Cloud Computing

Wunderbare Rechnerwolke

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Am Ende ist es eine Frage von Mut. Und Erfahrung. Und noch ein paar Faktoren. Sie sind dafür verantwortlich, dass manchen österreichischen Industrieunternehmen Cloud-Lösungen bereits ganz tief in die Produktion hineinwirken, man anderswo das Wort Cloud gerade erst buchstabieren lernt. In Kalsdorf bei Graz fallen die Daten jedenfalls aus der Wolke. Beim Verpackungshersteller Duropack kommen die Parameter, nach denen die Maschinen eingestellt werden, nicht von einem physischen Server, sondern aus der Cloud. Auch die siebzehn anderen Standorte des Unternehmens werden auf diese Weise versorgt, egal was sie nun im Einzelnen fertigen: Steigen für Obst und Gemüse, Gefahrengutverpackungen, Transportcontainer oder Archivboxen. Maschinen aus der Wolke Damit gehört Duropack zu den Pionieren in Österreich. Denn SAP- oder ERP-Anwendungen in die Cloud auszulagern, trauen sich inzwischen einige Firmen. Produktionssteuerung aus der Wolke gilt für den Großteil der heimischen Industrie hingegen nach wie vor als ein No-Go. Hans Ebner, IT-Chef bei Wienerberger, fasst die derzeit vorherrschende Meinung so zusammen: „Im Moment sehe ich Cloud- Lösungen vor allem dort, wo viele Menschen das Gleiche tun. Also bei sehr, sehr einfachen, weit verbreiteten Diensten. In zehn Jahren wird man vielleicht auch die Produktion und einzelne Maschinen aus der Wolke steuern.“ Dietmar Fink, IT- und Informationsmanager bei Duropack, weiß um diese Zurückhaltung. Dass man sich in seinem Unternehmen mit der Cloud dennoch bis in die Produktion gewagt hat, führt er darauf zurück, dass die Duropack-Werke schon vor der Auslagerung in die Wolke online gesteuert wurden. Bloß kam die branchenspezifische Software Kiwiplan damals von einem Server, der im Unternehmen stand und von der firmeneigenen Mannschaft betreut wurde. „Von diesem Modell bis zur Cloud war der Schritt dann gar nicht mehr so groß“, sagt Fink. Redundante Leitung Sensibilität dafür, dass die Produktion spätestens in zwanzig Minuten steht, wenn die Leitung zwischen dem Server und den Werken zusammenbricht, habe man jedenfalls schon damals entwickelt. „Deshalb waren wir auch von Anfang an mit unseren Leitungen redundant, mit einer physischen Leitung und einer Richtfunkstrecke.“ Hier geht´s weiter

