Stahlindustrie

Zerschlagung in Sicht: "Wir bauen ein völlig neues Thyssenkrupp"

Bei Thyssenkrupp musste Konzerncheef Kerkhoff zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate die gesamte Strategie ändern. Nun droht unter dem Druck von aggressiv auftretenden Finanzfirmen die Zerschlagung. Mitarbeiter des traditionsreichen Industrieriesen mit 160.000 Beschäftigten fürchten um ihre Arbeitsplätze.

Thyssenkrupp-Chef Guido Kerkhoff musste zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate seine Strategie über den Haufen werfen. Teilbörsengang der Aufzüge, Verkauf von Mehrheitsbeteiligungen und der Abbau von 6.000 Jobs - viele Mitarbeiter befürchten nun eine Zerschlagung des Konzerns mit rund 160.000 Beschäftigten.

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Als Kerkhoff am Mittwoch, dem 8. Mai, die Entwicklung des Aktienkurses verfolgt, schrillen bei ihm die Alarmglocken. Es ist 14:49 Uhr, da rauscht der Kurs des früher hochgehandelten Papiers auf den tiefsten Stand seit 15 Jahren. "Den von uns beabsichtigten Neustart bekommen wir so nicht mehr hin", räumt er später das Scheitern seiner Pläne für eine Konzernaufspaltung und des Stahl-Joint-Ventures mit Tata Steel ein. Er habe den "Reset-Knopf" drücken müssen.

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"Für mich ist und bleibt Cevian eine Heuschrecke"

"Die wollen uns zerfleddern", sagt ein Gewerkschafter der Nachrichtenagentur Reuters. Das Misstrauen richtet sich vor allem gegen den schwedischen Finanzinvestor Cevian, der 18 Prozent der Aktien hält und seit langer Zeit auf eine bessere Performance der Geschäfte und mehr Flexibilität dringt. "Für mich ist und bleibt Cevian so eine Art Heuschrecke", hatte schon 2014 der damalige Betriebsratschef Wilhelm Segerath, genannt "Stahl-Willi", gewarnt. "Wir stellen die Antennen hoch." Die Spannungen hörten nie auf. "Selbst ein geldgieriger Investor hat eine Verantwortung gegenüber dem Gesamtkonzern und seinen Beschäftigten", kritisierte im Dezember 2017 Aufsichtsrats-Vize-Chef und IG Metall-Sekretär Markus Grolms Cevian in einem Interview der "Westdeutschen Allgemeinen Zeitung".

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Die Mahner fühlen sich jetzt bestätigt. Sie fürchten, dass Thyssenkrupp nun sturmreif geschossen wird. "Jetzt beginnt die Zerschlagung von Thyssenkrupp", sagen Banker - sie sehen das aber als Chance. Mit der Ankündigung, dass der Konzern offen für den Verkauf von Anteilen an einzelnen Geschäften sei, habe Kerkhoff Angreifern Tür und Tor geöffnet.

Cevian selbst will einer Zerschlagung nie das Wort geredet haben. Der Investor legt die Finger in die Wunden, die sich der Konzern zum Teil durch jahrelanges Missmanagement selbst zugefügt hat, und sieht nun die Chance für einen Neuanfang. "Es ist klar, dass Thyssenkrupp mit seiner bisherigen Strategie gescheitert ist", betont Cevian-Gründungspartner Lars Förberg. Es müsse eine fundamentale Neuausrichtung geben. "Es darf keine historischen oder politischen Tabus mehr geben, wenn Thyssenkrupp die langjährige Underperformance ernsthaft angehen und die Geschäfte zurück auf Wachstumskurs bringen will."

Aktivistische Finanzfirmen setzen Management massiv unter Druck

Mit dem Einstieg von Finanzinvestoren wie Cevian, Knight Vinke oder Elliott bei Konzernen wie Thyssenkrupp, Gea oder Uniper treffen Welten aufeinander. Thyssenkrupp war über Jahrzehnte ein stark hierarchisch organisiertes Unternehmen der alten Deutschland AG, in dem das Wort des Vorstandschefs Gesetz war und bei Streitigkeiten zwischen Management und Arbeitnehmervertretern die Konzern-Legende Berthold Beitz das letzte Wort hatte. Während Thyssenkrupp den Interessen der Aktionäre, der Krupp-Stiftung, der Mitarbeiter und auch der Politik gerecht werden muss, können sich Finanzinvestoren auf den Shareholder Value konzentrieren. Konglomerate wie Thyssenkrupp seien weniger wert als die einzelnen Teile des Unternehmens, sagen viele von ihnen.

