Analyse

Palfinger: Erdung und Vision

Der Salzburger Krankonzern Palfinger steckt mitten in einem tiefgreifenden Umbauprozess. Der neue Chef Andreas Klauser steht vor der Wahl: Fruchtbares Chaos – oder Rendite ohne Vision?

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Andreas Klauser, 2015 als Aufsichtsratsvorsitzender des Feuerwehrausrüsters Magirus: Palfinger ist für ihn unverändertes Geschäftsbiotop mit verwandten Erfolgsprinzipien

Kalt erwischt. Es gibt zahlreiche Metaphern, die die Verfassung des Palfinger-Aufsichtsrates beschreiben, als der langjährige Vorstandschef Herbert Ortner Anfang November seinen Abschied ankündigte. Ortner verließ das Unternehmen mit Jahreswende, mit kolportierten 2,9 Millionen Euro und intakten Beziehungen zur Eigentümerfamilie, für die er weiter tätig ist – obwohl er noch bis 2019 einen Vertrag hatte.

Vier Monate blieb die Nachfolgefrage in dem 10.000 Mitarbeiter-Konzern in Schwebe, bis im April Andreas Klauser (53) als neuer Palfinger-Chef bekannt gegeben wurde. Mit 1. Juni wird das bisherige Vorstandsmitglied des Fiat-Teilbereichs CNH Industrial – mit Funktionen wie Chef der Traktorenmarken Case und Steyr sowie Verantwortlicher der Fiat-Nutzfahrzeugsparte Iveco – das Ruder in Salzburg-Bergheim übernehmen. Seine Personalverantwortung im Fiat-Konzern betrug zeitweise bis zu 60.000 Mitarbeiter.

Die Nähe macht's

In einem Interview aus dem Jahr 2015 hielt sich Andreas Klauser bei seinen Karriereplänen bedeckt: „Landmaschinen, Baumaschinen, Feuerwehrfahrzeuge: Das ist das Metier, wo ich mich auskenne.“ An einen Wechsel denke er nicht. Und er wurde sprichwörtlich: „Schuster bleib bei deinen Leisten.“
Im weiteren Sinne hat Klauser seine Bahnen nicht verlassen: In den letzten zehn Jahre ist Palfinger zum Weltmarktführer bei Hebe- und Ladevorrichtungen geworden. Viele der Kräne verrichten ihre Arbeit in Symbiose mit Traktoren und Baufahrzeugen – ein für Klauser unverändertes Geschäftsbiotop mit verwandten Erfolgsprinzipien. Für den in Molln aufgewachsenen und in Mondsee wohnhaften Klauser ist das Palfinger-Engagement auch eine subtile Form der Heimkehr: Trotz aller anstehenden Reisetätigkeit sind die Chancen groß, in Zukunft die oberösterreichische Seenplatte mehr als bisher genießen zu können. Als Chef der Fiat-Landmaschinen- und Nutzfahrzeugbereiche arbeitete Klauser nur wenige Tage im Monat vom Steyr/Chase-Hauptquartier in St. Valentin aus. Den Großteil seiner Zeit verbrachte der Absolvent der HTL Steyr in Turin oder pendelte zwischen Nordamerika, Afrika und dem Mittleren Osten.

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Vertreibung des Alltäglichen

Herbert Ortner hinterlässt einen Konzern, der in den vergangenen Jahren durch zahlreiche Akquisitionen stark gewachsen ist. Der langjährige Vorstandsvorsitzende manövrierte das Unternehmen in einen Umbruchprozess, an dessen Ende völlig neue Geschäftsmodelle stehen könnten: „In Zukunft wird der Endkunde eine Beladung online buchen. Unser Kran wird ein Roboter, die Bedienung mannlos, die Vernetzung bis hin zur automatisierten Abrechnung vollständig sein“, beschrieb Ortner im Vorjahr in einem INDUSTRIEMAGAZIN-Interview seine Vision. Ein Mechatronic-Start-up in einem Wiener Gründerzentrum, ein Zwei-Mann-Team mit einer indischen Online-Verleihfirma für Hubarbeitsbühnen, Design-Thinking nach dem Pareto-Prinzip (80 Prozent der Ergebnisse werden mit 20 Prozent des Gesamtaufwandes erreicht), Verladelösungen per Gestiksteuerung oder Datenbrille – Ortner setzte viel daran, die Digitalisierung im Unternehmen spürbar zu machen – und eine neue Art des Denkens auf seine Mitarbeiter ausstrahlen zu lassen. Er holte Palfinger kompromisslos aus der Komfortzone – um seine Jünger, die sich extrem engagierten, auf der Hälfte des Weges im Regen stehen zu lassen.