Nun setze man, bei gleicher Absicherung, auf die Vorteile der Wolke: „Unsere Werke stehen zwar alle in der gleichen Zeitzone, beim Schichtbetrieb, den wir fahren, heißt das aber trotzdem, dass das gesamte System rund um die Uhr verfügbar sein und auch gepflegt werden muss. Das hätten wir mit eigenen Ressourcen ab einem gewissen Moment nicht mehr geschafft, ohne erheblich aufzustocken.“ In die Wolke und zu einem Cloud-Anbieter auszuweichen, sei daher durchaus auch von Preisüberlegungen geleitet gewesen. Und die vielfach geäußerte Behauptung, wonach man eine Leitung zwar doppelt und dreifach gegen einen Ausfall absichern könne, man aber damit leben müsse, dass der Cloud-Anbieter Zugriff auf die Produktionsdaten hat? Bei Duropack geht man mit dieser Tatsache recht pragmatisch um: „Wellpappe ist ja ohnehin keine streng geheime Branche. Die Konkurrenz weiß daher sowieso recht genau, was wir machen. Genauso wie wir es von der Konkurrenz wissen“, sagt Dietmar Fink, auch wenn er zugibt, dass in die Cloud nur derjenige auslagern sollte, der zu seinem Anbieter auch das nötige Vertrauen hat. Allerdings gelte das für alle, mit denen man zusammenarbeitet: „Ein Techniker, der zur Konkurrenz wechselt, kann ja auch sehr viel Know-how mitnehmen.“ „100 Prozent sicher“ Beim Seilbahnbauer Doppelmayr im Vorarlberger Wolfurt ist man von so viel Gelassenheit noch etliche Höhenmeter weit entfernt. Über äußerst beschränkte Anwendung der Cloud im Unternehmen weiß Unternehmenssprecher Ekkehard Assmann zu berichten. „Wir wollen zu hundert Prozent Kontrolle darüber behalten, wer Zugang zu unseren Daten hat. Kann sein, dass Cloud-Lösungen schneller und günstiger sind, wir fühlen uns mit unserer In-House-Lösung wohl.“ Was man gelegentlich in eine Wolke auslagert, seien Fotos und Videos. Mehr nicht. Damit verhält sich Doppelmayr eher wie ein Privatnutzer. Die Speicherung und der Tausch von Fotos ist die zweithäufigste Nutzung von sogenannten Consumer-Clouddiensten wie etwa SkyDrive, iCloud oder Dropbox. Noch öfter werden Clouds von Privatnutzern für webbasierte E-Mail- Anwendungen verwendet, ergab eine Microsoft-Umfrage im Juli dieses Jahres. In Unternehmen wird hingegen vor allem Entwicklung in die Wolke ausgelagert, gefolgt von E-Mail, Back-up und Recovery- Anwendungen. Immerhin nutzen aber fast 20 Prozent der Befragten auch ERP-Software aus der Wolke. Das zeigt jedenfalls eine weltweit durchgeführte Umfrage der US-amerikanischen Everest Group vom September. Nüchtern, nicht skeptischer In Österreich dürften sich die Anwendungen ähnlich verteilen. „Ich glaube nicht, dass Österreich im internationalen Vergleich so besonders ausschert. Man sieht bei uns die Cloud nüchtern, ist aber auch nicht skeptischer als anderswo“, sagt Dietmar Wiesinger, Leiter der Telecommunication Services bei T-Systems, einem der großen heimischen Anbieter von Cloud-Lösungen. Vor allem Unternehmen, die unter Kostendruck geraten, würden sich der Wolke zuwenden, sagt Wiesinger. Deshalb sei auch die Papierbranche dem Thema gegenüber sehr aufgeschlossen, während sich etwa Energieversorger zurückhaltender zeigen. Hier geht´s weiter

Beim Papierhersteller Sappi werden zum Beispiel auch Anwendungen für Südafrika in Österreich gehostet. Und natürlich, sagt Wiesinger, setzen Unternehmen umso stärker auf die Wolke, je internationaler sie aufgestellt sind und je schneller sie auf sich verändernde Rahmenbedingungen reagieren müssen. Ein Unternehmen, das in diese Kategorie fällt, ist Magna: rund um die Welt präsent und durch die Struktur seines Geschäfts mit ständigen Zukäufen, Werkneubauten, aber auch Werkschließungen befasst. Doch das ist nur die halbe Geschichte, warum Magna gewissermaßen mit dem Mut der Verzweiflung den Schritt in die Wolke gewagt hat. Die zweite Hälfte ist inoffiziell, wird von Insidern aber dennoch gern erzählt. Sie hat mit Übervater Frank Stronach zu tun. Wildwuchs rückführen Solange Stronach operativ im Unternehmen tätig war, passierte, was der Patriarch wollte, mitunter auch gegen die Meinung von Fachleuten. Und weil Stronach von der Idee besessen war, dass der Manager eines jeden Standorts zu hundertzehn Prozent für die Ergebnisse des Standorts verantwortlich ist, weigerte er sich, zentrale IT-Lösungen zu akzeptieren. Auch über die sollte jeder Standort-Chef allein entscheiden. Die Folge war ein Chaos, das seinesgleichen suchte. Weil viele Standorte für SAP- und ERP-Lösungen zu klein waren, fuhrwerkten sie mit Programmen herum, die eigentlich für mittelständische Betriebe gedacht sind. „Es war ein Wahnsinn“, sagt ein ehemaliger Mitarbeiter des Unternehmens, „ein Weltkonzern mit fast 120.000 Mitarbeitern und es ist unmöglich, Kennzahlen auf Knopfdruck zu bekommen!“ Seit sich Stronach aus dem Unternehmen zurückgezogen hat, arbeiten die Magna-Chefs nun mit Nachdruck daran, diesen und auch einige andere Missstände zu beseitigen. Das Unternehmen hat inzwischen seine SAP- und ERP-Landschaft harmonisiert und dabei zu einer Cloud-Lösung gegriffen. Tragweite Michael Böhm, der Magna bei T-Systems betreut, erklärt die Tragweite der Entscheidung. „Diese Anwendungen gehen ziemlich weit in die Produktion hinein. Denn auch wenn es hier nicht um die Steuerung jeder einzelnen Maschine geht, so werden aus der Wolke Dinge gesteuert wie die Bereitstellung von Teilen, die für den Bau einer bestimmten Komponente nötig sind. Funktioniert das nicht, kann zwar eine Weile weitergearbeitet werden, aber nach zwei, drei Stunden steht die Produktion.“ Hier geht´s weiter

