Interview

SAP-Mann Christoph Kränkl: "Geht es um die Produktion, dann wird es emotional"

Christoph Kränkl, Bereichsleiter Industrie bei SAP Österreich, über die Achillesferse des US-Mitbewerbs, die Auswüchse des Preiskampfs und warum man noch länger auf das erste Produktionssystem in der Cloud warten wird.

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Christoph Kränkl, 52,
ist Bereichsleiter Industrie bei SAP Österreich. Nach dem Wirtschaftsstudium startete er 1991 seine Karriere bei Siemens Nixdorf, weitere Stationen waren T-Systems und Microsoft. Seit 2013 ist er bei SAP.

INDUSTRIEMAGAZIN: Herr Kränkl, Sie sind fürs Großkundengeschäft zuständig, pflegen die Kundenbeziehungen zu Österreichs 100 Top-Unternehmen. Wieweit ist SAP dort gesetzt? Immerhin ging SAP mit seiner ersten Auslandsniederlassung 1986 ausgerechnet in Wien an den Start.

Christoph Kränkl: Von den Top-100-Unternehmen gibt es immer noch eine Handvoll Unternehmen, die ihre Geschäfte ohne SAP bestreiten. Die große Mehrheit setzt SAP ein. Viele davon seit der Gründung der SAP.

SAP-Österreich-Chef Rudi Richter nennt Österreich den "gesättigsten Markt der Welt".

Kränkl: Das trifft aus zweierlei Gründen zu. Historisch waren wir nun einmal die ersten, der Grad der Durchdringung ist gewaltig. Die zweite Dimension ist die Härte des Markts. Mitbewerberdichte und Preisaggressivität sind enorm. Und jetzt erleben wir die Situation, dass Hersteller von IT, aber auch klassischer Produktionstechnik, über Public Cloud-Dienstleistungen in Märkte drängen, in denen schon bisher ein Kampf unter den Outsourcern tobte.

Mit der Cloud wird der Kuchen also nicht notwendigerweise größer?

Kränkl: Da sind wir inmitten einer Glaubensdiskussion. Im klassischen ERP (Enterprise Resource Planning)-Segment hat das Wachstum sicherlich seine Grenzen. Dafür bilden sich ringsherum - getrieben durch die Digitalisierung - viele neue Lösungsszenarien, auch in der Cloud, heraus. Hier ist das Wachstum groß. Ausgehend von einer heute noch geringen Basis von unter einem Zehntel des Umsatzkuchens.

Wie vertreibt man diese neuen Produkte?

Kränkl: Mit Sicherheit nicht nebenher. Das klappt nicht. Wir stellten uns in den letzten 18 Monaten neu auf. Wir stärkten die Vertriebsaktivitäten in den einzelnen Geschäftsfeldern und holten uns zusätzlich neue Mitarbeiter, die explizite Branchenkenner sind. Für den Bereich Supply Chain konnten wir eine Logistikmanagerin an Bord holen, die die Branche genau kennt und die Sprache der Kunden versteht..  Ebenso konnten wir einen früheren Fertigungsleiter gewinnen, der für langjährige Produktionschefsder adäquate Ansprechpartner ist. : Wollen wir in Zukunft verstärkt Geschäftsprozesse mit Produktionsdaten „verheiraten“, müssen wir die Hand zum Shopfloor ausstrecken.

Zugleich bieten Produktionsmaschinen immer häufiger Anbindungen an die ERP-Welt. Standardmäßig. Von dort langt eine Hand also auch in Ihr Hoheitsgebiet.

Kränkl: Man begegnet sich, das kommt schon mal vor. Wird ein Werk komplett neu auf die grüne Wiese gestellt, spielt das häufig alle „Stückln“. Womöglich sind auch schon Elemente zur vorausschauenden Wartung mitintegriert. Aufträge werden dann schon mal am Shopfloor feingeplant und nur noch zur Grobplanung ans SAP übergeben. Aber: Kaum ein Industriebetrieb hat nur Maschinen eines einzigen Herstellers in Betrieb. Die Heterogenität, die Sie am Shopfloor finden, sichert unser Zukunftsgeschäft.

Wir beobachten einen Wandel in den Management Boards. Quecksilbrigkeit für Digitales. Und Führungskräfte, die in neue Rollenbilder schlüpfen.

Kränkl: Ja, da ist ein Wandel im Gang. Allerdings braucht es seine Zeit. Da gibt es nämlich durchaus auch die Anekdoten von Betrieben, die bei ihrem Digitalisierungsprojekt auf Widerstand stoßen. Wenn den Kauf einer High End-Fertigungsstraße, die sich komplett selbst optimiert, von der Werkmeisterebene zu Fall gebracht wird, ist klar: Am Shopfloor gelten eigene Gesetze. Die Mitarbeiter hier spüren die Auswirkungen der Digitalisierung unmittelbar und nicht immer zu ihrem Vorteil. Das sollten wir nicht vergessen, wenn wir uns als „white collar worker“ den Kopf über Digitalisierung zerbrechen.

Den Einkaufsprozess in der Cloud abzubilden: Damit haben viele Anwender kein Problem. Bei Produktionsprozessen liegen die Dinge anders....

Kränkl: Da ändert sich der Ton ganz gewaltig! Selbst rationale Argumente wie Latenzzeiten bewirken dann manchmal nur wenig. Geht es um die Produktion, wird es emotional. Es geht um das Heiligste!

Und keiner der Top-Produzenten schert aus?

Kränkl: Derzeit nicht. Sie werden kaum ein Produktionssystem in der Cloud finden. Nicht bei unseren österreichischen Kunden. Nein, keine Chance.

Ein Vorhaben für 2020? Oder noch später?

Kränkl: Es ist eine Entwicklung. Die Serviceindustrien, dort, wo es um industrielle Dienstleistungen geht, sind mit Tranfers in die Cloud heute schon generöser. Weil nicht so zeitkritisch und weniger auf Security bedacht. Supportprozesse sind allesamt schon cloudfähig. Bei den Fertigungssystemen wird es länger dauern. Meine Prognose: Wir werden sie als letztes in die Cloud bringen.

Wie läuft die Umstellung auf die neue ERP-Generation S/4 HANA? Hält die Zielrechnung, 2025 sämtliche ERP-Systeme auf die neue Plattform migriert zu haben?

Kränkl: Die SAP HANA-Neigung nimmt zu. Ich rechne damit, dass die Mehrzahl unserer österreichischen Kunden nächstes Jahr eine HANA-Roadmap erstellt haben. Das heißt natürlich nicht, dass sie damit schon migriert sind. Aber es ist der erste Schritt zur Umstellung. 

Abschlussfrage: Die Industrie sammelt Erfahrung mit Künstlicher Intelligenz. Die SAP-Strategie?

Kränkl: Maschinelles Lernen erschließt nach und nach Geschäftsprozesse. In der Software SAP Leonardo stellen wir Services für die Programmierung von KI-Fähigkeiten bereit. Und natürlich träumen wir von der selbstverwalteten Buchhaltung.

ZUR PERSON

Christoph Kränkl, 52
ist Bereichsleiter Industrie bei SAP Österreich. Nach dem Wirtschaftsstudium startete er 1991 seine Karriere bei Siemens Nixdorf, weitere Stationen waren T-Systems und Microsoft. Seit 2013 ist er bei SAP.

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