Smart Grids: Energiewende 2.0

Sonnenkollektoren, Biomasseanlagen und Windräder bringen die Stromnetze an ihre Grenzen. Mit klugen Zählern, viel IT und neuen Konzepten wollen die Versorger das Prinzip der Stromnetze umkrempeln. Doch bis die Waschmaschine automatisch mit billigem Strom wäscht und die Batterien der Elektroautos als großer Stromspeicher dienen, fließen noch viele Elektronen durch die Leitungen.

Die Sonnenkollektoren waren nicht mal eine Woche auf dem Dach, da klopfte es an der Tür von Hans Messenböck. Es war sein Nachbar, der sich für die neue Anlage interessierte. Auch er wollte seinen Strom künftig selbst erzeugen und bat den Öko-Pionier, ihm bei der Errichtung eines kleinen Kraftwerkes zu helfen. Dieser ließ sich nicht lange bitten, schließlich hatte er sein eigenes Projekt innerhalb weniger Monate auf die Beine gestellt.

Doch was einmal gut funktioniert hat, muss nicht ein zweites Mal klappen. Das weiß Messenböck heute.

Zunächst verlief alles nach Plan. Messenböck maß das Dach ab, entwarf die Anlage und bat den lokalen Netzbetreiber um Genehmigung. Die Antwort, die er dann aber auf sein Schreiben erhielt, machte ihn fassungslos. “Darin hieß es, das Netz sei bereits stark beansprucht, die Anlage könne nur unter Auflagen installiert werden.“ Und die hatten es in sich: Für rund 800 Leitungsmeter bis zum nächsten Trafo betrug der Investitionsbedarf rund 50.000 Euro. Messenböck war wütend, der Nachbar resignierte.

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Vor einem halben Jahr schrieb der Netzbetreiber dann erneut. Dieses Mal erteilte er das Okay für die Anlage, sieben Jahr nach dem ersten Briefwechsel. “Wenn die Bürger keinen Druck machen, bewegen sich die Energieversorger keinen Zentimeter in Richtung dezentrale Energieerzeugung”, schimpft Messenböck, der mittlerweile selbst an vorderster Front kämpft. Mit seiner Firma Solarier hat er bereits hunderte Solar- und Biomasseanlagen errichtet.

In Oberösterreich, wo der Unternehmer zu Hause ist, sind derzeit an die 2000 Photovoltaik-Anlagen in Betrieb, pro Monat erhält der lokale Energieversorger Energie AG Oberösterreich hunderte neue Anfragen. Davon werden zwar nur rund ein Fünftel tatsächlich gebaut. Damit wächst die Anzahl der dezentralen Sonnenkraftwerke aber immer noch um bis zu 500 Stück pro Jahr. In manchen Siedlungen hat fast jedes Haus einen Kollektor auf dem Dach.

Gegenverkehr.

Fotovoltaikanlagen speisen den Strom in eine der unteren Netzebenen ein. Der Großteil dieser Leitungen wurde vor mehreren Jahrzehnten verlegt, als die Kraftwerkswelt noch zentral organisiert war. Damals wurde der Strom fast ausschließlich in großen Kraftwerken erzeugt und von dort an Haushalte und Industrie geliefert. Der Strom floss also nur in eine Richtung – vom Kraftwerk zum Verbraucher. Durch den Boom der erneuerbaren Energien herrscht plötzlich Gegenverkehr in den Leitungen. Die Verbraucher speisen den über Sonnenkollektoren oder in den Blockheizkraftwerken erzeugten Strom nun auch ins Netz ein. Sie sind somit nicht mehr nur Konsumenten, sondern auch Erzeuger. Ihre neue Stellung soll der Begriff “Prosumer” wiederspiegeln.

Dass diese sich rasant verbreitet, dafür sorgen nicht zuletzt die auf EU–Ebene vereinbarten Klimaschutz- und Energieeffizienzziele. Österreich hat sich dazu verpflichtet, den Anteil der erneuerbaren Energien von derzeit 28,8 Prozent auf 34 Prozent bis 2020 zu steigern. Deutschland geht hier noch ambitionierter vor. Das kürzlich von der Bundesregierung verabschiedete Energiekonzept sieht vor, den Ökostrom-Anteil bis 2050 auf 80 Prozent zu katapultieren. An der Nord- und Ostsee sollen riesige Offshore-Windparks entstehen, in den Mittelmeeranrainerstaaten riesige Solarparks.

Erneuerbare Energien sind aber – im Gegensatz zu den fossilen Quellen – weniger gut steuerbar. Mal bläst der Wind mit voller Kraft, mal überhaupt nicht. Damit wächst der Bedarf an Integrationsmechanismen“, sagt Frank Klose, Energieexperte bei der Boston Consulting Group. Dazu zählen zum einen zusätzlich Energiespeichersysteme. Sie müssen den von den Windrädern und Kollektoren erzeugten Strom solange aufnehmen, bis er von den Verbrauchern auch tatsächlich nachgefragt wird. Neue Formen wie die Batterien von Elektro-Autos sind hier genauso denkbar wie zusätzliche Pumpspeicherkraftwerke.

Um aber überhaupt eines Tages große Strommengen von Nord- nach Südeuropa transportieren zu können, braucht es moderne Übertragungsleitungen. Nur diese sind in der Lage, die stark schwankenden Mengen in das bestehende System zu integrieren.

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