F&E : Mit Vollstreckerqualität: Das sind Österreichs Top-Industrieforscher

Sie kennen die Bedürfnisse der Industrie wie kaum andere in ihrer Disziplin. Machen Technologiefelder urbar, die Durchschnittsforschern zukunftsfern erscheinen. Wo andere den Bettel hinwerfen, verdoppeln sie die Anstrengungen und verhelfen Lösungen spektakulär zum Durchbruch. Wer sind die Top-Partner für F&E im Land? Und wie organisieren sie sich?
Stefan Biffl, 50: Der Integrationskünstler
Liebt die Mathematik, verehrt die Informatik: TU-Wien-Forscher Stefan Biffl macht vernetzte Produktionssysteme sicher.
Er spricht mit einer Leidenschaft von der Disziplin Informatik, wie das nur wenige tun: Interaktive Systeme, intelligente Algorithmen, sichere Anwendungen begeistern Stefan Biffl. Wer in seine Vita blickt, findet schnell heraus, dass die Weichen dafür früh gestellt wurden: Schon im Knabenalter reizten Biffl die Möglichkeiten der damals gerade groß werdenden Technologie der Personal Computer. Hatten andere mit 16 nur Fußball im Kopf, schrieb er Erweiterungen für die Programmiersprache BASIC zum Drehen von 3D-Objekten und träumte von der Mathematik-Olympiade. Die sprichwörtlichen 10.000 Übungsstunden eines Orchestermusikers? Hatte Biffl alsbald absolviert, nur eben am Rechner.
Heute schätzt Biffl - bis Ende 2016 leitete er ein Christian-Doppler-Labor, das sich der Datenintegration im Engineering-Prozess von Produktionssystemen widmete - den regen Austausch mit der Industrie. "Mit Geschäftsführern und technischen Leitern gleichermaßen zu arbeiten", sei für ihn erfüllend. Datenintegration im Engineering-Prozess von Produktionssystemen, sein Leibthema, sei weiter im Kommen, das Bedrohungspotential nehme klarerweise eher zu als ab, allein schon aufgrund der Explosion der Datenmengen, egal, wo man in der Lieferkette hinsieht.
Arbeitsorganisation und Methodiken des 50-jährigen Wissenschaftlers haben sich dabei radikal verändert: Agile Entwicklungsmethoden sind am Vormarsch, die Intensität des Austauschs in der wissenschaftlichen Gemeinschaft nimmt zu. All das für einen Job in der Industrie aufzugeben, würde Biffl trotzdem niemals in den Sinn kommen: "Die gestalterischen Möglichkeiten, mit Studenten und Kollegen an wesentlichen Fragestellungen zu arbeiten, möchte ich nicht missen".
Horst Treiblmaier, 48: Der Business-Gamer
Smarter Vernetzer, digitaler Motivator: Horst Treiblmair von der MODUL Universität Wien will die Industrie mit Gamification umkrempeln.
Der Mann hat etwas von der Welt gesehen. Gastprofessuren in den USA, Kanada, Australien, sogar Kasachstan: Horst Treiblmaiers akademische Wanderjahre endeten nicht an den Grenzen Europas. Auch in Österreich aber lässt es sich aushalten: Zuletzt forschte der 48-jährige mehrere Jahre am Logistikum Steyr, seit September leitet er den Bereich Internationales Management an der MODUL University Vienna. Die Reisezeit nun auch aus Ökologiegründen etwas herunterzuschrauben, findet Treiblmaier, ein ausgebildeter Wirtschaftsinformatiker, gar nicht so übel. Weniger Zeit mit internationalen Kollegen wird der kontaktfreudige Salzburger freilich nicht verbringen - die in Skype-Sessions wissensmehrend verbrachten Stunden nahmen zuletzt eher zu.
Welche Forschungsgebiete er mit der größten Hingabe betreibt? Gamification und Physical Internet. Zweiteres trieb er sukzessive an der FH Steyr voran, eine Supply Chain im Wandel oder genauer: die Vision effizienter Wertschöpfungsnetzwerke begeistert ihn. Und wird von der Industrie immer seltener als Spinnerei von Wissenschaftlern abgetan: Geschäftsmodelle wie jenes des Fahrtendienstleisters Uber "sind auch im Business-to-Business-Segment am Vormarsch", weiß Treiblmaier. Zum Glück für die alteingessenen europäischen Firmen vorläufig nur im asiatischen Raum.
