China

Sollte Europas Politik die Einkaufstour Chinas bremsen?

Wir haben unsere Leser gefragt, ob die Politik Maßnahmen ergreifen sollte, um chinesische Zukäufe und Übernahmen in Europa zu bremsen. Doch was sagt die Industrie zum Thema?

Klaus Dirnberger weiß, wie es sich anfühlt, plötzlich als Übernahmekandidat gehandelt zu werden. 2014 schlittert sein damaliger Arbeitgeber Anger Maschinenbau in einen Liquiditätsengpass – als beim Trauner Transferzentrenhersteller 2015 die Taiwaner Maschinenbaugruppe Tongtai als Haupteigentümer das Ruder übernimmt, war zuvor monatelang vergeblich an einer österreichischen Lösung geschraubt worden. Die Asiaten bringen frisches Kapital in Höhe eines zweistelligen Millionenbetrags in das marode Unternehmen ein und stärken die lokale Entwicklung. Heute steht Anger mit Neuaufträgen und einer gerade vorgestellten neuen Maschinengeneration für den automobilen Leichtbau da. Dirnberger, 2017 aus dem Unternehmen ausgeschieden, ist deshalb auch im Rückblick vorsichtig, die aktuelle Einkaufstour der Asiaten zu verteufeln. Die Taiwaner holten Anger aus dem Gröbsten raus.

Kein wahlloser Ausverkauf

Die richtigen Rahmenbedingungen, damit europäisches Know-how und Technologie hier gehalten werden, erachtet Dirnberger jedoch als wesentlich. Oft fehlen hier vor allem die Finanzierungsmöglichkeiten und die Verfügbarkeit von Risikokapital für Innovation und Wachstum – „das treibt Eigentümer in die Hände von ausländischen Investoren“, kritisiert Dirnberger. Wirtschaftspolitisch müsse es aus Sicht Europas im eigenen Interesse liegen, den „Ausverkauf nicht wahllos und ungebremst“ vonstatten gehen zu lassen, meint ein oberösterreichischer Maschinenbauer-Chef. Auch weil es die lokalen Lieferantennetze treffen kann, wenn europäische Firmen in chinesischem Eigentum Zulieferteile aus China durch die ganze Welt schippern würden. Hilfe für Unternehmen, die verlernt hätten, am Markt erfolgreich zu sein – die hält auch Roland Haas, Geschäftsführer von Farmag, für unerlässlich. Dabei denkt er an faire Hilfen und nicht an nie versiegende Subventionsquellen. „Die Banken zu retten und die Industrie sterben zu lassen, zeugt jedenfalls von einem falschen Grundverständnis“, meint ein Maschinenbauer-Chef.

Screening von Investitionen

Ein Screening von Investitionen, das der Kommission weitergehende Mitspracherechte in den Kontrollverfahren sichern soll, könnte bis Jahresende stehen – sofern EU-Rat und Europaparlament eine Einigung erzielen. Dass Maßnahmen reichlich spät kommen, findet Adolf Schacherleitner, Geschäftsführer des Traunkirchener Werkzeugmaschinenbauers Sema. „Das hätte schon längst passieren müssen“, sagt er.

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Ronald Naderer, Chef des Linzer Roboterherstellers FerRobotics, hält dagegen wenig vom Aufbau von Markteintrittsbarrieren. Schnell wechselnde Besitzverhältnisse, US-Pensionsfonds, die plötzlich in die Eigentümerrolle schlüpfen: Warum sollten die Asiaten auf einem freien Markt weniger Rechte zugestanden bekommen, fragt sich Naderer.

Anreize fehlen

Vor allem, wenn sie dem Akquiseziel einen „riesengroßen Markt“ eröffnen würden, so Naderer. Einem oberösterreichischen Maschinenbau-Chef fehlt es vor allem an Weitblick der europäischen Politik. China und Russland hätten Mehrjahrespläne mit langfristig ausgerichteten Strukturen dahinter. „Wir haben eine Politik, die von einer Legislaturperiode zur nächsten überleben will“, so der Geschäftsführer.

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