Die Private Equity-Firmen nehmen die Manager aufs Korn - und das oft ohne Schnörkel. Dies bekam auch Kerkhoff zu spüren, als er im Juli 2018 vorerst die Nachfolge des seit 2011 amtierenden Heinrich Hiesinger antrat. Es sei zu begrüßen, dass Kerkhoff als "Interims-Vorstandsvorsitzender" für eine gewisse Stabilität sorgen könne, schrieb Elliott dem Aufsichtsrat und fügte hinzu: "Allerdings muss diese Interimszeit kurz gehalten werden, damit Thyssenkrupp schnell wieder auf einen Erfolgs- und Wachstumskurs gebracht werden kann." Früher wären solche Worte bei Thyssenkrupp fast einer Majestätsbeleidigung gleichgekommen. Erst unter Hiesinger wurde offene Kritik geschätzt.

In der Politik steht der 1999 aus Thyssen und Krupp geschmiedete Konzern fast unter Denkmalschutz. Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) hat das Traditionsunternehmen im Zuge seiner umstittenen Industriestrategie neben Branchengrößen wie Siemens, der Deutschen Bank und den Autoherstellern als schützenswert bezeichnet. Darüber sind bei Thyssenkrupp Insidern zufolge keineswegs alle glücklich, will man doch Investoren gewinnen und nicht abschrecken.

Der Konzern kommt seit Jahren finanziell nicht auf den grünen Zweig. Das sieht auch Kerkhoff. Schuld daran sei vor allem das vor seiner Zeit angerichtete Desaster der amerikanischen Stahlsparte. "Unterm Strich leiden wir heute immer noch an den Spätfolgen unserer Fehlinvestitionen in Brasilien und den USA", sagte Kerkhoff: "Das 'Abenteuer Steel Americas' hat uns in Summe acht Milliarden Euro gekostet." Das ist mehr, als der Konzern heute an der Börse wert ist. "Thyssenkrupp ist trotz aller Anstrengungen und Erfolge noch immer kein starker Industriekonzern", fügte der Manager hinzu und kündigt ein "flexible Portfolio-Management" an sowie Maßnahmen, die eigentlich selbstverständlich sein sollten: "Ab sofort werden wir die Baustellen in den Geschäften konsequent abarbeiten. Ohne Ablenkung. Ohne Ausreden."

Es geht auch um den Job von Kerkhoff selbst

Für den 2011 von der Deutschen Telekom zu Thyssenkrupp gewechselten Manager geht es auch um seinen Job. Er hatte sich schon bald nach der Übernahme des Chefpostens von Heinrich Hiesinger vor knapp einem Jahr flexibel gezeigt. Nun ist er bereit, die bislang als unantastbar geltende Aufzugsparte an der Börse zu versilbern. Diese ist Schätzungen zufolge rund 14 Milliarden Euro wert - doppelt soviel wie der Konzern insgesamt. Kerkhoff strebt dabei mit Unterstützung der Arbeitnehmer einen Teilbörsengang an.

Nach Reuters-Informationen könnte der finnische Konkurrent Kone noch dazwischen funken. Auch Schindler könnte seinen Hut in den Ring werfen. Für andere Bereiche wie den Anlagenbau und das Geschäft mit Autoteilen sucht Kerkhoff Partner. Hier könnten Bankern zufolge Linde, Nexteer, ZF oder Bosch einen Blick auf einzelne Teile werfen. "Wir würden uns den Werkstoffhandel anschauen, wenn man auf uns zukäme", bekräftigte der Stahlhändler Klöckner & Co in diesen Tagen.