Damit dieser Super-Gau nicht passiert, gibt es bei T-Systems ein Storage-System mit zwei redundanten Abbildungen auf zwei verschiedenen Systemen, redundante Netzwerke und eine Absicherung der Server, bei der, wenn ein Server ein Hardware-Problem hat, automatisch der nächste Server seine Aufgaben übernimmt.Magna-IT-Chef Robert Seemann schläft daher ruhig: „Ich weiß gar nicht, auf wie vielen physischen Servern bei T-Systems unsere 37 virtuellen Server liegen, und ich muss das auch gar nicht wissen.“ Wie tief Magnas Cloud-Lösung in die Produktion hineingreift, kann beispielhaft anhand von Autositzen nachverfolgt werden, die Magna für seine Kunden produziert. Sie können in Tausenden von Varianten gefertigt werden und werden auch tatsächlich immer wieder in sehr unterschiedlichen Ausführungen geordert – eine Produktion auf Lager ist unter diesen Umständen unmöglich.Noch dazu sind die Lieferzeiten extrem kurzfristig: Wenn die Rohkarosserie am Fließband des Kunden einen bestimmten Punkt passiert, wird ein Impuls ausgelöst, der sagt: der und der Sitz wird in der und der Ausführung benötigt. Drei Stunden später muss der Sitz beim Kunden sein. Das setzt nicht nur perfekte Logistik voraus, sondern auch, dass sich das Zulieferwerk unmittelbar in der Nähe des Kunden befindet. Bei den meisten Neuaufträ gen müssen daher sehr schnell neue Werke unmittelbar vor den Toren des Kunden eröffnet werden. Steht die notwendige IT-Infrastruktur in der Wolke bereit, hat man dabei zumindest ein Problem weniger. Bei geschätzten vierzig Werken, die bei Magna in den nächsten Jahren live gehen sollen, ein wichtiger Punkt.„Mit Cloud-Lösungen geht das deutlich einfacher“, erklärt Magna-IT-Mann Robert Seemann. Mit ihrer Just-in-Time-Produktion und extrem ausgeprägten Leistungsspitzen ist die Autoindustrie ein klassischer Kandidat für Cloud-Lösungen. Auch deshalb, weil dabei stets nur so viel Storage-Platz und CPU-Leistung bezahlt werden muss, wie gerade gebraucht wird. „Pay-per-Use-Lösungen in der Wolke befreien Unternehmen davon, für Dinge bezahlen zu müssen, die sie gar nicht brauchen. Wenn aber zusätzliche Leistung gebraucht wird, ist sie dennoch sofort abrufbar“, sagt T-Systems-Mann Böhm.voestalpine evaluiertNicht zuletzt aus diesem Grund evaluiert derzeit auch die voestalpine die Cloud. Das Unternehmen bestätigt Überlegungen in diese Richtung, will aber vorerst keine Details preisgeben: „Dazu wollen wir derzeit nicht mehr sagen. Wir sind da noch in einer frühen Phase“, sagt Unternehmenssprecher Peter Felsbach.Branchenkenner vermuten, dass das Voest-Interesse an der Cloud mit den aktuellen Übersee-Aktivitäten des Unternehmens zu tun hat. Die Voest hat dieser Tage den Spatenstich für ein Werk in Cartersville, Georgia, gefeiert, wo man ab Mitte 2013 Automobilkomponenten herstellen will. Weitere Expansionsschritte sind auch in China und Südafrika geplant.Generell scheint die Marschrichtung für österreichische Unternehmen daher vorgegeben. Mittelfristig, und auf diesem Sektor bedeutet mittelfristig zwei, drei Jahre, werden zumindest die Großen an der Cloud kaum noch vorbei können. Zumal mit der sogenannten Hybrid-Cloud eine Lösung in Sicht ist, die einen Teil der Sicherheitsbedenken hinfällig machen sollte. „Der ganz sensible Bereich verbleibt in der Private Cloud, zusätzliche Last wird in die Public Cloud ausgelagert“, erklärt Ronald Dorfbauer von IBM Österreich.Der Vorteil dabei: Bei einem Ausfall gewährleisten die Daten in der Private Cloud, die sich üblicherweise im Unternehmen selbst befindet, zumindest einen Notbetrieb in der Produktion. Dorfbauer rechnet, dass die Hybrid-Cloud ab 2014 zum Standard wird.