Pharmariese Takeda will Schweizer Nycomed schlucken

Japans größter Pharmakonzern Takeda will sich ein Sprungbrett in Wachstumsmärkte beschaffen und greift deshalb nach dem Schweizer Arzneimittelhersteller Nycomed. Wie zwei Personen mit direkter Kenntnis des Vorgangs der Nachrichtenagentur Reuters am Donnerstag sagten, bietet Takeda mehr als eine Billion Yen (8,7 Mrd. Euro) für das Züricher Unternehmen im Privatbesitz, das in Europa und vielen Schwellenländern stark vertreten ist. Kommt die Übernahme zustande, wäre sie die zweitgrößte Auslands-Expansion einer japanischen Firma überhaupt.

Die Verhandlungen zwischen den beiden Unternehmen befinden sich bereits in der Endrunde, auch wenn ein Abschluss noch einige Zeit in Anspruch nehmen könnte, berichtete eine mit der Situation vertraute Person. Nycomed und Takeda wollten sich nicht zu den Berichten äußern.

Takeda hat im Vergleich zu vielen internationalen Rivalen noch großen Nachholbedarf in vielen Wachstumsmärkten. "Takeda muss als globaler Player überleben. Deshalb darf es sich keinen Rückschritt erlauben", erklärte Branchenkenner Fumiyoshi Sakai von Credit Suisse. 2008 hat der Konzern angesichts von Patentabläufen bereits den US-Spezialisten für Krebsmittel, Millennium Pharmaceuticals, für rund neun Milliarden Dollar gekauft. "Das ist ihre große Offensive. Sie haben erst Millennium geschluckt und nun Nycomed - eine weitere Übernahme dieser Größenordnung werden sie wohl danach nicht mehr wagen."

Japanische Pharmakonzerne sind schon seit einiger Zeit dabei, durch Übernahmen ihr Auslandsgeschäft auszubauen. So hatte Astellas Pharma, die Nummer zwei in Japan, im vergangenen Jahr für 4 Milliarden Dollar (aktuell 2,8 Milliarden Euro) das US-Biotechunternehmen OSI Pharmaceuticals erworben. Rivale Eisai übernahm 2008 für 3,9 Milliarden Dollar die US-Firma MGI Pharma und Rivale Daiichi Sankyo schnappte sich im gleichen Jahr den indischen Generikaspezialisten Ranbaxy für rund 5 Milliarden Dollar.

Nycomed beschäftigt 12.500 Mitarbeiter und ist mehrheitlich im Besitz von vier Kapitalbeteiligungsgesellschaften: Nordic Capital hält mit 41 Prozent den größten Anteil, zu den anderen Teilhabern gehört Credit Suisse. Nycomeds Top-Produkt ist das Mittel Pantoprazol gegen Sodbrennen. Das Unternehmen galt mit einem Jahresumsatz von 3,2 Milliarden Euro lange als Börsenkandidat. Konzernchef Hakan Björklund sagte jedoch im Februar, es gebe keine konkreten Pläne für ein IPO.

Was vor allem den Appetit von Takeda geweckt haben dürfte, ist Nycomeds Engagement in vielen Schwellenländern, wo das Unternehmen insgesamt knapp 40 Prozent seines Umsatzes erzielt: Ende 2010 erwarb das Unternehmen für rund 210 Millionen Dollar etwas mehr als die Hälfte der chinesischen Techpool Bio-Pharma und verfügt zudem über ein starkes Standbein in Russland.

Das Volumen der Übernahme könnte sich nach Informationen der Agentur Bloomberg sogar auf mehr als 10 Milliarden Euro belaufen. Die bisher größte Akquisition einer japanischen Firma im Ausland war der Kauf des britischen Tabakherstellers Gallagher für 19 Milliarden Dollar durch Japan Tobacco. In den laufenden Gesprächen ist Kreisen zufolge die Deutsche Securities als Berater beauftragt.

In Deutschland ist Nycomed vor allem dadurch bekannt, dass es 2006 die Pharmasparte des damals noch im Dax gelisteten Pharma- und Chemiekonzerns Altana übernahm. Altana hatte sich vom Pharmageschäft getrennt, nachdem einige Hoffnungsträger in späten klinischen Studien nicht die gewünschten Erfolge gebracht hatten. Durch den Zukauf bekam Nycomed Zugriff auf das lukrative Magenmittel Pantoprazol, das inzwischen das Top-Produkt von Nycomed ist. Auch Takeda ist in dem Krankheitsfeld tätig. Das Nycomed-Mittel Daxas gegen Raucherlunge, das noch in der Altana-Ägide in Studien floppte, ist inzwischen auf dem Markt. (APA/red)

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