Eine ähnlich hohe Priorität gibt Treiblmaier dem Thema Gamification, der spielerischen Ausgestaltung von Arbeitssituationen. Früh beeinflusst von den verhaltenswissenschaftlichen Ansätzen der Amerikaner, will er heute am eigenen Lehrstuhl die intrinsische Motivation fördern. "Und die Industrie ist natürlich willlkommen, mit uns in Projekte zu gehen", sagt Treiblmair. Gerade hat er den weltweiten Forschungsstand zur Gamification aufgearbeitet. Nicht zuletzt dank des Departments für New Media Technology habe man die nötigen Kompetenzen zur Umsetzung im Haus.
Michael Affenzeller, 44: Der Maßschneider
Denkt theoretisch, setzt praktisch um: Michael Affenzeller vom Softwarepark Hagenberg hat ein Faible für evolutionäre Algorithmen und ihre Praxiswirkung.
Spricht der Hagenberger Forscher Michael Affenzeller von einem "steten Fluss", denkt er dabei weniger an Heraklit oder Platon, als an den Gründervater des Softwareparks, Bruno Buchberger: Der postulierte 1989 in seiner berühmten Standortmaxime, dass Lehre, Forschung und Entwicklung fürderhin gleichberechtigt sein sollten - und sich gegenseitig bestmöglich zu ergänzen hätten. Affenzeller muss nicht lange in sich hineinhorchen - Buchbergers Anspruch halte man selbstredend auch im Masterstudiengang Software Engineering, den Affenzeller leitet, hoch.
Seine Forschungsdomäne: Die Heuristik, ein Teilgebiet der angewandten Mathematik sowie Informatik, das in der intelligent vernetzten Produktion von morgen breitest Anwendung finden kann: Von der Layoutoptimierung eines Produktionsstandorts bis zur Planung von Arbeitsaufträgen " helfen Näherungsverfahren, während exakte mathematische Methoden in praxisrelevanten Dimensionen oft zu rechenintensiv werden", schildert der Forscher.
Affenzeller, in der oberösterreichischen 2000-Seelen-Gemeinde Aschach an der Donau aufgewachsen, studierte technische Mathematik. Bei der Voestalpine Industrieanlagenbau werkte er in der Modellierungsabteilung, eher er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Uni Linz die Offenheit der Disziplin so richtig lieben lernte: "An einem Tag arbeiten Sie mit Physikern und Metallurgen aus der Hochofenabteilung, an einem anderen Tag vielleicht mit Medizinern zusammen", sagt Affenzeller. In frische Denkschulen Einblick zu erhalten sei so auch leichter. Die Industrie ist jedenfalls längst auf den Plan gerufen: Die Algorithmik berge ansehnliche Optimierungspotentiale für Prozesse, "man muss sie nur heben", sagt Affenzeller.
Friedrich Bleicher, 50: Der Haudegen
Schnittstellen baut er ab, technologische Gräben schüttet er zu: Friedrich Bleicher vom researchTUb treibt in Riesenschritten die Digitalisierung.
Er ist Urheber zahlreicher brauchbarer Konzepte zur zustandsorientierten Instandhaltung. Zählt zu den Energieeffizienz-Vordenkern im Land. Und ebnete der Einfachautomation, auch wenn ihm selber dieser Ausdruck ob seiner Unschärfe wohl einige Kopfzerbrechen bereiten würde, den Weg: Friedrich Bleicher, Vorstand des Instituts für Fertigungstechnik und Hochleistungslasertechnik der Wiener TU, ein unermüdlicher Technologietüftler, band Roboter per Netzwerkkabel bereits zu Zeiten an Werkzeugmaschinen an, da war das Kommunikationsprotokoll OPC UA noch längst nicht als der große Wurf für die Machine-2-machine-Kommunikation ausgemacht.
In der Wiener Pilotfabrik verwirklicht Bleicher, dem man keine übermäßige Freizeitorientierung nachsagen kann, seine Ideen. Die intellektuelle Auseinandersetzung mit „Plug & Produce“-Szenarien zählt zu seinen großen Steckenpferden. Rasch umkonfigurierbare Roboter, die heute Maschinen beladen und anderntags an anderer Stelle kooperieren, sind seine Vision. Entsprechend viele aus der nationalen und internationalen Entwicklerszene tummeln sich um Bleicher: Mit Mori-Chef Masahiko Mori verbindet ihn eine Freundschaft, das Institut ist seit Jahren Premium-Partner des Maschinenbauers aus Japan.