Deka-Investment-Experte Ingo Speich räumt der neuen Strategie Kerkhoffs durchaus Chancen ein. "Die Gefahr einer Zerschlagung ist eher gering. Die relativ hohe Verschuldung und der schwache Cash Flow werden den Konzern zwangsweise zusammenhalten. Das müsste erstmal alles aufgebrochen werden." Ein aktives Portfoliomanagement sei die wahrscheinlichste und beste Lösung. "Teile werden ausgegliedert und mit den Einnahmen könnte man auch Zukäufe tätigen." Die komplette Aufzugsparte zu verkaufen, sei derzeit unrealistisch. Thyssenkrupp brauche auch stabilisierende Ertragsbringer. "Der Konzern hat eine Zukunft, wenn er weniger konjunkturanfällig ist, den Cashflow stärkt und die Verschuldung zurückfährt."

Die Experten von Jefferies sind skeptisch, dass Kerkhoff die Wende schafft. Der bislang offene Zeitplan und weiter fehlende Details des IPO seien Anlass zur Sorge. Kerkhoff müsse zudem einen Restrukturierungsplan vorlegen, der auch von den Mitarbeitern getragen werde und den Markt überzeuge. "Eine völlige Zerschlagung wird es nicht geben", sagte ein mit der Branche vertrauter Banker. Thyssenkrupp werde wohl kaum schnell Kasse machen - es sei denn, Geschäfte würden unter Wert verkauft.

Diese Anteilseigner sind wichtig

Neben Cevian spielen die Krupp-Stiftung, die IG Metall und die neue Aufsichtsratschefin Martina Merz Schlüsselrollen. Gegen die Arbeitnehmervertreter mit zehn und die Krupp-Stiftung mit zwei der 20 Vertreter im Aufsichtsrat lässt sich nichts durchboxen. Die IG Metall stützt zwar Kerkhoffs Kurswechsel weitgehend, Nibelungentreue kann er aber nicht erwarten. Die Arbeitnehmerseite hat vorsorglich schon mal Pflöcke eingeschlagen. Sie vereinbarte mit dem Vorstand, dass betriebsbedingte Kündigungen nur in Ausnahmefällen möglich sein sollen. "Wenn in Zukunft Unternehmen verkauft oder verselbständigt werden sollen, muss in jedem Fall zunächst eine Fair-Owner-Vereinbarung mit der IG Metall getroffen werden", erklärt Vize-Aufsichtsratschef Grolms. "Das wird ein schwerer Weg für das Unternehmen und die Beschäftigten. Aber wir werden die Menschen nicht im Stich lassen. Die roten Linien sind gezogen."

Mit der Stiftungschefin Ursula Gather und Aufsichtsratschefin Merz hat Kerkhoff zwei Persönlichkeiten an seiner Seite, die seinen Kurs genau unter die Lupe nehmen. Gather, Mathematikerin und Professorin, war nach dem Tod der Konzernlegende Beitz 2013 an die Spitze der Stiftung gerückt. Die 66-Jährige betont, dass die Stiftung zwar die Einheit des Unternehmens möglichst wahren soll, fügt aber hinzu: "In allen Fällen wird deutlich, dass Einheit kein Selbstzweck ist, sondern sich 'dynamisch' am langfristigen Wohl des Unternehmens zu orientieren hat." Und Aufsichtsratschefin Merz war es Insidern zufolge, die nach ihrer Ernennung Anfang Februar die Aufspaltungspläne hinterfragte. Schon die auf eine Milliarde Euro geschätzten Kosten und der Vertrauensverlust an den Märkten warfen zunehmend Zweifel auf.

Merz machte in einem Reuters vorliegenden internen Text für die Mitarbeiter schon im Februar deutlich, dass sie den Vorstand kontrollieren wolle. "Ich sehe mich als Sparringspartnerin, nicht als parteilose Moderatorin." Kerkhoff weiß, wem er es zu verdanken hat, dass er eine weitere Chance bekommt. In seiner Rede zum Strategiewechsel bedankte er sich ausdrücklich bei Merz. "Mit ihr hat der Vorstand eine verlässliche Ansprechpartnerin und eine kluge und mutige Ratgeberin, die uns in dieser nicht einfachen Situation konstruktiv und vertrauensvoll begleitet." Kerkhoff selbst gibt sich kämpferisch. Er kritisiert vor den Fersehkameras die EU-Kommission, die er für das Scheitern des Stahl-Joint-Ventures verantwortlich macht, und appelliert an den Durchhaltewillen der Investoren und der Mitarbeiter. "Performance hat oberste Priorität", betont er und verspricht: "Wir bauen ein völlig neues Thyssenkrupp." (reuters/apa/red)

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