Coronavirus

Pharmaindustrie und Corona: Zwischen Goldgräberstimmung und Angst vor der Blase

In der Pharmaindustrie und bei Biotech-Firmen herrscht in Zeiten von Corona eine Goldgräberstimmung. Milliardensummen von Staaten und Finanzmärkten fließen gerade in die Entwicklung eines Impfstoffs. Analysten warnen aber vor einem Platzen der Blase.

In der Biotechnologiebranche sorgt die Coronapandemie für Goldgräberstimmung. Milliarden Euro öffentlicher und privater Gelder fließen derzeit in die Entwicklung eines Impfstoffs gegen das neuartige Coronavirus.

Die Aktienkurse kleiner, innovativer Biotech-Startups, die mit Pharmariesen bei der Impfstoffforschung konkurrieren, schnellten in den vergangenen Monaten in die Höhe. Anleger erhoffen sich schwindelerregende Renditen. Doch es gibt auch Risiken.

An 168 potenziellen Coronaimpfstoffen wird laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) derzeit geforscht. Der Präsident des Paul-Ehrlich-Instituts, Klaus Cichutek, äußerte in einem Zeitungsinterview die Erwartung, dass bereits Anfang 2021 erste Bevölkerungsgruppen eine Impfung bekommen können.

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Mehrere spannende Forschungsprojekte

Tatsächlich gibt es mehrere erfolgsversprechende Forschungsprojekte - und das macht sich auch an der Börse bemerkbar. So schoss etwa der Aktienkurs des US-Unternehmens Moderna seit Jahresbeginn um 250 Prozent nach oben. Der Moderna-Impfstoffkandidat befindet sich in Phase III der klinischen Studien - der letzten vor einer Zulassung. Weniger bekannte Firmen wie Inovio oder Novavax legten auf den Aktienmärkten sogar um 350 beziehungsweise 3.580 Prozent zu.

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Die Aktien des kleinen deutschen Unternehmens CureVac werden erst seit Freitag an der US-Börse Nasdaq gehandelt. Ihr Wert stieg am ersten Tag um knapp 250 Prozent. Die Anteile des deutschen Bundes über die staatliche Förderbank KfW gewannen bis Handelsschluss bereits 1,6 Milliarden Euro, wie die "Süddeutsche Zeitung" berichtet.

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Analysten warnen jedoch vor dem hohen Risiko solcher Investitionen. Die Börsenblase könnte bald platzen - wie andere zuvor. "Wenn man Biotech kauft, kauft man eine Art Lotterielos", sagt Gregori Volokhine, Portfoliomanager bei Meeschaert Financial Services in New York. "Es wird immer Investoren geben, die versuchen, den großen Gewinn zu machen. Bei der Internetblase war es genauso, auch bei der Solarenergie, mit Elektroautos und jetzt eben mit Covid."

Milliardenverdienste "unwahrscheinlich"

Auch Daniel Mahony, Fondsmanager bei Polar Capital in London, sagt: "Mich beunruhigen die Investoren, die von einer sehr hohen Erfolgsquote der Unternehmen ausgehen, und die Erwartung, dass jedes von ihnen mit den Impfstoffen Milliarden Dollar verdienen wird." Das sei "einfach unwahrscheinlich".

Adam Barker, Analyst bei Shore Capital, weist darauf hin, dass die Entwicklung und Markteinführung eines Medikaments im Schnitt 2 bis 3 Milliarden (1,7 bis 2,5 Mrd. Euro) Dollar kostet. "Und die Wahrscheinlichkeit, dass ein Medikament oder ein Impfstoff bis Ende der Phase III durchgehend erfolgreich ist, liegt bei etwa zehn Prozent."

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Auch die Aktienkurse von Pharmagrößen wie Pfizer, Sanofi oder GlaxoSmithKline haben sich seit Beginn der Pandemie gut entwickelt. Aber längst nicht so wie die ihrer kleineren Konkurrenten. Das liege an der Verpflichtung des Pharmasektors, einen Impfstoff zum Selbstkostenpreis zu vertreiben und keinen Profit aus einer globalen Tragödie zu schlagen, vermuten Analysten.

Sechs Monate statt 15 Jahre

Das große Interesse an Biotech-Aktien hat auch mit der neuen Dynamik bei der Impfstoffforschung zu tun. "Früher dauerte es zehn bis 15 Jahre, eine neue Impfung zu entwickeln", sagt Biotech-Investmentexperte Andy Acker. "Und jetzt sind schon Firmen bei den Phase-III-Studien - gerade einmal sechs Monate nachdem die Pandemie die USA erreicht hat."

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Analysten vermuten, dass staatliche Fördergelder den Markt verzerren könnten. "Damit haben die Regierungen die kleinen Unternehmen in die Lage versetzt, mit den großen zu konkurrieren. Das erzeugt Risiken", warnt Fondsmanager Mahony. Moderna beispielsweise bekam 2,5 Milliarden Dollar von der US-Regierung.

Chris Redhead von der Beratungsfirma Goetzpartners sieht die staatlichen Finanzspritzen positiver. Das Geld helfe nicht nur im Kampf gegen Corona, sagt er. Es fließe auch in "Programme gegen andere Infektionskrankheiten oder eine neue Generation von Impfungen". (afp/apa/red)

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