Autoindustrie

Volkswagen erwartet wieder einen Rekordgewinn - doch Unsicherheit steigt

Inmitten von Coronakrise, Handelskonflikten und Konjunkturflaute wird der Weltmarktführer in wenigen Tagen wohl wieder mit einem Rekordgewinn glänzen. Trotzdem steuert Volkswagen unsicheren Zeiten entgegen. In den kommenden Monaten sollen entscheidende Weichenstellungen passieren.

Inmitten von Coronakrise, Handelskonflikten und Konjunkturflaute - der deutsche Autobauer Volkswagen wird bei der Präsentation seiner Jahresbilanz am Freitag nächster Woche wohl wieder mit einem Rekordgewinn glänzen. Die Freude darüber dürfte sich aber in Grenzen halten. Denn ob sich die Erfolgsserie im Generalumbau zum Anbieter umweltschonender Antriebe fortsetzen lässt, ist völlig offen.

"Die Zeiten sind so unsicher wie lange nicht", sagt Jürgen Pieper vom Bankhaus Metzler. Dank des SUV-Booms sprudeln derzeit die Einnahmen. Nur so kann sich Volkswagen die hohen Investitionen in die Entwicklung neuer Technologien, in die Vernetzung und Digitalisierung überhaupt leisten. Wenn die Deutschen die Kundschaft aber nicht davon überzeugen können, sich Stromautos anzuschaffen, drohen saftige CO2-Strafen - und die Gewinne wären futsch.

Zahlen konzernweit

Weltweit verkaufte Volkswagen im vergangenen Jahr knapp elf Millionen Fahrzeuge und baute so seine Stellung als weltgrößter Autobauer aus. Analysten schätzen, dass der Betriebsgewinn 2019 um fast ein Drittel gestiegen ist. Nach Daten von Refinitiv gehen die Experten im Schnitt von einem operativen Ergebnis von 17,8 (Vorjahr 13,9) Milliarden Euro aus. Das Plus fällt hoch aus, weil im Vorjahr Kosten von 3,2 Milliarden Euro für "Dieselgate" die Bilanz schmälerten.

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Den Konzernumsatz kalkulieren die Experten auf rund 250 Milliarden Euro, knapp sechs Prozent mehr als 2018. Das wäre auch mehr als das Management in Aussicht gestellt hat. Von dem wahrscheinlich ebenfalls kräftig gestiegenen Reingewinn dürften auch die Aktionäre profitieren: Die Analysten rechnen mit einer Dividende von 5,94 Euro je Vorzugsaktie - das wären 1,08 Euro mehr je Anteilschein als für das vorangegangene Jahr geflossen waren. Die stimmberechtigten Stammaktionäre, darunter als größte die Familienholding Porsche SE, das Land Niedersachsen und das Emirat Katar, erhalten immer sechs Cent weniger je Aktie als die Vorzugsaktionäre.

VW braucht auch in Zukunft stabile Ergebnisse

Für 2020 halten die Branchenexperten eine stabile Entwicklung für möglich. "Wir erwarten einen verhalten optimistischen Ausblick, der einen leichten Anstieg des Absatzes sowie eine Gewinnmarge in der gleichen Bandbreite wie im Vorjahr vorsieht", sagt Marc-René Tonn von Warburg Research. Auch sein Kollege Pieper rechnet mit einer ähnlichen Prognose wie im Vorjahr - also einem Umsatzanstieg um bis zu fünf Prozent und eine operative Marge vor Sondereinflüssen zwischen 6,5 und 7,5 Prozent. "Das ist kein schlechter Ausblick in diesen Zeiten", betont der Autoanalyst.

Dass das gelingt, setzt voraus, dass der Absatz nicht unerwartet einbricht. Im Jänner gingen die Auslieferungen weltweit um fünf Prozent zurück, weil das Geschäft in China wegen des Coronavirus absackte. Gleichzeitig läuft vor Gerichten die Aufarbeitung des Dieselskandals. Nach dem Scheitern eines Vergleichs mit der deutschen Verbraucherzentrale Bundesverband zur Entschädigung Hunderttausender Dieselkäufer wird der Musterprozess vor dem Oberlandesgericht Braunschweig weitergehen. Ein anderer Zivilsenat des gleichen Gerichts verhandelt über die milliardenschweren Schadensersatzklagen von Anlegern.

Um Volkswagen in den unsicheren Zeiten auf Kurs zu halten, darf beim Start der neuen Elektroautos nichts schiefgehen. Davon hängt nicht zuletzt ab, ob der Konzern die Klimaziele erfüllen kann. Deshalb arbeiten die Ingenieure mit Hochdruck daran, die Softwareprobleme in den Griff zu bekommen, die hinter den Kulissen bereits für Unruhe sorgten. Denn der für Sommer geplante Marktstart des neuen ID.3 ist besonders prestigeträchtig. Mit ihm will VW ins Zeitalter der E-Mobilität aufbrechen. Der Wagen ebnet zugleich den Weg für den ersten E-SUV (ID.4), der im Herbst folgen soll. Für Volkswagen ist 2020 daher ein entscheidendes Jahr.

Konzernchef Diess "sitzt fest im Sattel"

Konzernchef Herbert Diess sitzt nach Aussagen aus dem Umfeld der Familien Porsche und Piech "fest im Sattel". An seiner Strategie, den Wolfsburger Konzern zu einem Marktführer bei Elektroautos zu machen, zweifele niemand, sagte ein Insider zu Reuters. Zweifel wären in dieser Situation auch wenig hilfreich. Sollte Volkswagen die eingegangene Wette auf die E-Mobilität nicht gewinnen, hätte das fatale Folgen für das gesamte Unternehmen mit weltweit mehr als 600.000 Beschäftigten. Niemand in Wolfsburg mag sich vorstellen, dass der US-Elektroautobauer Tesla ihnen den Rang abläuft. Sollten bei den Modellanläufen allerdings gravierende Probleme auftauchen, wären die Konsequenzen absehbar: "Dann wird es auf jeden Fall Veränderungen geben", sagt die Person mit Kenntnis der Situation. Dann könnte es auch für Diess noch eng werden.

(Von Jan Schwartz - Reuters/APA/red)

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