Wogen glätten

So hat Andreas Klauser viele lose Enden aufzunehmen. Die von Ortner eingefädelte Restrukturierung kostet Geld. Im Vorjahr fielen 19,5 Mio. Euro an Umbaukosten an, etwas mehr als 2016 (17,7 Mio. Euro). 2018 könnte es gleich viel sein, meinte CFO Felix Strohbichler im Februar vor Journalisten. So schrumpfte das Konzernergebnis trotz guter Auslastung um 14,2 Prozent auf 52,5 Millionen Euro, die Dividende wird von 57 auf 47 Cent je Aktie gekürzt – und dies in Zeiten der Hochkonjunktur. Manche Akquisitionen hätten sich eben nicht so entwickelt wie gewünscht, räumte Strohbichler ein.
Noch nicht abgeschlossen hat Palfinger auch die Großübernahme der norwegischen Harding, die im ersten Halbjahr 2016 mit damals 140 Millionen Euro Umsatz und knapp 1.000 Mitarbeitern gekauft worden war. Die Integration des führenden Anbieters von Rettungsausrüstung und Lifecycle Services für maritime Einrichtungen und Schiffe könnte noch länger andauern. Werkschließungen stehen an. 2018 wird für Palfinger und seinen neuen CEO ein Übergangsjahr werden, in dem Visionen dem Handwerk weichen werden. Klauser wird all seine Managementerfahrung in den Zusammenhalt des Konzerns investieren müssen. Die Einkäufe der vergangenen Jahre müssen zu einem sinnvollen Ganzen zusammenwachsen. Die dafür nötigen Schließungen zählen nicht unbedingt zu den Höhepunkten einer Unternehmensführung: Insgesamt betreibt die Gruppe fast 40 Produktionsstätten, davon drei Viertel im Segment Land, ein Viertel im Segment Sea: Bei drei Standorten in Südkorea und den Niederlanden hat man bereits angefangen, sie zusammenzulegen. Ein Werk in Polen wird geschlossen und die Kompetenzen nach Marburg transferiert. Weitere Neustrukturierungen stehen an: Man prüfe da und dort, ob man eventuell woanders besser produzieren könne, so Strohbichler.

Engpässe beseitigen

Die vollen Auftragsbücher und die anhaltende Nachfrage geben dem neuen CEO von Palfinger Spielraum. Allerdings müssen die Kranbauer den Rückenwind zu nutzen wissen. Das Unternehmen kämpft durch die hohe Auslastung mit Zulieferproblemen und Lieferschwierigkeiten – typische Managementaufgaben, die von Klauser und seinem Vorstandsteam gelöst werden müssen. Dabei wird es spannend zu beobachten, ob die digitalen Visionen von Herbert Ortner in dieser Intensität weitergeführt werden. Ortner hat die gute Auftragslage mit den sprudelnden Umsätzen genutzt, um immer wieder Testballons gegen gutes Geld steigen zu lassen. Andreas Klauser kommt hier aus einer anderen Schule: Er hat seine Managementmeriten im Umfeld von Fiat-Chef Sergio Marchionne gesammelt. Glaubt man den zahllosen Porträtierungen des Fiat-Retters, dann hält Marchionne Visionen eher für eine Krankheit.

Zur Person

Andreas Klauser (53) hat mehr als 25 Jahre Erfahrung im Bereich Landmaschinen und Nutzfahrzeuge. Der gebürtige Oberösterreicher war zuletzt Global Brand President des Traktorenherstellers Case NH und CNH Industrial Vorstandsmitglied. Sein Name ist eng verbunden mit der Modernisierung und dem Ausbau des Traktorenwerkes in St. Valentin – heute das Herzstück des CNH Konzerns. Er verantwortete den Turnaround des Magirus-Werkes im steirischen Kainbach.

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