitale Zwillinge und HTML-Portale. Seinen "Ausblick" schließlich widmet Steinbrenner Schlagworten wie fertigungsbegleitende Qualitätssicherungssysteme, erweiterte Prognosefunktionen ("predictive analytics"), maschinelles Lernen und "stimulierender Optimierer".

Kunden aus Stuttgart: Kein Vergleich zu einem Start-up

Im Mittelpunkt der Produktpalette von Industrie Informatik steht eine Produktfamilie namens Cronetwork. "Das ist eine neutrale Plattform, die den Vorteil hat, dass man Daten unterschiedlicher Maschinen miteinander vergleichen kann. Dieser Anbieter ist auch recht gut darin, seine Produkte zu individualisieren", sagen Mitarbeiter eines Herstellers in der Nähe von Stuttgart, die Systeme von Cronetwork bereits im Unternehmen eingeführt haben und nun nach Traun gekommen sind, um sich nach weiteren Anwendungen umzuschauen.

"Die Anforderungen an ein MES-System sind immer breit gestreut. Je besser eine Lösung ist, desto stärker geht sie in die Tiefe", so einer der beiden Anwender weiter. Genau hier komme dem Unternehmen auch die jahrzehntelange Erfahrung in der Industrie zugute: "Jemandem, der als Start-up oder als keine Softwarefirma auf den Markt kommt, fehlt diese Erfahrung. Industrie Informatik dagegen hat durchaus namhafte Referenzen. Das ist immer ein Qualitätsnachweis."

Ein neuer Markenname für alles aus einer Hand

Wohin die Reise in Zukunft geht, fasst Industrie Informatik mit einem neuen Markennamen zusammen: Cronetworld. Vorstand Steinbrenner erklärt das in seinem Vortrag so: "Die digitale Fabrik hat viele Bausteine. Es ist nicht der Anspruch unseres Hauses, Ihnen viele Bausteine zu bieten. Sondern wir wollen Sie in der ganzen Kette beraten und unterstützen. Also einen richtigen Schlüssel bieten statt eines Sets mit 100 Schlüsseln."

In Zukunft solle es alles aus einer Hand geben, so Steinbrenner: Leistungen vom Produkt über Service wie Installation, Beratung und Wartung bis zur Infrastruktur. "Wir liefern also das Produkt und den Lösungsweg. Ziel ist die Integration in den Markt. Deshalb schulen wir auch unsere Leute so, dass sie unsere Kunden situativ richtig beraten, end-to-end." Steinbrenner fasst zusammen: "Cronetworld bedeutet Consulting, Schulungen, Implementierungsleistungen und Pricing. Das Zusammenspiel der Suite, die Sie kennen, ist die Basis, aber diese wird weiterentwickelt. Bei Cronetworld geht es also darum, auf einer Busarchitektur ohne programmiertechnischen Hintergrund vor Ort individualisierte Anwendungen bauen zu können."

Die Pyramide wird gesprengt

Thomas Krainz, der das Unternehmen mitgegründet hat und heute die strategische Produktentwicklung verantwortet, betont den Unterschied des heurigen Kundentages zu früheren. "Wir haben heuer einen konkreten Umsetzungsplan vorgestellt, und damit den Blick um einige Jahre weiter in die Zukunft gerichtet als bei den früheren Kundentagen", so Krainz. "Früher haben wir viele Jahre lang Standard-MES entwickelt. Die Standardanwendungen sind aber heute gut abgedeckt, und es gibt viele Konzernkunden, die ihre Prozesse harmonisieren." Der Plan, jetzt einzelne Elemente des Systems zusammenzufügen, sei ein großer neuer Schritt, ergänzt Vorstand Markus Zalud: "Aus der Perspektive des Maschinenbaus ist es ein großer Individualisierungseffekt, ein neuer Werkzeugkasten. Und alles, was heute präsentiert wurde, wird kommen."

Bei der Erklärung zum entscheidenden Kern der neuen Strategie hinter der Marke Cronetworld verweist Thomas Krainz auf die klassische Automatisierungspyramide mit ihren fünf Ebenen aus ERP, MES, Scada, SPS und den Signalen in der Produktion. "Wir glauben, dass diese Pyramide in Zukunft gesprengt wird. Die jetzigen monolithischen Systeme in der Pyramide werden alle abgelöst von vielen Abläufen und Funktionen, von Mikroservices und Anwendungen."

Alles kommuniziert mit allem – wie in einem Orchester

"Es gibt Standardanwendungen, die werden so belassen wie sie sind – aber andere lassen sich integrieren und vernetzen. In Zukunft wird es eine Mischform aus Standardformen, agilen Formen und Spezialfunktionen rundherum geben, die alle miteinander vernetzt sind und alle miteinander kommunizieren. Jedes Element hat seine Aufgabe. Wie in einem Orchester", so Krainz weiter. "Es ist der Treibstoff für Industrie 4.0 der Zukunft."

Der Firmengründer fasst die zentrale Botschaft des Tages so zusammen: "Mit Cronetworld heben wir die etablierten Standardsoftware-Architekturen in die nächste Ebene. Es geht darum, die Standardprozesse und die agilen Prozesse miteinander zu orchestrieren. Kleine wie große Systeme. Und zwar mit kundentauglichen Werkzeugen, die unser Kunde selbst in der Hand hat. Zum Beispiel mit einem Werkzeug für agile Smart Factory Projekte."

Individuelle Lösungen konservieren und wiederverwertbar machen

Und nachdem sich die gesprengte Pyramide in ein Orchester verwandelt hat, planen die Oberösterreicher schon den nächsten Schritt. Angedacht ist bei der neuen Plattform auch ein Angebot, das man eher von den sozialen Medien kennt: Die unterschiedlichen Kunden von Industrie Informatik sollen sich untereinander zu einer "Community" zusammenfinden. Eines der Ziele: Gelungene Umsetzungen abzubilden, um sie für andere nutzbar zu machen. Thomas Krainz meint dazu: "Es ist strategisch ganz wichtig, dass man Best Practice-Lösungen konservieren und wiederverwertbar machen kann."

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